Ursachen und Perspektiven für 1,5 Millionen junge Menschen ohne Schuloder Berufsabschluss
der Abgeordneten Willi Brase, Dr. Ernst Dieter Rossmann, Ulla Burchardt, Dr. Hans-Peter Bartels, Klaus Barthel, Petra Ernstberger, Michael Gerdes, Iris Gleicke, Klaus Hagemann, Christel Humme, Oliver Kaczmarek, Daniela Kolbe (Leipzig), Ute Kumpf, Caren Marks, Thomas Oppermann, Florian Pronold, René Röspel, Marianne Schieder (Schwandorf), Silvia Schmidt (Eisleben), Swen Schulz (Spandau), Andrea Wicklein, Dagmar Ziegler, Dr. Frank-Walter Steinmeier und der Fraktion der SPD
Vorbemerkung
In Deutschland leben rund 1,5 Millionen junge Erwachsene im Alter zwischen 20 und 29 Jahren ohne Berufsabschluss. Damit verfügen laut Berufsbildungsbericht 2010 rund 15 Prozent der Menschen dieser Altersgruppe nicht über die notwendige Voraussetzung für eine hinreichende und zukunftssichernde Beteiligung am Erwerbsleben. So haben sich Bund und Länder in der „Qualifizierungsinitiative für Deutschland“ verpflichtet, die Zahl der jungen Erwachsenen ohne abgeschlossene Berufsausbildung von 17 Prozent in 2008 auf 8,5 Prozent bis 2015 zu halbieren. Von diesem Ziel ist Deutschland somit noch weit entfernt.
Der Berufsbildungsbericht vermag keine differenzierte Analyse der Betroffenen zu leisten, auch weil die Datenlage zur Zusammensetzung, typischen Lebenslagen und auch zu den Gründen, wie lebensbiografischen Weichenstellungen der betroffenen Personen, offenbar unzureichend ist. Hinzu kommt eine hohe Dynamik, da die nach wie vor rund 65 000 Schulabbrecher jedes Jahr oder auch die am Ausbildungsmarkt wiederholt Erfolglosen und in nichtqualifizierenden Maßnahmen ausharrenden Jugendlichen den Kreis der potenziell Betroffenen ständig wieder auffüllen.
Die Ursachen für eine dauerhafte Ausbildungslosigkeit sind in Grundzügen bekannt. Zu den individuellen Ursachen zählen zum Beispiel ein fehlender oder niedriger Schulabschluss oder auch ein Ausbildungsabbruch. Zudem gelang es in den vergangenen Jahren auch regelmäßig nicht, eine ausreichende Zahl an dualen Ausbildungsplätzen oder anderen vollqualifizierenden Ausbildungsangeboten zur Verfügung zu stellen. Die Rekordzahl von so genannten Altbewerbern sowohl im Übergangssystem als auch bei den Ausbildungsplatzbewerberinnen und -bewerbern jedes Jahr belegt dies unzweifelhaft. Zwar konnte jüngst die weitere Steigerung gestoppt werden, aber von einer nachhaltigen Trendumkehr zum Abbau der Altbewerber kann noch keine Rede sein. Ein tatsächlich bedarfsdeckendes Ausbildungsangebot bleibt auch 2011 eine reine Wunschvorstellung der Wirtschaftsverbände.
Die Folgen für junge Erwachsene ohne Schul- und Berufsabschluss liegen auf der Hand. Arbeitslosigkeit oder die zwangsläufige Aufnahme einer prekären Beschäftigung erschwert die Entwicklung einer Perspektive in der Lebens- und Berufsplanung und verringert die Chance auf eine Teilhabe an der Gesellschaft.
Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten liegen Begabungspotenziale brach, die besonders angesichts der demografischen Entwicklung und dem daraus prognostizierten Fachkräftemangel in Deutschland gehoben werden müssen. Es besteht folglich akuter Handlungsbedarf, um diesen jungen Erwachsen bessere Lebensperspektiven zu eröffnen und sie umgehend in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu integrieren.
Wir fragen die Bundesregierung:
Soziale Dimension
Qualifikatorische Dimension
Erwerbssituation
Maßnahmen
Fragen46
Wie setzten sich die 1,5 Millionen betroffenen jungen Erwachsenen hinsichtlich des sozioökonomischen Status der Eltern zusammen (z. B. nach International Socio-Economic Index of Occupational Status)?
Wie hoch ist der Anteil von Frauen an den Betroffenen?
Wie hoch ist der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an den Betroffenen?
Wie hoch ist unter diesen der Anteil der Migrantinnen und Migranten der zweiten bzw. späteren Generation?
Wie viele der Betroffenen haben ein unterhaltspflichtiges Kind? Wie viele haben zwei oder mehr unterhaltspflichtige Kinder?
Wie hoch ist darunter der Anteil von alleinerziehenden Elternteilen? Wie viele davon sind Frauen?
Wie hoch ist der Anteil der Menschen mit Behinderung an den Betroffenen sowie an den in Frage 2 bis 6 abgefragten Gruppen, und wie wird dies insbesondere für den Bericht der Bundesregierung über die Lage der Menschen mit Behinderung in Zukunft erfasst und dargestellt?
Wie hoch ist der Anteil von Menschen ohne allgemeinbildenden Schulabschluss an den 1,5 Millionen betroffenen jungen Erwachsenen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil von Menschen ohne Berufsabschluss an den 1,5 Millionen betroffenen jungen Erwachsenen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil von Menschen sowohl ohne allgemeinbildenden Schulabschluss als auch ohne Berufsabschluss an den Betroffenen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil derjenigen an den Betroffenen, die einen begonnenen vollqualifizierenden Ausbildungsgang (differenzieren nach dual, überbetrieblich und vollschulisch) abgebrochen haben? Wie viele haben bereits zwei oder mehr Ausbildungsgänge abgebrochen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil derjenigen an den Betroffenen, die ein Studium an einer Hochschule abgebrochen haben bzw. nicht erfolgreich beendet haben? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil derjenigen an den Betroffenen, die bereits eine nicht- oder nur teilqualifizierende Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit (BA) oder der Länder abgeschlossen haben? Wie viele haben bereits zwei oder mehr solcher Maßnahmen abgeschlossen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist darunter der Anteil derjenigen an den Betroffenen, die eine Einstiegsqualifizierung nach dem Dritten Buch Sozialgesetzbuch (SGB III) durchlaufen haben? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil derjenigen an den Betroffenen, die eine nicht- oder nur teilqualifizierende Maßnahme der BA oder der Länder abgebrochen haben? Wie viele haben bereits zwei oder mehr solcher Maßnahmen abgebrochen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil derjenigen an den 1,5 Millionen betroffenen jungen Erwachsenen, die erwerbslos sind? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist jeweils der Erwerbslosenanteil unter den Betroffenen, die keinen Schulabschluss haben, die keinen Berufsabschluss sowie die ein Studium begonnen und abgebrochen haben?
Wie hoch ist unter den Erwerbslosen der Anteil der ALG-II-Bezieher nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) bzw. der Sozialhilfebezieher nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XII)? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil derjenigen an den erwerbstätigen Betroffenen, die einer nicht bzw. nicht voll sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist darunter der Anteil derjenigen an den Betroffenen, die einem so genannten Minijob (bis 400 Euro/Monat) nachgehen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist darunter der Anteil derjenigen, die einem so genannten 800-Euro-Job nachgehen („Gleitzone Niedriglohnsektor“, 401 bis 800 Euro/Monat)? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil derjenigen an den erwerbstätigen Betroffenen, die einer Beschäftigung in Teilzeit nachgehen? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
Wie hoch ist der Anteil derjenigen an den erwerbstätigen Betroffenen, die zur Sicherung des Existenzminimums aufstockende Transferleistungen nach SGB II zu ihrem Einkommen erhalten? Wie viele davon sind Frauen? Wie viele davon haben einen Migrationshintergrund? Wie viele haben eine Behinderung?
In welchen Branchen sind die erwerbstätigen Betroffenen tätig (fünf wichtigsten)?
Welchen Tätigkeiten gehen die erwerbstätigen Betroffenen nach (zehn wichtigsten)?
Mit welchen Maßnahmen bekämpft die Bundesregierung, wie in der Qualifizierungsinitiative verlangt, den hohen Anteil junger Erwachsener ohne Schul- oder Berufsabschluss (jährliche Teilnehmerzahl ab 2008, dafür eingesetzte Mittel, Abbruchquote, geplante Mittel bis 2015)?
Welche Maßnahmen sind dabei vor allem auf Frauen und Alleinerziehende ohne Schul- oder Berufsabschluss ausgerichtet (jährliche Teilnehmerzahl ab 2008, eingesetzte Mittel, Abbruchquote)?
Welche Maßnahmen sind dabei vor allem auf Menschen mit Behinderung ohne Schul- oder Berufsabschluss ausgerichtet (jährliche Teilnehmerzahl ab 2008, eingesetzte Mittel, Abbruchquote)?
Welche Maßnahmen sind auf die Gruppe derjenigen jungen Erwachsenen gerichtet, die ohne einen erfolgreichen Studienabschluss geblieben sind?
Welche Maßnahmen sind dabei vor allem auf junge Erwachsene mit Migrationshintergrund ausgerichtet (jährliche Teilnehmerzahl ab 2008, eingesetzte Mittel, Abbruchquote)?
Welche zusätzlichen Maßnahmen plant oder erwägt die Bundesregierung, um die Verringerung des Anteils junger Erwachsener ohne Schul- oder Berufsabschluss zu fördern, zu beschleunigen oder besser auf Zielgruppen zu fokussieren?
Wie bewertet die Bunderegierung die Tatsache, dass der Anteil der jungen Erwachsenen ohne Schul- oder Berufsabschluss bereits seit Jahren auf dem Niveau von rund 1,5 Millionen stagniert und eingeleitete Maßnahmen zur Reduzierung offenbar nicht gegriffen haben?
Hält die Bundesregierung vor diesem Hintergrund an der Zielquote fest, den Anteil junger Erwachsener ohne Berufsabschluss bis 2015 auf 8,5 Prozent zu senken?
Welche Bedeutung hat aus Sicht der Bundesregierung das Nachholen eines Schulabschlusses für die betroffenen Menschen hinsichtlich ihrer Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt und damit ihrer Lebens- und Berufsperspektiven?
Wie viele junge arbeitslose Erwachsene machen von der Möglichkeit zum Nachholen eines Hauptschulabschlusses über eine Förderung durch die Bundesagentur für Arbeit Gebrauch (nach § 61a SGB III), jährliche Teilnehmerzahlen, eingesetzte Mittel)?
Sieht die Bundesregierung die Kopplung des Nachholens des Hauptschulabschlusses an eine berufsvorbereitende Maßnahme als Einstiegshürde für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an? Wenn ja, was unternimmt die Bundesregierung, damit Jugendliche auch außerhalb einer berufsvorbereitenden Maßnahme eine Hauptschulabschluss nachholen können?
Hält die Bundesregierung an ihrer Absicht fest, diese bisherige Pflichtleistung der Arbeitsförderung nach SGB III in eine Ermessensleistung umzuwandeln? Wenn ja, wann wird sie einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen?
Welche Maßnahmen des Ende vergangenen Jahres verlängerten Nationalen Pakts für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs 2010 bis 2014 sind aus Sicht der Bundesregierung darauf ausgerichtet oder zumindest geeignet, die Zahl junger Erwachsener ohne Schul- oder Berufsabschluss zu verringern (differenziert nach Vorhaben, eingesetzte Mittel)?
Welche dieser Maßnahmen sind auf die Förderung von jungen Frauen ohne Schul- oder Berufsabschluss ausgerichtet?
Welche dieser Maßnahmen sind auf die Förderung von Menschen mit Behinderung ohne Schul- oder Berufsabschluss ausgerichtet?
Welche dieser Maßnahmen sind auf die Förderung von jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund ohne Schul- oder Berufsabschluss ausgerichtet?
Wie beurteilt die Bundesregierung den Vorschlag, wichtige Indikatoren zur Situation und Perspektiven von jungen Erwachsenen ohne Schul- oder Berufsabschluss in die regelmäßige Berichterstattung des Nationalen Bildungsberichts aufzunehmen?
Wie beurteilt die Bundesregierung den Vorschlag, darüber hinaus die Situation und Perspektiven von jungen Erwachsenen ohne Schul- oder Berufsabschluss zum Schwerpunktthema des Nationalen Bildungsberichts 2014 zu wählen (nach „kulturelle und musisch-ästhetische Bildung“ für 2012)?
Wie bewertet die Bundesregierung das von der Bertelsmann Stiftung am 24. Januar 2011 vorgelegten Rahmenkonzept zu einer Initiative „Übergänge mit System“? Welche darin vorgeschlagenen Maßnahmen will sie gegebenenfalls für die kurz-, mittel- oder langfristige Verringerung der Quote von jungen Erwachsenen ohne Schul- oder Berufsabschluss nutzen?
Wie bewertet die Bundesregierung den Vorschlag, in einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe einen kurzfristig wirkenden Maßnahmenkatalog zu entwickeln, um auch vor dem Hintergrund des prognostizierten Fachkräftemangels die jungen Erwachsenen ohne Schul- oder Berufsabschluss umgehend zu einem nachholenden Schul- bzw. Berufsabschluss bzw. akademischen Abschluss zu führen?
Ist eine solche Arbeitsgruppe derzeit vorgesehen, und wenn nein, wird die Bundesregierung ihrerseits eine Initiative zur Einsetzung einer solchen Arbeitsgruppe ergreifen? Wenn nein, warum nicht?