Zur Auswanderung von Fachkräften und Talentabwanderung
der Abgeordneten Norbert Kleinwächter, Martin Sichert, René Springer, Dr. Lothar Maier, Martin Hess, Dr. Birgit Malsack-Winkemann, Detlev Spangenberg, Jörg Schneider, Hansjörg Müller, Waldemar Herdt, Uwe Schulz, Dr. Götz Frömming, Martin Hebner, Joana Cotar, Andreas Mrosek, Dr. Harald Weyel, Dietmar Friedhoff, Uwe Kamann, Dr. Heiko Wildberg, Thomas Seitz, Jörn König, Christoph Neumann, Uwe Witt, Enrico Komning und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
Mit dem Stichwort „Brain Drain“ werden die negativen Effekte bezeichnet, welche Abwanderungsbewegungen auf die Volkswirtschaft eines Landes haben. Nach den Zahlen der International Organization for Migration lebten 2015 gut 4 Millionen Bundesbürger im Ausland (www.iom.int/world-migration). Das sind knapp 5 Prozent aller deutschen Bürger. Trotz wachsender Zuwanderung seit 2010 ist der Migrationssaldo der Hochgebildeten und -qualifizierten negativ. Deutsche Staatsbürger im Ausland haben eine höhere Bildung als die im Inland. Während 26,7 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung im Jahr 2017 einen Hochschulabschluss hatten, betrug der Anteil der deutschen Hochschulabsolventen unter den im europäischen Ausland lebenden Deutschen 54,5 Prozent (Eurostat Pressemitteilung, 87/2018 – 28. Mai 2018). Die Differenz ist in kaum einem anderen europäischen Land größer. Im Jahr 2016 betrug die Zahl der dauerhaft im europäischen Ausland lebenden Deutschen mit Hochschulabschluss 281 000 (Eurostat, 1995 – 2018). Die Tendenz ist kontinuierlich steigend.
Das von der Bundesregierung der letzten Legislaturperiode in Auftrag gegebene „Gutachten zu Forschung, Innovation und Technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands“ (EFI 2014, www.e-fi.de/fileadmin/Gutachten_2014/EFI_Gutachten_ 2014.pdf) konstatiert, dass Deutschland seine klügsten Köpfe nicht halten könne. Die ausgewanderten Wissenschaftler tragen in anderen Ländern in einem hohen Maße zur Entwicklung der Wissenschaften bei. Der wissenschaftliche Impact-Faktor bei mobilen deutschen Wissenschaftlern ist im internationalen Vergleich einer der höchsten (OECD, www.oecd.org/sti/inno/scientometrics.htm). Es wird geschätzt, dass allein an US-amerikanischen Forschungseinrichtungen 20 000 deutsche Wissenschaftler arbeiten (DER SPIEGEL, 2011. www.spiegel.de/karriere/wissenschaftler-im-ausland-holt-uns-zurueck-a-777380.html) – Tendenz steigend. Das gilt auch für die Abwanderung in europäische Länder, insbesondere die Schweiz. Folglich trägt internationale Wissenschaftlermobilität tendenziell zu einer Reduktion der Forschungsqualität in Deutschland bei. Dies bleibt nicht ohne Folgen für Innovation und technische Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.
Verschiedene Mobilitätsprogramme beispielsweise der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zielen auf die Anwerbung von Wissenschaftlern im Ausland und insbesondere die Rückkehr deutscher Spitzenwissenschaftler nach Deutschland ab. „Zwar gibt es Rückkehrer, jedoch können nicht Wissenschaftler gleicher Qualität zurückgewonnen werden“ (EFI – Gutachten s. o.). Auch der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Peter-André Alt, sieht in seiner Kolumne der „Berliner Zeitung“ (Deutsche Wissenschaft in Amerika, 14. September 2018) gegenwärtig keine Trendwende. Die neue US-Regierung unter Präsident Donald Trump begünstigt, entgegen weit verbreiteter Annahmen, nicht die Rückkehr deutscher Wissenschaftler. Das hätten nach Kenntnis der Fragesteller Gespräche der deutschen Delegation des Rückholprogramms Gain mit deutschen Spitzenforschern auf einer Tagung in Boston im September 2018 bestätigt.
Abwanderungsbewegungen werden auch in anderen Berufsbereichen beobachtet. Hier soll nur auf die Berufsgruppe der Ärzte Bezug genommen werden. Die seit Jahren anhaltende Abwanderung von Ärzten in andere europäische Länder wird nicht nur von Interessen- und Berufsverbänden mit Sorge verfolgt. Die von der Bundesärztekammer herausgegebene Statistik konstatiert allein für das Jahr 2016 die Abwanderung von insgesamt 2 050 ursprünglich in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzten ins Ausland (www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aerztestatistik/aerztestatistik-2016/). Zwar wird die Zuwanderung von Ärzten als Chance gesehen, den Ärztemangel auszugleichen. Die Ärztekammer sieht aber Probleme bei den fachlichen Qualifikationen der Zugewanderten (www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aerztestatistik/aerztestatistik-2017/).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen18
Wie schätzt die Bundesregierung die Bedeutung der in der Vorbemerkung der Fragesteller ausgeführten Thematik des „Brain Drain“ ein? Auf welchen Untersuchungen oder Statistiken beruhen diese Einschätzungen? Welche Zahlen liegen der Bundesregierung zur Abwanderung hochqualifizierter Deutscher vor (bitte nach Qualifikationsniveau, Zielland, jährlichem Auswanderungssaldo, Gesamtzahl aufführen)? Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus diesen Einschätzungen?
Wurden in früheren Legislaturperioden von der Bundesregierung Studien zu Auswanderungsgründen Hochqualifizierter (Führungskräfte und Wissenschaftler) in Auftrag gegeben? Wenn ja, welche? Welche Konsequenzen wurden aus den Ergebnissen gezogen?
Wurden Folgestudien durchgeführt oder geplant? Wenn ja, a) welche Einrichtungen wurden mit diesen Untersuchungen beauftragt, und wann, mit welcher Fragestellung und mit welcher Intention wurden diese Studien durchgeführt (bitte in einer Tabelle pro Auftragsjahr für die Jahre 2008 bis heute mit Nennung der Auftraggeber und dem Anteil und der Höhe der öffentlichen Beteiligung auflisten)? b) gingen die Ergebnisse in Konzepte oder Gesetzentwürfe ein, welche die Rahmenbedingungen für das Verbleiben bzw. die Rückkehr Hochqualifizierter verbessern könnten, und c) gibt es Ergebnisse entsprechender Maßnahmen, und wie werden diese vor dem Hintergrund der Problematik bewertet?
Welche gegenwärtig aus öffentlichen Mitteln finanzierten Forschungen an Forschungseinrichtungen und Hochschulen zu Auswanderung und „Brain Drain“ sind der Bundesregierung bekannt (bitte Namen der Hochschulen bzw. Einrichtungen, Forschungsschwerpunkte, Projekte, Zeiträume auflisten)?
In welchem Umfang werden solche Forschungen aus Bundes- oder nach Kenntnis der Bundesregierung aus Landeshaushalten finanziert (bitte Ausgaben nach Haushaltsjahr, Bund bzw. Bundesland auflisten)?
Wie werden nach Kenntnis der Bundesregierung Interessen- bzw. Berufsverbände, öffentliche Einrichtungen der Wissenschaft und Forschung oder internationale Organisationen in Erhebungen und Ursachenforschung von Abwanderung und Brain Drain einbezogen?
Welche aus öffentlichen Mitteln finanzierten Forschungen zur Zuwanderung von Fachkräften und den damit verbundenen Themenkreisen sind der Bundesregierung bekannt?
In welchem Umfang werden solche Forschungen nach Kenntnis der Bundesregierung von welchen Einrichtungen finanziert (bitte Ausgaben nach Haushaltsjahr und Forschungseinrichtung auflisten)?
Existieren Strategien und Empfehlungen der Bundesregierung, wie in den unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft und des Gesundheitswesens Hochqualifizierte durch Anreize im Land gehalten oder „zurückgeholt“ werden können? Wenn ja, welche, und mit welchem Erfolg?
Lassen sich aus Sicht der Bundesregierung strukturelle Schwachpunkte oder Standortnachteile in deutschen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen oder Einrichtungen des Gesundheitswesens identifizieren, welche die Abwanderung von Hochqualifizierten und Spitzenkräften begünstigen (beispielsweise soziale und familiäre Rahmenbedingungen, Einkommen, Forschungsbedingungen, bürokratische Hindernisse etc.)?
Welche Initiativen zur Beseitigung dieser Nachteile gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung bereits?
Gibt es Maßnahmen der Bundesregierung, die Attraktivität des deutschen Arbeitsmarktes für hochqualifizierte Akademiker zu erhöhen?
Wie schätzt die Bundesregierung die Reputation der deutschen Wissenschaft im internationalen Wettbewerb ein (bitte mit anderen wissensbasierten OECD-Ländern wie USA, Kanada, Japan, der Schweiz, Großbritannien vergleichen)?
Wie lässt sich nach Kenntnis der Bundesregierung der volkswirtschaftliche Verlust durch ausgewanderte Akademiker und wissenschaftliche Spitzenkräfte pro Jahr bemessen? Zu welchen Ergebnissen kommt eine entsprechende volkswirtschaftliche Rechnung (bitte nach Berufsgruppe auflisten)?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der volkswirtschaftliche Verlust, verursacht durch Investitionen in die akademische und weiterführende wissenschaftliche Ausbildung ausgewanderter Akademiker und Wissenschaftler?
Wie hoch wird von der Bundesregierung der Aufwand der Anwerbung und Integration hochqualifizierter ausländischer Fachkräfte eingeschätzt (bitte die anfallenden Kosten pro Kopf auflisten)?
Wie hoch wird von der Bundesregierung der Aufwand der Anwerbung und Wiedereingliederung hochqualifizierter ausgewanderter deutscher Fachkräfte eingeschätzt (bitte alle anfallenden Kostenstellen pro Kopf auflisten)?
Inwieweit werden von der Bundesregierung ethische Erwägungen in den Konzepten der Anwerbung hochqualifizierter ausländischer Arbeitskräfte aus Entwicklungsländern berücksichtigt, um Brain Drain in den Herkunftsländern zu verhindern?