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Kleine AnfrageWahlperiode 21Beantwortet

Stereochemische Bewertung des ionisierbaren Lipids ALC-0315 als Hilfsstoff im COVID-19-Impfstoff Comirnaty (BNT162b2)

Fraktion

AfD

Ressort

Bundesministerium für Gesundheit

Datum

20.01.2026

Aktualisiert

26.01.2026

Deutscher BundestagDrucksache 21/342623.12.2025

Stereochemische Bewertung des ionisierbaren Lipids ALC-0315 als Hilfsstoff im COVID-19-Impfstoff Comirnaty (BNT162b2)

der Abgeordneten Thomas Dietz, Martin Sichert, Dr. Christina Baum, Carina Schießl, Claudia Weiss, Kay-Uwe Ziegler, Joachim Bloch, Tobias Ebenberger, Nicole Hess, Dr. Christoph Birghan, Birgit Bessin, Kerstin Przygodda, Alexis L. Giersch, Martina Kempf, Dr. Paul Schmidt, Gereon Bollmann, Thomas Fetsch und der Fraktion der AfD

Vorbemerkung

Seit dem Contergan-Skandal ist die Bedeutung der Stereochemie für die Sicherheit von Arzneimitteln unumstritten. Chirale Verbindungen können in biologischen Systemen unterschiedliche pharmakologische, pharmakokinetische und toxikologische Eigenschaften aufweisen. Diese Erkenntnis ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der regulatorischen Bewertung von Wirk- und Hilfsstoffen und findet ihren Niederschlag unter anderem im Arzneimittelgesetz (AMG), in der EU-Verordnung (EG) Nummer 726/2004 sowie in den einschlägigen Leitlinien der International Council for Harmonisation (ICH), insbesondere ICH Q6A (Spezifikationen für neue Arzneistoffe), Q8 (Pharmazeutische Entwicklung) und M3 (Nicht-klinische Sicherheitsstudien).

Insbesondere bei neuartigen Hilfsstoffen, wie dem ionisierbaren Lipid ALC-0315 im COVID-19-Impfstoff Comirnaty (BNT162b2) von BioNTech/Pfizer, ist eine isomerspezifische Bewertung essenziell, um potenzielle Risiken zu minimieren. ALC-0315 ist ein kationisches Lipid, das Lipid-Nanopartikel (LNPs) bildet, um die mRNA in Zellen zu transportieren. Es weist zwei stereogene Zentren auf, was zu einem Gemisch aus zwei Enantiomeren und einer meso-Form führt. Diese Stereoisomere stellen chemisch eigenständige Substanzen dar und können daher unterschiedliche biologische Wirkungen entfalten. Trotz der bedingten Zulassung des Impfstoffs im Jahr 2020 wurde die stereochemische Zusammensetzung offenbar nicht detailliert geprüft, was Fragen zur Vereinbarkeit mit regulatorischen Standards aufwirft.

Im Jahr 2025 veröffentlichte eine deutsch-japanische Forschergruppe um den Chemie-Nobelpreisträger Prof. Dr. Benjamin List eine Arbeit mit dem Titel „The Overlooked Stereoisomers of the Ionizable Lipid ALC-0315“ im Journal of the American Chemical Society (2025, 147, 28595). Darin wird erstmals die gezielte Synthese, Trennung und separate Untersuchung aller drei Stereoisomere von ALC-0315 beschrieben. Die Autoren berichten über signifikante Unterschiede in der Zelltoxizität der einzelnen Isomere und identifizieren das (S,S)-Isomer als deutlich verträglichste Variante. Zugleich empfehlen sie ausdrücklich, für therapeutische Anwendungen künftig ausschließlich dieses Isomer zu verwenden (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40745699/).

Diese Studie basiert auf innovativen Synthese-Methoden und toxikologischen Tests in vitro, die zeigen, dass das Isomerengemisch in Comirnaty potenziell höhere Toxizitätsrisiken birgt als ein reines (S,S)-Isomer. Die Arbeit wurde am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung durchgeführt und hebt die Notwendigkeit isomerspezifischer Analysen in der Pharmazie hervor (https://www.kofo.mpg.de/1033011/2025-08-01-alc-315).

Vor dem Hintergrund dieser neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse ergeben sich aus Sicht der Fragesteller grundlegende Fragen zur Vereinbarkeit der ursprünglichen und fortgeltenden regulatorischen Bewertung von ALC-0315 mit den Anforderungen des AMG, der EU-Verordnung (EG) Nummer 726/2004 sowie der ICH-Guidelines. Dies gilt insbesondere, weil es sich um einen neuartigen Hilfsstoff handelt, der im Rahmen einer bedingten Zulassung in sehr großem Umfang eingesetzt wurde und dessen stereochemische Zusammensetzung offenkundig nicht isomerspezifisch bewertet wurde. Im Bundesinteresse an der Vermeidung von Gesundheitsrisiken und der Stärkung der Arzneimittelsicherheit ergibt sich das Fragerecht nach Auffassung der Fragesteller als notwendiges Instrument, um die Handhabung durch Behörden wie das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zu prüfen.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen11

1

War der Bundesregierung bzw. waren den zuständigen Bundesbehörden (insbesondere dem Paul-Ehrlich-Institut – PEI) im Zeitpunkt der erstmaligen Zulassung von Comirnaty bekannt, dass das ionisierbare Lipid ALC-0315 aufgrund zweier stereogener Zentren als Gemisch aus zwei Enantiomeren und einer meso-Form vorliegt?

2

Wurde im Rahmen der Zulassung die stereochemische Zusammensetzung von ALC-0315 bewertet, inklusive Daten oder Spezifikationen in den CMC-Unterlagen (CMC = Chemistry, Manufacturing and Controls), wenn ja, welche analytischen Methoden (z. B. chirale Hochleistungsflüssigkeitschromatografie [HPLC], NMR-Spektroskopie [NMR = Kernspinresonanz]) und Grenzwerte wurden angesetzt (bitte detailliert darstellen), und wenn nein, wie erklärt sich aus Sicht des PEI die nach Auffassung der Fragesteller Vernachlässigung dieses grundlegenden Aspekts der Arzneimittelsicherheit, insbesondere im Lichte der langjährigen regulatorischen Bedeutung der Stereochemie?

3

Auf welche toxikologischen und pharmakologischen Daten stützte sich die Bewertung der Sicherheit von ALC-0315, und bezogen sich diese Daten ausschließlich auf das Isomerengemisch oder auf ein stereochemisch definiertes Einzelisomer?

4

Wurde, da die mRNA selbst ein hochgradig chirales Molekül ist, geprüft, ob zwischen der modifizierten mRNA und ALC-0315 stereoselektive Wechselwirkungen auftreten können, und können Unterschiede in der stereochemischen Zusammensetzung der ALC-0315-Chargen theoretisch zu unterschiedlichen Wirk- oder Nebenwirkungsprofilen führen?

5

Hat sich die Bundesregierung zu der im Jahr 2025 veröffentlichten JACS-Studie (JACS = Journal of the American Chemical Society), die signifikante Unterschiede in der Zelltoxizität der einzelnen Stereoisomere von ALC-0315 beschreibt und das (S,S)-Isomer als deutlich verträglicher identifiziert, eine eigene Auffassung erarbeitet, und wenn ja, wie lautet diese?

6

Inwiefern unterscheidet sich nach Kenntnis der Bundesregierung die stereochemische Bewertung von Hilfsstoffen im beschleunigten oder bedingten Zulassungsverfahren von derjenigen im regulären Zulassungsverfahren, und sieht die Bundesregierung vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse einen Nachbewertungsbedarf hinsichtlich der Sicherheit von ALC-0315 gemäß § 5 AMG?

7

Welche regulatorischen Möglichkeiten bestehen nach Auffassung der Bundesregierung, Hersteller künftig zu verpflichten, bei chiralen Hilfsstoffen mit mehreren Stereozentren definierte Einzelisomere anstelle von Isomerengemischen einzusetzen?

8

Wurden oder werden seitens der Bundesregierung, des PEI oder anderer zuständiger Behörden des Bundes Gespräche mit dem Hersteller BioNTech/Pfizer über eine mögliche Umstellung auf ein einzelnes, stereochemisch definiertes Isomer von ALC-0315 (z. B. das (S,S)-Isomer) geführt oder beabsichtigt, und wenn ja, mit welchem Ergebnis?

9

Hat das PEI Daten zu potenziellen Langzeitrisiken der Stereoisomere von ALC-0315 gesammelt, und wie werden diese in der Post-Marketing-Überwachung berücksichtigt?

10

Wird die Bundesregierung die vollständigen CMC-Unterlagen zu ALC-0315 (einschließlich stereochemischer Daten) der Öffentlichkeit zugänglich machen?

11

Wird das PEI eine öffentliche Stellungnahme zu den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeben, und welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dem Fall ALC-0315 für zukünftige Zulassungsverfahren neuartiger Impfstoffe und Arzneimittel im Hinblick auf die Anforderungen an stereochemische Reinheit, Transparenz und isomerspezifische Sicherheitsprüfungen?

Berlin, den 17. Dezember 2025

Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion

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