BundestagKleine Anfragen
Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 10Beantwortet

Überschußbeseitigung von Butter und Magermilch durch die Verfütterung an Kälber auf Kosten von Bauern und Verbrauchern (G-SIG: 10004457)

EG-Pläne zur Verfütterung von Interventionsbutter an Kälber, Reform der Milchmarktordnung, Verbesserung der landwirtschaftlichen Einkommen, Kosteneinsparung bei Direktverfütterung, Energieverbrauch bei der Milchverarbeitung

Fraktion

Die Grünen

Ressort

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten

Datum

17.10.1986

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 10/588524.07.86

Überschußbeseitigung von Butter und Magermilch durch die Verfütterung an Kälber auf Kosten von Bauern und Verbrauchern

des Abgeordneten Werner (Dierstorf) und der Fraktion DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Die EG hat einen neuen Vorschlag zur sogenannten Überschußbeseitigung vorgelegt: Zusätzlich zum schon im Milchaustauscherfutter für Kälber subventioniert beigemischten Magermilchpulver soll jetzt auch noch subventionierte Interventionsbutter ins Kälberfutter gemischt werden — die Kälberfütterung nähert sich damit wieder der althergebrachten Aufzucht mit Vollmilch — mit dem gewaltigen Unterschied, daß durch dieses Verfahren auf Kosten von Bauern und Verbrauchern ein gewinnträchtiger Wirtschaftszweig gesponsert wird.

Dieses geplante Verfahren ist ein Paradebeispiel dafür, wie Milliarden von Steuergeldern in eine unnütze Industrie gepumpt werden unter dem Vorwand, diese Gelder würden für die Einkommenssicherung speziell der klein- und mittelbäuerlichen landwirtschaftlichen Betriebe gebraucht. Doch in Wirklichkeit sind die Molkereiverarbeitungs- und Lagerungsunternehmen die durch dieses Verfahren Begünstigten: 70 bis 75 % der EG-Marktordnungsmittel kommen ihnen zugute; nur 25 bis 30 % erreichen die Landwirtschaft, und von diesem Anteil kommt das wenigste den kleineren Betrieben zugute.

Mit einem immensen Aufwand an Energie, Kosten und ökologischen Einflüssen soll die Milch im Kreislauf gefahren werden. Die Notwendigkeit einer anderen Agrarpolitik und einer anderen Agrarmarktordnung, eine Agrarpolitik für die Bauern, wird durch dieses Verfahren überdeutlich aufgezeigt.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen12

1

Wie steht die Bundesregierung zu dem absonderlichen Plan, Milch beim Bauern abzuholen, in der Molkerei zu Milchpulver und Butter zu verarbeiten, zu transportieren, zu lagern, wieder in sogenannte Milchaustauscherfutter einzumischen und dann, nach all diesen umweltschädlichen, kosten- und energieaufwendigen Schritten (die gegenüber der Qualität des Anfangsprodukts keine Verbesserung bringen), diese Milch über so viele Umwege an die Kälber zu verfüttern?

2

Hält die Bundesregierung dieses oben beschriebene Verfahren für eine wirtschaftlich, ökologisch und nach Gesichtspunkten der Tiergesundheit zu rechtfertigende Maßnahme zur Wiederherstellung des Marktgleichgewichts bei Milch, und wenn ja, welche Gründe im einzelnen sprechen dafür?

3

Eine Reform der Marktordnung scheint unausweichlich angesichts der Tatsache, daß über 70 % der für die Landwirtschaft vorgesehenen Finanzmittel von der Agrarindustrie für die Verarbeitung und Lagerung abgeschöpft werden und nur maximal 30 % überhaupt bei den Bauern ankommen. Welche Gründe sprechen in der heutigen (wirtschaftlichen) Situation gegen die Änderung der Marktordnung weg von Garantiepreisen für verarbeitete Produkte hin zu einem System von gesicherten, nach Menge gestaffelten Erzeugerpreisen für Milch?

4

Wieso fördert die Bundesregierung immer noch weitere industrielle Bearbeitung von Lebensmitteln und Futtermitteln, durch die die Produktqualität sinkt, die Umwelt beeinträchtigt wird und die Verbrauchern und Bauern nur Kosten verursacht, ohne eine (wirkliche) Verbesserung der Überschußsituation zu bewirken?

5

a) Wie glaubt die Bundesregierung, gegenüber der Mehrheit der klein- und mittelbäuerlichen Betriebe eine Agrarpolitik und Marktordnung vertreten zu können, die außer der verarbeitenden Industrie nur wenigen Groß- und Wachstumsbetrieben zugute kommt und die kleineren Betriebe wirtschaftlich ruiniert und zur Aufgabe zwingt?

b) Hält die Bundesregierung die beschlossene Verfütterung von 150 Millionen kg EG-Molkereibutter mit einem Wert von 1,1 Milliarden DM in diesem Zusammenhang für eine geeignete Maßnahme zur Verbesserung der bäuerlichen Einkommenssituation?

c) Durch welche konkreten Einzelmaßnahmen beabsichtigen Bundesregierung und EG, die Milchproduktion zurückzufahren, und wie beurteilt die Bundesregierung weitere Verschärfungen der Quotenregelung und den durch die Milchrentenaktion verursachten Druck zur Betriebsaufgabe (spez. auch für kleinere Betriebe in benachteiligten Gebieten)?

6

a) Welche Kosten verursacht die geltende EG-Milchmarktordnung insgesamt und in der Bundesrepublik Deutschland (pro tausend kg Milch und insgesamt) für die einzelnen Vermarktungs- und Verarbeitungsschritte, als da wären: die Verarbeitung zu Milchpulver und Butter, die Lagerung, der Transport, die Weiterverarbeitung von Lagerungsprodukten (z. B. Herstellung von Butteröl, Butterreinfett usw.), die Trocknung von Produkten, der subventionierte Absatz (Eiscreme, Backindustrie usw.), der subventionierte Export in Drittländer, die subventionierte Beimischung in Futtermitteln (hier auch aufgetrennt nach Kosten für Magermilchpulver und Butter)?

b) Welche Kosteneinsparungen lassen sich bei einer Direktverfütterung von Frischmilch an Kälber errechnen, welche Reduzierung der Überschußproblematik ergäbe sich bei einer angemessenen Fütterung von 500 kg Milch pro Kalb und, entsprechend der eingesparten Marktordnungsmittel, welche Direktverfütterungsprämie könnte man dem Bauern pro Liter Milch bzw. pro Kalb zuführen, ohne daß die Gesamtkosten höher wären als die derzeitigen Marktordnungskosten?

c) Wieviel Butterfett soll jedem kg Milchaustauscherfutter zugesetzt werden, wieviel Butterfett wäre das pro Liter tränkefertigem Milchaustauscher und insgesamt?

d) Wie teuer würde 1 Liter Milchaustauscher für den Bauern werden, wenn die Aufwertung des Magermilchpulvers mit Fetten ausschließlich aus Butterfett geschähe, und diese Butter mit dem Preis bezahlt werden müßte, mit dem sie für die Einlagerung in EG-Bestände gekauft würde, und welchen Preis bezahlt der Landwirt zur Zeit für 1 Liter Milchaustauscher?

e) Was kostet die geplante Futtermittelbeimischung pro kg, pro Kalb (durchschnittlicher Verzehr an Milchaustauscher) und insgesamt?

7

a) Wieso hat sich nach der Einführung der Quotenregelung noch ein weiterer Anstieg der Magermilchpulverproduktion ergeben können, obwohl die angelieferten Milchmengen deutlich zurückgingen, und wie erklären sich Steigerungen des Aufkommens an Magermilchpulver von über 17 % gegenüber dem Vorjahr?

b) Wie hat sich die Butterproduktion im Vergleichszeitraum entwickelt, die Menge und das Alter der Interventionsbestände und der Verbrauch, aufgeschlüsselt nach Verwendungen (subventionierte Verwendungszwecke getrennt aufführen)?

c) Wieweit sind gezielte staatliche Maßnahmen, wie einzelbetriebliche Förderung, Förderung von Molkereifusionen usw., für das innerhalb der letzten zehn Jahre stark gestiegene Milchaufkommen verantwortlich?

8

Welche Mengen an Magermilchpulver und Butter sind für den Einsatz als Kälberfutter geplant (über die annoncierten 150 Millionen kg Molkereibutter hinaus), welche verwendete Menge wird erwartet, und welcher Milchmenge (absolut und in Prozent der jährlichen Produktion) entspricht dies? Wieviel Butter wäre in jedem Liter tränkefertigem Milchaustauscher enthalten, und wie viele Liter Milch pro Kalb wären auf diese Art und Weise über den Umweg Butter und Magermilchpulver in der Landwirtschaft zu verwenden?

9

Wie beurteilt die Bundesregierung die direkte Verfütterung von Vollmilch an Kälber, welche Menge pro Kalb hält sie für möglich, welcher Gesamtmenge entspräche das, und wie steht die Bundesregierung zur finanziellen Förderung der Vollmilchverfütterung an Kälber, evtl. auch in Verbindung mit einer entsprechenden Kürzung der Lieferquote, also zu einer Maßnahme, die eine direkte Marktentlastung bewirkt und gleichzeitig die Volkswirtschaft von den Folgekosten der Milch-(und Geld-)Verpulverungswirtschaft befreit? Hält die Bundesregierung eine Beihilfe pro Kalb bzw. pro Liter bzw. pro eingeschränktem Lieferkontingent für gerechtfertigt, auch im Vergleich mit den hohen Kosten, die bei der Verpulverung (EG-Marktordnungssmethode) entstehen?

10

Wie beurteilt die Bundesregierung die ökologischen Verbesserungen, die durch direkte Fütterung statt Verpulverung erreicht werden können?

11

Die heutige Praxis der Milchverarbeitung ist extrem energieaufwendig. Welcher Energiebedarf besteht pro tausend Liter Milch insgesamt für die einzelnen Verarbeitungsschritte: — Transport , — Verarbeitung, — Trocknung, — Lagerung und zusätzlich bei Verfütterung für — Transport , — Futtermittelherstellung, — Rationszubereitung (heißes Wasser) im Betrieb, und wie hoch ist der gesamte anfallende Energiebedarf? Wie hoch ist der Energieverbrauch pro Liter gegenüber der Direktverfütterung, und wie hoch ist der Energieverbrauch insgesamt gegenüber der Direktverfütterung?

12

Wie hoch ist nach Erkenntnissen der Bundesregierung der Arbeitszeitbedarf bei der direkten Kälbertränke mit Vollmilch und der hochgerechnete Gesamtarbeitszeitbedarf bei der Tränke von Kälbern mit aus Interventionsbeständen hergestelltem Mischaustauscherfutter, und wie hoch sind die jeweils entstehenden Kosten beider Varianten?

Bonn, den 24. Juli 1986

Werner (Dierstorf) Borgmann, Hönes und Fraktion

Ähnliche Kleine Anfragen