Bedrohung heimischer Biotope durch Invasionspflanzen
der Abgeordneten Cajus Caesar, Axel E. Fischer (Karlsruhe-Land), Dr. Peter Paziorek, Marie-Luise Dött, Georg Girisch, Kurt-Dieter Grill, Helmut Lamp, Dr. Paul Laufs, Vera Lengsfeld, Bernward Müller (Jena), Franz Obermeier, Christa Reichard (Dresden), Dr. Christian Ruck, Hans Peter Schmitz (Baesweiler), Werner Wittlich und der Fraktion der CDU/CSU
Vorbemerkung
Im Zeitalter der Globalisierung hat sich die Mobilität der Menschen um ein Vielfaches erhöht. Touristen durchkämmen die entlegensten Regionen und Waren werden um die halbe Welt transportiert. Doch dieser Trend hat uns nicht nur Vorteile gebracht. Im Schlepptau der Menschen und Waren reisen „blinde Passagiere“ mit. Einige von ihnen lösen Katastrophen aus – etwa die Immunschwäche Aids, die sich innerhalb kürzester Zeit auf der ganzen Welt ausbreiten konnte. Andere sind weniger spektakulär, tragen jedoch ebenfalls Gefahrenpotentiale in sich. Tiere und Pflanzen aus Übersee werden als Mitbringsel gekauft, weil sie schön, niedlich, dekorativ oder einfach anders sind und werden dann in Deutschland freigesetzt. Die meisten können in der Bundesrepublik Deutschland nicht überleben, aber einige schaffen es und treten einen Siegeszug ohnegleichen an. Dazu gehören einige Pflanzenarten wie die Goldrute (Solidago canadensis und Solidago gigantea), das indische Springkraut (Impatiens glandulifera), der japanische Staudenknöterich (Reynoutria japonica und Reynoutria sachalinense) und die Herkulesstaude (Heracleum mantegazzianum und Heracleum giganteum). Diese Arten konnten sich in der Vergangenheit stark ausbreiten. Dabei kommt ihnen zugute, dass sie kaum Fressfeinde haben. Die meisten heimischen Insekten sind nicht an die neuen Pflanzen angepasst und verschmähen sie als Nahrungsquelle. Zum Beispiel können von den in Baden-Württemberg vorkommenden über 400 verschiedenen Wildbienenarten nur 4 den Pollen der Goldrute nutzen. Unkontrolliertes Wachstum der Neophyten und ein Verdrängen der ursprünglichen Vegetation sind die Folge.
Doch nicht nur Biotope werden geschädigt, auch für den Menschen können Gefahren entstehen. Zum Beispiel enthält der Saft der Herkulesstaude Furanocumarine. Wird die Pflanze, zum Beispiel durch spielende Kinder, beschädigt, dringt der Saft in die Haut ein. Anschließend werden durch Sonnenbestrahlung Reaktionen ausgelöst, die zu Verbrennungen zweiten und dritten Grades führen.
Die Naturschützer sind sich nicht einig, wie mit den Neophyten zu verfahren ist. Die einen plädieren dafür, der Entwicklung freien Lauf zu lassen, andere fordern eine energische Bekämpfung. In den Vereinigten Staaten findet das Thema der nicht einheimischen Tier- und Pflanzenarten inzwischen erhebliche Resonanz. Eine Studie des Office of Technology Assessment schätzte die derzeit jährlich durch eingeschleppte Organismen entstehenden Schäden auf fast 100 Milliarden Dollar. In der Bundesrepublik Deutschland findet das Thema der Neophyten hingegen wenig Beachtung.
Wir fragen deshalb die Bundesregierung:
Fragen9
In welchem Umfang haben sich die in der Einleitung genannten Neophyten in heimischen Biotopen ausgebreitet?
Wie viele und welche Pflanzen- und Insektenarten werden dadurch verdrängt?
Welche weiteren Pflanzenarten haben sich in den vergangenen 10 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland ausgebreitet?
Bei welchen Neophytenarten ist die Ausbreitung inzwischen zum Stillstand gekommen und bei welchen Arten schreitet sie weiter fort?
Wie hoch schätzt die Bundesrepublik Deutschland die wirtschaftlichen und ökologischen Schäden ein, die bei weiterer Ausbreitung der Neophyten entstehen können?
Welche Methoden gibt es, um das Ausbreitungspotential von Neophyten vorherzusagen und welche dieser Methoden haben sich in der praktischen Anwendung bewährt?
Welche Folgerungen zieht die Bundesregierung aus dem Kodex der Deutschen Gesellschaft für seltene Kulturpflanzen e.V.?
Betrachtet die Bundesregierung das Eindringen der sehr konkurrenzfähigen Neophyten als einen natürlichen Prozess oder als eine zu bekämpfende Störung des natürlichen Gleichgewichts oder ist das je nach Arten differenziert zu betrachten?
Wie schätzt die Bundesregierung das gesundheitliche Gefahrenpotential der Herkulesstaude ein und hält sie eine Bekämpfung der Herkulesstaude für notwendig?