Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
11. Wahlperiode
Drucksache 11/8093
08.10.90
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Vosen, Roth, Fischer (Homburg), Bulmahn, Catenhusen,
Ganseforth, Grunenberg, Lohmann (Witten), Nagel, Seidenthal, Vahlberg,
Dr. Klejdzinski, Dr. Kübler, Zander, Dr. Vogel und der Fraktion der SPD
Weltraumpolitik
Mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes zeichnen sich auch auf
dem Gebiet der zivilen Raumfahrt neue und perspektivreiche
Möglichkeiten für eine weltweite Zusammenarbeit bei der
Erforschung und Nutzbarmachung des Weltraums ab.
Die bisherigen Planungen zu den europäischen Weltraum-Groß-
Programmen COLUMBUS, HERMES und ARIANE 5, an denen
die Bundesrepublik Deutschland über die Europäische
Weltraumorganisation beteiligt ist, stoßen immer mehr an
Finanzierungsgrenzen.
Ohne finanzielle Einschränkungen in anderen wichtigen
Forschungsfeldern werden die Programme nicht finanzierbar sein.
Diese Projekte müssen daher auf ihre Finanzierbarkeit sowie auf
ihren industrie- und forschungspolitischen Nutzen überprüft
werden. Gleichzeitig müssen differenzierte Nutzungskonzepte für die
Projekte der bemannten Raumfahrt vorgelegt werden.
Darüber hinaus müssen die Möglichkeiten einer umfassenden
internationalen Kooperation genutzt werden. Wir brauchen jetzt
Formen der internationalen Zusammenarbeit und damit auch
einer internationalen Kostenteilung.
Die Bundesregierung ist daher aufgefordert, endlich Initiativen zu
ergreifen, die die Möglichkeiten einer blockübergreifenden
weltweiten Kooperation ausloten.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Folgerungen zieht die Bundesregierung aus der
Auflösung des Ost-West-Gegensatzes im Hinblick auf eine
verstärkte, blockübergreifende internationale Kooperation in der
Weltraumpolitik?
2. Welche Folgerungen werden im Rahmen der Europäischen
Weltraumorganisation aus der veränderten global-
strategischen Lage gezogen bzw. diskutiert?
Welche Initiativen wird die Bundesregierung in diesem
Zusammenhang ergreifen?
3. Welche Initiativen hat die Bundesregierung eingeleitet bzw.
gedenkt sie einzuleiten, um mit den Vereinigten Staaten auf
dem Gebiet der f riedlichen Nutzung des Weltraums die
arbeitsteilige Zusammenarbeit bilateral und europäisch enger
als bisher zu gestalten?
4. Welche Initiativen hat die Bundesregierung — abgesehen von
MIR-Mitflügen — eingeleitet bzw. gedenkt sie einzuleiten, um
mit der Sowjetunion zu einer umfassenden arbeitsteiligen
Kooperation auf dem Gebiet der friedlichen Nutzung des
Weltraums zu kommen?
5. Welche Überlegungen gibt es im Rahmen der Vereinten
Nationen, um die friedliche Nutzung des Weltraumes
nunmehr auf eine breitestmögliche gemeinsame Grundlage zu
stellen?
6. Warum hat die Bundesregierung das 5. Weltraumprogramm
nicht fristgerecht vorgelegt, wie ist der gegenwärtige Stand
der Arbeiten, und bis wann wird die Bundesregierung den
Bericht vorlegen?
7. Welche Staaten, supranationalen oder internationalen
Organisationen oder Firmen verfügen über Trägerraketen, die für
den zivilen Satellitentransport geeignet sind?
Welcher Bedarf an Satellitentransportleistungen besteht für
die nächsten fünf bzw. zehn Jahre, und welche weltweiten
Transportangebote (aufgeteilt nach Staaten und
Nutzlastkapazitäten) stehen diesem Bedarf z. Z. gegenüber?
8. Wie verändert sich die Situation, wenn die z. Z. noch für eine
militärische Nutzung vorgehaltenen Kapazitäten soweit wie
möglich in die Bedarfsdeckung für den zivilen Satellitenstart
mit einbezogen werden?
9. Welche Schritte plant die Bundesregierung, um eine deutsche
bzw. europäische Nutzung bzw. Beteiligung an Shuttle-
Flügen oder BURAN-Flügen zu erreichen?
Besteht vor dem Hintergrund möglicher internationaler
Kooperationen überhaupt noch ein auf andere Weise nicht
abzudeckender spezifischer europäischer Bedarf an HERMES
oder einem vergleichbaren System?
10. Welche neuesten Entwicklungen sind bei der Konzeption der
US-Weltraumstation eingetreten bzw. zeichnen sich ab?
Welche Konsequenzen — u. a. welche
Entwicklungsrisiken — ergeben sich daraus für den europäischen Beitrag
COLUMBUS sowie für die kohärent angelegten Programme
ARIANE 5 und HERMES?
Welches Nutzungskonzept ist für COLUMBUS vorgesehen,
welche forschungspolitischen Perspektiven eröffnen sich
hieraus, und inwieweit ist dieses Konzept mit der gegenwärtigen
Auslegung der US-Weltraumstation vereinbar?
11. Welches sind die neuesten Informationen darüber, ob die
bisherigen Vorstellungen zur Nutzung von COLUMBUS,
insbesondere zur Nutzung der Schwerelosigkeit, zur Erstellung
und zum Betrieb der orbitalen Groß-Infrastruktur, trotz der
inzwischen absehbaren erheblichen Aufwendungen
vertretbar sind?
12. Wie begründet die Bundesregierung ihre fortdauernde
Haltung, daß die Haager Beschlüsse der Europäischen
Weltraumorganisation vom November 1987 (Langfristplanung mit
ARIANE 5, HERMES und COLUMBUS) angesichts der neuen
internationalen Kooperationsmöglichkeiten noch eine
sinnvolle Grundlage für die eruopäische Weltraumpolitik
darstellen?
13. Wird die Bundesregierung dem Deutschen Bundestag vor der
Entscheidung über die Weiterführung dieser
Weltraumprojekte hierzu differenzierte Kosten-Nutzen-Analysen vorlegen
und erst aufgrund dieser Grundlage eine endgültige
Entscheidung treffen?
14. Welche Entwicklung sollen die Ausgaben für Zwecke der
zivilen Nutzung des Weltraums bis zum Jahr 2000 (aufgeteilt
nach Jahren und Projekten) nehmen?
15. Welche Informationen liegen der Bundesregierung darüber
vor, daß die Europäische Weltraumorganisation die
Bundesrepublik Deutschland nach dem Beitritt der DDR zu einer
höheren finanziellen Beteiligung heranziehen wird?
In welchem Umfang steigt ggf. der deutsche Beitrag?
Bonn, den 5. Oktober 1990
Vosen
Roth
Fischer (Homburg)
Bulmahn
Catenhusen
Ganseforth
Grunenberg
Lohmann (Witten)
Nagel
Seidenthal
Vahlberg
Dr. Klejdzinski
Dr. Kübler
Zander
Dr. Vogel und Fraktion]