Schädigung des Waldbestandes durch radioaktive Strahlung aus dem Atomkraftwerk Würgassen
des Abgeordneten Stratmann und der Fraktion DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Das Atomkraftwerk Würgassen ist das erste Atomkraftwerk, in dessen Umgebung eine Anreicherung auch der in der Abluft des Atomkraftwerks vorhandenen gasförmigen Radionuklide festgestellt und in den Baumbeständen der Umgebung nachgewiesen wurde.
Wir fragen aus diesem Anlaß die Bundesregierung:
Fragen7
Hat die Bundesregierung Kenntnis genommen von Messungen radioaktiven Kohlenstoffs (C 14) in Umweltproben am Institut für Umweltphysik der Universität Heidelberg, und wie bewertet sie die Ergebnisse, wonach in der Umgebung des Atomkraftwerks Würgassen
— in den Baumblättern eine deutliche Erhöhung des Gehalts an radioaktivem Kohlenstoff gegenüber dem normalen Pegel beobachtet wurde (Erhöhung um bis zu 13 v. H.),
— seit dem Zeitpunkt der Inbetriebnahme des Reaktors im Holz von Bäumen der Umgebung ein deutlicher Anstieg an C 14 festzustellen ist (Baumringanalysen),
— die höchste Immission an luftgetragenen Radionukliden aus dem Abluftkamin des Atomkraftwerks entgegen den Erwartungen nicht an Geländepunkten in Hauptwindrichtung (ostwärts), sondern am Prallhang der Weser westlich des Kraftwerks auftritt?
Welche Strahlenbelastung ergibt sich nach Kenntnisnahme der Heidelberger Messungen an der ungünstigsten Einwirkungsstelle in der Umgebung des Atomkraftwerks?
Treffen nach den jetzt bekanntgewordenen Befunden die Ausbreitungsrechnungen für Radioaktivität, die dem atomrechtlichen Genehmigungsverfahren zugrunde gelegt wurden, noch zu?
Hat die Bundesregierung veranlaßt, daß Erkenntnisse aus den Heidelberger Arbeiten bei den fortlaufenden Messungen im Rahmen der Umgebungsüberwachung – insbesondere hinsichtlich der Probennahmestellen – berücksichtigt werden?
Können die Meßergebnisse der amtlichen Umgebungsüberwachung um das Atomkraftwerk Würgassen aus den letzten Jahren veröffentlicht oder zugänglich gemacht werden?
Wie bewertet die Bundesregierung Ergebnisse dendrochronologischer Untersuchungen, wonach zwischen einer Erhöhung des C 14-Gehalts in Bäumen um bereits 1 v. H. und einer langfristigen Verringerung des Baumwuchses eine Korrelation besteht (vgl. E. Hollstein, Säkularvariationen des Eichenwuchses in Mitteleuropa in: H. Schröder-Lanz, Late and postglacial ozillations of glaciers: Glattal and periglatial forms, 1983, S. 389 bis 391)?
Kann die künstliche Luftionisation in der Umgebung des Atomkraftwerks Würgassen bei kurzzeitigen erhöhten Abluftabgaben von radioaktiven Stoffen die natürliche Ionisation in der Luft deutlich erhöhen?
Kann eine erhöhte Ionisation der Luft Waldschäden verstärken?
Wie bewertet die Bundesregierung die Tatsache, daß das Atomkraftwerk Würgassen unter den bundesdeutschen Atomkraftwerken seit Jahren den höchsten Ausstoß an radioaktiven Stoffen aufweist?
Wann beabsichtigt der Betreiber bzw. die Genehmigungsbehörde das seit 1973 betriebene Atomkraftwerk stillzulegen?