Stand der Alphabetisierungsforschung und -förderung in Deutschland
der Abgeordneten Dr. Ernst Dieter Rossmann, Dr. Hans-Peter Bartels, Klaus Barthel, Willi Brase, Ulla Burchardt, Petra Ernstberger, Michael Gerdes, Iris Gleicke, Klaus Hagemann, Petra Hinz (Essen), Christel Humme, Oliver Kaczmarek, Daniela Kolbe (Leipzig), Ute Kumpf, Katja Mast, Thomas Oppermann, Florian Pronold, René Röspel, Marianne Schieder (Schwandorf), Swen Schulz (Spandau), Stefan Schwartze, Andrea Wicklein, Dagmar Ziegler, Dr. Frank-Walter Steinmeier und der Fraktion der SPD
Vorbemerkung
Nach Schätzungen des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e. V. können in Deutschland etwa vier Millionen Menschen nicht ausreichend lesen und schreiben. Das heißt, dass sie „die gesellschaftlichen Mindestanforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache, deren Erfüllung Voraussetzung zur Teilnahme an schriftlicher Kommunikation in allen Arbeits- und Lebensbereichen ist“, unterschreiten. Das bedeutet für die Betroffenen Ausgrenzung, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, und einen erheblichen Verlust von Lebensqualität. Erst eine ausreichende Grundbildung eröffnet die Perspektive zu einer nachhaltigen aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen und Wohlstand.
Die Bundesregierung hat sich zusammen mit den Akteuren der Alphabetisierungsarbeit auf die nationale Umsetzung der Weltalphabetisierungsdekade verpflichtet, die die Vereinten Nationen am 13. Februar 2003 für den Zeitraum bis 2012 ausgerufen haben. Ziel der Dekade ist es, die Anzahl der Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, „(…) weltweit zu halbieren“ und jedem Menschen eine Grundbildung zu ermöglichen. Für Industrieländer wie Deutschland bedeutet dies unter anderem, vorhandene Bildungsbenachteiligungen zu erkennen und abzubauen und die Prävention und Bekämpfung von Analphabetismus zu verbessern.
Bei einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Fachtagung im Jahr 2003 in Bernburg haben die wichtigsten Akteure der Alphabetisierungsarbeit die „Bernburger Thesen“ verabschiedet, in denen die entscheidenden Aufgaben der Alphabetisierungsarbeit für die darauffolgenden Jahre definiert wurden. Zwei Jahre vor Ablauf der Weltalphabetisierungsdekade ist deshalb eine erste Bestandsaufnahme und eine Überprüfung der nationalen Umsetzung der Ziele notwendig.
Wir fragen deshalb die Bundesregierung:
Fragen51
Von welcher Definition von Analphabetismus geht die Bundesregierung aus?
Wie grenzt sie primären und sekundären Analphabetismus gegeneinander ab?
Was versteht die Bundesregierung unter funktionalen Analphabetismus?
Worin sieht die Bundesregierung die wesentlichen Ursachen für die Entstehung und Verfestigung der verschiedenen Formen von Analphabetismus?
Wie viele Analphabeten gibt es aktuell in Deutschland (bitte aufgeschlüsselt nach Bundesländern)?
Worauf gründen diese Zahlen?
Haben sich diese Zahlen nach den vorliegenden Erkenntnissen der Bundesregierung in den letzten 30 Jahren verändert, und wenn ja, in welcher Form?
In welche Kategorien lassen sich die aktuellen Zahlen einteilen, was die Ausprägung des Analphabetismus und seine Erscheinungsform angeht?
Wie ist die aktuelle Altersstruktur der verschiedenen Gruppen von Analphabeten in Deutschland?
Wie ist die aktuelle Geschlechterstruktur der verschiedenen Gruppen von Analphabeten in Deutschland?
Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund?
Auf welche wissenschaftlichen Quellen und Expertisen gründet die Bundesregierung ihre Schätzungen, und wie belastbar sind die ermittelten oder geschätzten Werte?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung vor über Zahlen in anderen vergleichbaren europäischen Ländern?
Wie viele Menschen in Deutschland nehmen jährlich an Alphabetisierungskursen teil (2003 bis 2009)?
Wie viele davon an Alphabetisierungen im Rahmen von Integrationskursen?
Erwartet die Bundesregierung einen Anstieg oder einen Rückgang der Zahlen von Analphabeten in Deutschland?
Was können nach Erkenntnissen oder Einschätzungen der Bundesregierung Ursachen für veränderte Zahlen in der Zukunft sein?
Für wie viele Menschen in Deutschland gibt es seit 2003, dem Beginn der Weltalphabetisierungsdekade, jährlich Angebote der Grundbildung und der Unterstützung zur Überwindung ihres Analphabetismus?
Gibt es dabei eine signifikante Zahl von nicht wahrgenommenen Teilnehmerplätzen?
Um welches Spektrum an Maßnahmen handelt es sich?
Wer ist der organisatorische Träger für diese verschiedenen Maßnahmen?
Wer ist der finanzielle Träger für diese verschiedenen Maßnahmen?
Welches Finanzvolumen von der öffentlichen Seite her – aufgeteilt nach den Ebenen Europa, Bund, Länder und Kommunen – ist insgesamt in den Jahren seit einschließlich 2003 bis 2009 für die Förderung der Alphabetisierung in Deutschland bereitgestellt worden?
Wie teilen sich die Mittel auf Landes- und kommunaler Ebene in den letzten drei Jahren nach Bundesländern auf?
Nach welchen persönlichen Merkmalen lassen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesen Kursen beschreiben (Alter, Geschlecht, Sozialstatus, Herkunft, Grad und Form des Analphabetismus)?
Wie sind diese Kurse zeitlich, finanziell, organisatorisch und methodisch in der Regel für die Betroffenen angelegt?
In welcher Form gibt es Erfolgskriterien und Bescheinigungen einer erfolgreichen Teilnahme, und wie hoch ist der Umfang der erfolgreichen Kursteilnahme, bzw. wie hoch wird er von einschlägigen Experten eingeschätzt?
Wie groß ist die Zahl der Teilnehmenden, die einen Kurs nicht beenden, und gibt es Informationen darüber, aus welchen Gründen solche Kurse abgebrochen werden?
Gibt es Wartelisten und Wartezeiten für diese Kurse?
In welchem Umfang ist ein bisher nicht befriedigter Bedarf von aktiv Interessierten erkennbar?
Gibt es Ablehnungen und Wartezeiten für interessierte Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer?
Welche Unterschiede gibt es bezüglich Kurserfolg, Abbruchzahlen und Abbruchgründen, Wartezeiten und Ablehnungen zwischen Alphabetisierungen im Rahmen von Integrationskursen und solchen, die nicht im Rahmen von Integrationskursen stattfinden?
Wie viele Personen sind in den letzten sieben Jahren über Maßnahmen der beruflichen Eingliederung des Zweiten und Dritten Buches Sozialgesetzbuch (SGB II und SGB III) in Alphabetisierungskurse vermittelt worden?
Wie teilen sich diese Personen nach den Bundesländern auf?
Um welche Gruppen von Personen handelt es sich hierbei?
Zu welchen Bedingungen ist diese Vermittlung erfolgt, und welche Auflagen waren hiermit für die vermittelten Personen verbunden?
Ist der im SGB III vorhandene Rechtsanspruch auf das Nachholen eines Schulabschlusses auch bei funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten zum Tragen gekommen, und in welchem Umfang?
Welche Modellprojekte sind hierfür bekannt?
Welche Formen und Initiativen der Onlineportale zur Alphabetisierung hat die Bundesregierung unterstützt, in welchem Umfang, mit welcher Laufzeit, und bei welchen Trägern?
Welche Bedeutung misst die Bundesregierung diesen Onlineportalen bei, und wie bewertet die Bundesregierung die bisher hiermit gemachten Erfahrungen?
In welcher Form hat die Bundesregierung seit Beginn der Alphabetisierungsdekade in regelmäßigen Bildungsreporten die getroffenen Alphabetisierungs- und Grundbildungsmaßnahmen erfasst und die erzielten Wirkungen und Erfolge evaluiert?
Wie haben sich die Ausgaben des Bundes für die Förderung der Alphabetisierung in Deutschland seit Beginn der Weltalphabetisierungsdekade im Jahr 2003 bis heute entwickelt (Höhe der Bundesmittel jährlich von 2003 bis 2010 nach den Kategorien Forschungsmittel, allgemeine Maßnahmemittel und spezielle Maßnahmemittel nach dem SGB II und ggf. nach dem SGB III)?
Welche einzelnen Forschungsprojekte hat die Bundesregierung seit 2003 im Bereich der Alphabetisierungsarbeit gefördert, und wann ist zu welchen Fragestellungen mit wissenschaftsgeleiteten Ergebnissen zu rechnen?
Ist zur Umsetzung der nationalen Ziele der Weltalphabetisierungsdekade in Deutschland eine zentrale bzw. eine dezentrale institutionelle Einheit mit Service-, Beratungs- und Informationsaufgaben eingerichtet worden, und hat sich die Bundesregierung mit öffentlichen Mitteln an ihrer Finanzierung beteiligt?
In welcher Form wurde das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade in der Qualifizierungsinitiative der Bundesregierung „Aufstieg durch Bildung“ von Januar 2008 (Bundestagsdrucksache 16/7750) berücksichtigt?
Wurde das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade bei den drei Bildungsgipfeln der Bundeskanzlerin von 2008 bis 2010 mit berücksichtigt und wie genau?
In welcher Form hat die Bundesregierung mit konkreten Maßnahmen dazu beigetragen, die zweite der „Bernburger Thesen zur Alphabetisierung“ (kein Schüler und keine Schülerin soll die Schule ohne ausreichende Kenntnisse in Lesen und Schreiben verlassen) national zu erfüllen?
Mit welchen konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung dazu beigetragen, die dritte der „Bernburger Thesen zur Alphabetisierung“ (Analphabetismus muss Pflichtthema in der Lehrerausbildung werden) in Deutschland zusammen mit den Ländern zu verwirklichen?
Inwieweit hat die Bundesregierung dazu beigetragen, die vierte der „Bernburger Thesen zur Alphabetisierung“ (flächendeckendes und nachfragegerechtes Angebot an Alphabetisierungskursen in Weiterbildungseinrichtungen schaffen) zu verwirklichen?
Wie hat die Bundesregierung daran mitgewirkt, die fünfte der „Bernburger Thesen zur Alphabetisierung“ (Berufsbild des Alphabetisierungs- und Grundbildungspädagogen muss institutionalisiert werden) umzusetzen?
Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung ergriffen, um in der Öffentlichkeit eine Entstigmatisierung des Analphabetismus zu erreichen?
Welche Maßnahmen der Medienwerbung, z. B. über die Fernseh- und Rundfunkanstalten, der allgemeinen Öffentlichkeitsarbeit bzw. der zielgruppenorientierten Beratung hat die Bundesregierung ergriffen bzw. werden von ihr unterstützt, um Analphabeten über die vorhandenen Angebote aufzuklären und zu informieren und zur Teilnahme an Alphabetisierungskursen zu bewegen?
Welche Bedeutung hat das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade und dessen Umsetzung in Deutschland bei den drei bisherigen „Bildungsgipfeln“ der Bundeskanzlerin von 2008 bis 2010 gehabt, und in welcher Form soll es im weiteren Prozess der Bildungskooperation von Bund und Ländern bei den Treffen in den verbleibenden Jahren bis 2012 bearbeitet werden?
Welche zusätzlichen und neuen Maßnahmen plant die Bundesregierung in den nächsten Jahren, um das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade bis 2012 in Deutschland zu erreichen?
Welchen finanziellen Beitrag sieht die Bundesregierung hierfür im Haushaltsjahr 2011 und in der Finanzplanung bis 2013 vor?
Wann wird Deutschland nach Schätzungen der Bundesregierung das Ziel der Weltalphabetisierungsdekade, die Zahl der Analphabeten zu halbieren, auf nationaler Ebene erreichen?
In welcher Form und in welchem finanziellen Umfang (aus welchen Einzelhaushalten) hat die Bundesregierung seit 2003 dazu beigetragen, dieses Ziel der Halbierung auch in übrigen Teilen der Welt mit zu erreichen?