Trinkwasserfluoridierung
der Abgeordneten Dr. Ehmke (Ettlingen), Frau Schoppe und der Fraktion DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Wir fragen die Bundesregierung:
I.
Die Trinkwasserfluoridierung (TWF) ist in ihrer Wirkung hinsichtlich Kariesprophylaxe stark umstritten. Dem Kariesrückgang in Städten mit fluoridiertem Trinkwasser stehen gleiche Befunde in Städten mit nichtfluoridiertem Trinkwasser gegenüber. Die für eine Kariesprophylaxe notwendig erachteten Fluoridmengen liegen eng bei den Mengen, die zu einer Pigmentierung der Zähne bis hin zur beginnenden Zahnfluorose führen.
Erhöhte Fluoridzufuhren können zu Zahn- und Skelettfluorosen führen und stehen im Verdacht der Krebserzeugung und Erbgutschädigung beim Menschen. Über den Bereich der rein naturwissenschaftlichen Diskussion hinaus werden auch gesellschaftliche Probleme tangiert: Da Karies durch Ernährungsfehler und mangelnde Zahnpflege bedingt wird, stellt die TWF eine Medikation gegen die Symptome dar, und angesichts des Anschluß- und Benutzungszwanges für Trinkwasser kann hier von einer Zwangsmedikation gesprochen werden.
In den naturwissenschaftlichen wie in den gesellschaftlichen Streit sind nicht nur die Wasserwerke und Verbraucher involviert, sondern auch und vor allem das Bundesgesundheitsamt.
Die deutsche Wasserwirtschaft (DVGW) hat sich schon 1974 gegen eine TWF ausgesprochen und hat ihre Position bis heute beibehalten. Gleichwohl liefen in einigen Städten Versuche mit der TWF, so in Kassel. Die Verbraucher bzw. die Verbraucherverbände haben sich ebenfalls gegen die TWF ausgesprochen, so die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher (AgV), der Deutsche Verbraucherschutzverband (DVS), die Gesellschaft für Gesundheitsberatung (GGB) und andere. Auch die Berliner Verbraucher, von Gesundheitssenator Ulf Fink befragt, haben sich mehrheitlich gegen die Fluoridierung ihres Trinkwassers ausgesprochen.
Etwas difiziler ist die Haltung des Bundesgesundheitsamtes zu bewerten: In seinem SozEp-Bericht 6/1982, „Gesundheitlicher Einfluß von Trinkwasserinhaltsstoffen", schreibt einer der Autoren, Hans Hoffmeister, im Vorwort folgendes: „Eine Ausnahme stellt die Fluoridierung des Trinkwassers als kariesprophylaktische Maßnahme dar, die als hinreichend gesichert angesehen werden kann." Auf den Seiten 34 bis 38 unter dem Punkt 3 „Gesundheitliche Bedeutung von Fluorid im Trinkwasser" kommen die BGA-Autoren allerdings zu ganz anderen Schlüssen, die unter anderem zur Ablehnung gerade der TWF führen.
Auch die Bundesregierung kommt in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Frau Schoppe und der Fraktion DIE GRÜNEN (Drucksache 10/1138) zu folgendem Schluß: „Aus verschiedenen, nicht nur wissenschaftlichen Gründen umstritten ist die ungezielte Applikation beispielsweise durch die Trinkwasserfluoridierung. "
Dennoch kommt das Bundesgesundheitsamt in zwei Gutachten, die das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen erstellen ließ (Erlass 351-5003-F/I vom 25. Mai 1981 und Erlass 341-4710-I/II vom 20. Oktober 1983), zu der Einschätzung, daß die TWF kariespräventive Effekte hat. Autor der beiden zitierten Gutachten ist ein gewisser Prof. Karl E. Bergmann. Gegen Prof. Bergmann und seinen Kollegen Prof. Horst Busse ist nun am 3. August 1984 von seiten eines international anerkannten Spezialisten im Bereich der Fluoridierung Dienstaufsichtsbeschwerde gestellt worden, weil diese Herren ihn auf drei öffentlichen Veranstaltungen „nach explorativer Datenanalyse im BGA" der Datenmanipulation bezichtigt hätten. Der Beschwerdeführer sieht darin eine gezielte Diffamierung seiner Person und seiner wissenschaftlichen Arbeit und eine Irreführung der Öffentlichkeit über den wahren Sachverhalt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung über den Nutzen und die Unschädlichkeit der Massenmedikation mit Fluoriden, die unvereinbar sei mit dem dienstlichen Auftrag von Beamten zur Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit sowie den Auftrag von Gutachtern und Sachverständigen zur Wahrheit und Objektivität.
Trotz der laufenden Dienstaufsichtsbeschwerde nehmen die Herren Prof. Bergmann und Busse weiterhin an öffentlichen Veranstaltungen zum Thema Fluoridierung teil, obwohl die gegen sie erhobenen Vorwürfe in der Dienstaufsichtsbeschwerde noch nicht geklärt sind.
Wir fragen daher die Bundesregierung:
Fragen17
Welche Konsequenzen haben die Dienstaufsichtsbeschwerden gegen die BGA-Mitarbeiter Prof. Karl Bergmann und Prof. Horst Busse wegen Falschaussagen und Erstellung wissentlich falscher Gutachten auch für Gesundheitsminister Geißler?
Trift es zu, daß diese Herren trotzdem, bevor die erhobenen Vorwürfe geklärt sind, weiterhin sich öffentlich als BGA-Vertreter über die Notwendigkeit der Fluoridmedikation verbreiten dürfen, z. B. Prof. Bergmann am 19. Oktober 1984 in Mainz auf dem Kongreß Zahngesundheit und Ernährung?
Trifft es zu, daß das Bundesgesundheitsministerium dem Bundesgesundheitsamt den Vorschlag gemacht hat, die Seiten 34 bis 38 des SozEp-Berichtes 6/82 als Irrtum (Erratum) zu erklären und zu entfernen, da eine kritische Einstellung zur Fluoridierung zur Zeit inopportun ist?
Trifft es zu, daß das Bundesgesundheitsamt als Gegenvorschlag die Vernichtung der Restbestände dieses Berichtes vorgeschlagen hat, um Diskussionen über die geänderte Auffassung des BGA zu umgehen?
Ist der Restbestand des SozEp-Berichtes inzwischen vernichtet worden oder liegt ein Erratum bei?
Trifft es zu, daß das BGA eine, bislang nicht publizierte, Untersuchung des deutschen Trinkwassers, die über die Daten im SozEp-Bericht hinausgeht, vorgenommen hat mit dem Ziel, eine bessere Dosierung der Fluoridtabletten zu ermöglichen?
Wann und wo werden diese Daten publiziert?
Ist der Bundesregierung bekannt, in welchen Landesministerien bereits Feldstudien über den Fluoridgehalt des regionalen Trinkwassers vorliegen oder in Arbeit sind?
Kann die Bundesregierung mitteilen, in welchen Orten die natürlichen Fluoridgehalte über 0,5 Milligramm pro Liter liegen?
Gewisse Substanzen zur Wasseraufbereitung enthalten Fluorid und können dies auch ans Trinkwasser abgeben, z. B. Phosphate. Wie wirkt sich dies auf den Gesamtfluoridgehalt von Trinkwasser aus?
Hat die Bundesregierung Erkenntnisse darüber, in welchen Städten der Bundesrepublik Deutschland die Trinkwasserfluoridierung praktiziert wird und gegebenenfalls wieder aufgegeben wurde? Von wann bis wann wurde hier fluoridiert und in welcher Dosierung?
Im April 1982 erklärte Prof. Karl Bergmann (BGA) während einer Veranstaltung in der Saarbrücker Kongreßhalle vor Publikum, daß in Orten mit überhöhtem Fluoridgehalt das Wasser entfluoridiert wird.
Was ist ein überhöhter Fluoridgehalt?
In welchen Orten tritt dieser überhöhte Gehalt auf?
Welche Methoden zur Entfluoridierung sind der Bundesregierung bekannt und wo werden sie angewandt?
Welche Restgehalte werden als akzeptabel angesehen?
Wie hoch liegt die Gesamtfluoridaufnahme eines Kindes, das — täglich 1,5 Liter Trinkwasser mit einem zulässigen Gehalt von 1,5 Milligramm pro Liter Fluorid trinkt, — täglich eine Fluortablette entsprechend der Empfehlung im Arzneitelegramm 8/84 einnimmt, — sich die Zähne zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpasta oder Zahnsalz putzt, — über die Nahrung 0,2 bis 0,5 mg Fluorid pro Tag (nach SozEp 6/82) aufnimmt und — im Immissionsgebiet eines Fluor-Emittenten lebt?
Wie würde sich die nach Frage 13 ermittelte Fluoridbelastung unter Verabreichung von fluoridiertem Kochsalz, fluoridierter Schulmilch (ab sechstem Lebensjahr) erhöhen?
Wie erhöht sich die nach Frage 13 und 14 ermittelte Belastung bei Anwendung von — Fluoridgelees, — Fluoridpinselungen, — Fluoridspülungen, — Aufbringen eines fluoridhaltigen Zahnlacks?
Kann die Bundesregierung mitteilen, welche Fluoridgehalte im Mittel und im Extremfall in Getränken gefunden werden und wie sie die Fluoridbilanz beeinflussen?
Die Bundesregierung sagt selbst, daß die Kariesbekämpfung auf Zahnhygiene und Zahnpflege, richtiger Ernährung und zusätzlichen Maßnahmen beruht.
Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung bislang ergriffen bzw. gedenkt sie zu ergreifen, um in der Bevölkerung eine Umstellung auf vollwertige, weitgehend naturbelassene Nahrung zu bewirken?
Wie beurteilt die Bundesregierung in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der „Aktion Mönchweiler", wo allein nach Umstellung der Ernährung (auf Getreidevollwertkost) ein drastischer Rückgang der Karieshäufigkeit erzielt werden konnte (siehe: Dr. J. G. Schnitzer: Aktion Mönchweiler)?
Wie will sie gegen die Verursacher des Kariesbefalls, hier vor allem gegen den übermäßigen Zuckerkonsum, vorgehen?
Plant sie z. B., wie von den Verbraucherzentralen gefordert, Werbung für zuckerhaltige Nahrungsmittel und Süßigkeiten zu verbieten und hier insbesondere die Werbung mit und für Kinder?
Wie will die Bundesregierung in Zukunft mit den Zahnärzten und ihren Verbänden zusammenarbeiten?
Welchen Einfluß hat hierbei die Tatsache, daß derartige Verbände, z. B. die kassenzahnärztliche Vereinigung Nordrhein, mit der Wirtschaftsvereinigung Zucker eine Vereinbarung geschlossen haben, in der sie sich verpflichtet, ihre neue Gesundheitsaufklärung mit der Zuckerindustrie abzustimmen?
Trifft es zu, daß Prof. Karl Bergmann (BGA) im Herbst 1982 an einer Prophylaxe-Tagung der Zuckerindustrie teilgenommen hat und sich dort auch für die Trinkwasserfluoridierung ausgesprochen hat?
Welche Stellungnahme der Zuckerindustrie zur Trinkwasserfluoridierung liegen der Bundesregierung vor?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Aktivitäten des IME (Informationskreis Mundhygiene und Ernährung), der u. a. von der Zuckerindustrie (Arbeitsgemeinschaft Zucker, Wirtschaftliche Vereinigung Zucker) unter Beteiligung der CMA (Centrale Marketinggesellschaft der Deutschen Agrarwirtschaft), die ihrerseits vom Bundeslandwirtschaftsministerium finanziert wird, 1976 gegründet wurde? Wie beurteilt sie insbesondere, daß der IME Fortbildungsveranstaltungen und ähnliches für Zahnärzte durchführt und dabei die Fluoridierung propagiert (z. B. Symposium „Kariesprophylaxe mit Fluorid" 1984 in Hamburg)?