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Kleine AnfrageWahlperiode 12Beantwortet

Bundesverdienstkreuzverleihung (G-SIG: 12011180)

Evtl. Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an den rechtsextremen Publizisten Dr. Alfred Schickel

Fraktion

PDS/LL

Ressort

Bundesministerium des Innern

Datum

14.01.1993

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 12/402609. 12. 92

Bundesverdienstkreuzverleihung

der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste

Vorbemerkung

Die neurechte Zeitung „Junge Freiheit" meldet, daß der Leiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, Dr. Alfred Schickel, das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten haben soll. Die offizielle Begründung für die Verleihung soll sein, daß damit seine Arbeit gegen „Unkenntnis, Vorurteil und Desinformation" honoriert wird (Junge Freiheit, Dezember bis Januar 1992/93).

Ohne Verdienstkreuz wurde die Arbeit Dr. Alfred Schickels bisher vorwiegend in der neofaschistischen Presse honoriert. Besonders in der rechtsextremen Zeitung „Nation Europa" wurde Dr. Alfred Schickels unermüdlicher Kampf gegen die „Desinformation" gewürdigt. Als Dr. Alfred Schickel sich in der neofaschistischen Vierteljahresschrift „Deutschland in Geschichte und Gegenwart" 1/1980 mit „dem ungeklärten Ausmaß der jüdischen Opfer" befaßte, wurde dies in „Nation Europa" 5/1980 freudig vermerkt. Seitdem verfügt Dr. Alfred Schickel in diesen Kreisen über beträchtliche Sympathien.

Das damalige Mitglied der rechtsextremen „Hochschulgruppe Pommern", Karsten Sarnow, nannte Dr. Alfred Schickel den „Legendenkiller", der „bisher bereits einige hartnäckige zeitgeschichtliche Legenden zurechtgerückt" hat (Nation Europa 10/1982). Georg Franz-Willing lobte Dr. Alfred Schickels Buch „Deutsche und Polen" als „eine empfehlenswerte Lektüre" (Nation Europa 7/1984) ebenso wie Michael de Braga in der rechtsextremen Zeitung „Missus" voller Lob für Schickel war.

Die damals rechtsextrem durchsetzte Burschenschaftliche Gemeinschaft stellt in ihrem Heft „Burschenschafter und Nationale Identität" über die teilweise Rehabilitierung des Hitler-Faschismus und die teilweise Leugnung seiner Opfer durch Dr. Alfred Schickel fest: „Aus der bisherigen Arbeit der Forschungsstelle ist hervorzuheben ein ,Gutachten zur Behandlung und zu den Verlusten sowjetischer Kriegsgefangener in deutscher Hand von 1941 bis 1945' und eine Veröffentlichung ,Zur Sinti-Frage: Merkürdige Übertreibungen in der deutschen Zeitgeschichte'. Zu beiden Themen wurden durch Presse und Fernsehen falsche, maßlos übertriebene Horrorzahlen angeblicher Opfer verbreitet, denen die Forschungsstelle durch sachliche Forschungsergebnisse entgegengetreten ist" (Schriften der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, Heft 4, Burschenschafter und Nationale Identität, Stuttgart 1984, S. 91).

Das Interesse an Dr. Alfred Schickels Arbeit war groß: „Nation Europa" wies auf die Tagungen der seit 1981 bestehenden „Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt" hin und berichtete über deren Ergebnisse. Rechtsextreme Organisationen engagierten Schickel als Referenten:

  • So der rechtsextreme Arbeitskreis Südwest, bei dem er im September 1985 über „Die Vertreibung in der deutschen Innenpolitik seit 1945" referierte;
  • so beim Nationaleuropäischen Jugendwerk;
  • so 1987 beim 2. Süddeutschen Forum in Eberbach über „Die deutsche Frage und die Zeitgeschichte";
  • so 1988 beim rechtsextremen Collegium Humanum in Vlotho über „Das verratene Recht auf ,Selbstbestimmung der Völker' ".

Dr. Alfred Schickel selber publizierte in einer Reihe rechtsextremer Zeitungen wie „Mut", der „Schlesier", „Criticón" usw. Im „Schlesier" vom 7. Juni 1985 beispielsweise erschien ein Artikel von ihm, in dem er das vom Rechtsextremisten Dr. Gerhard Frey herausgegebene Buch „Prominente ohne Maske" besprach. In der „National-Zeitung" vom 14. Juni 1985 wird mit diesem Artikel für das Buch geworben. In der „National-Zeitung" vom 1. November 1985 wird Dr. Alfred Schickel vor den Enthüllungen des Sozialdemokratischen Pressedienstes „blick nach rechts" verteidigt, der Dr. Alfred Schickels Verbindungen zu den rechtsextremen Zeitungen „Mut" und „Nation Europa" unter die Lupe nahm.

1991 wird Dr. Alfred Schickel als ständiger Mitarbeiter der rechtsextremen Zeitung „Europa vorn" geführt. 1992 ist er redaktioneller Mitarbeiter der neurechten Zeitschrift „Junge Freiheit".

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen6

1

Trifft es zu, daß Dr. Alfred Schickel das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen worden ist, und wenn ja, von wem wurde er vorgeschlagen?

2

Mit welcher Begründung wurde Dr. Alfred Schickel das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen, und hat die Zeitung „Junge Freiheit" die Begründung richtig wiedergegeben?

3

Auf welche speziellen Leistungen und Verdienste Dr. Alfred Schickels stützte man sich dabei?

4

Mit welchen „Legenden" hat Dr. Alfred Schickel in der rechtsextremen Zeitschrift „Deutschland in Geschichte und Gegenwart" 1/1980 gebrochen, und worin besteht sein Beitrag, das „ungeklärte Ausmaß der jüdischen Opfer" (Nation Europa 5/1980) aufzuhellen?

5

Welche weiteren Erkenntnisse hat die Bundesregierung über geschichtsrevisionistische Aktivitäten des Dr. Alfred Schickels?

6

Welche Kenntnis hat die Bundesregierung über die Verbindung Dr. Alfred Schickels zur Zeitung „Nation Europa"?

Bonn, den 7. Dezember 1992

Ulla Jelpke Dr. Gregor Gysi und Gruppe

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