Folsäure-Prophylaxe
der Abgeordneten Hubert Hüppe, Andreas Storm, Annette Widmann-Mauz, Dr. Wolf Bauer, Monika Brüning, Verena Butalikakis, Dr. Hans Georg Faust, Michael Hennrich, Volker Kauder, Barbara Lanzinger, Maria Michalk, Hildegard Müller, Matthias Sehling, Jens Spahn, Matthäus Strebl, Gerald Weiß (Groß-Gerau), Wolfgang Zöller und der Fraktion der CDU/CSU
Vorbemerkung
Neuralrohrdefekte (NRD) sind schwerwiegende Schädigungen, die in der Frühschwangerschaft (22. bis 28. Tag post conceptionem) entstehen, wenn bei dem Embryo der Verschluss des Neuralrohres erfolgt. Zu den NRD zählen die Behinderungen Anenzephalus, Enzephalozele und Spina bifida. Die Ursachen der NRD sind exogen oder multifaktoriell bedingt. Zu den exogenen Faktoren zählen Folsäuremangel, mütterlicher Diabetes mellitus, bestimmte Medikamente (z. B. Valproinsäure) und mütterliche Adipositas. Die Folgen mütterlichen Folsäuremangels sind Fehlbildungen beim Fötus, eine erhöhte Abortrate, intrauterine Wachstums-Retardierung, Frühgeburtlichkeit und vorzeitige Plazentalösung.
Laut einer Hochrechnung der Johannes Gutenberg-Universität Mainz werden jährlich 800 bis zu 1 600 Kinder mit Spina bifida trotz Screening und Schwangerschaftsabbrüchen geboren. Die exakte Prävalenz in Deutschland ist unbekannt. Lediglich für das Mainzer Geburtenregister liegen exakte Daten vor.
Die Wirksamkeit der perikonzeptionellen Folsäure zur Reduktion von NRD ist durch Studien in den USA eindeutig nachgewiesen (vgl. MRC Vitamin Study Research Group. Prevention of neural tube defects in: Lancet 1991, 338: 131–137; Czeizel, AE, Dudás in: Med 1992, 327: 1832–1835). In einigen Ländern, unter anderem den USA, wird inzwischen das Grundnahrungsmittel Mehl obligatorisch mit Folsäure angereichert. Inzwischen spricht sich in Deutschland die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin deutlich für eine Anreicherung von Grundnahrungsmitteln aus.
Durch die perikonzeptionelle Folsäureeinnahme (vier Wochen vor der Konzeption und während der ersten acht Wochen der Schwangerschaft) von 400 µg Folsäure täglich können 70 % aller NRD vermieden werden.
Zurzeit wird eine Folsäureprophylaxe in Deutschland von weniger als 9 % aller Schwangeren durchgeführt. Wichtig für eine effektive Prophylaxe sind der richtige Zeitpunkt und die richtige Dosierung.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen13
Wie viele Kinder mit NRD werden nach Kenntnis der Bundesregierung jährlich lebend geboren und wie viele Kinder mit NRD werden in Deutschland nach einer pränatalen Diagnose von NRD abgetrieben?
Auf welche Erhebungen stützt die Bundesregierung ihre Zahlen?
Wie haben sich diese Zahlen in den letzten zehn Jahren entwickelt?
Wie beurteilt die Bundesregierung den Zusammenhang zwischen perikonzeptioneller Folsäureeinnahme und Vermeidbarkeit von NRD, und auf welche Daten stützt die Bundesregierung ihre Einschätzung?
Gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung einen Effektivitätsnachweis für die perikonzeptionelle Folsäuregabe als Präventionsmaßnahme zur Verhinderung von NRD in Deutschland?
Wenn nein, hält die Bundesregierung eine entsprechende Abklärung in Deutschland für wünschenswert, und was gedenkt die Bundesregierung zu tun, damit entsprechende Untersuchungen in Deutschland durchgeführt werden?
Wo gibt es weltweit Effektivitätsnachweise über die prophylaktische Wirkung von Folsäure zur Verhinderung von NRD, und zu welchen Ergebnissen kamen die Studien jeweils?
Sieht die Bundesregierung neben der perikonzeptionellen Folsäureeinnahme eine andere Möglichkeit zur Verhinderung von NRD als ebenso effektiv an?
Wenn ja, welche und wie sollte sie durchgeführt werden?
Gedenkt die Bundesregierung Maßnahmen zu ergreifen, um die Wirkung perikonzeptioneller Folsäureeinnahme in der Fachwelt und der Bevölkerung bekannt zu machen?
Wie können Schwangerschaften, die in den ersten Wochen nicht bekannt sind, ebenfalls in die Prophylaxe einbezogen werden bzw. von prophylaktischen Maßnahmen erreicht werden?
Gibt es hierzu öffentlich geförderte Aufklärungs- und Werbekampagnen?
Wie können nach Auffassung der Bundesregierung die Bevölkerung, insbesondere Frauen mit Kinderwunsch oder Frauen, die bereits Kinder mit NRD haben, über die prophylaktische Wirkung von Folsäure informiert werden?
Inwieweit können nach Auffassung der Bundesregierung Krankenkassen und die Industrie in Aufklärungs- und Informationskampagnen einbezogen werden?
Wie soll nach Ansicht der Bundesregierung die Aufklärungs- und Werbekampagne unter dem medizinischen Personal durchgeführt werden?
Plant die Bundesregierung, die Folsäureeinnahme zur Prophylaxe von NRD in das von der Bundesregierung angestrebte Präventionsgesetz einfließen zu lassen?
Wie erklärt sich die Bundesregierung, dass die perikonzeptionelle Einnahme von Folsäure in den USA bei 45 % liegt, während sie in Deutschland kaum bekannt ist?
Sind der Bundesregierung Daten bekannt, inwieweit Folsäureeinnahme auch bei anderen Erkrankungen und Behinderungen positive Effekte hat?