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Kleine AnfrageWahlperiode 16Beantwortet

Bienensterben durch Neonicotinoide

<span>Gründe für verspätete Reaktion der Behörden auf durch Clothianidin verursachtes Bienensterben, Gründe für erneute Erlaubnis zur Nutzung der Insektizide Clothianidin und Imidacloprid, Untersuchung der Auswirkungen der praxisüblichen Saattechnik im Zulassungsverfahren beider Insektizide, unterschiedliche Zulassungspraxis in Frankreich, Maßnahmen zum dauerhaften Schutz des Bienenbestandes vor Schädigung durch Insektizide, weitere Fälle von durch Neonicotinoide verursachtes Bienensterben in EU-Ländern, Maßnahmen BAYERS gegen dauerhaftes Verbot der Insektizide, Bestrebungen der Bundesregierung zu EU-weitem Anwendungsverbot von Neonicotinoiden</span>

Fraktion

DIE LINKE

Datum

26.08.2008

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 16/1009506. 08. 2008

Bienensterben durch Neonicotinoide

der Abgeordneten Eva Bulling-Schröter, Dr. Gesine Lötzsch, Karin Binder, Lutz Heilmann, Hans-Kurt Hill, Dr. Kirsten Tackmann und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

In Baden-Württemberg kam es im April/Mai 2008 nach der Aussaat von mit Clothianidin behandeltem Mais zum größten Bienensterben seit Jahrzehnten. Rund 700 Imker verloren ihre Bestände ganz oder teilweise, insgesamt waren rund 11 500 Völker betroffen. Der Bestand wildlebender Insekten ging ebenfalls stark zurück. Nach Angaben des Landesverbandes Badischer Imker liegt der Verlust je betroffenem Imker im Durchschnitt bei 17 000 Euro. Das Insektizid Clothianidin (Produktnamen: Elado, Poncho) wird von der Firma Bayer CropScience hergestellt. Der Wirkstoff wird vor allem im Mais- und Rapsanbau verwendet.

Nach Aussage des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen (Julius Kühn-Institut, JKI) ist „eindeutig davon auszugehen, dass Clothianidin hauptsächlich für den Tod der Bienen vor allem in Teilen Baden-Württembergs verantwortlich ist“. Das JKI untersuchte 66 tote Bienen und wies in 65 Fällen den Wirkstoff Clothianidin nach. Die Bienenschäden können laut JKI „nicht mit dem Auftreten von Bienenkrankheiten erklärt werden“.

Französische Imker, die bereits seit 1994 unter massiven Bienensterben leiden, machen das ebenfalls von Bayer CropScience verkaufte Insektengift Gaucho (Wirkstoff: Imidacloprid) verantwortlich. Imidacloprid wird sowohl als Spritzmittel als auch zur Behandlung von Saatgut (Beizen) verwendet.

Laut der Koordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) steigen die systemischen Insektengifte aus dem Samen in die Pflanze und sind später in allen Pflanzenteilen zu finden. Schadinsekten sterben, wenn sie von der Pflanze fressen. Da der Wirkstoff aber auch in den Pollen und in den Nektar wandert, werden die Bienen ebenfalls geschädigt.

Obwohl Imidacloprid und sein Nachfolger Clothianidin als „bienengefährlich (B1)“ eingestuft wurden, heißt es im Datenblatt des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) über Poncho: „Aufgrund der Zulassung festgelegten Anwendungen des Mittels werden Bienen nicht gefährdet (B3).“ Diese Argumentation kann spätestens mit dem aktuellen Bienensterben nicht länger aufrechterhalten werden.

Durch das großflächige Bienensterben in Baden-Württemberg wurde die von Bayer-Vertretern stets vorgebrachte Aussage, dass Beizmittel wie Clothianidin und Imidacloprid nicht direkt mit Bienen in Kontakt kämen, widerlegt. Das BVL reagierte und verbot am 16. Mai 2008 die Anwendung mehrerer Beizmittel, darunter Imidacloprid und Clothianidin, mit sofortiger Wirkung.

Der Clothianidin-Umsatz von Bayer betrug im vergangenen Jahr 237 Mio. Euro, der von Imidacloprid über 500 Mio. Euro. Es ist davon auszugehen, dass der Hersteller daher ein dauerhaftes Verbot verhindern will. Offensichtlich hatte der Konzern dabei schon Erfolg bei der Bundesregierung, denn der Einsatz beider Wirkstoffe wurde nur vorübergehend ausgesetzt. Laut Presseberichten ist ihr Einsatz seit Ende Juni 2008 zumindest beim Raps wieder erlaubt.

Vertreter von Bayer versuchen, das Bienensterben als einmaligen Vorgang darzustellen, der auf einen fehlerhaften Abrieb der Wirkstoffe bei der Mais-Aussaat zurückzuführen sei. Dabei hatte laut CBG ein Vertreter der Bayer CropScience bei einem Expertengespräch des Baden-Württembergischen Landwirtschaftsministeriums am 8. Mai 2008 eingeräumt, dass auch bei einer ordnungsgemäßen Aussaat mit einem Clothianidin-Abrieb zu rechnen sei.

Schon im Jahr 2003 hatte ein Untersuchungsbericht der französischen Regierung festgestellt: „Was die Behandlung von Mais-Saat mit Imidacloprid betrifft, so sind die Ergebnisse ebenso besorgniserregend wie bei Sonnenblumen. Der Verzehr von belasteten Pollen kann zu einer erhöhten Sterblichkeit von Pflegebienen führen, wodurch das anhaltende Bienensterben auch nach dem Verbot der Anwendung auf Sonnenblumen erklärt werden kann“. Imidacloprid und Clothianidin gehören zur Substanzklasse der Neonicotinoide und sind chemisch verwandt. Beide Wirkstoffe wurden in Frankreich im Maisanbau verboten bzw. erhielten keine Zulassung.

Aus Italien und Slowenien werden ebenfalls Bienensterben durch Clothianidin gemeldet, Slowenien hat die Verwendung des Wirkstoffs verboten.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen8

1

Warum reagierten die deutschen Behörden erst nach dem schweren Bienensterben in Südbaden, obwohl die Bienengefährlichkeit der Wirkstoffe seit langem bekannt ist?

2

Warum wurde der Einsatz von Clothianidin und Imidacloprid inzwischen wieder erlaubt?

3

Sind im Zulassungsverfahren von Clothianidin und Imidacloprid die Auswirkungen der praxisüblichen (pneumatischen) Saattechnik, die insbesondere bei Mais eingesetzt wird, untersucht worden?

4

Wie wird die unterschiedliche Zulassungspraxis in Deutschland und Frankreich begründet?

5

Wie will die Bundesregierung dauerhaft den Bienenbestand vor schädlichen Insektiziden schützen?

6

Gab es in den vergangenen fünf Jahren über Italien und Slowenien hinaus weitere Fälle von Bienensterben durch Neonicotinoide in EU-Mitgliedsländern?

7

Ist Bayer, und wenn ja, in welcher Weise, bei Behörden und Ministerien vorstellig geworden, um ein dauerhaftes Verbot von Clothianidin- und/oder Imidacloprid zu verhindern?

8

Wird sich die Bundesregierung dafür einsetzen, auf EU-Ebene Anwendungsverbote für Neonicotinoide zu beschließen?

Berlin, den 5. August 2008

Dr. Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Fraktion

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