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Kleine AnfrageWahlperiode 10Beantwortet

Formaldehyd (IV) (G-SIG: 10002861)

Beurteilung des dänischen Krebsregisters, Formaldehydbelastung und Nasenkrebs, Krebsforschung in der Bundesrepublik Deutschland

Fraktion

Die Grünen

Ressort

Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit

Datum

20.08.1985

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 10/368225.07.85

Formaldehyd (IV)

des Abgeordneten Werner (Dierstorf) und der Fraktion DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Im Juni 1984 legten dänische Arbeitsmediziner eine Studie vor über den Zusammenhang von Nasenkrebserkrankungen und Formaldehydbelastungen in der dänischen Inudstrie 1). Diese Studie wurde möglicherweise auf Grund des damaligen Informationsstands der zuständigen Bundesämter in den Beratungen zum gemeinsamen Formaldehydbericht des Bundesgesundheitsamts, des Umweltbundesamts und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz nicht berücksichtigt.

Folglich wird im Bericht festgestellt, daß „die vorliegenden epidemiologischen Studien ... keinen Hinweis auf eine erhöhte Gesamttumorrate oder auf eine Erhöhung der Rate einzelner Tumorarten bei Formaldehyd exponierten Menschen" 2) gegeben haben.

Von herausragendem Interesse war auf Grund der positiven tierexperimentellen Ergebnisse eine erhöhte Morbidität/Mortalität für Nasenkrebs: „In keinem Fa ll wurde Nasenkrebs als Todesursache innerhalb der Studien genannt. " 2)

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen14

1

Wie beurteilt die Bundesregierung die wissenschaftliche Ausrüstung, die wissenschaftlichen Methoden und Arbeiten des dänischen Krebsregisters?

2

Hält die Bundesregierung die umfangreichen Datensammlungen des dänischen Krebsregisters und des dänischen „Arbejdsmarkedets Tillaegspension" für vorbildlich, um mögliche Schäden unter Arbeitern, ausgehend von gefährlichen Arbeitsstoffen, überhaupt erkennen zu können?

3

Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß die bisherigen auch in analysierten epidemiologischen Studien 2) aus statistischen und methodischen Gründen einen Zusammenhang Nasenkrebs/Formaldehydbelastung gar nicht hätten erkennen können 3), sofern es sich um eine mittelstarke oder gar eher schwache Assoziation handeln sollte?

4

Teilt die Bundesregierung die Auffassung, daß das ledigliche Vorhandensein von Einzelfallbeobachtungen 4) bis zu diesem Zeitpunkt sogar zwangsläufig gewesen war?

5

Hat die Bundesregierung die Studie von J. Olsen aus dem dänischen Krebsregister 5) mittlerweile zur Kenntnis nehmen können?

6

Die vermeintliche Unschädlichkeit und Wirksamkeit von neuentwickelten Arzneimitteln wird von Herstellerseite im Endstadium der Prüfungen sehr häufig in der Form der sog. Case-Control-Studie nachgewiesen. Welche wissenschaftliche Bedeutung mißt die Bundesregierung für den Bereich der Arbeitshygiene/Arbeitsmedizin sog. Case-Control-Studien zu?

7

Teilt sie die Auffassung von J. Olsen 3), daß die dänische Studie zur Assoziation Nasenkrebs/Formaldehyd bisher die größte und umfassendste Arbeit darstellt, die auch aus methodischen Gründen die Voraussetzungen aufweist, relativ schwache Risiken zu erkennen?

8

Wie beurteilt die Bundesregierung die Ergebnisse der Autoren, wonach bei gleichzei tiger Belastung von Arbeitern mit Formaldehyd und Holzstaub eine signifikante Erhöhung der Nasenkrebsrate zu befürchten ist?

9

Wie beurteilt die Bundesregierung die Erkenntnisse, daß beim „Abzug" des Schädigungseffekts Holzstaub das Signifikanzniveau sinkt und „nur" noch eine ca. drei- bis vierfache Risikoerhöhung für Nasenkrebserkrankungen durch Formaldehydbelastungen besteht?

10

Stimmt die Bundesregierung den Autoren zu, daß es unwahrscheinlich ist, daß diese Krebsfälle nicht durch Formaldehyd bewirkt würden (Bias)?

11

Hält sie die ermittelte Risikorate von zwei formaldehydbedingten Krebsfällen in gut 10 000 neuen Krebsfällen für akzeptabel aus arbeitsmedizinischer Sicht?

12

Verändern die dänischen Ergebnisse die im gemeinsamen Bericht der Bundesämter 2) getroffenen Einschätzungen bezüglich des internationalen epidemiologischen Kenntnisstands?

Wenn ja, wie würde die Einschätzung des kanzerogenen Wirkungspotentials von Formaldehyd heute ausfallen?

13

Warum hat die Bundesregierung keine eigenen epidemiologischen Studien, vergleichbar den dänischen Arbeiten, bisher veranlaßt?

14

Hält sie die Einschätzungen ausländischer Experten nach wie vor für berechtigt, wonach im Bereich der Krebsforschung (hier des Krebsforschungszentrums Heidelberg) die Bundesrepublik Deutschland Entwicklungsland wäre?

Bonn, den 25. Juli 1985

Werner (Dierstorf) Hönes, Schmidt (Hamburg-Neustadt) und Fraktion

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