Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
12. Wahlperiode
Drucksache 12/7111
14.03.94
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Ulla Jelpke und der Gruppe der PDS/Linke Liste
Colonia Dignidad in Chile
Auf Betreiben des ehemaligen Jugendwarts und Predigers Paul
Schäfer aus Siegburg bei Bonn spaltete sich 1956 die „Privat
Social Mission" vom „Bund evangelisch-freikirchlicher
Gemeinden in Deutschland". Als bekannt wurde, daß Paul Schäfer von
ihm abhängige Jugendliche sexuell mißbrauchte, floh die Gruppe
1961 nach Chile. Dort gründete sie die von der Außenwelt
abgeschottete deutsche Siedlung, die als Colonia Dignidad bekannt
wurde. In den Jahren der Allende-Regierung (1970 bis 1973)
beteiligte sich die Gruppe an den Vorbereitungen zum
Militärputsch. Nach 1973 arbeitete sie eng mit der chilenischen
Geheimpolizei DINA zusammen und betrieb innerhalb des
Siedlungsgeländes eine Folterschule. Außerdem gab es ein Arbeitslager für
„verschwundene" politische Gefangene (vgl. Colonia Dignidad —
eine deutsche Folterschule in Chile; 1993). 1977 berichtete
Amnesty International (AI) über dieses Folterlager. Colonia
Dignidad strengte einen Prozeß gegen AI an.
1984 und 1985 flohen Sektenmitglieder aus der Siedlung und
berichteten von Mißhandlungen durch die Sektenleitung. Einige
führende Mitglieder wurden verklagt. Erst 1991, nach dem Ende
der Pinochet-Diktatur, wurde Colonia Dignidad aufgelöst und
1993 das entsprechende Dekret rechtswirksam.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Ist der Bundesregierung bekannt, daß die Staatsanwaltschaft
Frankfurt/M. 1977 nach der Veröffentlichung der Broschüre
„Colonia Dignidad — Deutsches Mustergut in Chile — ein
Folterlager der DINA" einen Hausdurchsuchungsbefehl für das
Büro von AI in Frankfurt beantragt und daß ein Richter am
12. August 1977 einen solchen Befehl ausgestellt hat?
2. Ist der Bundesregierung bekannt, daß diese
Hausdurchsuchung lediglich als Unterbrechungshandlung gedacht war,
um einer Verjährung vorzubeugen?
3. Wie bewertet die Bundesregierung die seinerzeitige
Ausstellung dieses Durchsuchungsbefehls, und waren
Bundesbehörden im Vorfeld von dieser Aktion unterrichtet?
Wenn ja, welche?
Drucksache 12 /7111 Deutscher Bundestag — 12. Wahlperiode
4. Sind der Bundesregierung Aussagen früherer Agenten und
Agentinnen der DINA bekannt, aus denen die
Zusammenarbeit der DINA mit der Colonia Dignidad hervorgeht?
5. Teilt die Bundesregierung die in einem internen Bericht der
Colonia Dignidad wiedergegebene Einschätzung des
Frankfurter Oberstaatsanwalts Klein, daß Amnesty International in
der genannten Broschüre „die Bundesrepublik Deutschland
selbst angreifen und beleidigen woll(t)e"?
6. Ist der Bundesregierung bekannt, wer der deutsche
Staatsangehörige war, der in einer von der chilenischen
Geheimpolizei DINA am 19. Februar 1975 arrangierten
Pressekonferenz von vier verhafteten Mitgliedern der
Untergrundorganisation MIR die technischen Vorgänge abwickelte?
Wenn ja, um wen handelte es sich, und wer hatte ihn
beauftragt?
7. Ist der Bundesregierung die Aussage des in chilenischer Haft
sitzenden ehemaligen DINA-Agenten Osvaldo Romo bekannt,
daß der frühere DINA-Agent und deutsche Staatsbürger Guy
Neckelmann wissen müsse, wo die „verschwundenen"
politischen Gefangenen seien?
a) Weiß die Bundesregierung, daß Neckelmann bei der
Bundeswehr eine Ausbildung absolviert hat und Kontaktagent
der DINA zur Colonia Dignidad war?
b) Welche bundesdeutschen Behörden hatten hierüber
Kenntnis, und welche Kontakte bestanden zwischen Neckelmann
und diesen Behörden?
c) Inwieweit war das Auswärtige Amt über Neckelmanns
Aktivitäten informiert?
8. Ist der Bundesregierung bekannt, daß einer der Ärzte der
Colonia Dignidad, Dr. Hartmut Hoppe, bereits vor dem
chilenischen Putsch von 1973 Kontakte zum späteren Direktor der
chilenischen Geheimpolizei DINA, Manuel Contreras, hatte?
Hat die Bundesregierung Erkenntnisse über die Art der
Kontakte des Herrn Hoppe, und waren bundesdeutsche Behörden
eingeweiht?
9. Ist die Bundesregierung nach wie vor der Auffassung, daß die
Colonia Dignidad nicht an einem Massaker an
„verschwundenen" chilenischen politischen Gefangenen am Cerro Gallo
beteiligt war?
Ist sie der Meinung, daß Colonia Dignidad ebensowenig
beteiligt war an einem chilenischen Militär-Arbeitslager für
derartige politische Gefangene bei Monte Maravilla?
10. Wie viele Wörter umfaßt der „Nebensatz" in einem Vermerk
des Auswärtigen Amtes aus dem Jahr 1977, der sich auf einen
in der Colonia Dignidad „verschwundenen" franko-
chilenischen Staatsbürger bezieht (Antwort der Bundesregierung auf
die Frage, um wen es sich hierbei handeln könne, Drucksache
12/363)?
Hat die Bundesregierung inzwischen Kenntnis über die
Identität des „verschwundenen" franko-chilenischen
Staatsbürgers?
11. Weiß die Bundesregierung, ob sich die Ermittlungen im Prozeß
der „21 Verschwundenen von Parral" auf die Colonia
Dignidad erstreckt haben oder erstrecken?
Wenn ja, wie ist der aktuelle Stand der Ermittlungen?
Wird die Bundesregierung darüber über die deutsche
Botschaft oder andere Stellen in Chile direkt regelmäßig
informiert?
12. Wie beurteilt die Bundesregierung die Chancen, die in der
Colonia Dignidad begangenen Menschenrechtsverletzungen
strafrechtlich zu verfolgen, nachdem das chilenische Militär
am 28. Mai 1993 einen Truppenmarsch in Santiago
veranstaltete und seitdem die chilenische Regierung unter Druck setzt,
alle Menschenrechtsprozesse im Schnellverfahren und ohne
Namensnennung der verantwortlichen Täter zu beenden?
Welchen Einfluß macht die Bundesregierung gegenüber der
chilenischen Regierung geltend, um eine solche Entwicklung
zu verhindern?
13. Im Prozeß wegen der Ermordung des früheren chilenischen
Ministers Orlando Letelier in Washington am 21. September
1976 durch Michael Townley sagte dieser bei seinem letzten
Verhör bezüglich des Deutsch-Chilenen Wolf von Arnswaldt
gegenüber der italienischen Justiz u. a. aus: „Ich weiß, daß die
Deutschen der Colonia Dignidad einige Beziehungen
zwischen Mitgliedern der deutschen Polizei und der DINA
schmiedeten, denn die deutsche Polizei hatte Listen von
dissidenten Chilenen, vor allem des MIR und war sehr besorgt
wegen gewalttätiger Aktionen, die diese machen könnten. Es
gab einen Informationsfluß, der kam und ging. Viele dieser
weitergegebenen Informationen flossen über Wolf von
Arnswaldt, Manager im Büro der LAN in Frankfurt/M. " (siehe La
Nación vom 16. November 1993).
a) Ist der Bundesregierung diese Aussage bekannt?
b) Hat die Bundesregierung Kenntnis darüber, daß Wolf von
Arnswaldt Manager im Büro der LAN (chilenische
Fluggesellschaft) in Frankfurt/M. war und als Kontaktperson
zwischen der bundesdeutschen Polizei und der DINA bzw.
Personen der Colonia Dignidad fungierte?
c) Handelte Wolf von Arnswaldt im Auftrag bundesdeutscher
Verfassungsschutzbehörden/-organe?
Wenn ja, welche konkreten Aufgaben hatte Wolf von
Arnswaldt, und wie lange war er für Verfassungsschutz- oder
Geheimdienststellen der Bundesrepublik Deutschland
tätig?
d) Wie und durch wen fand ein Austausch von Listen
dissidenter Chilenen statt (Aussage Townleys)?
e) Welche möglichen weiteren personalen Kontakte gab es
nach Erkenntnissen der Bundesregierung zwischen
bundesdeutschen Polizeibehörden o. a. und Mitgliedern der
Colonia Dignidad bzw. der DINA?
Bonn, den 10. März 1994
Ulla Jelpke
Dr. Gregor Gysi und Gruppe]