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Kleine AnfrageWahlperiode 16Beantwortet

Ergebnisse aus dem Workshop über die Risikobewertung von Bisphenol A

<span>Inhalte des Ende März 2009 vom Umweltbundesamt veranstalteten Workshops, insbes. zu Ergebnissen und Bewertungen vorliegender Studien, Konsequenzen</span>

Fraktion

DIE LINKE

Datum

22.05.2009

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 16/1282230. 04. 2009

Ergebnisse aus dem Workshop über die Risikobewertung von Bisphenol A

der Abgeordneten Eva Bulling-Schröter, Karin Binder, Lutz Heilmann, Dr. Kirsten Tackmann und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Vom 30. bis 31. März 2009 fand in der Hessischen Landesvertretung in Berlin ein vom Umweltbundesamt veranstalteter Workshop über die Risikobewertung von Bisphenol A (BPA) statt. BPA wird von der chemischen Industrie für die Produktion von Polykarbonat und Epoxidharzen hergestellt und genutzt. Anwendung findet diese Chemikalie u. a. vielfach in Plastikverpackungen, in Innenbeschichtungen von Dosen und in der Farben- und Lackherstellung. Bereits im Jahre 2000 gab es eine Veranstaltung zu BPA, bei der es um die gesundheitliche und Umweltgefährdung des hormonell aktiven Weichmachers BPA ging. Seitdem wurden international mehr als 700 Studien über die Risiken und Folgen des Einsatzes von BPA vorgelegt. Zuletzt gab es 2008 und in diesem Jahr Veröffentlichungen die aufzeigten, dass bspw. bei Affen Störungen in der Gehirnentwicklung, -struktur, und -funktion nachweisbar waren, sich Gedächtnis-, Lern- und Verhaltensänderungen ergeben und komplexe Störungen des Hormon- und Stoffwechselsystems die Folge sein können. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen die so genannten Niedrigdosis-Effekte (Low-dose-effects). Ein wesentlicher Streitpunkt ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sich weder die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), das Europäische Chemikalienbüro noch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) den kritischen Einschätzungen über die Wirkung von BPA anschließen.

Nachdem nun die kanadische Regierung im Rahmen ihrer Verpflichtung, im Zweifelsfall dem Vorsorgeprinzip zu genügen, BPA in Babyflaschen verbieten will und der öffentliche Druck hinsichtlich der von diesem Weichmacher ausgehenden Gefahren stetig zunimmt, hat das Umweltbundesamt dazu einen internationalen Workshop organisiert. In diesem sollte geklärt werden, worin die Gefahren – gemessen an den Ergebnissen aus Tierversuchen und Humanstudien – nun eigentlich liegen. Auch sollte geklärt werden, ob es einen Handlungsbedarf zugunsten des Vorsorgeprinzips geben sollte oder ob weitere klärende Studien notwendig sind, und wenn ja, in welchem Umfang.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen27

1

Welche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wurden zu diesem Workshop eingeladen, und warum wurden sie eingeladen?

2

Wurde auf dem Workshop über den Inhalt und die Hintergründe des Zustandekommens der EFSA-Studie von Rochelle W. Tyl diskutiert, wenn ja, mit welchen Ergebnissen? Wenn nein, warum nicht?

3

Welche Widersprüche zwischen der für die EFSA angefertigten Studie von Rochelle W. Tyl und anderen Studien wurden festgestellt, und wurden diese diskutiert? Wenn ja, mit welchem Ergebnis?

4

Konnte auf dem Workshop geklärt werden, inwiefern Erkenntnisse aus Studien für die Risikoanalyse verwendbar sind, die nicht nach den Kriterien der Guten Laborpraxis durchgeführt wurden, wenn ja, zu welchen Erkenntnissen ist man gekommen?

5

Was hat der Workshop hinsichtlich der Verwendung bzw. Verwertbarkeit der Ergebnisse von Studien gebracht, die nach den Kriterien der Guten Laborpraxis durchgeführt wurden?

6

Welche Erkenntnisse hat der Workshop über die Zahl der vorliegenden Studien zu BPA insgesamt (international) erbracht, und wie viele dieser Studien haben sich mit Niedrigdosis-Effekten beschäftigt?

7

Welche Informationen ergab der Workshop darüber, wie viele Studien sowohl über Hoch- als auch über Niedrigdosis-Effekte auf der Grundlage von Tierversuchen durchgeführt wurden?

8

Inwiefern wurden auf dem Workshop Unterschiede besprochen, die sich aus der Verstoffwechselung von BPA in Mäusen, Ratten und anderen Versuchstieren bzw. in Versuchstieren der gleichen Spezies, jedoch mit unterschiedlichem genetischem Pool (unterschiedliche genetische Linien) ergeben, welche Konsequenzen hat diese Variabilität hinsichtlich der Vergleichbarkeit der Ergebnisse mit der Verstoffwechselung beim Menschen, und welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus dieser Diskussion?

9

Unter welchen Bedingungen lassen sich die Ergebnisse aus Versuchen zu BPA an Tieren mit unterschiedlichen genetischen Pools derselben Art erstens miteinander vergleichbar machen und zweitens auf den Menschen übertragen?

10

Welche Erkenntnisse brachte der Workshop zu den Bedingungen, unter denen sich die Ergebnisse aus Tierversuchen zu BPA mit unterschiedlichen Expositionen und Verstoffwechselungen (Kinetik) überhaupt auf den Menschen übertragen lassen?

11

Welche Erkenntnisse erbrachte der Workshop darüber, wie viele der international angefertigten Studien über Niedrigdosis-Effekte einerseits nach der Guten Laborpraxis (GLP) angefertigt wurden, und andererseits welche GLP- und Nicht-GLP-Studien aufgrund der Studiendurchführung für die Risikobewertung von BPA herangezogen werden konnten?

12

Geht die Bundesregierung davon aus, dass nur Ergebnisse aus GLP-Studien reproduzierbar sind, wenn ja, warum?

13

Welche Erkenntnisse erbrachte der Workshop darüber, wie viele humanbasierte Studien – also keine Tierversuchsstudien – insgesamt (international) bisher durchgeführt wurden, und wie viele davon den GLP-Bestimmungen entsprachen?

14

Welche Erkenntnisse erbrachte der Workshop über die Wirksamkeit von freiem BPA im Gegensatz zum metabolisierten BPA im Blut und Urin bzw. zu Diskrepanzen bei der Feststellung von freiem BPA?

15

Welche Erkenntnisse erbrachte der Workshop darüber, inwiefern die Untersuchungsergebnisse zur Wirkung von BPA (frei oder metabolisiert) beeinflusst wurden durch den Einsatz von anderen hormonell aktiven Stoffen wie Estradiol – beispielsweise in Kontrollgruppen –, und inwiefern müssen beim Einsatz dieser Wirkstoffe Hinweise berücksichtigt werden, dass sie die Versuchsergebnisse bzw. die Vergleichbarkeit der Versuchsergebnisse maßgeblich beeinflussen können?

16

Welche Erkenntnisse erbrachte der Workshop über externe und interne BPA-Expositionen von Säuglingen?

17

Welche Erkenntnisse erbrachte der Workshop über Diskrepanzen zwischen den Ergebnissen aus Tierversuchen und der tatsächlichen humanen Exposition, und welchen Einfluss könnte die Tatsache haben, dass im Tierversuch z. B. nur einmal innerhalb von 24 Stunden BPA verabreicht wurde, während beim Menschen eine niedrigdosierte Dauerbelastung über 24 Stunden angenommen wird?

18

Inwiefern spielten bei der Studie von Rochelle W. Tyl der Vergleich der externen mit der internen BPA-Exposition eine Rolle?

19

Welche Expositionswege von BPA kommen außer über die Nahrung für den Menschen noch in Frage?

20

Welche Ergebnisse brachte der Workshop hinsichtlich der Folgen des Eintrages von BPA in die Umwelt?

21

Wurden auf dem Workshop ökologische Risiken bei bestehendem und weiterhin stattfindendem Eintrag von BPA in die Umwelt diskutiert, wenn ja, welche konkret?

22

Plant die Bundesregierung die Durchführung weiterer Studien zur Wirkung von BPA auf die Umwelt und den Menschen, wenn ja, mit welcher Aufgabenstellung, durch wen und mit welchem finanziellen und personellen Budget, wenn nein, warum nicht?

23

Plant die Bundesregierung eine nationale Neubewertung des Risikos des Weichmachers BPA auf Grundlage der Erkenntnisse dieses Workshops, wenn ja, mit welcher konkreten Aufgabenstellung und durch wen, wenn nein, warum nicht?

24

Wird die Bundesregierung eine neue EU-Bewertung für BPA fordern, wenn ja, mit welcher Aufgabenstellung und durch wen? Wenn nein, warum nicht?

25

Hält es die Bundesregierung für sinnvoll, im Sinne des Vorsorgeprinzips die Verwendung BPA-haltiger Produkte wie Babyflaschen zu regeln, wenn nein, warum nicht?

26

Warum hat das BfR bislang keine eigenen Studien zur Wirksamkeit von BPA auf Mensch und Umwelt durchgeführt bzw. vorgelegt, und bis wann und mit welcher Aufgabenstellung soll das korrigiert werden?

27

Welchen Einfluss hat die Verzögerung der Errichtung des Standorts Neuruppin für die Abteilung 7 des BfR auf die Bearbeitung dieser Fragestellung, und wann wird dieses Vorhaben in welcher Form realisiert?

Berlin, den 27. April 2009

Dr. Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Fraktion

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