Gewässerversauerung durch Luftschadstoffe
des Abgeordneten Dr. Ehmke (Ettlingen) und der Fraktion DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Seit Jahren sind die gravierenden Folgen des sauren Regens nicht nur für die Wälder, sondern auch für die Gewässer bekannt. Aus Skandinavien stammen Berichte über tiefblaue und glasklare, aber tote Seen. Diese Berichte sind teilweise über zehn Jahre alt. Neuerdings häufen sich sogar Erkenntnisse über die Versauerung ganzer Grundwasserleiter. In Schottland wurden pH-Werte des Regenwassers von bis zu 2,4 gemessen.
In der Bundesrepublik Deutschland wurden Warnungen von Wissenschaftlern, daß auch bei uns die Gewässerversauerung zum Problem werden könnte, immer mit dem Hinweis abgetan, daß bei uns andere geologische Verhältnisse vorhanden wären. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse — die auch dem UBA vorliegen — deuten aber darauf hin, daß das Grund- und Oberflächenwasser in manchen Gegenden der Bundesrepublik. Deutschland (z. B. Bayerischer Wald, Hunsrück, Schwarzwald) einer starken Versauerung unterliegen, die wegen ihrer enormen ökologischen und volkswirtschaftlichen Folgen nicht heruntergespielt werden darf.
Wir fragen daher die Bundesregierung:
Fragen16
In welchem Ausmaß ist gegenwärtig mit einer Versauerung von kleinen Bach- und Flußläufen sowie von Wasserquellen zu rechnen?
Wo liegen die Problemgebiete in der Bundesrepublik Deutschland?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung darüber, in welchem Umfang die letzten intakten Fließgewässer mit der Gewässergütestufe 1 betroffen sind?
Was ist der Bundesregierung darüber bekannt, in welchem Umfang durch die angesprochenen Versauerungen bereits fischereiwirtschaftliche Schäden in Flußläufen und in Teichen aufgetreten sind?
Welche Auswirkungen auf den Fremdenverkehr und die hiervon abhängigen Wirtschaftszweige sind zu erwarten?
Liegen der Bundesregierung bereits Erkenntnisse vor, wonach seltene und schützenswerte Pflanzen und Tiere durch die Gewässerversauerung bedroht sind, wie im Fichtelgebirge und im Bayerischen Wald, wo sogar die Wiedereinbürgerung der Flußperlmuschel am sauren Wasser scheitert?
Welche Schlußfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der Tatsache, daß die Gehalte an für die Versauerung entscheidenden Sulphat- und, in geringerem Ausmaß, Nitrat-Ionen in manchen Weichwassergebieten der Bundesrepublik Deutschland in versauerten Gewässern um das Fünf- bis Zehnfache höher liegen als in versauerten Gewässern Skandinaviens?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung vor über die Fischtoxizität von Alumiumionen, die aufgrund der starken Versauerung in den entsprechenden Fließgewässern einen Konzentrationsanstieg erfahren haben?
Beobachtet die Bundesregierung aufmerksam die Schwermetallgehalte in Fischen, da selbst bei teichwirtschaftlicher Nutzung durch Mobilisierungen beispielsweise Quecksilber geogenen Ursprungs akkumuliert werden könnte?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung darüber, in welchem Umfang kleinere Wasserwerke durch die mit der Versauerung einhergehenden Aufkonzentrierungen von Aluminiumionen im Fluß- und Quellwasser betroffen sind?
Ist ihr bekannt, daß die bei der pH-Wert-Einstellung durch Jurakalkfilter, eine übliche Methode vor allem auch in kleineren Wasseraufbereitungsanlagen, an sich zu erwartende Ausfällung und Abtrennung von Aluminium überraschenderweise nicht hinreichend stattfindet?
Wird aus gegebener Veranlassung eventuell die zulässige Höchstkonzentration der EG-Trinkwasserrichtlinie für Aluminium entgegen Artikel 7 Abs. 3 nicht in bundesdeutsches Recht überführt?
Was ist der Bundesregierung darüber bekannt, wo und in welchem Umfang aus den angesprochenen Gründen Überschreitungen der zulässigen Höchstkonzentration der EG -Trinkwasserrichtlinie von 0,2 mg A1/1 auftreten? Was gedenkt die Bundesregierung dagegen zu unternehmen, daß das Aluminiumproblem wieder zu einem neuerlichen Sachzwang zur weiteren Zentralisierung und Monopolisierung der öffentlichen Wasserversorgung werden könnte?
Ist der Bundesregierung bekannt, daß nicht nur im Gebiet der deutschen Mittelgebirge mit kalkarmem Ausgangsgestein, sondern auch auf unbewirtschafteten, glazialen, entkalkten Sanderflächen Versauerungen auftreten können, die bis in das Grundwasser durchschlagen?
Ist der Bundesregierung in diesem Zusammenhang bekannt, daß im Wasserwerk der Stadt Bielefeld (In der Senne) als erstes großes deutsches Wasserwerk in mehreren Brunnen Filterverstopfungen durch ausgeflocktes Aluminium auftraten, und welche Folgerungen zieht sie gegebenenfalls daraus?
Sind der Bundesregierung große Wasserversorgungsanlagen bekannt, bei denen eine Rohwasserversauerung zu befürchten ist und demzufolge Schwierigkeiten bei der Trinkwasseraufbereitung auftreten können, und wenn ja, um welche Anlagen handelt es sich?