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Kleine AnfrageWahlperiode 12Beantwortet

Experimente mit Katzen und Affen (G-SIG: 12010881)

Experimente im Fachbereich Physik der Universität Marburg mit Katzen und Rhesusaffen, bei denen den Tieren Elektroden ins Hirn eingepflanzt werden, Finanzierung, Forschungsergebnisse, evtl. Verwertung in der Militärtechnik, ethisch-moralische Vertretbarkeit der Experimente

Fraktion

Bündnis 90/Die Grünen

Ressort

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten

Datum

27.08.1992

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 12/283316.06.92

Experimente mit Katzen und Affen

der Abgeordneten Vera Wollenberger und der Gruppe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Im Fachbereich Physik der Philipps-Universität Marburg werden seit mehr als zehn Jahren Experimente mit Katzen gemacht, bei denen die Tiere Mikroelektroden ins Hirn eingeführt bekommen, mit denen die elektrischen Ströme gemessen werden sollen, die in aktivierten Hirnzellen fließen. Den Katzen werden sich bewegende Lichtpunkte gezeigt, die sie fixieren sollen. Während der Experimente werden die Katzen immobilisiert, indem der Schädel mittels Metallbolzen in einer Haltevorrichtung fixiert wird und indem muskelentspannende Substanzen gespritzt werden. Um nach der Tötung des Tieres im Hirnpräparat die Bahn der Mikroelektrode nachzeichnen zu können, werden während des Experiments durch kurzzeitig fließende Ströme punktförmige „Mikroläsionen" im Hirn gesetzt. Diese Experimente werden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), also mit Bundesmitteln, finanziert (zuletzt unter Re 547/2-2 und Ba 636/4-1,2).

Inzwischen sind die Katzenexperimente offenbar in den Hintergrund getreten, und die Gruppe arbeitet mit Rhesusaffen, die in solchen Experimenten normalerweise (vergleiche den Aufsatz von Wurtz: Journal Neurophysiology, 32, pp 727 bis 742) durch Flüssigkeitsentzug zur aktiven Teilnahme gezwungen werden. Die Tiere werden durch Belohnung mit einem Tropfen Wasser gezwungen, beim Erlöschen des Lichtsignals eine Taste zu drücken, wodurch eine Erfolgskontrolle gegeben ist, die bei Katzenexperimenten in dem Umfang offensichtlich nicht möglich ist. Die Fixierung der Tiere erfolgt bei vollem Bewußtsein im sogenannten „Primatenstuhl".

Diese Experimente zielen offenbar darauf ab, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie die Bildverarbeitung im Hirn höherer Lebewesen geschieht. Man erhofft sich Erkenntnisse, die es vielleicht einmal ermöglichen, „Blinde sehend zu machen", bzw. Erkenntnisse, die bei der Entwicklung „künstlicher Intelligenz" herangezogen werden könnten.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen9

1

Welche Geldmittel wurden der Gruppe für die aktuellen Affenexperimente bewilligt, wieviel wurde an die Gruppe bis heute insgesamt gezahlt?

2

Hält die Bundesregierung die Angabe der Forscher, diese Prozeduren seien für die Katzen schmerzlos, für glaubwürdig? Sind insbesondere die schweren Eingriffe ins Hirn der Tiere — Penetration der Hirnhäute und des Hirns, Setzen von vielen Mikroläsionen, Vortreiben der Mikroelektroden während des Experiments — tatsächlich unter allen Umständen schmerzlos? Hält es die Bundesregierung für möglich, daß die Tiere während der Versuche panische Angst empfinden, die nur infolge der Sedierung nicht zum Vorschein kommt?

3

Wie lange werden die Rhesusaffen bei den jetzt laufenden Experimenten unter Flüssigkeitsentzug gehalten? Hält die Bundesregierung diese Methode für ethisch vertretbar?

4

Trifft es zu, daß die Arbeitsgruppe unter anderem deswegen teilweise von Katzenversuchen abgekommen ist, weil es sich herausgestellt hat, daß nicht sichergestellt ist, daß die Katze das Signal auch wirklich fixiert, daß also die bisher gewonnenen „Ergebnisse" mehr oder weniger wertlos sind, die Katzen also umsonst getötet wurden?

5

Ist es zweifelsfrei sichergestellt, daß die Affenexperimente im Sinne von Frage 4 glaubwürdige Ergebnisse liefern, wenn ja, wodurch?

6

Zu welchen konkreten neuen Entwicklungen in der Informatik haben diese Experimente bis heute geführt?

7

Angenommen, es ergäben sich aus den Experimenten greifbare Resultate, wäre deren Verwertung in der Militärtechnik („smart bombs", Bilderkennung) denkbar?

8

Gibt es in der Bundesrepublik Deutschland noch anderenorts Arbeitsgruppen (z. B. Universitätsinstitute, Arbeitsgruppen in der Industrie, Max-Planck-Institute etc.), die Experimente durchführen, bei denen Katzen oder Affen Elektroden ins Hirn eingepflanzt werden? Wenn ja, nach welchen Kriterien werden Fördermittel für derartige Projekte bewilligt?

9

Hält es die Bundesregierung für ethisch-moralisch vertretbar, solche Experimente weiter über die DFG zu finanzieren?

Bonn, den 26. Mai 1992

Vera Wollenberger Werner Schulz (Berlin) und Gruppe

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