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Kleine AnfrageWahlperiode 13Beantwortet
Die Hetendorfer Tagungswoche, deren Initiator Jürgen Rieger und der Rechtsextremismus (G-SIG: 13012636)
Verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse über die Hetendorfer Tagungswoche
Fraktion
PDS
Ressort
Bundesministerium des Innern
Datum
15.07.1997
Aktualisiert
26.07.2022
BT13/811926.06.1997
Die Hetendorfer Tagungswoche, deren Initiator Jürgen Rieger und der Rechtsextremismus
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
13. Wahlperiode
Drucksache 13/8119
26. 06. 97
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS
Die Hetendorfer Tagungswoche, deren Initiator Jürgen Rieger
und der Rechtsextremismus
Die 7. Hetendorfer Tagungswoche, die vom 14. bis 22. Juni 1997
auf dem Gelände Hetendorf 13 stattfand, war zunächst vom
niedersächsichen Innenministerium verboten worden. Dieses Verbot
wurde jedoch vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg wieder
aufgehoben (FR, 16. Juni 1997). Initiator der diesjährigen wie auch
der vorangegangenen Tagungswoche war Jürgen Rieger.
Die 6. Hetendorfer Tagungswoche, die z. B. im letzten Jahr stattfand,
wurde veranstaltet von Vereinen aus dem neofaschistischen
Spektrum, wie der „Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-
Gemeinschaft e. V.", dem „Familienwerk e. V.", der „Gesellschaft für
biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e. V."
(GfbAEV), dem „Heide-Heim e. V.", dem „Heinrich-Anacker-Kreis
e. V.", dem „Nordischen Ring e. V." und der „Northern League
e. V. ". Die „Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-
Gemeinschaft e. V. ", deren Leiter Jürgen Rieger ist, versteht sich selbst als
„Kampfverband", der „um die Möglichkeiten einer artgemäßen
Lebensführung kämpfen muß" (zit. nach: Handbuch deutscher
Rechtsextremismus [HdR], hrsg. v. Jens Mecklenburg, Berlin 1996,
S. 370). In der von ihr herausgegebenen Zeitschrift, der „Nordischen
Zeitung", werden regelmäßig Beiträge aus Zeitungen
nachgedruckt, die zur Zeit des Nationalsozialismus erschienen sind. Die
„Artgemeinschaft" unterhält außerdem gute Verbindungen zum
militanten Neofaschismus (HdR, hrsg. v. Jens Mecklenburg, Ber lin
1996, S. 369 bis 370).
Die GfbAEV, als deren Vorsitzender der Rechtsanwalt Jürgen
Rieger seit 1972 fungiert, orientiert sich ebenfalls an der
nationalsozialistischen Rassepolitik und bekämpft die angebliche
„Rassenmischung", die die „nordische Rasse" schwäche. Nach
Einschätzung des Landesamts für Verfassungsschutz Niedersachsen
verbreitet die GfbAEV - einer der Trägervereine der „Hetendorfer
Tagungswoche" - in ihren Informationsblättern „offenen
Rassismus" (Verfassungsschutzbericht 1996 des Landesamts für
Verfassungsschutz Niedersachsen, S. 41). In ihrem Beirat und im Umkreis
der Zeitschrift „Neue Anthropologie" befinden sich zahlreiche
Vertreter des internationalen Rechtsextremismus wie Alain de Benoist
(Frankreich) oder der US-Amerikaner Arthur R. Jensen (HdR, hrsg.
v. Jens Mecklenburg, Berlin 1996, S. 265 bis 266; Astrid Lange: „Was
die Rechten lesen", München 1993, S. 117). Die GfbAEV hat sich im
Januar diesen Jahres aufgelöst und ihren Sitz nach Moholm in
Schweden verlegt (Verfassungsschutzbericht 1996 des Landesamts
für Verfassungsschutz Niedersachsen, S. 39). Hinter den
Kulissen zieht Jürgen Rieger - Strafverteidiger des neofaschistischen
Lagers, ehemals Mitglied der verbotenen „Nationalen Front" und
der FAP - die Fäden: Als Strafverteidiger des ehemaligen SS-
Führers Arpad Wigand behauptete Jürgen Rieger 1976, die Einrichtung
des Warschauer Ghettos sei eine seuchenhygienische Maßnahme
gewesen (HdR, hrsg. v. Jens Mecklenburg, Berlin 1996, S. 513;
Drahtzieher im braunen Netz. Der Wiederaufbau der „NSDAP",
hrsg. v. ID-Archiv im ISSG, Berlin/Amsterdam 1992, S. 30).
Der mehrmals vorbestrafte Jürgen Rieger hat nach Angaben der
Presse aus dem Agrarfond der EU Fördermittel für „ökologischen
Anbau" erhalten. Das von ihm gekaufte 650 ha große Schloßgut
bei Mariestad in Mittelschweden, das 3,4 Mio. DM gekostet haben
soll, wurde aus EU-Mitteln in Höhe von 225 000 DM (aus dem
Agrarfond für „ökologischen Anbau") bezuschußt. Nach Angaben
der Jungen Welt erklärte der Sprecher der EU-Kommission, die
Auszahlung von Geldern für Strukturfondsprojekte liege in
nationaler Verantwortung (Junge Welt, 16. November 1996).
Über die Zeitschrift „Nation und Europa" suchte Jürgen Rieger
18 junge deutsche Familien, die daran Interesse haben, sich auf
seinem schwedischen Gut anzusiedeln, um do rt ein Leben in
„wunderschöner, unberührter Landschaft, nach eigener A rt , unbeeinflußt
durch Umerziehung, Überfremdung, Drogen und Rauschgift, mit
eigenem Kindergarten und Schule" (zit. nach: Junge Welt, 21.
Dezember 1995) zu führen.
Nach Angaben eines Redakteurs des Hamburger Abendblatts
(6. Oktober 1995) fährt Jürgen Rieger in Begleitung von jungen
Männern mit einem gepanzerten Fahrzeug durchs Gelände.
Bereits Anfang der 90er Jahre verfügte Jürgen Rieger über
gepanzerte Fahrzeuge aus NVA-Beständen, welche aber vom
Hamburger Landgericht eingezogen worden waren (ebd.).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse liegen der
Bundesregierung vor über die Hetendorfer Tagungswoche?
2. Welche verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse liegen der
Bundesregierung vor über folgende Vereine, die die
Hetendorfer Tagungswoche 1996 gestaltet haben:
a) die „Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-
Gemeinschaft e. V. ",
b) das „Familienwerk e. V.",
c) die „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und
Verhaltensforschung e. V.",
d) das „Heide-Heim e. V.",
e) den „Heinrich-Anacker-Kreis e. V. ",
f) den „Nordischen Ring e. V." und
g) die „Northern League e. V. "?
3. Welche verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse liegen der
Bundesregierung vor über folgende Referenten, die zur
Hetendorfer Tagungswoche 1996 eingeladen worden sind:
a) Harald Pannwitz (Referatsthema: „Völkertod und
Völkerüberleben"),
b) Wolfgang Juchem (Referatsthema: „Der Hintergrund des
Holocaust von Dresden"),
c) Prof. Dr. Helmut Schröcker (Referatsthema: „Siebenbürgen -
die Kulturleistungen eines deutschen Stammes"),
d) Dr. Heinrich Piebrock (Referatsthema: „Lenin läßt grüßen"),
e) Georg Thams (Referatsthema: „Die Verschiebung der
deutschen Westgrenze mit dem Aufstieg der westlichen
Nachbarn"),
f) Gerhard Seife rt (Referatsthema: „Fritz Vater - Künder
unserer Geschichte"),
g) Walter Drees (Referatsthema: „Das biologisch-
urgeschichtliche Weltbild"),
h) Carsten Eggert (Referatsthema: „Wie will man Spanuths
Atlantikthese austricksen?")?
4. Welche verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse liegen der
Bundesregierung über Jürgen Rieger vor?
a) Trifft es zu, daß Jürgen Rieger Mitglied der mittlerweile
verbotenen „Nationalen Front" war?
b) Trifft es zu, daß Jürgen Rieger die mittlerweile verbotene
„Nationale Front" geführt hat (Drahtzieher im braunen Netz.
Der Wiederaufbau der „NSDAP", hrsg. v. ID-Archiv im ISSG,
Berlin/Amsterdam 1992, S. 30, 47)?
c) Trifft es zu, daß Jürgen Rieger Mitglied der mittlerweile
verbotenen FAP war?
5. Trifft es nach Kenntnis der Bundesregierung zu, daß Jürgen
Rieger aus dem Agrarfonds der EU-Fördermittel für
„ökologischen Anbau" in Höhe von 225 000 DM erhalten hat?
6. Haben sich die schwedischen Behörden, die den Antrag von
Jürgen Rieger bearbeitet haben, an bundesdeutsche Behörden
wie beispielsweise an das Bundesamt für Verfassungsschutz
gewandt?
Wenn ja, welche Stellungnahmen haben bundesdeutsche
Behörden zu dem von Jürgen Rieger eingereichteten Antrag
abgegeben?
7. Zieht die Bundesregierung in Erwägung, bei der Kommission
der EU oder den schwedischen Behörden zu intervenieren, um
zu veranlassen, daß Jürgen Rieger die finanzielle Subvention
wieder entzogen wird?
Bonn, den 20. Juni 1997
Ulla Jelpke
Dr. Gregor Gysi und Gruppe]
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