Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Drucksache 12/4170
20.01.93
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste
Der Verein für das Deutschtum im Ausland, die Verwendung von Bundesmitteln zur
Förderung deutscher Minderheiten in osteuropäischen Ländern und der
Parlamentarische Staatssekretär Dr. Horst Waffenschmidt
1989 wurde der Parlamentarische Staatssekretär im
Bundesministerium des Innern, Dr. Horst Waffenschmidt, der jetzige
Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, in den Verwaltungsrat des
Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA) gewählt (vgl.
Globus 5/1989). Dr. Horst Waffenschmidt sitzt in diesem VDA-
Gremium u. a. neben dem Vorsitzenden der rechtsextremen
Österreichischen Landsmannschaft, Helmut Kowarik, und dem
wegen seiner rechtsextremen Vergangenheit umstrittenen
ehemaligen Bürgermeister von Kronshagen, Thomas Darsow.
In der Zeitschrift „DER SPIEGEL" 35/1992 wird darauf
hingewiesen, daß Mittel aus dem Bundeshaushalt, die dem VDA gegeben
wurden „in den Kassen versickerten". Die Zeitschrift „DER
SPIEGEL" stellt fest, daß der VDA, nachdem er lange Zeit ein
Schattendasein geführt hat, 1990 „neuen Schwung" erhalten hat,
„seit die Bundesregierung unter ihrem Aussiedlerbeauftragten
Dr. Horst Waffenschmidt (CDU) versucht, mit Millionengaben
Deutschstämmige in der ehemaligen Sowjetunion vom Treck in
die Bundesrepublik abzuhalten" . Allein seit 1990 hat der VDA
112,4 Mio. DM für Projekte in der früheren UdSSR erhalten.
„DER SPIEGEL" schreibt: „Der unverhoffte Geldsegen kam den
Vereinsherren zupaß. Um so strenger rügte der
Bundesrechnungshof ihr Geschäftsgebaren. Die Prüfer aus Frankfurt stellten
unter anderem fest, daß
— eine ,schlüssige Konzeption' für das Bonner Mega-Projekt
fehlte, die Hilfe dadurch gar nicht oder an falscher Stelle
ankam;
— der VDA mit dem Millionen-Auftrag überfordert war, das
Bonner Innenministerium sich aber nur ,auf die Rolle des
Geldgebers' beschränkt und keine wirksame Kontrolle ausgeübt
habe;
— der Deutschtumsverein mit den Steuergeldern allzu freizügig
umging. Statt bei Auslandsdeutschen landete ein Teil der
Mittel erst einmal auf Festgeldkonten des VDA. Statt die Aufträge
auszuschreiben, schusterte der VDA ,einer ihm
nachstehenden Firma Aufträge zu weit überhöhten Preisen'
(Rechnungshof) zu" ( „DER SPIEGEL" 35/1992, S. 25).
Und zum Verhalten des Bundesministeriums des Innern (BMI)
vermerkt „DER SPIEGEL": „Wegen der ,besonderen politischen
und wirtschaftlichen Dringlichkeit', so ein BMI-Vermerk vom
19. Dezember 1990, müsse das Geld für den VDA ,ohne das
normalerweise schriftliche Antragsverfahren bewilligt werden'.
Schon neun Tage später wurden 34,6 Mio. Mark aus der
Bundeskasse überwiesen — im voraus und telegrafisch" (ebenda).
Die Gelder, die der VDA für projektierte Käsereien, Metzgereien
und Bäckereien für die Rußlanddeutschen aus Bundesmitteln
erhielt, wanderten zum Teil auf ein Festgeldkonto der Deutschen
Bank und brachten dem VDA allein 1991 rund 432 000 DM
Zinsen. Die Zeitschrift „DER SPIEGEL" schreibt weiter: „Dem
Auswärtigen Amt war die ganze Millionen-Aktion von Anfang an
suspekt. ,Die Projekte' tadelten die Diplomaten bei einer
Besprechung im April 1991, seien ,im Prinzip Geschenke, mit denen
relativ wenige beglückt würden"'.
An anderer Stelle schreibt die Zeitschrift „DER SPIEGEL" : „Wie
geschmiert liefen die Geschäfte mit BMI-Geldern vor allem, wenn
alte Bekannte und VDA-nahe Firmen eingeschaltet wurden. ,
Freihändig', so kritisiert der Rechnungshof, habe der VDA die
Abwicklung des 34,6 Millionen-Projekts an eine Firma mit Sitz in
Salzgitter und Moskau vergeben. Anfragen deutscher Firmen, die
mitmachen wollten, wurden von der Botschaft in Moskau
wahrheitsgemäß beschieden: Der VDA habe das Projekt ,exklusiv'
vergeben.
Trotz des Protestes der deutschen Diplomaten wurden
Ausschreibungen weiterhin nicht vorgenommen. Dafür kam — nach
Rechnungshof-Recherchen auf Weisung des VDA-
Bundesgeschäftsführers Karsten Schlamelcher — immer wieder die Firma Interform
in Moskau zum Zuge.
Wer dahintersteckt, ermittelte die Botschaft für die Frankfurter
Prüfer: Neben dem russischen Kleinunternehmen ,Kolak' mit
einer ,kleinen formellen Beteiligung' (Rechnungshof) die Verlags-
und Vertriebs GmbH aus Sankt Augustin bei Bonn als
Mehrheitseigentümer. Deren Gesellschafter ist laut Bericht der VDA.
Neben Geschäftsführer Karsten Schlamelcher sitzt auch der
Moskauer VDA-Bürochef Joachim Müller im Interform-Vorstand
zusammen mit einem dritten Deutschen, der laut Rechnungshof
zugleich ,Projektarbeit für den VDA und das BMI leistet' — als
,Berater von Staatssekretär Dr. Waffenschmidt' (Prüfbericht). (...)
Ende 1991 beantragte der VDA beim BMI knapp zwei Mio. Mark
für 100 000 Wörterbücher, schon im Dezember kam das Geld aus
Bonn. Den Auftrag bekam natürlich Interform, obwohl laut
Rechnungshof ein Einkauf bei Langenscheidt in Deutschland 638 400
Mark, der Druck bei einem Moskauer Verlag gar 1,2 Mio. Mark
billiger geworden wäre" (ebenda).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Ist der Bundesregierung bekannt, daß der Parlamentarische
Staatssekretär Dr. Horst Waffenschmidt 1989 in den
Verwaltungsrat des VDA gewählt worden ist?
a) Wenn ja, seit wann ist der Bundesregierung diese Tatsache
bekannt?
b) Hat die Bundesregierung durch die Mitgliedschaft des
Parlamentarischen Staatssekretärs Dr. Horst
Waffenschmidt im Verwaltgungsrat des VDA nicht die Gefahr
eines „Personalfilzes" ( „DER SPIEGEL" 35/1992) gesehen?
2. In welchen Punkten insgesamt hat der Bundesrechnungshof
das Geschäftsgebaren des VDA gerügt?
3. Trifft es zu, daß der VDA bei der Vergabe von aus
Bundesmitteln finanzierten Aufträgen keine Ausschreibungen
vorgenommen hat, und wenn ja, in welchen konkreten Fällen ist
dies geschehen?
4. Trifft es zu, daß die VDA-nahe „Interform" immer wieder
Aufträge aus Bundesmitteln erhalten hat, auch wenn die „Inter
-
form" die Aufträge völlig überteuert ausgeführt hat, und wenn
ja, welche genaue Kenntnis hat die Bundesregierung davon?
5. Trifft es zu, daß der VDA laut BMI-Vermerk vom 19.
Dezember 1990 wegen der „besonderen politischen und
wirtschaftlichen Dringlichkeit" 34,6 Mio. DM „ohne das normalerweise
schriftliche Antragsverfahren bewilligt" ( „DER SPIEGEL"
35/1992) hatte und der VDA schon neun Tage später die
Gelder im voraus und telegrafisch überwiesen bekommen
hatte, und wenn ja, wie erklärt die Bundesregierung dies?
6. Trifft es zu, daß diese Gelder dann zum Teil, trotz der
angeblichen Dringlichkeit, monatelang auf einem Festgeldkonto bei
der Deutschen Bank lagen und dem VDA allein 1991 rund
432 000 DM Zinsen brachten, und wenn ja, seit wann hat die
Bundesregierung davon Kenntnis, wie bewertet sie dies und
welche Konsequenzen hat sie daraus gezogen oder gedenkt
sie daraus zu ziehen?
a) Womit war — vor diesem Hintergrund — die „besondere
politische und wirtschaftliche Dringlichkeit" der
Bewilligung der 34,6 Mio. DM begründet worden?
b) Wie ist der Einsatz dieser Gelder durch den VDA von der
Bundesregierung kontrolliert worden?
7. Trifft es zu, daß in einer Besprechung im April 1991 im
Auswärtigen Amt die Projekte des VDA in der GUS als „im Prinzip
Geschenke, mit denen relativ wenige beglückt würden"
bezeichnet worden sind, und wenn ja, wie ist diese Kritik weiter
verfolgt worden?
8. Welche Schritte hat die Bundesregierung im einzelnen
unternommen, um die gegen den VDA in der Kleinen Anfrage „Der
Drucksache 12/ 4170 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode
Verein für das Deutschtum im Ausland und der Einsatz von
Bundesmitteln zur Förderung deutscher Minderheiten in
osteuropäischen Ländern" (Drucksache 12/3294) erhobenen
Vorwürfe zu prüfen?
a) War der Bundesregierung zu diesem Zeitpunkt die
immerhin schon in der Zeitschrift „DER SPIEGEL" veröffentlichte
Rüge des Bundesrechnungshofes an dem VDA bekannt?
b) Hält sie heute ihre dazu am 5. November 1992 gegebene
Antwort (Drucksache 12/3641) aufrecht?
c) Bleibt die Bundesregierung nach nochmaliger Vorhaltung
bei ihrer Antwort?
9. In welcher seiner Funktionen wurde der Parlamentarische
Staatssekretär Dr. Horst Waffenschmidt zur Aufklärung des
Sachverhalts befragt?
10. Wie viele Vertreterinnen/Vertreter aus der Bundesregierung,
hohe Beamte aus dem - BMI, dem Auswärtigen Amt oder
anderen Ministerien haben führende Positionen im VDA inne oder
sind in den Verwaltungsrat gewählt worden?
11. Ist der Bundesregierung bekannt, daß der Parlamentarische
Staatssekretär Dr. Horst Waffenschmidt im Verwaltungsrat
des VDA dort neben den Vorsitzenden der rechtsextremen
Österreichischen Landsmannschaft, Helmut Kowarik, sitzt?
a) Welche verfassungsschutzrelevanten Erkenntnisse hat die
Bundesregierung über die Österreichische
Landsmannschaft und deren Zeitschrift „Eckartbote"?
b) Ist der Bundesregierung bekannt, daß in der Zeitschrift
„Eckartbote" 4/1977 u. a. der Schillerpreisträger Hein rich
Härtle wie folgt „gewürdigt" wurde: Er unternimmt es,
„das jahrtausend alte Phänomen der jüdischen
Einzigartigkeit und der weltweiten Judengegnerschaft auf seine
Grundtatsachen zurückzuführen. (...) Er weist nach, was
den Juden die instinktive Feindschaft aller Völker
eingetragen hat: der Auserwähltheitsglaube ihrer Religion (,
Jahweismus'), ihre durch das Rabbinertum bewußt
hochgezüchtete und bewahrte blutsmäßige und geistige Inzucht,
kurzum ihre völlige Andersartigkeit, die sie in jeder
Umwelt als Fremdkörper erscheinen ließ. "?
c) Ist der Bundesregierung bekannt, daß in dem gleichen
Artikel der Antisemitismus als „natürliche Abwehrreaktion
aller Wirtsvölker" bezeichnet wird?
d) Ist der Bundesregierung bekannt, daß in der gleichen
Ausgabe der Zeitschrift „Eckartbote" die Vergasung von sechs
Mio. Juden in deutschen KZ als „bösartige Propaganda"
bezeichnet wurde, die „der geschichtlichen
Wahrheitsforschung in keiner Weise" standhält?
e) Wieso ist die Österreichische Landsmannschaft und deren
Zeitschrift „Eckartbote" nicht unter Verbindungen zu
ausländischen Rechtsextremisten im Verfassungsschutzbericht
aufgeführt?
12. Was hat man heute nach Kenntnis der Bundesregierung unter
— Volkstumsarbeit,
— Grenzlandsdeutschen,
— deutsche Schutz- und Kulturarbeit im Ausland
zu verstehen?
13. Hat die Bundesregierung bei der Prüfung des VDA auf seine
Tauglichkeit als Mittlerorganisation festgestellt, daß Vertreter
rechtsextremer österreichischer und italienischer
Gruppierungen in dessen Verwaltungsrat sitzen?
a) Hat sich der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Horst
Waffenschmidt vor seiner Bereitschaft, im Verwaltungsrat des
VDA tätig zu werden, darüber informiert, warum Vertreter
österreichischer und italienischer Organisationen in diesem
Gremium vertreten sind?
b) Befürchtet die Bundesregierung, daß diese
Mittlerorganisation durch diese Zusammensetzung des Verwaltungsrates
in großdeutschen Geruch kommen könnte?
14. Hat die Bundesregierung verfassungsschutzrelevante
Erkenntnisse darüber, daß 1976 beim Wissenschaftlichen Dienst
des Deutschen Bundestages eine Ausarbeitung über das
Auslandsdeutschtum in Auftrag gegeben wurde und daß sich
dieses Gutachten u. a. auf Artikel der rechtsextremen Zeitungen
„Nation Europa" und die „Eckart-Schriften" stützte?
a) Wenn ja, welche?
b) Ist der Bundesregierung bekannt, daß dieses Gutachten als
Büchlein herausgegeben wurde, und wie bewertet die
Bundesregierung dies?
15. Hat die Bundesregierung verfassungsschutzrelevante
Erkenntnisse darüber, daß das Verwaltungsratsmitglied des
VDA, Thomas Darsow, früher Aktivist des rechtsextremen
Ostpolitischen Deutschen Studentenverbandes war und dort
Kontakte zum Hilfskomitee Südliches Afrika, zur
Jugendorganisation der NPD, den Jungen Nationaldemokraten und der
rechtsextremen „Göttinger Runde" hatte und bis 1979 in der
rechtsextremen Zeitung „Tendenz" Redakteur war?
Wenn ja, welche?
16. Hat die Bundesregierung aufgrund Erkenntnissen des
Bundesamtes für Verfassungsschutz feststellen können, daß Bernd
Längin, bis 1989 Chefredakteur der VDA-Zeitung „Globus",
in der rechtsextremen Zeitung „Wir selbst" publizierte?
17. Ist der Bundesregierung aufgrund Recherchen des
Bundesamtes für Verfassungsschutz bekannt, daß der stellvertretende
Bundesvorsitzende des VDA, Dr. Rolf Sauerzapf, Mitglied in
der rechtsextremen Evangelischen Notgemeinschaft
Deutschlands ist und u. a. Referent beim Hilfskomitee Südliches Afrika
war und in der Zeitung „Criticόn" publizierte?
18. Welche Differenzen hatte die Bundesregierung mit dem VDA
in der Republik Südafrika wegen dessen Umgang mit der
„Kameradschaft ehemaliger deutscher Soldaten und
Internierter"?
19. Hatte oder hat die Bundesregierung Differenzen mit dem
„Deutschen Verein" in Preto ria, weil dessen Club laut
Beschluß von 1950 nicht „für alle Rassen zugänglich" (Globus
4/1989) war und ist?
20. Ist der Bundesregierung aufgrund Recherchen des
Bundesamtes für Verfassungsschutz bekannt, daß Toni Herget (u. a.
Autor in der rechtsextremen „Deutschen-Wochenzeitung",
Referent bei der Gesellschaft für freie Publizistik, Mitglied im
rechtsextrem durchsetzten Witiko-Bund) in der VDA-Zeitung
„Globus" publizierte?
21. Trifft es zu, daß der VDA in der Zeit von 1933 bis 1945 von den
Nazis auch zu Zwecken der Spionage genutzt wurde, und
welche Kenntnisse hat die Bundesregierung darüber?
22. Wurde und wird der VDA, oder werden dessen Mitglieder
heute vom Bundesnachrichtendienst bei der
Auskundschaftung anderer Länder genutzt, und wenn ja, wann, in welchen
Ländern, und wie geschah bzw. geschieht dies (bitte genau
aufführen)?
Bonn, den 13. Januar 1993
Ulla Jelpke
Dr. Gregor Gysi und Gruppe]