Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
9. Wahlperiode
Drucksache 9/2245
08.12.82
Sachgebiet 7
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Frau Dr. Martiny-Glotz, Frau Blunck, Curdt, Dr. Diederich (Berlin),
Hoffmann (Saarbrücken), Dr. Jens, Dr. Kübler, Schmi tt (Wiesbaden), Dr. Schwenk
(Stade), Frau Weyel, Frau Zutt, Marschall, Dr. Steger, Dr. Wieczorek und der
Fraktion der SPD
Verbraucherpolitik bei geringem Wirtschaftswachstum
Niedrige Wachstumsraten oder schrumpfendes Sozialprodukt,
zunehmende Arbeitslosigkeit, sinkende verfügbare Einkommen
und eine stagnierende oder schrumpfende Nachfrage der
Verbraucher sind Kennzeichen der gegenwärtigen Struktur- und
Wirtschaftskrise. Da 55 v. H. des Bruttosozialproduktes in den
privaten Verbrauch gehen und die Verbraucher jährlich rd.
800 Mrd. DM ausgeben und 120 Mrd. DM sparen, müssen im
Hinblick auf eine Stabilisierung der gesamtwirtschaftlichen
Nachfrage die Ursachen für die Zurückhaltung der Verbraucher
ernstgenommen werden.
Sinkende verfügbare Einkommen und drastisch gestiegene Preise
z. B. für Energie, hohe Zinsen und steigende Mieten zwingen
insbesondere die Gruppen mit niedrigen Einkommen zu
Konsumeinschränkungen. Sättigungstendenzen und Überversorgung bei
Verbrauchern mit höheren Einkommen, ein wachsendes
Gesundheits- und Umweltbewußtsein, ein grundsätzlich kritischeres
Verbraucherverhalten und wachsende Unsicherheit gegenüber
immer komplizierteren technischen Produkten sind tendenzielle
Ursachen für eine schrumpfende Nachfrage der Verbraucher.
Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist das Hauptziel der Wi rt
-schafts-, Haushalts- und Finanzpolitik der nächsten Jahre. Die
Stärkung bzw. Stabilisierung der Nachfrage ist dabei von
entscheidender Bedeutung, da die Erhaltung von Arbeitsplätzen und
die Schaffung neuer Arbeitsplätze nur bei entsprechenden
Absatzerwartungen möglich sind. Eine aktive Beschäftigungspolitik
muß daher durch eine aktive Verbraucherpolitik unterstützt
werden.
Da Verbraucherpolitik in der Regierungserklärung vom 13.
Oktober 1982 nicht erwähnt wird, fragen wir daher die
Bundesregierung:
1. Wird die Bundesregierung bei der Umsetzung ihres
Dringlichkeitsprogramms zur Schaffung neuer Arbeitsplätze
berücksichtigen, daß die Verbraucher den letztlich entscheidenden
Teil der „Wirtschaft" darstellen, und daß sinkende verfügbare
Einkommen, insbesondere bei Gruppen mit niedrigen
Einkommen, zu einem weiteren Rückgang des p rivaten
Verbrauchs und damit zu einem Rückgang der Investitionen und
zum weiteren Verlust von Arbeitsplätzen führen werden?
2. Was wird die Bundesregierung gegen die teilweise
unangemessen hohen Preise aufgrund eingeschränkten Wettbewerbs
z. B. im Pharmabereich, im Versicherungsbereich und auf dem
Verbraucherkreditmarkt unternehmen?
3. Mit welchen Maßnahmen wird die Bundesregierung eine
Reform der EG-Agrarpolitik durchsetzen?
4. Wird sich die Bundesregierung für einen möglichst freien
Welthandel und gegen den wachsenden Protektionismus im
Interesse der Verbraucher und der Arbeitnehmer einsetzen,
und welche konkreten Maßnahmen z. B. auf dem Gebiet der
Normung und anderer nichttarifärer Handelshemmnisse wird
sie in nächster Zeit ergreifen?
5. Wird die Bundesregierung wie ihre Vorgängerin eine aktive
Verbraucherpolitik betreiben und die Rechte der Verbraucher
auf Schutz der Gesundheit und Sicherheit, auf Schutz der
wirtschaftlichen Interessen, auf Informa tion und Vertretung
bei ihren politischen Entscheidungen verstärkt
berücksichtigen, und welche Maßnahmen wird sie hierzu na tional und
EG-weit durchführen?
6. Wird die Bundesregierung die vorgesehenen Gesetze und
Verordnungen zur Schließung von Lücken im
Verbraucherschutzrecht — auch auf europäischer Ebene — aktiv
unterstützen, um die Verbraucher vor aggressiven oder gar kriminellen
Werbemethoden und Vertriebspraktiken z. B. bei
Haustürgeschäften und Kaffeefahrten oder beim Verbraucherkredit zu
schützen?
7. Ist die Bundesregierung der Ansicht, daß bestehende oder
vorbereitete Verbraucherschutzgesetze als
Investitionshemmnisse anzusehen und daher zu ändern sind?
8. Wird die Bundesregierung die Verbraucherinstitutionen und
die auch für den Verbraucherschutz zuständigen
Bundesaufsichtsämter mit den notwendigen Mitteln ausstatten, damit
diese den Verbrauchern in ihren wi rtschaftlichen und
rechtlichen Schwierigkeiten und in ihren Ängsten vor
gesundheitlichen Beeinträchtigungen helfen und sie vor Schäden
schützen können?
9. Welche Maßnahmen wird die Bundesregierung weiterführen
oder ergreifen, um die Interessen der Verbraucher in bezug
auf energiesparende, umweit- und ressourcenschonende und
nichtkrankmachende, neue Produkte und
Produktionsverfahren durchzusetzen und so auch mittelfristig Arbeitsplätze zu
erhalten bzw. neue Arbeitsplätze zu schaffen?
10. Welche Maßnahmen wird die Bundesregierung ergreifen
bzw. fortführen, um die Belastung der Nahrungsmittel, der
Kosmetika, der Bedarfsgegenstände, der Luft und des
Wassers mit gefährlichen Chemikalien und Substanzen
aufzudekken und soweit wie möglich zu bekämpfen, und wird sie die
Ängste der Verbraucher vor Vergiftungen und
heimtückischen Krankheiten auch im Interesse einer langfristigen
positiven Wirtschaftsentwicklung ernst nehmen?
11. Wird die Bundesregierung insbesondere sicherstellen, daß
durch wirksame Kontrollen und Exportverbote für bei uns
verbotene chemische Substanzen die Belastung importierter
Nahrungs- und Futtermittel mit giftigen Substanzen und
Rückständen von Pflanzenbehandlungsmitteln soweit wie
möglich verringert wird?
Bonn, den 8. Dezember 1982
Frau Dr. Martiny-Glotz
Frau Blunck .
Curdt
Dr. Diederich (Berlin)
Hoffmann (Saarbrücken)
Dr. Jens
Dr. Kübler
Schmitt (Wiesbaden)
Dr. Schwenk (Stade)
Frau Weyel
Frau Zutt
Marschall
Dr. Steger
Dr. Wieczorek
Wehner und Fraktion]