Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag
8. Wahlperiode
Drucksache 8/478
25.05.77
Sachgebiet 29
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Burger, Frau Dr. Wex, Frau Geier, Franke, Köster,
Kroll-Schlüter, Frau Schleicher, Dr. George, Bühler (Bruchsal), Neuhaus, Hasinger,
Dr. Rose, Frau Karwatzki, Frau Dr. Neumeister, Frau Verhülsdonk, Niegel, Braun,
Geisenhofer, Dr. Köhler (Duisburg), Schartz (Trier), Böhm (Melsungen)
und der Fraktion der CDU/CSU
Langfristige Bevölkerungsentwicklung
Die vom Bundesministerium dem Bundestagsausschuß für
Jugend, Familie und Gesundheit mit Schreiben vom 23. März
1976 und 18. Mai 1976 vorgelegten Zahlen über die Ergebnisse
der fünften koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung der
deutschen Bevölkerung bis zum Jahre 2030 weisen einen
Rückgang der deutschen Bevölkerung von 58 Millionen im Jahr 1975
auf 39 Millionen im Jahr 2030 aus. Weitere angekündigte
Modellrechnungen sind nicht vorgelegt worden. Bereits das
vorliegende Zahlenmaterial machte aber deutlich, daß sich die
aus einer Überalterung der Bevölkerung ergebenden Probleme
etwa ab 2020 verstärken und in vollem Umfang erst nach dem
Jahr 2030 zur Auswirkung kommen.
Außerdem ist die 5. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung
überholt, weil bereits 1976 die Geburtenzahlen um über 2 v. H.
unter den Schätzungen lagen, im ersten Quartal 1977 sogar etwa
10 v. H. niedriger. Angesichts dieser Situation wächst in der
Öffentlichkeit die Besorgnis über die Entwicklung u. a. des
sozialen Sicherungssystems und des Gesundheitswesens, des
Wirtschaftswachstums, der langfristigen Erhaltung der
Verteidigungskraft und in besonderem Maße der bereits heute
unterentwickelten ländlichen Räume, aus denen eine Abwanderung
in die Ballungsräume zu befürchten ist. Namentlich
verschiedene bevölkerungswissenschaftliche Kongresse, zuletzt die
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für
Bevölkerungswissenschaft vom 23. bis 25. Februar '1977, haben große Beachtung
gefunden. Eine dem Interesse der jungen Generation gerecht
werdende Politik muß durch geeignete Maßnahmen einer
negativen Entwicklung entgegenwirken. Unerläßliche
Voraussetzung einer planvollen Politik ist die Kenntnis der möglichen
Bevölkerungsentwicklung unter verschiedenen Annahmen über
das generative Verhalten der Bevölkerung und für den
Zeitraum bis zum Jahre 2070, das bereits heute lebende Kinder
erreichen können, sowie der sich daraus ergebenden
Entwicklungen.
Deshalb fragen wir die Bundesregierung:
1. Wie werden sich Bevölkerungszahl und Altersstruktur der
deutschen Bevölkerung bis zum Jahr 2070 entwickeln, wenn
bis 1985 Nettoreproduktionsraten von 0,65, 0,5, 1,0 und
1,15 erreicht und in der Folgezeit für den Zeitraum bis 2070
unterstellt werden?
2. Welche Perspektiven ergeben sich bei den jeweiligen
Annahmen für Wirtschaftswachstum, Beschäftigung,
Lebensstandard ohne Berücksichtigung der Zu- und Abwanderung
von Ausländern, und wie entwickeln sich insbesondere in
den bevorstehenden Jahren die Chancen in erzieherischen
und kinderbetreuenden Berufen besonders für den
Berufsnachwuchs, wenn das derzeitige Geburtentief anhält oder
sich noch verstärkt, sowie im Bereich der Bauwirtschaft,
wenn Rückgänge der Gesamtbevölkerung zu einer
Sättigung des Bedarfs an Wohnungen und öffentlichen Bauten
führen?
3. Wie verändern sich jeweils die Belastungen der
Erwerbsjahrgänge durch alte und junge Generation?
4. Wie entwickeln sich im zeitlichen Ablauf die Zahlen der
kindergartenfähigen Kinder, der Schüler, der
Erwerbsfähigen (unterteilt nach Altersgruppen) und der
Altersrentenempfänger unter Berücksichtigung der derzeitigen
Altersgrenzenregelungen?
5. In welchem Umfang können nach Auffassung der
Bundesregierung Rückgänge der deutschen Bevölkerung und
Verschiebungen der Altersstruktur unter
arbeitsmarktpolitischen und soziologischen Gesichtspunkten durch
Zuwanderung von Ausländern ausgeglichen werden?
6. Wie weit ist es nach Auffassung der Bundesregierung
sinnvoll und möglich, potentielle Bereitschaft zu Kindern
überhaupt oder zu einer größeren Zahl von Kindern durch eine
familien- und kinderfreundliche Politik zu fördern –
insbesondere
— ausreichende materielle Absicherung der
Mehrkinderfamilien,
— Förderung der jungen Familien,
— Entlastung der berufstätigen Mütter,
— Ausbau der sozialen Infrastruktur zugunsten der
Familien und Kinder (familienergänzende Erziehung,
Sozialstationen),
— verbesserte Familienbildung und -beratung,
— gezielte Hilfsmaßnahmen zum Schutz des
ungeborenen Lebens,
— Aufwertung des gesellschaftlichen Prestiges der
Mehrkinderfamilien?
7. Hält die Bundesregierung angesichts steigender Steuer-
und Sozialabgabenbelastungen der Erwerbseinkünfte, der
Auswirkungen der vorgesehenen
Mehrwertsteuererhöhungen und insgesamt nach wie vor steigender
Lebenshaltungskosten die ab 1978 vorgesehenen Kindergeld- und
Wohngeldverbesserungen für ausreichend – angesichts der
Tatsache, daß viele Mehrkinderfamilien trotz
Vollerwerbstätigkeit des Ernährers einkommensmäßig weder zur Zeit
noch ab 1978 die Sozialhilfeschwelle übersteigen?
8. Ist die Bundesregierung bereit, durch Einführung eines
Erziehungsgeldes für Familien mit Kleinkindern die
materiellen Barrieren überwinden zu helfen, die heute vielfach
dem Wunsch nach einem Kind entgegenstehen, weil die
wirtschaftliche Situation zur Erwerbstätigkeit beider
Ehepartner zwingt und besonders Mütter oft einer
Überbeanspruchung durch Kindererziehung, Haushaltsführung und
außerhäusliche Erwerbstätigkeit aussetzt?
9. Worin liegen nach Auffassung der Bundesregierung die
wesentlichen Ursachen dafür, daß nach einer Phase der
Stabilisierung der Geburtenzahlen in den Jahren 1975 und
1976 – wenn auch auf einem sehr niedrigen Niveau – in
den ersten drei Monaten des Jahrs 1977 starke neue
Geburtenrückgänge zu verzeichnen sind? Läßt sich hier ein
Zusammenhang zu der Ende Juni 1976 wirksam
gewordenen Neuregelung des § 218 StGB erkennen?
10. Stimmt die Bundesregierung mit uns darin überein, daß
eine durchgreifende Besserstellung der Familien in dem
unmittelbar bevorstehenden Zeitraum am ehesten
realisierbar ist, weil bei einer Vertagung unerläßlicher Maßnahmen
Strukturverzerrungen im Altersaufbau der Bevölkerung
unausweichlich sind und im übrigen zu späteren
Zeitpunkten die Kumulation demografisch bedingter höherer
Aufwendungen für alte Menschen mit steigenden
Aufwendungen für die junge Generation noch größere
volkswirtschaftliche und finanzpolitische Probleme schaffen würde?
11. Hält die Bundesregierung nach wie vor an der von ihr in
der Antwort auf die Große Anfrage der CDU/CSU-Fraktion
zur Situation der Kinder in Deutschland (Drucksache 7/3340
vom 10.März 975)ertretenen Aussage fest: ,,DiB un
-
desregierung ist nicht der Auffassung, daß aufgrund der
vorliegenden Erkenntnisse bereits jetzt der Zeitpunkt zum
Einsatz direkter bevölkerungspolitischer Maßnahmen
gekommen wäre."?
12. Teilt die Bundesregierung grundsätzlich unsere Auffassung,
daß die sich zur Zeit abzeichnende Entwicklung der
deutschen Bevölkerung Anlaß zu größten Besorgnissen nicht
nur im Hinblick auf Wachstum, Beschäftigung und
Gewährleistung unseres Systems der sozialen Sicherung sondern
den weiteren Weg der Bundesrepublik Deutschland und die
langfristige Wahrnehmung ihrer nationalen und
übernationalen Aufgaben gibt?
Ist sie bereit, aus der sich abzeichnenden Entwicklung die
notwendigen Konsequenzen zu ziehen und eine
Prioritätenverlagerung im Sozialbudget zugunsten der Familien und
zur Verbesserung der Lebens- und Zukunftschancen der
Kinder und Jugendlichen einzuleiten?
Bonn, den 26. Mai 1977
Burger
Frau Dr. Wex
Frau Geier
Franke
Köster
Kroll-Schlüter
Frau Schleicher
Dr. George
Bühler (Bruchsal)
Neuhaus
Hasinger
Dr. Rose
Frau Karwatzki
Frau Dr. Neumeister
Frau Verhülsdonk
Niegel
Braun
Geisenhofer
Dr. Köhler (Duisburg)
Schartz (Trier)
Böhm (Melsungen)
Dr. Kohl, Dr. Zimmermann und Fraktion]