Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 11/6257
11. Wahlperiode
17.01.90
Sachgebiet 221
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Bulmahn, Roth, Vosen, Catenhusen, Bernrath, Dr. Böhme (Unna),
Fischer (Homburg), Ganseforth, Grunenberg, Dr. Klejdzinski, Lohmann (Witten),
Nagel, Seidenthal, Vahlberg, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD
Entscheidungsgrundlagen, Entscheidungsstrukturen und Ergebniskontrolle
in der Forschungspolitik
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Forschungspolitische Planung
1.1 Auf welche Weise bereitet die Bundesregierung wichtige
forschungs- und technologiepolitische Entscheidungen vor?
Auf welche Informationen greift sie dabei zurück?
Welche Maßnahmen ergreift sie dabei, und welche
Organisationen, Verbände und Einrichtungen beteiligt sie daran?
1.2 Welche Beratungsgremien (Fachausschüsse,
Gutachterausschüsse etc.) gibt es derzeit bei den einzelnen Ressorts im
Bereich der Forschungs- und Technologie-(FuT-)Politik, wie
sind diese Gremien im einzelnen zusammengesetzt,
welchen Wissenschaftsbereichen, Institutionen, Organisationen
bzw. Unternehmen gehören die jeweiligen Mitglieder an?
Seit wann gehören sie diesen Gremien an?
1.3 Wie wirkt die Bundesregierung der offenkundigen Gefahr
einer Interessensidentität zwischen den potentiellen
Informationslieferantinnen und -lieferanten und Beraterinnen
und Beratern einerseits und den Adressatinnen und
Adressaten der jeweiligen Fördermaßnahmen andererseits
entgegen?
1.4 Hält die Bundesregierung eine Beteiligung wichtiger
gesellschaftlicher Gruppen, insbesondere der Gewerkschaften,
sowie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit
unterschiedlichen Ansätzen bei der Konzeption und
Ausarbeitung von staatlichen Förderprogrammen und
Regelungen auf dem Gebiet der Forschungs- und Technologiepolitik
für wünschenswert?
Wodurch stellt die Bundesregierung diese Beteiligung
sicher?
Warum erscheint der Bundesregierung ggf. eine solche
Beteiligung entbehrlich?
2. Die Beteiligung der Öffentlichkeit an technologiepolitischen
Entscheidungsprozessen und die Förderung des offenen
Dialogs in technologiepolitischen Fragen
2.1 Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß angesichts
der gesellschaftlichen Folgen neuer Technologien
gesellschaftliche Gruppen in technologiepolitische
Entscheidungsprozesse einbezogen werden müssen und daß dies ein
Gebot des unserer Verfassung zugrundeliegenden
Partizipationsgedankens ist?
Müssen nach Auffassung der Bundesregierung dabei auch
die möglichen Entscheidungen zugrundeliegenden sozialen,
kulturellen und ethischen Werte offengelegt und
einbezogen werden?
2.2 Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß ein breiter
und offen geführter Dialog in technologiepolitischen Fragen
zu einer Vergrößerung der Informationsbasis und zu einer
differenzierteren Betrachtung und Bewertung durch die
Vermeidung verengter Problemwahrnehmung beiträgt und
damit letztlich auch den Entscheidungs- und
Gestaltungsspielraum der Politik vergrößert?
Wie -begründet die Bundesregierung ihre Haltung im
einzelnen?
2.3 Welche Aufträge hat die Bundesregierung von 1983 bis 1988
vergeben, um Methoden und Wege für eine sinnvolle
Einbeziehung der Öffentlichkeit in technologiepolitische Fragen
zu finden?
Was waren die Ergebnisse, und hat die Bundesregierung
entsprechende Verfahren modellhaft erprobt?
Wieviel Mittel hat sie hierfür in den einzelnen Jahren seit
1983 zur Verfügung gestellt?
Welche Erfahrungen hat sie dabei gemacht bzw. warum hat
sie eine solche Erprobung unterlassen?
3. Die forschungspolitische Bedeutung von Maßnahmen
und Vorhaben zur Technikgeneseforschung
3.1 Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß sich die in
der Entwicklung neuer Technologien liegenden Chancen —
wie die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und für eine
umweltverträgliche und ressourcenschonende
Produktionsweise — nur dann verwirklichen lassen, wenn diese
Zielsetzungen bereits bei der Entwicklung dieser Technologien
berücksichtigt werden?
Wodurch stellt die Bundesregierung dies sicher?
Welche Projekte führt sie hierzu derzeit mit welchem
Finanzvolumen durch?
Warum erscheinen der Bundesregierung ggf. solche
Projekte entbehrlich?
3.2 Welche Bedeutung besitzen in diesem Zusammenhang nach
Auffassung der Bundesregierung Untersuchungen über den
Entstehungszusammenhang von Technik und technischem
Wissen?
3.3 Welche Vorhaben zur Technikgeneseforschung hat die
Bundesregierung von 1983 bis 1988 in Auftrag gegeben?
Von welchen Institutionen, Organisationen bzw.
Unternehmen wurden diese Vorhaben ausgeführt?
Welche Laufzeit hatten diese Vorhaben, und welche Mittel
wurden für diese Vorh aben jeweils zur Verfügung gestellt?
Weshalb hat die Bundesregierung ggf. solche Forschungs-
und Entwicklungs-(FuE-)Vorhaben nicht in Auftrag
gegeben?
3.4 Welches waren die wesentlichen Ergebnisse dieser oder
anderer der Bundesrègierung bekannten Untersuchungen
zur Technikgeneseforschung im Hinblick auf die
maßgeblichen Einflußfaktoren, die die Technikentwicklung
bestimmen, und auf das politische Steuerungspotential des
Technikgeneseprozesses?
3.5 Welche Schlußfolgerungen hat die Bundesregierung aus
den bisher vorliegenden Erkenntnissen der
Technikgeneseforschung gezogen?
In welcher Weise nutzt sie deren Ergebnisse, um im Zuge
ihrer FuE-Förderung zur Erweiterung von sozialen und
ökologischen Gestaltungsspielräumen beizutragen?
In welchen Förderprogrammen wurden entsprechende
Maßnahmen ergriffen?
4. Die forschungspolitische Bedeutung von Maßnahmen
und Vorhaben zur Technikfolgenabschätzung und
-bewertung
4.1 Von welchem Technikfolgenabschätzungs (TA)-Verständnis
läßt sich die Bundesregierung bei ihrer Forschungs- und
Technologiepolitik leiten?
4.2 In welcher Höhe stellt die Bundesregierung für Vorhaben
der Technikfolgenabschätzung und der sozialen
Begleitforschung 1988, 1989 und 1990 Mittel, gegliedert nach
Förderbereichen und -schwerpunkten, zur Verfügung?
Welchen Anteil hatten diese an den Gesamtfördermitteln
der jeweiligen Förderbereiche und Förderschwerpunkte?
4.3 Um welche Vorhaben handelt es sich im einzelnen, und von
welchen Institutionen bzw. Organisationen wurden diese
Vorhaben durchgeführt?
Welche Leitlinien und allgemeinen Ziele bestimmen die
Entscheidungen der Bundesregierung bei der Vergabe von
Forschungsvorhaben zur Technikfolgenabschätzung?
Auf welche Weise beabsichtigt die Bundesregierung, die
Aussagen des „Memorandums zur Technikfolgen-
Abschätzung", das ein Sachverständigenausschuß beim
Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT)
erarbeitet hat, in der Weiterentwicklung ihrer Maßnahmen zur
Technikfolgenabschätzung zu berücksichtigen?
4.4 Wo hat die Bundesregierung bislang TA-Prozesse zur
Vorbereitung politischer Entscheidungen durchgeführt?
Welche Ergebnisse der Technikfolgenforschung hat die
Bundesregierung bisher in konkrete Maßnahmen
umgesetzt?
In welchen Fällen haben derartige TA-Untersuchungen
bisher zu einer Veränderung oder gar zum Abbruch von
Förderprogrammen und Fördermaßnahmen geführt?
Um welche Programme und Fördermaßnahmen bzw.
Veränderungen handelte es sich im einzelnen?
4.5 Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß die
Durchführung von umfassenden TA-Studien eine unverzichtbare
Voraussetzung für grundlegende Entscheidungen im
Bereich der FuT-Politik ist?
Was spricht ggf. ihrer Ansicht nach dafür, was ggf. dagegen?
4.6 In welcher Weise prüft die Bundesregierung vor
Inangriffnahme eines Förderprogramms bzw. eines Großprojekts die
sozialen, ökologischen und ökonomischen Konsequenzen,
die sich aus der Entwicklung und Anwendung der
jeweiligen Technologie ergeben können, und inwieweit wägt sie
die sich daraus ergebenden sozialen, ökologischen Kosten
ab?
4.7 Welche entsprechenden Studien liegen den Entscheidungen
für den Jäger 90, für Columbus, Hermes, Sänger und für
ISDN zugrunde?
Wann wurden diese Studien durchgeführt?
Wer hat diese durchgeführt, welche Mittel hat die
Bundesregierung dafür bereitgestellt, und was waren die
wesentlichen Ergebnisse?
4.8 Sollten TA-Maßnahmen nach Auffassung der
Bundesregierung integraler Bestandteil der jeweiligen
Förderprogramme und -maßnahmen des Bundes sein?
Welche Gründe sprechen ggf. dafür bzw. dagegen?
Welche Schritte hat die Bundesregierung bislang in welchen
Förderbereichen zur Integration von
Technikfolgenabschätzungsprozessen in Förderprogramme und -maßnahmen
unternommen?
4.9 Wie bewertet die Bundesregierung Forderungen nach
Errichtung eines unabhängigen Bundesinstituts „Arbeit und
Technik"?
Welche Aufgaben könnten einem solchen Institut im
Zusammenhang mit den methodischen und institutionellen
Defiziten auf dem Feld der Technikfolgenabschätzung
zugewiesen werden?
4.10 Wie steht die Bundesregierung zur Gründung einer
unabhängigen Stiftung für Technikfolgenabschätzung?
Welche Aufgaben könnte eine solche Stiftung übernehmen?
5. Ergebniskontrolle in der Forschungspolitik
5.1 Welche Konzepte zur Evaluierung forschungspolitischer
Vorhaben und Projekte sind der Bundesregierung bekannt,
und wie beurteilt die Bundesregierung g diese Konzepte?
5.2 Anhand welcher Indikatoren bewertet die Bundesregierung
den Output, d. h. den Erfolg bzw. Mißerfolg von
Förderprogrammen und FuE-Projekten?
5.3 Wann nimmt die Bundesregierung eine Programm- bzw.
Projektevaluierung vor, und wie überprüft sie im Regelfall
den Erfolg eines Förderprogramms bzw. eines FuE-
Projektes?
5.4 Wo hat die Bundesregierung durch wissenschaftliche
Evaluierung der bislang verwandten Förderinstrumente das
Instrumentarium der Förderinstrumente in der FuT-Politik
weiterentwickeln lassen?
6. Vorhaben und Ergebnisse der Wirkungsforschung
6.1 Welche Vorhaben zur Erfassung der Wirkungen der
technologiepolitischen Maßnahmen und Programme des Bundes
hat die Bundesregierung seit 1983 in Auftrag gegeben?
Von welchen Institutionen, Organisationen bzw.
Unternehmen wurden diese Vorhaben ausgeführt, und in welcher
Höhe wurden in den einzelnen Jahren für diese Vorhaben
Mittel bereitgestellt?
6.2 Welches waren die wesentlichen Ergebnisse dieser Studien
im Hinblick auf durch die staatliche Förderung und die
staatlichen FuE-Aufträge angestoßenen Innovations- und
Investitionsentscheidungen, den Ausbau des
Innovationspotentials, des Ausmaßes von Spin-off- und Spill-over-
Effekten?
6.3 Welches waren die wesentlichen Ergebnisse dieser Studien
im Hinblick auf Wettbewerbsverzerrungen zwischen
Großbetrieben und Klein- und Mittelbetrieben, zwischen
geförderten und nichtgeförderten Bet rieben, zwischen Branchen
mit einer hohen Eingriffsintensität der Förderung und
solchen mit einer niedrigen?
6.4 Wie bewertet die Bundesregierung die vorliegenden
Ergebnisse der Wirkungsforschung?
Welche Ergebnisse hat sie in die Ausgestaltung der
technologiepolitischen Instrumente, Maßnahmen und Programme
einfließen lassen?
Welche konkreten Veränderungen haben sich hieraus
ergeben?
7.Effizienz der staatlichen Technologieförderung
7.1 Wie organisiert die Bundesregierung die Umsetzung der
Ergebnisse öffentlich geförderter Forschungsprojekte in ein
möglichst frühzeitiges Handeln der Politik gegenüber
Chancen und Risiken von technologischen Entwicklungen?
Welche wesentlichen Erkenntnisse aus öffentlich
geförderten Forschungsprojekten hat die Bundesregierung in
Gesetzesinitiativen, Normen etc. umgesetzt, welche nicht?
7.2 Welchen Beitrag leistet die Forschungspolitik der
Bundesregierung zur Sicherung und Schaffung zukunftsorientierter
Arbeitsplätze?
Wie viele Arbeitsplätze hat die 'Bundesregierung mit ihren
forschungspolitischen Maßnahmen seit 1983 in der
gewerblichen Wirtschaft gesichert und geschaffen?
7.3 Welchen Beitrag leistet die Forschungspolitik der
Bundesregierung zur ökologischen Erneuerung unserer
Industriegesellschaft?
Welche umweltfreundlichen, energiesparenden und
ressourcenschonenden Produktionsverfahren sind seit 1983 mit
Hilfe der Forschungspolitik der Bundesregierung entwickelt
worden? .
In wie vielen Betrieben werden diese Verfahren angewandt?
Welche umweltfreundlichen Produkte sind mit Hilfe der
Forschungspolitik der Bundesregierung entwickelt worden,
und welche werden davon derzeit produziert?
Welche Umweltbelastungen sind mit Hilfe
forschungspolitischer Maßnahmen der Bundesregierung abgebaut
worden?
7.4 Welchen Beitrag leistet die Forschungspolitik zur
Verbesserung der Arbeitsbedingungen?
Für wie viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
konnten die Arbeitsbedingungen seit 1983 infolge von
forschungspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung
verbessert werden?
Um welche Verbesserungen handelt es sich im einzelnen?
Wie gewährleistet die Bundesregierung, daß Ergebnisse aus
dem Programm Arbeit und Technik in die Ausgestaltung der
übrigen FuT-Maßnahmen des Bundes einfließen?
7.5 Welchen Beitrag leistet die Forschungspolitik der
Bundesregierung zur Weiterbildung und zur Sicherung und
Weiterentwicklung von Qualifikationen?
Welche Qualifikationen sind durch die einzelnen
forschungspolitischen Programme seit 1983 erzeugt worden?
7 6 Welchen Beitrag leistet die Forschungspolitik der
Bundesregierung zur Verbesserung der technologischen
Wettbewerbsfähigkeit?
Wie viele Patente und Patentanmeldungen haben sich aus
den forschungspolitischen Maßnahmen der
Bundesregierung seit 1983 jeweils bei den Hochschulen,
Großforschungseinrichtungen, den Fraunhofer- und Max-Planck-
Instituten, den KMU und den Großbetrieben ergeben?
Wie viele davon werden auch tatsächlich genutzt, und wie
hoch sind die jährlichen Lizenzeinnahmen aus diesen
Patenten im Inland sowie im Ausland?
7.7 Welchen Beitrag leistet die Forschungspolitik zur
Verbesserung der Wirtschaftsstruktur und zur Steigerung der
gesamtwirtschaftlichen Forschungsintensität?
Inwieweit haben sich die seit 1983 geförderten Bet riebe
hinsichtlich der Zahl der Beschäftigten, der Ausweitung des
FuE- und Innovationspotentials, der Patentintensität, der
errungenen Marktanteile, der Betriebsergebnisse und der
Arbeitnehmereinkommen günstiger als der Schnitt der
Betriebe gleicher Branche und Betriebsgrößenklasse
entwickelt?
Welche Hinweise haben diese Studien ergeben, daß die
Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit hoch geförderter
Unternehmen sinkt?
Wie erklärt die Bundesregierung solche Annahmen?
Wie wirkt sie solchen Gefahren eines „overfunding"
entgegen?
7 8 Welchen Beitrag leistet die Forschungspolitik zur
Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der
bundesdeutschen Wirtschaft?
Wie hat sich die jeweilige internationale
Wettbewerbsfähigkeit der bundesdeutschen Wirtschaft, gegliedert nach
Wirtschaftszweigen und Warenkategorien (entsprechend NIW-
Liste), gemessen am relativen Exportüberschuß (Revealed
Comparative Advantage, RCA) und am relativen
Weltmarktanteil (RWA) in den einzelnen Jahren seit 1983 entwickelt?
8.Beanstandung forschungspolitischer Maßnahmen und
Projekte durch Bundesrechnungshof,
Rechnungsprüfungsausschuß und EG-Kommission
8.1 Welche Beanstandungen und Rügen forschungspolitischer
Maßnahmen und Projekte der verschiedenen
Bundesressorts haben Bundesrechnungshof,
Rechnungsprüfungsausschuß und EG-Kommission in den Jahren seit 1983
vorgebracht, und wie wurden diese im einzelnen begründet?
Bulmahn
Roth
Vosen
Catenhusen
Bernrath
Dr. Böhme (Unna)
Fischer (Homburg)
Ganseforth
Grunenberg
Dr. Klejdzinski
Lohmann (Witten)
Nagel
Seidenthal
Vahlberg
Dr. Vogel und Fraktion
8.2 Welche Veränderungen hat die Bundesregierung aufgrund
dieser Beanstandungen vorgenommen?
Welche hat sie aus welchen Gründen unterlassen?
Bonn, den 17. Januar 1990]