Erhöhte Strahlenbelastungen am 12. September 1986 in Geesthacht und Auftreten einer erheblichen Zahl von Leukämiefällen bei Kindern seit 1990
der Abgeordneten Lutz Heilmann, Hans-Kurt Hill, Eva Bulling-Schröter, Dr. Gesine Lötzsch, Dr. Dietmar Bartsch, Heidrun Bluhm, Roland Claus, Katrin Kunert, Michael Leutert, Dorothee Menzner, Dr. Ilja Seifert, Dr. Kirsten Tackmann und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Das ZDF strahlte am 2. April 2006 eine Dokumentation mit dem Titel „Und keiner weiß warum – Leukämietod in der Elbmarsch“ aus. Diese Dokumentation setzt sich mit den Gründen für die vermutlich weltweit höchste Konzentration an Leukämiefällen bei Kindern in und um Geesthacht auseinander. Bis heute sind dort 16 Kinder an Leukämie erkrankt. Statistisch dürften es vor einem natürlichen Strahlungshintergrund nur 4,3 Fälle auf 100 000 Kinder per anno sein. Bei ca. 5 400 Kindern in Geesthacht und der Samtgemeinde Elbmarsch wären deshalb im Beobachtungszeitraum von 1990 bis 2005 nur 3,72 Fälle kindlicher Leukämie zu erwarten gewesen. Die Erhöhung liegt somit beim 4,3-Fachen, ist also statistisch hoch signifikant. In der Samtgemeinde Elbmarsch sind 9 der beobachteten 16 Fälle aufgetreten. Hier leben nur ca. 1 400 Kinder von 0 bis 15 Jahren, es dürfte also nur alle 17 Jahre ein Leukämiefall bei Kindern auftreten. Es sind demnach 16-mal mehr Leukämiefälle bei Kindern aufgetreten, als statistisch zu erwarten gewesen wären. Eine natürliche Ursache für diese hohe Zahl von Leukämiefällen bei Kindern ist also extrem unwahrscheinlich.
Laut ZDF-Dokumentation ist seit langem bekannt, dass am 12. September 1986 eine erhöhte Strahlenbelastung in Geesthacht gemessen wurde. Eine glaubhafte Begründung für diese Strahlenbelastung wurde indes bis heute nicht gegeben. Ein meldepflichtiger Zwischenfall, also ein Unfall mit radioaktiven Substanzen entweder im Kernkraftwerk Krümmel oder im ebenfalls in Geesthacht liegenden Kernforschungszentrum GKSS, wurde von den zuständigen Landes- und Bundesbehörden sowie von den Betreibern der beiden Anlagen als Ursache bislang immer verneint. Als alternative Erklärungen für die erhöhte Strahlenbelastung wurden entweder erhöhte natürliche Radonkonzentrationen, der Fallout infolge der Tschernobylkatastrophe oder Belastungen aus Atomwaffentests genannt.
Die Dokumentation des ZDF präsentiert wissenschaftliche Belege, die alle 3 alternativen Erklärungen entkräften würden. Durch Bodenproben sei nachgewiesen, dass sich radioaktive Substanzen noch heute im Boden in und um Geesthacht befänden. Diese hätten ihren Ursprung eindeutig in künstlich bearbeitetem Uran und enthielten hohe Anteile an Plutonium und Thorium. Die radioaktiven Substanzen seien somit nicht durch erhöhte natürliche Radon-Emissionen zu erklären. Zudem seien sie weder auf die Tschernobyl-Katastrophe noch auf Atomwaffentests zurückzuführen, da sie ausschließlich in und um Geesthacht aufträten.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen13
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass die Zahl der Leukämiefälle in und um Geesthacht unnatürlich hoch ist?
Welche genauen Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Ursachen für die Leukämiefälle in und um Geesthacht vor?
Teilt die Bundesregierung die Auffassung, dass diese Leukämiefälle keinen natürlichen Ursprung haben?
Wenn nein, warum nicht?
Wenn ja, wird sich die Bundesregierung für eine Entschädigung der Erkrankten bzw. ihrer Angehörigen einsetzen?
Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über erhöhte aktuelle Strahlenbelastungen in und um Geesthacht vor?
Wenn nein, wird die Bundesregierung im Zuge der Gefahrenabwehr für die Anwohner eigene Untersuchungen über die aktuelle Strahlenbelastung in und um Geesthacht durchführen und dabei unter Beteiligung von Vertreterinnen und Vertretern der betroffenen Anwohner eigene Messungen unter vorheriger Aufkonzentration der Belastungen durchführen?
Wenn ja, welche Maßnahmen will die Bundesregierung ergreifen, um die Anwohner zukünftig vor dieser Strahlenbelastung zu schützen?
Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse über einen meldepflichtigen Zwischenfall entweder am Kernforschungszentrum GKSS oder am Kernkraftwerk Krümmel am oder kurz vor dem 12. September 1986 vor?
Gibt es eine mögliche dritte Quelle im Nahbereich der Geesthachter Atomanlagen, die über längere Zeit unabhängig vom Betrieb der beiden anderen Anlagen mit Stoffen gearbeitet hat, die radioaktive Elemente wie Plutonium, Curium, Thorium oder auch Lithium umfassten?
Wenn ja, von wann bis wann wurde diese Anlage betrieben, welchen Zwecken diente sie und welche Tätigkeiten mit welchen Substanzen wurden dort vom 1. bis einschließlich 12. September 1986 durchgeführt?
Zweifelt die Bundesregierung die in der ZDF-Dokumentation präsentierten wissenschaftlichen Beweise für einen meldepflichtigen Vorfall am Kernforschungszentrum GKSS an?
Wenn ja, warum?
Wenn nein, welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung daraus?
Strebt die Bundesregierung angesichts der ZDF-Dokumentation eigene Untersuchungen über die Ursachen der Leukämiefälle an?
Wenn nein, warum nicht?
Wenn ja, wann und welche?
Welche Forschungen mit welchen Substanzen wurden in der Zeit vom 1. bis einschließlich 12. September 1986 am Kernforschungszentrum GKSS genau durchgeführt?
Wurde in Geesthacht vor dem Hintergrund, dass die USA unter Präsident Jimmy Carter die Weitergabe hoch angereicherten Urans auch für Forschungszwecke und auch an befreundete Länder einstellte, im Rahmen des so genannten AF-Programms der Bundesregierung während der 1970er- und 1980er-Jahre und insbesondere bis einschließlich 12. September 1986 Anreicherungsforschung betrieben?
Wenn ja, welchen Zwecken diente diese, und ging es dabei insbesondere darum, Brennstäbe für Forschungsreaktoren zu erstellen?
Welche Ziele verfolgte das AF-Programm, welche Staaten und welche Forschungseinrichtungen waren beteiligt, und wo sind die Ergebnisse publiziert worden?
Wurden im Rahmen des AF-Programms auch Forschungen bei der Firma NUKEM in Hanau betrieben?
Wenn ja, welche Zusammenhänge bestanden zu Forschungen in Geesthacht?
Wurden bislang in Hanau außerhalb des Geländes der Firma NUKEM sowie in der Umgebung der am AF-Programm beteiligten Forschungseinrichtungen radioaktive Substanzen unklarer Herkunft im Boden festgestellt?
Wenn ja, wo, welche Substanzen und in welcher Konzentration?
Wenn nein, plant die Bundesregierung im Umfeld der Firma NUKEM sowie der am AF-Programm beteiligten Forschungseinrichtungen eigene Untersuchungen über die Strahlenbelastung der Anwohner?