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Kleine AnfrageWahlperiode 16Beantwortet

Grabpflege des Angehörigen der Wehrmacht-Spezialeinheit "Brandenburg" Manfred Oberdörffer in Kabul durch die ISAF

<span>Internationaler Militärfriedhof in der afghanischen Hauptstadt Kabul: Aufstellung von Gedenktafeln für die im Rahmen des ISAF-Einsatzes gefallenen deutschen Soldaten und Polizeiangehörigen, Pflege des Grabes des Wehrmachtsangehörigen Manfred Oberdörffer, Durchführung militärischer Ehrungen und Zeremonien; Kritik am Taschenbuch-Wegweiser des Militärgeschichtlichen Forschungsamts (MGFA) für die nach Afghanistan entsandten Bundeswehrsoldaten</span>

Fraktion

DIE LINKE

Datum

08.09.2009

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 16/1390218. 08. 2009

Grabpflege des Angehörigen der Wehrmacht-Spezialeinheit „Brandenburg“ Manfred Oberdörffer in Kabul durch die ISAF

der Abgeordneten Inge Höger, Heike Hänsel, Ulla Jelpke, Dr. Norman Paech, Dr. Kirsten Tackmann und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Auf dem Britischen (bzw. internationalen) Friedhof in Kabul befinden sich in unmittelbarer Nähe zueinander die Gedenktafeln für die in Afghanistan gefallenen deutschen ISAF-Soldaten und das Grab von Manfred Oberdörffer. Manfred Oberdörffer gehörte zur nationalsozialistischen Wehrmacht-Spezialeinheit „Brandenburg“ und starb 1941 als Geheimagent zur Vorbereitung einer weiteren Angriffsfront der faschistischen Kriegsführung in Asien. Die „Brandenburger“ waren eine Spezialeinheit, die hinter feindlichen Linien völkerrechtswidrige Handlungen unter anderem gegen Partisanen im Balkan ausgeführt haben. Die „Brandenburger“ können als Speerspitze für Hitlers Eroberungskriege angesehen werden, deren Vorauskommandos den Vormarsch der Wehrmacht beschleunigen sollten.

In der Taschenbuch-Handreichung für alle in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrsoldaten „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“, herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA, Bundeswehr), berichtet Dietrich Witzel, selber unter nationalsozialistischem Kommando als „Brandenburger“ in Kabul eingesetzt, verharmlosend und ohne jede Distanzierung oder Kritik über das „Unternehmen Tiger“, das von 1941 bis 1943 in Afghanistan durchgeführt wurde. Eine vorgesehene Invasion der Wehrmacht in Indien wurde durch diese Mission von Afghanistan aus vorbereitet. Dietrich Witzel will bis heute von Verbrechen der Wehrmacht nichts wissen. Er bezeichnet diese als „einen Seiteneffekt“. Dietrich Witzel ist gerne gesehen in rechten Kreisen, er gab beispielsweise der rechtsextremen Deutschen Militärzeitschrift ein Interview und war Gast bei einer Veranstaltung des rechtsextremen Verlegers der Zeitschrift, – und bei der Bundeswehr.

Der „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ druckt den von Dietrich Witzel verfassten Artikel in der ersten bis dritten Auflage ab. Dort ist jeweils auch ein Foto des Grabsteins von Manfred Oberdörffer zu finden mit dem Hinweis, dass dieses Grab von den ISAF-Soldaten gepflegt wird. Das Militärgeschichtliche Forschungsamt wollte der Nachrichtensendung „Kontraste“ dazu kein Interview geben, äußerte jedoch, dass der Wegweiser in der jetzigen Fassung vorerst nicht mehr an Soldaten ausgegeben wird. Der Beitrag von Dietrich Witzel wurde inzwischen aus der im Internet verfügbaren Download-Datei des „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ herausgenommen. Die dritte veränderte Auflage soll in diesem Sommer (2009) gedruckt vorliegen. Aufgrund der Kritik wird der Beitrag von Dietrich Witzel nicht wieder abgedruckt, obwohl nach telefonischer Auskunft an das Abgeordnetenbüro Inge Höger (26. Mai 2009), das Buch „auch mit dem Inhalt“ doch immer hoch gelobt worden sei. Es stimme gar nicht, dass eine Verharmlosung der Wehrmacht stattgefunden hätte.

Der Artikel von Dietrich Witzel wurde vom MGFA zusätzlich in ihrer Zeitschrift „Militärgeschichte“, Heft 3/2007, abgedruckt und ist über die Onlineausgabe damit auch weiterhin im Internet verfügbar. Trotz der Auskunft, dass der „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ zumindest an Soldaten nicht mehr ausgegeben wird, werden im Buchhandel beispielsweise über Onlineverkauf im Internet weiterhin Ausgaben der 2. Auflage als „neu“ angeboten. Auch gebrauchte Exemplare, also der bisherigen, nicht überarbeiteten Auflagen, werden zum Verkauf angeboten. Auf der Internetseite der Streitkräftebasis wird die 2. Auflage des „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ beworben.

In der „dritten, durchgesehenen und erweiterten Auflage“ des „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ ist der Text von Dietrich Witzel herausgenommen; weiterhin abgedruckt ist jedoch ein Text von Rolf-Dieter Müller über „Afghanistan als militärisches Ziel deutscher Außenpolitik im Zeitalter der Weltkriege“. Dieser Text wird durch eine lange Bildunterschrift eingeleitet zu einem Bild das unter anderem den späteren Wehrmachtsoffizier Oskar Ritter von Niedermayer zeigt. Die Geschichte Oskar Ritter von Niedermayers durchzieht den Text von Rolf-Dieter Müller als stilistischen Faden. Seit 1939 gehörte Oskar Ritter von Niedermayer zum Beirat der „Forschungsabteilung Judenfrage“ innerhalb des nationalsozialistischen Reichsinstituts für Geschichte des Neuen Deutschlands. Rolf-Dieter Müller selbst stellt im „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ dar, dass Oskar Ritter von Niedermayer Studien über den Einsatz von Sonderverbänden verfasste (S. 58) und die Aufstellung einer Spezialeinheit übernahm, die er im Kampf gegen Partisanen im Balkan kommandierte (S. 58).

In der nun online verfügbaren, geänderten „dritten, durchgesehenen und erweiterten Auflage“ findet sich statt dem Text von Dietrich Witzel ein neuer Textkasten, der unter neuer Autorenangabe nur eine leichte Kürzung und Abänderung des bisherigen Textes darstellt. Weiterhin wird dort vom Soldatentod des „Brandenburger“ Manfred Oberdörffer berichtet und das „Unternehmen Tiger“ beschrieben. Auch folgender Satz steht wieder im neuen Text: „Sein Grab auf dem europäischen Friedhof in Kabul existiert noch heute.“ Eine Änderung besteht allein in der Formulierung „noch heute“ statt vorher „heute noch“. Und das offensichtliche Foto mit der Bildunterschrift wurde gestrichen.

Ein Besuch des Friedhofs in Kabul am 18. Mai 2009 ergab, dass das Grab von Manfred Oberdörffer erst im letzten Jahr neu angelegt wurde und nun nicht mehr nur ein Grabstein auf der Wiese ist (vgl. Foto im Buch, S. 49, 2. Aufl.). Das Grab wurde mit weißem Stein eingefasst und mit hellem Kiesel aufgefüllt, der Grabstein wurde nun aufrecht positioniert. Neben der Einfassung wächst ein Rosenstrauch. Der afghanische Friedhofsverwalter erklärt, dass „ein Ausländer“ ihn damit beauftragt und bar bezahlt hätte.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen10

1

Warum wurde für die Gedenktafeln für die im Rahmen des ISAF-Einsatzes gefallenen deutschen Soldaten sowie für deutsche Polizeiangehörige innerhalb der gesamten Friedhofsummauerung ausgerechnet die räumliche Nähe zum Grab von Manfred Oberdörffer gewählt?

2

a) Wie steht die Bundesregierung zur räumlichen Nähe zwischen den Gedenktafeln für die in Afghanistan gefallenen Bundeswehrsoldaten und Polizisten und dem Grab des faschistischen Kriegsagenten Manfred Oberdörffer? b) Wie ist die Haltung im Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) zu diesem offensichtlich hergestellten Zusammenhang zwischen Angehörigen der „Brandenburger“ und der Bundeswehr?

3

Wie steht die Bundesregierung zu der im „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ hergestellten historischen Kontinuität zur Spezialeinheit der Wehrmacht „Brandenburg“ und der positiven Darstellung der faschistischen Angriffskriegsplanungen in Asien, die durch Untergrundtätigkeiten der „Brandenburger“ vorbereitet wurden?

4

a) Welche Position hat die Bundesregierung bezüglich der im „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ bekannt gegebenen Pflege des Grabes von Manfred Oberdörffer durch deutsche ISAF-Soldaten? b) Welche Erkenntnisse über bisher durchgeführte Maßnahmen zur Grabpflege liegen der Bundesregierung vor? c) Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über Pläne der Bundeswehr zur zukünftigen Grabpflege? d) Handeln die deutschen ISAF-Soldaten auf Anweisung, und wenn ja, von wem, seit wann, warum?

5

a) Warum hat die Bundeswehr die im letzten Jahr erfolgte Neugestaltung und Vergrößerung des Grabes von Manfred Oberdörffer beauftragt? b) Aus welchem Budget und von welcher Stelle wurde die Neugestaltung des Grabes von Manfred Oberdörffer finanziert?

6

a) Fanden auf dem internationalen Friedhof in Kabul seit 2002 militärische Ehrungen und Zeremonien statt bei denen auch Angehörigen der Wehrmacht gedacht wurde (z. B. für den Wehrmachtsoffizier Oskar Ritter von Niedermayer)? b) Wenn ja, welche, und aus welchem Grund, und zu welchem Anlass fanden die Ehrungen statt? c) Welche militärischen Ehrungen und Zeremonien fanden insgesamt seit 2002 auf dem internationalen Friedhof in Kabul statt (bitte vollständige Auflistung)?

7

a) Was geschah mit den knapp 45 000 Exemplaren des „Wegweisers zur Geschichte – Afghanistan“, die bisher nicht ausgegeben wurden, wie sich aus der Angabe von 45 200 im Umlauf befindlichen Büchern (Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage zu Ausbildungshandbüchern der Bundeswehr auf Bundestagsdrucksache 16/12953 (16/13164)) bei einer Auflage von 90 000 Exemplaren ergibt? b) Wie viele Bücher der ersten bis dritten Auflage sind noch gelagert? c) Wo werden die Bücher gelagert?

8

a) Was geschieht zukünftig mit den noch nicht ausgegebenen Exemplaren der ersten bis dritten (nicht überarbeiteten) Auflage? b) Wie wird gewährleistet, dass die vorhandenen alten Ausgaben des „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ nicht an Bundeswehrsoldaten ausgeben werden und beispielsweise aus Unwissenheit (wieder) in den Gebrauch gehen? c) Wurden die alten Bestände zurückgerufen, und wenn ja, wie viele konnten bereits aus dem Umlauf genommen werden? d) Werden die alten Ausgaben des „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ wieder eingesammelt und durch die korrigierte Auflage ausgetauscht? e) Was passiert mit den gebrauchten Exemplaren der ersten bis dritten Auflage des „Wegweisers zur Geschichte – Afghanistan“ die noch im Besitz der Bundeswehr bzw. des MGFA sind?

9

a) Welchen Zweck verfolgen die unkritischen Informationen im „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“, die im Aufsatz von Rolf-Dieter Müller über „Afghanistan als militärisches Ziel deutscher Außenpolitik im Zeitalter der Weltkriege“ einen Fokus auf den Wehrmachtsoffizier Oskar Ritter von Niedermayer richten, der „mit großer Zustimmung“ „im Oberkommando der Wehrmacht und im Auswärtigen Amt“ unter Hitler „,raumgreifende‘ Operationen im Orient“ als globale Strategie propagierte (S. 54)? b) Wie beurteilt die Bundesregierung eine solche verharmlosende Darstellung angesichts der Tatsache, dass die Publikation allen deutschen Soldaten und Soldatinnen, die in Afghanistan eingesetzt werden, als Einführung überlassen wird? c) Wieso wurde die unkritische Hervorhebung des Wirkens des Wehrmachtsoffiziers Oskar Ritter von Niedermayer, der unter anderem an Forschungen zur „Judenfrage“ arbeitete, trotz der bereits vorhandenen Kritik am „Wegweiser zur Geschichte – Afghanistan“ nicht mit überarbeitet und aus der „aktualisierten“ Auflage gestrichen? d) Teilt die Bundesregierung diese (nachfolgenden) Ausführungen in der „dritten, durchgesehenen und überarbeiteten Auflage“, die weiterhin eine positive Bezugnahme auf die Wehrmacht und nationalsozialistische Studien unter anderem zum „Einsatz von Sonderverbänden“ (S. 58) enthält sowie unhinterfragt „beschreibt“, dass „[a]fghanische Studenten aus Deutschland auch Auffassungen mit[brachten], die eine gemeinsame rassische Grundlage vermuten ließen. Noch heute begegnet man in Afghanistan der Behauptung ‚arischer‘ Verwandtschaft (…)“ (S. 51), und wenn nicht, welche Konsequenzen zieht sie hieraus?

10

Was kann die Bundesregierung dazu sagen, dass vom MGFA in dieser Handreichung für die nach Afghanistan entsandten deutschen Soldaten und Soldatinnen auch nach der Kritik in der „Kontraste“-Sendung (30. April 2009) und anschließender Überarbeitung weiterhin dem Hinweis auf das Grab von Manfred Oberdörffer so viel Bedeutung beigemessen wird?

Berlin, den 17. August 2009

Dr. Gregor Gysi, Oskar Lafontaine und Fraktion

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