Weltmeisterschaften der Behinderten in der Leichtathletik vom 22. bis 31. Juli 1994 in Berlin
der Abgeordneten Dr. Ruth Fuchs, Dr. Ilja Seifert und der Gruppe der PDS/Linke Liste
Vorbemerkung
Vom 22. bis 31. Juli 1994 finden in Berlin die Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten statt. Über 1 500 Sportlerinnen und Sportler aus mehr als 50 Nationen haben bereits gemeldet. Sie werden sich in 19 leichtathletischen Disziplinen spannende Wettkämpfe liefern und wieder zahlreiche Weltrekorde aufstellen. Das ist sicher. Fraglich ist jedoch, ob diese Großveranstaltung an die Ziele setzenden Veranstaltungen der Paralympics in Seoul 1988 und Barcelona 1992 sowie die WM 1990 in Assen anknüpfen kann. Insbesondere die südkoreanische sowie die spanische Regierung haben mit ihrem vorbehaltlosen Einsatz für die entsprechenden Veranstaltungen eine aufgeschlossene Atmosphäre sowohl in der Bevölkerung und den Medien als auch in der Wirtschaft geschaffen. Das ist in der Bundesrepublik Deutschland anders. Dem bislang größten Behindertensportereignis auf deutschem Boden droht Gefahr, kaum beachtet zu werden. Eine symbolträchtige Veranstaltung, welche — wie die Paralympics von Seoul und Barcelona — die Belange aller Behinderten voranbringt, ist nicht zu erwarten.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen14
Seit wann, in welcher Form und mit welchem Aufwand unterstützt die Bundesregierung die Vorbereitung und Durchführung der WM der Behinderten in Berlin?
Betrachtet die Bundesregierung diese Veranstaltung als förderungswürdig im Sinne der Zuständigkeit des Bundes zur internationalen Präsentation des deutschen Sports, und wie würde sie ihre Verantwortung beschreiben?
In welchem Umfang und mit welchem Aufwand werden die Wettkämpfe und Trainingsstätten in Berlin behindertengerecht (barrierefrei) dauerhaft umgebaut? In welchem Verhältnis stehen die dauerhaften (bleibenden) Umbauten zu den temporären Maßnahmen?
Welche Sportstätten in der Bundesrepublik Deutschland sind nach Auffassung der Bundesregierung behindertengerecht (sowohl für die Aktiven als auch für Besucher) gebaut und für die Austragung derartiger sportlicher Großveranstaltungen geeignet?
Kann sich die Bundesregierung der Auffassung anschließen, daß die Ausrichtung der Weltmeisterschaften der Behinderten in Berlin die Chance bot, der nationalen und internationalen Entwicklung des Behindertensports einen nachhaltigen Impuls zu geben, und daß diese Chance leichtfertig vergeben wurde?
Wie bewertet die Bundesregierung die Tatsache, daß sowohl 1990 in Assen (Niederlande) als auch 1992 in Barcelona (Spanien) das dortige Fernsehen täglich live von den Wettkämpfen berichtete, und daß die öffentlich-rechtlichen Medien der Bundesrepublik Deutschland eine derartige Berichterstattung von der WM 1994 nicht planen?
Hält es die Bundesregierung generell für eine wichtige Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Medien, über den Sport behinderter Menschen ausführlich und mit Sachkunde zu berichten, und welche Möglichkeiten sieht sie, die Erfüllung dieser Aufgabe durch die öffentlich-rechtlichen Medien einzufordern?
Ist die Bundesregierung der Auffassung, daß notfalls auch die Kürzung der Mittelzuführung für die öffentlich-rechtlichen Medien ein geeignetes Instrument darstellen könnte, um die Medienräte zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung anzuhalten?
Mit welchen Aktivitäten hat die Bundesregierung die deutsche Wirtschaft auf die Weltmeisterschaften der Behinderten in Berlin aufmerksam gemacht und für ihr Engagement geworben?
Würde die Bundesregierung die Initiative zur Erstellung eines „Ehrenkodex des Sponsorings der deutschen Wirtschaft" ergreifen, in dem sich die Unternehmen verpflichten, vor allem und ausschließlich das humanistische Anliegen des Sports zu unterstützen?
Weiche Maßnahmen und Aktivitäten hält die Bundesregierung für geeignet, den offensichtlichen Boykott der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Leistungssport behinderter Menschen zu überwinden?
Sieht die Bundesregierung einen Zusammenhang zwischen der mangelnden Bereitschaft der überwiegenden Zahl der deutschen Unternehmen zur Beschäftigung Schwerbehinderter und der nicht vorhandenen Unterstützung der WM der Behinderten durch die deutsche Wirtschaft?
Würde die Bundesregierung die deutsche Wirtschaft als behindertenfeindlich charakterisieren? Wenn nein, welche konkreten Fakten sprechen aus der Sicht der Bundesregierung dagegen?
Mit welchen Maßnahmen und Aktivitäten wird die Bundesregierung in Berlin präsent sein, um — wie der Präsident des DBS es am 26. April 1994 ausdrückte — „Flagge für den Behindertensport und seine Belange zu zeigen"?