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Kleine AnfrageWahlperiode 12Beantwortet

Neuordnung touristischer Ausbildungsberufe (G-SIG: 12011155)

Beruflicher Qualifikationsbedarf im Tourismus, Neuordnung und Differenzierung der bestehenden und Entwicklung neuer Berufsausbildungsordnungen, Weiterbildung und Erwachsenenbildung, Harmonisierung der Fremdenverkehrsberufe innerhalb der EG

Fraktion

SPD

Ressort

Bundesministerium für Wirtschaft

Datum

28.01.1993

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 12/390230.11.92

Neuordnung touristischer Ausbildungsberufe

der Abgeordneten Carl Ewen, Friedhelm Julius Beucher, Marion Caspers-Merk, Dr. Peter Eckardt, Iris Gleicke, Karl Hermann Haack (Eitertal), Susanne Kastner, Robert Leidinger, Antje-Marie Steen, Dr. Peter Struck, Günther Tietjen, Ralf Walter (Cochem), Barbara Weiler, Hans-Ulrich Klose und der Fraktion der SPD

Vorbemerkung

Die beruflichen Qualifikationen der im Fremdenverkehr Beschäftigten genügen vielfach den heutigen Ansprüchen nicht mehr.

Veränderungen im Freizeitverhalten verlangen, daß Fremdenverkehrsorte und -regionen ein differenziertes Angebot an Dienstleistungen bereithalten. Die dort arbeitenden Fachleute müssen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen, die diesen veränderten Wünschen der Gäste angemessen nachkommen. Außerdem führt ein Mangel an Fachpersonal in strukturschwachen und wirtschaftlich vom Fremdenverkehr geprägten Regionen zu nachhaltigen negativen Folgen für die ansässige Wohnbevölkerung.

Der Wunsch nach einem „sanften Tourismus", nach naturerhaltenden und -genießenden Freizeitaktivitäten sowie der Erhalt und die Pflege der Landschaft als Schutz der natürlichen Ressourcen, des touristischen „Kapitals" kann nur mit ökologisch qualifizierten Fachkräften durchgeführt werden. Zur Betreuung besonderer Zielgruppen wie Familien, Älteren, Behinderten bedarf es spezieller beruflicher Kenntnisse, um die Bedürfnisse dieser Urlauber und Urlauberinnen erfüllen zu können.

Das gestiegene Gesundheitsbewußtsein erfordert Fachpersonal in den Bereichen Fitneß und Gesundheitssport. In der Gastronomie muß eine wachsende Nachfrage nach gesunder Ernährung befriedigt werden. Die Anhebung im Bildungsniveau der Urlauber und Urlauberinnen schlägt sich in einem zunehmenden Interesse an Kunst und Kultur sowie an Angeboten zum selbsttätigen Handeln, zum Erwerb neuer Kenntnisse und zur Förderung der Kreativität auch in der Freizeit nieder. Die Internationalisierung des Tourismus, insbesondere die Realisierung des Binnenmarktes, der Europäische Wirtschaftsraum und die Öffnung Osteuropas, sowie der Einzug von Computertechnologien erfordern die verstärkte Einbeziehung von EDV, Landeskunde, Fremdsprachenkenntnissen in die Ausbildungsordnungen.

Für den Bereich Fremdenverkehr/Tourismus müssen die beruflichen Qualifikationen einerseits sehr breit sein, andererseits eine ausreichende Spezialisierung aufweisen, um für die Berufsinhaber und die kommunalen oder privaten Unternehmen geeignete Einsatzmöglichkeiten bereitstellen zu können. Angesichts eines zunehmenden Arbeitskräftemangels in der touristischen Branche ist eine Aufwertung der Fremdenverkehrsberufe auch durch verbesserte Qualifizierung anzustreben.

Für den Kernbereich Tourismus/Fremdenverkehr/Freizeit gibt es bisher außer der Berufsausbildung zur Reiseverkehrskauffrau/ zum Reiseverkehrskaufmann keine weiteren Berufsausbildungen und keine anerkannten Berufe. Der letztmalig 1979 neugeordnete Beruf Reiseverkehrskauffrau/Reiseverkehrskaufmann ist aber eng auf die beruflichen Anforderungen im Reisebüro angelegt. Aspekte des Kur- und Fremdenverkehrsbereichs werden nur ungenügend berücksichtigt. Spezielle Berufsausbildungen gibt es darüber hinaus nur noch im Gastronomie- und Hotelfach sowie im Gesundheitsbereich. Von einer Reihe von Fachhochschulen und Universitäten werden akademische Ausbildungsgänge angeboten.

Die großen Touristikunternehmen, insbesondere die Reiseveranstalter, haben ein gut ausgebautes innerbetriebliches System zur beruflichen Weiterbildung und Fortbildung ihrer Mitarbeiter entwickelt. Kommunen und kleine Unternehmen verfügen nicht über Weiterbildungseinrichtungen, obwohl sie ebenfalls auf den sich verändernden Qualifikationsbedarf reagieren müssen.

Besonders problematisch ist die Situation für Fremdenverkehrsanbieter in den neuen Bundesländern. Eine rasche Anpassung des Qualifikationsniveaus ist dringend erforderlich und überlebensnotwendig. Gleichzeitig bietet eine Neuordnung der Berufsbilder die Möglichkeit, Ausbildungsinhalte der ehemaligen DDR zu überprüfen und ggf. positive Ansätze zu übernehmen.

Wir fragen daher die Bundesregierung:

Fragen10

1

Welche Informationen über den beruflichen Qualifikationsbedarf im Tourismus liegen der Bundesregierung vor?

a) Welche Studien, Forschungsprogramme und Modellversuche hat die Bundesregierung zu Berufen im Fremdenverkehrs- und Freizeitbereich in der letzten Zeit in Auftrag gegeben, und welche Schlußfolgerungen hat sie aus möglichen Ergebnissen gezogen?

b) Welche Untersuchungen und Programme anderer Träger sind der Bundesregierung bekannt, und welche Konsequenzen leitet sie daraus ab?

c) Ist sie bereit, ggf. weitere Bedarfsanalysen, Modellversuche u. ä. in Auftrag zu geben?

2

Welche Möglichkeiten und Ansätze sieht die Bundesregierung, durch berufliche Ausbildung eine Verbesserung der Situation von Saison- und anderen ausländischen Arbeitnehmern herbeizuführen?

a) Welche Bedeutung mißt die Bundesregierung der Schaffung und Neuordnung der touristischen Berufsausbildung im Hinblick auf den Abbau des Arbeitskräftemangels in der Fremdenverkehrsbranche zu?

3

Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß die bestehenden touristischen Ausbildungsordnungen den heutigen wirtschaftlichen Anforderungen nicht mehr genügen?

Welche Inhalte sollten verstärkt in touristische Ausbildungsgänge aufgenommen werden?

Beabsichtigt die Bundesregierung, neue Ausbildungsordnungen zu erlassen?

Wenn nein, warum nicht?

4

Wie beurteilt die Bundesregierung Forderungen aus der Tourismusbranche nach einer stärkeren Praxisorientierung der Ausbildung, und welche Maßnahmen plant die Bundesregierung in dieser Hinsicht?

5

Sieht die Bundesregierung die Notwendigkeit einer Neuordnung und Differenzierung der Berufsausbildungsordnung Reiseverkehrskauffrau/Reiseverkehrskaufmann, um Anforderungen z. B. des Kur- und Fremdenverkehrswesens oder spezialisierten Reiseformen und -angeboten besser Rechnung zu tragen?

Wie kann bei einer Spezialisierung gleichzeitig Durchlässigkeit und Mobilität gewährleistet werden?

Welche Vorstellungen hat die Bundesregierung hierzu entwickelt?

6

Sieht die Bundesregierung die Notwendigkeit der Entwicklung neuer Berufsausbildungsordnungen?

Welche Anforderungen sind aus Sicht der Bundesregierung an die beruflichen Qualifikationen in den Bereichen Reiseleitung und Animation oder zur Betreuung von speziellen Gästegruppen wie Behinderten zu stellen, und welche Qualifikationen sieht die Bundesregierung in dieser Hinsicht als notwendig an?

Wie beurteilt die Bundesregierung Vorschläge für eine breitangelegte Berufsausbildungsordnung, z. B. „Touristiker/Touristikerin", die die Möglichkeit zu weiteren Spezialisierungen in Bereichen der Gästebetreuung eröffnet?

7

Welchen politischen Stellenwert mißt die Bundesregierung frauenspezifischen Weiterbildungsangeboten in Anbetracht eines hohen Frauenanteils sowie einer überproportionalen Frauenarbeitslosenquote in touristischen Berufen bei?

a) Welche Regelungsnotwendigkeiten sieht die Bundesregierung im Bereich der Weiterbildung, insbesondere für die Bereiche Umwelt und EDV?

8

In welchen touristischen Tätigkeitsfeldern sollten aus Sicht der Bundesregierung Maßnahmen der Erwachsenenbildung, auch zur Erlangung qualifizierter Abschlüsse, genutzt werden?

9

Wie wurde die Anerkennung von Abschlüssen aus der ehemaligen DDR gelöst, welche Probleme sind dabei bisher aufgetreten, und welche Folgen, z. B. im Hinblick auf den Arbeitsmarkt oder auf Umschulung, haben sich ergeben?

a) Wie wurde in der ehemaligen DDR für touristische Berufe ausgebildet, und welche Elemente könnten hieraus bei einer beruflichen Neuordnung möglicherweise berücksichtigt werden?

10

Welche Abstimmungsdefizite bestehen noch im Hinblick auf die Harmonisierung der Fremdenverkehrsberufe und -tätigkeiten innerhalb der EG?

a) Welche neuen Anforderungen sieht die Bundesregierung aufgrund der internationalen, insbesondere der neueren europäischen Entwicklungen?

Bonn, den 30. November 1992

Carl Ewen Friedhelm Julius Beucher Marion Caspers-Merk Dr. Peter Eckardt Iris Gleicke Karl Hermann Haack (Extertal) Susanne Kastner Robert Leidinger Antje-Marie Steen Dr. Peter Struck Günther Tietjen Ralf Walter (Cochem) Barbara Weiler Hans-Ulrich Klose und Fraktion

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