Offene Fragen und Forschungsbedarf hinsichtlich der zunehmenden Entstehung (herbizid-)resistenter „Superunkräuter“
der Abgeordneten René Röspel, Dr. Ernst Dieter Rossmann, Dr. Hans-Peter Bartels, Klaus Barthel, Willi Brase, Ulla Burchardt, Elvira Drobinski-Weiß, Michael Gerdes, Iris Gleicke, Klaus Hagemann, Christel Humme, Oliver Kaczmarek, Daniela Kolbe (Leipzig), Ute Kumpf, Thomas Oppermann, Florian Pronold, Marianne Schieder (Schwandorf), Swen Schulz (Spandau), Andrea Wicklein, Dagmar Ziegler, Dr. Frank-Walter Steinmeier und der Fraktion der SPD
Vorbemerkung
Das Auftauchen (herbizid-)resistenter Beikräuter in der Landwirtschaft ist kein neues Phänomen, sondern ein natürlicher evolutionärer Prozess, der allerdings durch langjährigen monokulturellen Anbau, unabhängig davon, ob es sich dabei um gentechnisch veränderte oder konventionelle Pflanzen handelt, beschleunigt und verstärkt wird. Da aber gerade die sich auf dem Vormarsch befindende Agro-Gentechnik die industrialisierte, monokulturelle Landwirtschaft befördert, ist ein Anstieg von resistenten Beikräutern zu befürchten.
Erste Berichte über die in der öffentlichen Diskussion – und der Konsistenz halber auch in diesem Antrag – so genannten Superunkräuter aus Ländern, in denen bereits großflächig gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, deuten darauf hin, dass es sich hierbei um ein wachsendes Problem handelt.
Insofern stellt sich für Gesellschaft und Parlament die Frage nach dem Wissensstand der Bundesregierung in dieser Frage sowie nach bestehenden Erkenntnislücken sowie dem bestehenden Forschungsbedarf.
Der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen hat in der Bundesrepublik Deutschland weder eine lange Geschichte noch ist er bislang weit verbreitet. Da allerdings die Agro-Gentechnik von der Koalition der Fraktionen der CDU/CSU und FDP als eine Zukunftsbranche für Forschung, Wirtschaft und Landwirtschaft mit großem Potenzial angesehen wird und im Rahmen der Forschungsstrategie Bioökonomie auch zukünftig großzügig mit Fördermitteln unterstützt werden soll, muss mit einem Zuwachs von Feldern, auf denen gentechnisch veränderte Pflanzen wachsen, gerechnet werden. Aus diesem Grunde stellt sich absehbar verstärkt die Frage, welche Erkenntnisse der Bundesregierung in Bezug auf das vermehrte Auftreten von „Superunkräutern“ vorliegen und wo ein erhöhter Forschungsbedarf bereits heute erkennbar ist.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen23
Gibt es wissenschaftliche Ausarbeitungen zur Bewertung der Problematik von so genannten Superunkräutern, und falls ja, um welche Stellungnahmen bzw. Studien handelt es sich (bitte um tabellarische Übersicht)?
Welche in Deutschland aufgetretenen Fälle von unerwünschten Resistenzen gegen Herbizide bei Unkräutern sind bisher aufgetreten (bitte um tabellarische Übersicht)?
Gibt es von der Bundesregierung geförderte Forschungsprojekte zur Bekämpfung von Resistenzen gegen Herbizide bei Unkräutern?
Aus welchen Haushaltstiteln werden Forschungsprojekte zum Thema „herbizidresistene Unkräuter“ gefördert, und werden die Hersteller von Herbiziden an den Kosten dieser Forschungsprojekte beteiligt?
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die Hersteller von Herbiziden an den Kosten für die Forschung zur Bekämpfung von Herbizidresistenzen beteiligt werden sollten, und wenn nein, warum nicht?
Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung bereits ergriffen oder plant sie zu ergreifen, um ein wirksames Resistenzmanagement zu etablieren, und welche Forschungsprojekte werden diesbezüglich unterstützt?
Sind Einrichtungen der Ressortforschung mit dem Thema „Superunkräuter“ befasst, und wenn ja, welche Einrichtungen, und wenn nein, warum nicht?
Hat sich die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit bereits mit dem Thema „Superunkräuter“ befasst, und wenn nein, warum nicht?
Waren die so genannten Superunkräuter bereits Thema in den Beratungen des Bioökonomierates, und wenn nein, warum nicht?
Welche internationalen Fälle von Unkrautresistenzen sind der Bundesregierung bekannt?
Gibt es Forschungsprojekte auf EU-Ebene, die sich mit der Bekämpfung von resistenten Unkräutern befassen?
Wie bewertet die Bundesregierung die aktuellen Berichte über Resistenzen im Bereich des Anbaus von gentechnisch veränderten Pflanzen im Vergleich zur Entstehung von Resistenzen für Herbizide in der konventionellen Landwirtschaft, und welche wissenschaftlichen Studien sind der Bundesregierung diesbezüglich bekannt?
Sieht die Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen der Agro-Gentechnik und der Entstehung von „Superunkräutern“, und falls ja, welche Rolle spielt dieser Aspekt für die Bewertung der Agro-Gentechnik durch die Bundesregierung?
Ist der Bundesregierung bekannt, wie sich das vermehrte Auftreten von „Superunkräutern“ auf den Herbizideinsatz auswirkt, und teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass sich durch das vermehrte Auftreten von „Superunkräutern“ der Vorteil, der allgemein in Bezug auf den Herbizideinsatz bei der Nutzung von gentechnisch veränderten Pflanzen konstatiert wird, mittelfristig mehr als kompensiert wird?
Für wie wahrscheinlich hält die Bundesregierung das Auftauchen von so genannten Superunkräutern in Deutschland durch den vermehrten Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen, und wie wird die Einschätzung – insbesondere aufgrund welcher wissenschaftlicher Studien – begründet?
Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung für ihre Landwirtschafts- sowie Forschungspolitik aus den Berichten über eine „superweed explosion“ in den USA (siehe etwa Wall Street Journal, „Superweed Outbreak Triggers Arms Race“ vom 4. Juni 2010 sowie France 24, , „Superweed“ explosion threatens Monsanto heartlands‘ vom 19. April 2009)?
Sind der Bundesregierung die Vorschläge von Monsanto Agrar Deutschland GmbH und anderen Unternehmen an Bauern bekannt, die darauf abzielen, durch einen Mix von Herbiziden gegen resistente Unkräuter vorzugehen, welche Folgen für Umwelt und Natur sind bei einem solchen Vorgehen zu erwarten, und wie bewertet die Bundesregierung diesen Sachverhalt?
Wie hoch schätzt die Bundesregierung aktuell die Schäden für die bundesdeutsche Landwirtschaft aufgrund von Herbizidresistenzen ein?
Welche Auswirkungen hat der Patentschutz für den Kampf gegen herbizidresistente Unkräuter, und ist die Bundesregierung der Auffassung, dass nach aktuellem Stand des Patentrechts der Wissenschaft und Forschung ein hinreichendes Wissen vorliegt, um gezielt Maßnahmen gegen bestimmte „Superunkräuter“ zu entwickeln, ohne gegen einen gegebenenfalls bestehenden Patentschutz zu verstoßen?
Ist der Bundesregierung bekannt, ob und in welcher Zahl sich in den USA oder in vergleichbaren Staaten Bauern aufgrund der „Superunkräuter“-Problematik dazu entschieden haben, zu Lasten des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen wieder auf konventionelle Pflanzen zu setzen?
Welche Auswirkungen hat die Zunahme des Entstehens so genannter Superunkräuter auf die Biodiversität, und welche Rolle spielte dieser Aspekt in den Planungen zum „Jahr der Biodiversität 2010“?
Sieht die Bundesregierung das Aufkommen von „Superunkräutern“ auch als Chance an, da aufgrund der zunehmenden Problematik auch die Forschungsausgaben der herbizidherstellenden Firmen voraussichtlich steigen werden, und wie plant die Bundesregierung, diese Bemühungen zu unterstützen?
Wie haben sich die Kosten für deutsche Landwirte zur Bekämpfung von Unkräutern seit 2000 entwickelt, und welche Rolle spielen (Herbizid-) Resistenzen für diese Kostenentwicklung?