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Kleine AnfrageWahlperiode 16Beantwortet

Lead Discovery Center GmbH der Max-Planck-Gesellschaft

<span>Funktion der Lead Discovery Center GmbH als Forschungseinrichtung im Rahmen der Arzneimittelentwicklung vor dem Hintergrund zurückgehender innovativer Forschung der Pharmakonzerne, Gründe und Folgerungen</span>

Fraktion

DIE LINKE

Datum

01.09.2008

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 16/1011413. 08. 2008

Lead Discovery Center GmbH der Max-Planck-Gesellschaft

der Abgeordneten Dr. Petra Sitte, Cornelia Hirsch, Volker Schneider (Saarbrücken) und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Im Januar 2008 wurde mit der Lead Discovery Center GmbH (LDC) ein kommerzielles Unternehmen zur Entwicklung von Ergebnissen der biologischen, chemischen und pharmakologischen Grundlagenforschung bis zu marktreifen Wirkstoffen gegründet. Die LDC ist Teil der Initiativen zum Technologietransfer, die die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) im Rahmen des Unternehmens Max-Planck-Innovation GmbH zusammengeführt hat. Das Konzept für die LDC wurde nach Angaben aus dem MPG-Jahresbericht 2007 in enger Zusammenarbeit mit Experten aus der Pharmaindustrie und der Venture-Capital-Branche erarbeitet, damit „die Firma entsprechend den Bedürfnissen des Marktes“ operiert (MPG-Jahresbericht 2007, S. 96).

Am 16. Juni 2008 verkündete die Max-Planck-Innovation GmbH die Betriebsaufnahme der LDC. Diese firmiert in Dortmund und soll laut Eigendarstellung bis Ende des Jahres 15 bis 20 Mitarbeiter aus den Bereichen Forschung und Projektentwicklung sowie technische Assistenten beschäftigen.

Der Geschäftsführer der LDC erklärte zum Unternehmensstart, dass erstmals die „kritische, frühe Phase der Arzneimittelentwicklung“ bewältigt werden könne, „ohne den üblichen Spielregeln des Kapitalmarkts unterworfen zu sein.“ (Presseerklärung der Max-Planck-Innovation GmbH vom 17. Juni 2008).

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen20

1

Welche Funktion erfüllt die LDC im Rahmen der gesamten Innovationskette der Wirkstoff- und Arzneimittelentwicklung?

2

Welche Defizite in der bisherigen Innovationskette der Arzneimittelentwicklung waren ausschlaggebend für die Gründung der LDC durch die MPG?

3

Die Pharmaindustrie soll durch Lizenzierung oder weitere Entwicklungspartnerschaft Hauptabnehmerin der durch die LDC entwickelten Wirkstoffe und Substanzen sein. Welche konkreten Entwicklungsschritte soll die LDC leisten, um die Anforderungen der Pharmaindustrie an durch sie zu lizenzierende Wirkstoffe und Substanzen zu erfüllen?

4

Die MPG führt als Grund für die Gründung der LDC das Abwenden der Pharmakonzerne von innovativer Arzneimittelforschung an (MPG-Jahresbericht 2007. S. 94 f.). Die „Pipelines“ der Konzerne mit Innovationen leerten sich zunehmend, auch auf Grund eines abklingenden Booms in der Biotechbranche. Inwieweit erkennt die Bundesregierung angesichts dieser Analyse ein Marktversagen im Bereich innovativer Arzneimittel?

5

Welche Gründe sieht die Bundesregierung für die Zurückhaltung der Branchen Biotechnologie und Pharma in Bezug auf die Entwicklung innovativer Arzneimittel?

6

Der Jahresbericht 2007 der MPG stellt zudem fest, dass die Scheu vor „hohen Forschungsrisiken“ einer „eigenen kostenintensiven und innovativen Wirkstoffforschung“ (S. 95) der Grund für den Trend zur Lizenzierung fortgeschrittener Fremdentwicklungen durch Pharmakonzerne sei.

a) Seit wann lässt sich dieser Trend nach Kenntnis der Bundesregierung ausmachen?

b) Welche Entwicklungen sind aus der Sicht der Bundesregierung dafür verantwortlich, dass Pharmaunternehmen heute augenscheinlich weniger bereit sind, die Risiken der Wirkstoffforschung auf sich zu nehmen als früher?

c) Inwieweit kann und soll aus Sicht der Bundesregierung die LDC diese Risiken ausgleichen?

7

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der Tatsache, dass trotz massiver steuerlicher Entlastungen und staatlicher Forschungsförderung das Interesse privater Risikokapitalgeber an der Biotechnologie zurückgeht?

Welche Gründe sieht sie dafür?

8

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus ordnungspolitischer Sicht im Hinblick darauf, dass die MPG mit der LDC-Gründung offenbar die Folgen privater Investitionsentscheidungen ausgleichen will, vor dem Hintergrund, dass einerseits das Konzept der LDC auf die Anforderungen des Pharmamarktes zugeschnitten wurde und zugleich aber die Gründung der LDC aus der Investitionszurückhaltung dieser Branche abgeleitet wird?

9

Strebt die MPG nach Kenntnis der Bundesregierung einen unmittelbaren Einstieg von Unternehmen der Pharmaindustrie oder von Finanzinvestoren in das Unternehmen an?

Wenn ja, wie bewertet die Bundesregierung dieses Vorhaben?

10

Wie bewertet die Bundesregierung vor dem Hintergrund der vorrangigen Ausrichtung der MPG auf die Grundlagenforschung, dass die MPG mit der LDC und ähnlichen Vorhaben verstärkte Aktivitäten im Bereich der Anwendungsforschung und Produktentwicklung entfaltet?

11

Die LDC steht notwendigerweise in engstem Kontakt zur Pharmaindustrie, die der Abnehmer für die entwickelten Wirkstoffe sein soll. Ist nach Kenntnis der Bundesregierung ein „Anforderungstransfer“ mittels der LDC in die Institute der MPG geplant?

Inwieweit erwartet die Bundesregierung hier einen vergrößerten Einfluss der Industrie auf Inhalte und Ausrichtung der Grundlagenforschung?

12

Die Möglichkeit kommerzieller Verwertung von Ergebnissen der Grundlagenforschung durch die LDC könnte Folgen für die Publikationstätigkeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigen. Inwiefern ist eine Einschränkung der Veröffentlichung von Ergebnissen der Grundlagenforschung, auch für den Bereich der Biotechnologie- und Pharmaforschung nach Einschätzung der Bundesregierung auszuschließen?

13

Wie wird sich die LDC in diesem und in den kommenden Jahren nach Kenntnis der Bundesregierung finanzieren, und um welche Beträge wird es sich dabei handeln (bitte nach Zuwendungsgeber aufschlüsseln)?

14

Welche Einnahmen aus Lizenzen und Entwicklungspartnerschaften kann die LDC nach Einschätzung der Bundesregierung mittelfristig erwirtschaften?

15

Wie lässt sich aus Sicht der Bundesregierung der finanzielle Nutzen einer solchen Einrichtung für die Pharmaindustrie darstellen?

16

Welche konkreten Tätigkeiten werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der LDC wahrnehmen?

17

Mit wie vielen durch die LDC zur Marktreife gebrachten Wirkstoffen rechnet die Bundesregierung?

18

Plant die MPG nach Kenntnis der Bundesregierung weitere Firmengründungen zur Anwendungsforschung, Validierung bzw. Produktentwicklung?

19

In welchem Rahmen wurde nach Kenntnis der Bundesregierung das durch die MPG im Jahr 2006 vorgeschlagene Projekt eines „Innovationsfonds der deutschen Wissenschaft“ weiter verfolgt?

Wie bewertet die Bundesregierung diesen Vorschlag?

20

Auch in anderen Ländern engagieren sich gemeinnützige Institute und Einrichtungen zunehmend bei der Entwicklung von Medikamenten (Bericht des Handelsblattes vom 16. Juni 2008). Wie bewertet die Bundesregierung diesen Trend vor dem Hintergrund internationaler Konkurrenz auf dem Pharmamarkt?

Berlin, den 13. August 2008

Dr. Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Fraktion

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