Kommerzieller Holzeinschlag und Wiederaufforstung in Entwicklungsländern
der Abgeordneten Schanz, Bachmaier, Bindig, Blunck, Brück, Conrad, Conradi, Dr. Däubler-Gmelin, Fischer (Homburg), Dr. Hartenstein, Dr. Hauchler, Dr. Hauff, Dr. Holtz, Jansen, Kiehm, Koltzsch, Lennartz, Luuk, Dr. Martiny, Menzel, Müller (Düsseldorf), Dr. Niehuis, Reimann, Reuter, Schäfer (Offenburg), Schluckebier, Dr. Schöfberger, Schütz, Stahl (Kempen), Toetemeyer, Waltemathe, Weiermann, Bernrath, Kretkowski, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD
Vorbemerkung
Der wachsende Verbrauch des Roh- und Brennstoffes Holz führt regional zu erheblichen Schädigungen und Zerstörungen der Tropenwälder und der Waldökosysteme und hat dadurch bedingt erhebliche Auswirkungen auf das Klima. In den Trockengebieten, die immerhin 18 % der pflanzlichen Biomasse und des Sauerstoffes auf der Landoberfläche erzeugen, sind es vor allem der Brennholzraubbau und die Überweidung, die zu Waldvernichtungen und Verwüstungen führen. In den Feuchttropen, die 42 % der pflanzlichen Biomasse und des Sauerstoffes der Landoberfläche der Erde erzeugen, werden die Regenwälder durch exploitative, kommerzielle Holznutzung und industrielle Großprojekte, bedingt durch den Zwang vieler Entwicklungsländer, Devisen für den Schuldendienst zu verdienen, wirtschaftlich und ökologisch stark beeinträchtigt. In großen Kahlschlaggebieten Südostasiens, Ost- und Westafrikas sind sie irreversibel zerstört.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen17
Wie beurteilt die Bundesregierung die Tatsache, daß Wiederaufforstungsprogramme in tropischen Feuchtwaldgebieten weder quantitativ mit der Holzeinschlagsrate standhalten noch das komplexe, vielfältige System des Regenwaldes ersetzen können?
Ist die Bundesregierung bereit, im Rahmen des Tropical Forest Action Network Plan (TFAP), den Empfehlungen der Tropenforstkonferenz von Bellagio nachzukommen, jährlich den Bestand der internationalen Forstressourcen und den Fortschritt bei Eindämmung der Entwaldung mit ihren Entwicklungshilfeinstitutionen, besonders der Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG), auf nationaler Ebene zu überprüfen? Wie kontrolliert das BMZ die Durchführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) bei der DEG?
Ist die Bundesregierung bereit, die Vorschläge des UN-Environment Program (UNEP) zur Erhaltung tropischer Waldökosysteme, zu unterstützen:
a) die Preise für Forstprodukte unter Einbeziehung eines Umweltzuschlages so festzulegen, daß erforderliche Umweltmaßnahmen finanziert werden können,
b) die Gläubigerländer den Entwicklungsländern einen Teil ihrer Schulden erlassen sollen, wenn diese hierfür entsprechend große Waldreservate anlegen,
c) Entwicklungs- und Industrieländer einen Kreditfonds gründen sollen, aus dem sich Entwicklungsländer unter der Voraussetzung bedienen können, wenn sie ausreichend Waldreservate errichten?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Tatsache, daß der von den Holzwirtschaftsunternehmen proklamierte „selektive Einschlag" sehr viel weitreichendere ökologische Schädigungen hervorruft, und zwar dadurch, daß
a) selbst selektiver Einschlag von großen Urwaldbäumen die direkt umgebende Waldökologie zerstört,
b) Nutzhölzer aufgrund der Artendurchmischung nicht lokal gehäuft vorkommen und so der selektive Einschlag zu einer noch schnelleren Erschließung unberührter Feuchtwaldgebiete führt,
c) Holzunternehmen sehr viel mehr Waldbestände dadurch zerstören, daß sie Schneisen und Straßen anlegen, um die Baumstämme abzutransportieren,
d) diese Schneisen landlosen Kleinbauern als Einfallstor dienen, sich durch Brandrodungen ein Stück bebaubares Land zu beschaffen?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Tatsache, daß angesichts einer Verknappung nutzbarer Regenwaldflächen bestimmte Holzkonzerne versuchen, noch mehr Edelholzarten — wie den bis zu 60 Meter hohen Tolabaum — auf dem Markt unterzubringen, um damit die Ausbeute pro ha Regenwald zu erhöhen?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Feststellung des amerikanischen Berichts über Tropenwälder (US Inter Agency Task Force on Tropical Forrest, 1980), daß durch den Holzeinschlag in einem südostasiatischen Dipterokarpazeenwald um 55 % des Waldes zerstört oder ernsthaft beschädigt sind, obwohl nur 10 % der Bäume kommerziell genutzt wurden?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Angaben der Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), daß für jeden Kubikmeter an gewonnenem Holz ein weiterer Kubikmeter dieser Hölzer im Fällgebiet zurückgelassen und ein weiteres viertel Kubikmeter bei der Verarbeitung verlorengeht?
Ist die Bundesregierung anhand dieser Fakten der Ansicht, daß ein freiwilliger Verhaltenskodex der Holzkonzerne für eine ressourcenschonende Holzwirtschaft ausreichend ist, wenn ja, wie begründet sie dies?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Schätzung der Weltbank, daß die Holzwirtschaft für das Verschwinden von jährlich 5 Mio. ha tropischen Regenwaldes verantwortlich ist?
Warum erklärt die Bundesregierung — trotz ihrer Aussage, Maßnahmen zur Erhaltung tropischer Regenwälder als besonders förderungswürdig zu erachten —, keine Veranlassung zu sehen, eine gezielte Einflußnahme auf die Tätigkeiten deutscher Holzwirtschaftsunternehmen auszuüben und die Verbraucheraufklärung zu verbessern?
Ist die Bundesregierung bereit, auf die Förderung von Entwicklungshilfeprojekten und -programmen zu verzichten, die den Regenwald zerstören und statt dessen Programme zur Erhaltung und Wiederaufforstung der Tropenwälder durchzuführen?
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß ein zumindest teilweiser Schuldenerlaß für Entwicklungsländer dringlich ist, damit für diese der Zwang entfällt, über den Raubbau an ihren Holzressourcen Devisen für die Bedienung des Schuldendienstes zu erwirtschaften?
Wie beurteilt die Bundesregierung in diesem Zusammenhang die Thesen der „armutsbedingten Umweltzerstörung" und des „ökologischen Kolonialismus"?
Ist die Bundesregierung bereit, auf die Weltbank dahin gehend einzuwirken:
a) Kredite oder Schuldenerlasse für den Tropenwaldschutz einzuräumen,
b) die personelle Ausstattung der Umweltabteilung der Weltbank deutlich zu vergrößern,
c) der Umweltabteilung bei Projekten ein Vetorecht einzuräumen, wie es der BUND, der Deutsche Naturschutzring und die Arbeitsgemeinschaft Regenwald und Artenschutz bereits gefordert haben,
d) Umweltgruppen in Entwicklungsländern über Planungen und Projektstudien zu informieren und zu beteiligen?
Welche Bedeutung haben nach Auffassung der Bundesregierung die tropischen Regenwälder für die Sicherung und Stabilität der Erdatmosphäre?
Welche Auswirkungen hat die Abholzung der Regenwälder auf den „Treibhauseffekt"? Welche Auswirkungen ergeben sich hieraus für die Luftzirkulation, die Ausdehnung der Regengebiete und die Versteppung von Landflächen?
Ist die Bundesregierung bereit, in der Bundesrepublik Deutschland und ggf. auch auf EG-Ebene eine gesetzliche Einfuhrbeschränkung für Tropenhölzer durchzusetzen?