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Kleine AnfrageWahlperiode 12Beantwortet

Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt und der Rechtsextremismus (G-SIG: 12010652)

Verbindungen der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) zu Rechtsextremisten, finanzielle Förderung der ZFI

Fraktion

PDS/LL

Ressort

Bundesministerium des Innern

Datum

16.03.1992

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 12/214821.02.92

Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt und der Rechtsextremismus

der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste

Vorbemerkung

Die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) besteht seit über zehn Jahren. In der „Sudetendeutschen Zeitung" vom 14. Juni 1991 wird die Tätigkeit der ZFI gewürdigt. Der Leiter der ZFI, Alfred Schickel, war — so der Autor — „von der Überzeugung durchdrungen, daß alles getan werden müßte, unsere deutsche zeitgeschichtliche Forschung zu abwägender Vernunft, Objektivität, Leidenschaftslosigkeit, pluralistischer Betrachtungsweise und den anderen traditionellen Richtlinien historischer Arbeit zurückzuführen".

Denn bis zur Gründung der ZFI sind nach Ansicht der „Sudetendeutschen Zeitung" auf dem Gebiet der neueren Geschichtsforschung „entscheidende Leistungen nicht von Fachhistorikern" erarbeitet worden, sondern von Angehörigen anderer Berufe oder von Ausländern wie David Irving.

Die ZFI unter Leitung Alfred Schickels habe — so die „Sudetendeutsche Zeitung" weiter — die „Historiographie aus dem Ghetto der Siegergeschichtsschreibung" herausgeführt, denn

  • „sie widerlegten ein ,Nürnberger Urteil' als krassen Justizirrtum,
  • sie erhellten und beschrieben die alliierte Siegerjustiz nach 1945,
  • sie untersuchten anhand neuer Quellen die Kriegsursachen der Jahre 1938 und 1939, gingen der Vorgeschichte des Münchner Abkommens nach und verdeutlichten bislang übersehene Zusammenhänge,
  • sie prüften die polnischen Verluste-Angaben nach und beschäftigten sich mit der Authentizität des sogenannten Wannsee-Protokolls".

Die „Forschungen" der ZFI hätten u. a. ergeben

  • „daß Pearl Harbor ein provozierter und überdies im Weißen Haus erwarteter Schlag der Japaner war, um in den Zweiten Weltkrieg eintreten zu können,
  • daß der Göbbelsschen Propaganda eine nicht minder gekonnte psychologische Kriegsführung der Alliierten gegenüberstand, die von bestimmten Resolutionen europastämmiger Amerikaner bis zur Lies-Factory der Briten reichte und noch in die Nachkriegsgeschichtsschreibung hineinwirkte,
  • daß es zwischen den zwei Weltkriegen nicht nur zwei politische Seuchen in Europa gegeben hat, sondern jenseits des Bugs eine dritte Ideologie sich zum Angriff auf Mitteleuropa vorbereitet hatte und lediglich durch einen Präventivschlag vom ersten Schuß abgehalten wurde,
  • daß der Papst gezielt in eine psychologische Kampagne gegen Deutschland einbezogen wurde und bewogen werden sollte, sich öffentlich gegen die Achsenmächte auszusprechen" (Sudetendeutsche Zeitung, 14. Juni 1991).

Wegen der Leugnung und Relativierung der Nazi-Verbrechen konnten sich die ZFI und Alfred Schickel nicht nur in der Vertriebenenpresse, sondern auch in der rechtsextremen Presse einer gewissen Anerkennung erfreuen. So berichtet beispielsweise die Zeitung „Nation und Europa" (früher „Nation Europa") regelmäßig über die Tagungen der ZFI und deren Ergebnisse.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen11

1

Wird die ZFI von der Bundesregierung als rechtsextrem eingestuft, und wenn nein, wieso nicht?

2

Wie bewertet die Bundesregierung die „Forschungsergebnisse" der ZFI vor dem Hintergrund des Aufschwungs der rechtsextremen „Geschichtsrevisionisten"?

3

Welche Verbindungen der ZFI zu Rechtsextremisten, zu rechtsextremen Verlagen und Publikationsorganen sind der Bundesregierung aus den letzten zehn Jahren bekannt?

4

Welche Rechtsextremisten sind in den vergangenen zehn Jahren auf Veranstaltungen/Tagungen der ZFI aufgetreten?

5

Welche Rechtsextremisten haben in Schriften der ZFI in den letzten zehn Jahren veröffentlichen können?

6

In welchen rechtsextremen Presseorganen wurde in den vergangenen zehn Jahren über die Arbeit der ZFI berichtet?

7

In welchen rechtsextremen Presseorganen haben Mitarbeiter der ZFI beziehungsweise dessen Leiter in den letzten zehn Jahren publiziert?

8

Auf welchen rechtsextremen Veranstaltungen haben Mitarbeiter der ZFI beziehungsweise deren Leiter in den letzten zehn Jahren referiert?

9

Wurde die ZFI aus Bundesmitteln gefördert, und wenn ja, welche Mittel wurden in den letzten zehn Jahren für welche Zwecke zur Verfügung gestellt?

10

Wurde die ZFI aus Mitteln des Bundes der Vertriebenen (BdV) gefördert, und wenn ja, welche Mittel wurden in den letzten zehn Jahren für welche Zwecke zur Verfügung gestellt?

11

Welche Bundesmittel, gegebenenfalls über den BdV, hat die Sudetendeutsche Zeitung bisher erhalten (bitte genau nach Jahren aufschlüsseln)?

Bonn, den 12. Februar 1992

Ulla Jelpke Dr. Gregor Gysi und Gruppe

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