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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Auswirkungen der Coronapandemie auf Roma in Europa
(insgesamt 27 Einzelfragen)
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Auswärtiges Amt
Datum
06.07.2020
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1983909.06.2020
Auswirkungen der Coronapandemie auf Roma in Europa
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Kleine Anfrage
der Abgeordneten Zaklin Nastic, Heike Hänsel, Doris Achelwilm, Simone
Barrientos, Michel Brandt, Christine Buchhholz, Dr. Birke Bull-Bischoff, Sylvia
Gabelmann, Andrej Hunko, Dr. Alexander S. Neu, Dr. Petra Sitte, Helin Evrim
Sommer, Dr. Kirsten Tackmann, Katrin Werner, Pia Zimmermann und der Fraktion
DIE LINKE.
Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Roma in Europa
Rund 12 Millionen Roma leben in Europa und stellen dort die größte
Minderheit. Nicht nur in Mittel- und Südosteuropa, wo die Hälfte von ihnen leben,
sind sie in Elendsvierteln konzentriert, in denen sie kaum Zugang zur
Gesundheitsversorgung haben.
Im gemeinsamen Statement vom 31. März 2020 erklärt der Zentralrat
Deutscher Sinti und Roma mit dem Europäischen Roma Graswurzel-Netzwerk (ER-
GO Network, Belgien), Roma Active Albania (Albanien), Otaharin (Bosnien
und Herzegowina), Voice of Roma, Ashkali and Egyptians (Kosovo),
Advancing Together (Kosovo), Phiren Amenca (Montenegro), RROMA
(Nordmazedonien), Romalitico/Romaversitas (Nordmazedonien), Forum Roma Serbia
(Serbien), Association of Coordinators for Roma Issues (Serbien), Zero
Discrimination Association (Türkei): „Viele Roma sind aufgrund früherer prekärer
Arbeitsbedingungen sowie fehlender Einkommen und Ressourcen, auf die sie
sich in dieser Krisensituation verlassen können, einem extremen Armutsrisiko
ausgesetzt. Die große Mehrheit war auf prekäre Selbständigkeit, unregelmäßige
tägliche Arbeit, das Sammeln von wiederverwertbaren Materialien oder auf
andere Einkommensquellen angewiesen, die nun aufgrund von
Krisenmaßnahmen nicht mehr zur Verfügung stehen. Betriebsstilllegungen und
Einschränkungen der Bewegungsfreiheit verschlechtern die Situation weiter. Die Menschen
waren und sind nicht in der Lage, Vorräte anzulegen, und haben oft keine
Möglichkeiten, Vorräte zu Hause zu lagern. Tausende von Familien waren bereits in
der Vergangenheit auf die Zivilgesellschaft oder humanitäre Organisationen
angewiesen, die sie (oder ihre Kinder) regelmäßig mit Lebensmitteln versorgen.
Die Sozialhilfe reicht in den meisten Ländern nicht aus, um den
Lebensunterhalt zu bestreiten und durch die Krise ist mit einem weiteren Anstieg der Preise
für Lebensmittel und Artikeln des Grundbedarfs zu rechnen. Schon heute
können wir feststellen, dass es in vielen Familien und ausgegrenzten Siedlungen an
ausreichend Nahrungsmitteln fehlt. Viele Roma haben zudem aufgrund
fehlender Ausweispapiere keinen Zugang zu Sozialleistungen. Wenn humanitäre
Hilfe zu spät verteilt wird, wenn größere marginalisierte Siedlungen bereits
hungern, kann dies schwerwiegende Folgen haben und zu Gewalt führen.“ (https://
zentralrat.sintiundroma.de/roma-auf-dem-westbalkan-und-in-der-tuerkei-sind-d
urch-die-covid-19-pandemie-ernsthaft-bedroht/).
Deutscher Bundestag Drucksache 19/19839
19. Wahlperiode 09.06.2020
In dem Statement wird weiter ausgeführt, dass viele Roma unter
menschenunwürdigen Lebensbedingungen – ohne Zugang zu Trinkwasser,
Gesundheitsdiensten, Hygieneartikeln und in schwerwiegender Armut – leben, die auch aus
Ausgrenzung und Rassismus resultieren. Die Gefahr der Verbreitung des Virus
sei wesentlich erhöht.
Der Gesundheitszustand vieler Roma in den betreffenden Ländern sei im
Allgemeinen bereits erheblich schlechter als in der Mehrheitsbevölkerung.
Die Möglichkeiten zur Hygiene sind äußerst beschränkt, fließendes Wasser und
Kanalisation häufig nicht vorhanden (https://www.faz.net/aktuell/politik/auslan
d/roma-slums-in-suedosteuropa-brandbeschleuniger-der-corona-krise-1672367
3.html). Roma, als besonders gefährdete Gruppe, kommen im politischen und
öffentlichen Diskurs kaum vor, und wenn, dann im Zusammenhang mit
diskriminierenden Ressentiments und als Sündenböcke. Dies ist auch in Deutschland
der Fall, wo sie ebenfalls besonders gefährdet sind.
Kinder haben regelmäßig große Schwierigkeiten, am Fern- und Heimunterricht
teilzunehmen. Enge Wohnverhältnisse sind dem Lernen nicht förderlich, viele
Kinder haben keine Computer zu Hause und viele Eltern können ihre Kinder
nicht ausreichend unterstützen. In naher Zukunft ist laut Experten mit hohen
Abbrecherquoten und Zehntausenden Kindern, die in den Schulen den
Anschluss verlieren, zu rechnen (https://balkaninsight.com/2020/04/01/roma-euro
pes-neglected-coronavirus-victims/).
Roma sind starken Stigmatisierungen ausgesetzt: In mehreren Ländern wurden
für ihre Siedlungen Sonderregelungen zusätzlich zu den allgemeinen
COVID-19-Bestimmungen erlassen. Mehrere Siedlungen wurden von der
Polizei oder vom Militär abgeriegelt und präventiv unter Quarantäne gestellt
(https://www.dw.com/de/corona-krise-und-roma-die-vergessene-risikogruppe/
a-53010737). „Statt zu versuchen, Roma als durch das Coronavirus besonders
gefährdete Gruppe zusätzlich zu schützen, heizen einige Politiker
Antiziganismus aktiv an“, warnt der tschechische Parlamentsabgeordnete und
Berichterstatter für Roma der parlamentarischen Versammlung des Europarats František
Kopřiva (ebd.)
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Inwieweit hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Situation von in
Deutschland lebenden Roma seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?
2. Wie schnell wurde nach Kenntnis der Bundesregierung auf SARS-CoV-2-
Infizierungen in von Roma bewohnten Siedlungen reagiert und Hilfe
geschickt (bitte nach jeweiligen Ländern aufschlüsseln und dabei alle Länder
einbeziehen, in denen Roma leben)?
3. Inwieweit hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Situation der in
den mittel- und südosteuropäischen Ländern Tschechien, Slowakei,
Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Mazedonien lebenden Roma seit
Beginn der Coronakrise verschlechtert (bitte nach einzelnen Ländern
aufschlüsseln)?
4. Welche spezifisch gegen Roma gerichteten repressiven Maßnahmen in
diesen Ländern (siehe Frage 3) und in Deutschland sind der Bundesregierung
bekannt geworden (bitte tabellarisch nach Land, repressiver Maßnahme,
Ort der Maßnahme sowie Zeitpunkt der Maßnahme auflisten)?
5. Bewertet die Bundesregierung die Massentests in Form einer groß
angelegten militärischen Operation in der Slowakei als unverhältnismäßig und
diskriminierend?
Wenn ja, in welcher Weise setzt sie sich gegenüber dem EU-Partner ein,
dass ein solches Vorgehen in Zukunft verhindert wird, und mit wem hat
die Bundesregierung bereits in Kooperation mit welchen Partnern
Maßnahmen ergriffen, und welche plant sie zu ergreifen, um ein solches
Vorgehen für alle EU-Mitgliedstaaten auszuschließen?
6. Welche nach Ansicht der Fragesteller stigmatisierenden Massentests von
Roma in welchen Ländern sind der Bundesregierung bekannt geworden,
und welche Konsequenzen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung
aus möglicherweise daraus resultierenden positiven Testergebnissen
gezogen?
7. In wie vielen und in welchen Roma-Siedlungen in welchen Ländern wurde
und wird im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nach Kenntnis der
Bundesregierung Polizei und/oder Militär eingesetzt, insbesondere, um
Massentests durchzuführen oder die betreffenden Siedlungen abzuriegeln
(bitte für alle Länder einzeln angeben)?
8. Welche und wie viele antiziganistische Straftaten sowie verbale Attacken
von Angehörigen der Regierungen, Behörden und Parteien gegen Roma
sind der Bundesregierung in den Ländern Mittel- und Südosteuropas sowie
in Deutschland während der Coronapandemie bekannt geworden (bitte
getrennt in Privatpersonen, Regierungsmitglieder und Politiker, von denen
die verbalen Attacken ausgingen, auflisten)?
9. Welche Roma-Siedlungen in welchen Ländern wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung „präventiv“ unter Quarantäne gestellt, inwiefern können
die Bewohner dennoch für Arztbesuche oder zum Einkaufen die
Siedlungen verlassen bzw. ihre Kinder zwecks Betreuung außerhalb der
Siedlungen bringen (bitte einzeln unter Angabe des Zeitpunkts, zu dem
Quarantäne angeordnet und gegebenenfalls beendet wurde und wie viele Personen
zu diesem Zeitpunkt in der betroffenen Siedlung nachweislich mit SARS-
CoV-2 infiziert waren auflisten)?
10. Inwiefern ist nach Kenntnis der Bundesregierung in den unter „präventive“
Quarantäne gestellten Siedlungen die Versorgung mit Lebensmitteln und
Medikamenten gewährleistet, wie wird dies kontrolliert, und ist der
Zugang für Externe wie etwa Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen
(NGOs) und Journalisten gewährleistet (bitte für alle Länder einzeln
angeben)?
11. Welche konkreten Maßnahmen wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung von den jeweiligen Regierungen der Länder, in denen Roma leben,
ergriffen, um die besonders gefährdete Gruppe der Roma während der
Corona-Krise zu unterstützen (bitte nach Land, Maßnahme und Zeitpunkt
der Maßnahme auflisten)?
12. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in Zeiten der COVID-19-
Pandemie in Mittel- und Südosteuropa Maßnahmen ergriffen, um eine
bessere Wasserversorgung in von Roma bewohnten Siedlungen einzurichten
(bitte nach einzelnen Ländern aufschlüsseln)?
13. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in Zeiten der COVID-19-
Pandemie in Mittel- und Südosteuropa sowie in Deutschland Maßnahmen
ergriffen, um eine bessere Gesundheitsversorgung in von Roma bewohnten
Siedlungen und für Roma, die nicht in Siedlungen wohnen, einzurichten
(bitte nach einzelnen Ländern aufschlüsseln)?
14. Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in Zeiten der COVID-19-
Pandemie in Mittel- und Südosteuropa sowie in Deutschland Maßnahmen
ergriffen, um der steigenden wirtschaftlichen Not von Roma
entgegenzuwirken (bitte nach einzelnen Ländern aufschlüsseln)?
15. Wo drohen nach Kenntnis der Bundesregierung Hungersnöte in Bezug auf
Roma (bitte einzeln auflisten)?
16. Teilt die Bundesregierung die vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma
geäußerte Befürchtung, dass „rechtsextreme und nationalistische Politiker
in Mittel- und Südosteuropa die gegenwärtige Corona-Krise nutzen, um
ihre rassistischen Positionen als Regierungshandeln zu legitimieren und
umzusetzen“?
17. Lässt sich diese Sorge nach Kenntnis und Einschätzung der
Bundesregierung auch auf Deutschland übertragen?
18. Welche konkreten Maßnahmen, dies (siehe die Fragen 15 und 16) zu
verhindern, hat die Bundesregierung und haben nach Kenntnis der
Bundesregierung die Bundesländer bereits in Kooperation mit welchen Partnern
ergriffen, und welche plant sie bzw. planen sie zu ergreifen?
19. Sind der Bundesregierung Fälle in Deutschland bekannt, in denen Roma
mit Arbeitsvertrag aufgefordert wurden, nicht mehr zur Arbeit zu
erscheinen (bitte einzeln auflisten)?
20. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung und ergreifen nach
Kenntnis der Bundesregierung die Bundesländer, um den Einbezug von
Roma in die Planung und Umsetzung von Unterstützungsmaßnahmen zu
gewährleisten?
21. Werden die Behörden allgemeine wirtschaftliche Maßnahmen entwickeln
und besonders gefährdeten Gruppen (Verkäuferinnen und Verkäufer auf
dem informellen Markt, Tagelöhnerinnen und Tagelöhne, sowie
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die aufgrund der Krise ihren Arbeitsplatz
oder ihr Einkommen verlieren) finanzielle Hilfe gewähren?
22. Welche psychosozialen Programme für Roma sind der Bundesregierung
bekannt, und plant die Bundesregierung und planen nach Kenntnis der
Bundesregierung die Bundesländer eigene solche Programme für Roma?
23. Welche Maßnahmen wird die Bundesregierung und werden nach Kenntnis
der Bundesregierung die Bundesländer ergreifen, um die körperliche
Sicherheit von Roma zu gewährleisten?
24. Welche Maßnahmen ergreift die Bundesregierung und ergreifen nach
Kenntnis der Bundesregierung die Bundesländer, um eine Aus- und
Bewertung der sozioökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf
Roma vorzunehmen?
25. Wird sich die Bundesregierung und werden sich nach Kenntnis der
Bundesregierung die Bundesländer für spezielle humanitäre
Hilfsprogramme für Roma in Europa einsetzen?
Wenn ja, durch welche konkreten Maßnahmen?
26. Inwiefern setzt sich die Bundesregierung im Rahmen der EU dafür ein,
dass bei der Pandemiebekämpfung vor allem in Osteuropa die Roma nicht
übergangen werden?
Welche diesbezüglichen Anstrengungen der EU sind ihr bekannt, und
inwiefern ist dabei gewährleistet, dass Roma nicht übergangen werden?
27. Inwiefern ist es zutreffend, dass EU-Projekte zur Integration von Roma auf
das nächste Jahr verschoben werden sollen, und welche Position hat die
Bundesregierung dazu?
Berlin, den 8. Juni 2020
Amira Mohamed Ali, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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