Frühkindliche Betreuung und Bildung
der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Dr. Michael Espendiller, Nicole Höchst, Dr. Marc Jongen, Martin Reichardt, Thomas Ehrhorn, Franziska Gminder, Frank Pasemann und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
Am 18. Oktober 2018 hat der Deutsche Bundestag in erster Lesung über den Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung (Gute-KiTa-Gesetz) beraten. Es ist geplant, das Gesetz zu Beginn des Jahres 2019 in Kraft treten zu lassen.
Der Gesetzentwurf grenzt die frühkindliche Betreuung der Unter-Dreijährigen nicht von der frühkindlichen Bildung und Betreuung der Drei- bis Sechsjährigen ab. Es wird nicht nach Kinderkrippen und Kindergärten unterschieden. Im Fokus des Gesetzentwurfs stehen ausschließlich Kindertagesstätten (http://dipbt.bundestag.de/dip21/brd/2018/0469-18.pdf) als Ganztagsbetreuung für Kinder im Alter von einem Monat bis sechs Jahre. Der Aspekt der Bindungsforschung fehlt im Gesetzentwurf.
Die Bindungsforschung analysiert insbesondere die Bindung zwischen Eltern und Kleinkindern. Eine stabile Bindung zwischen Eltern und ihrem Kleinkind insbesondere in den ersten drei Lebensjahren ist der Schlüssel für eine gesunde körperliche und mentale Entwicklung des Kindes (M. Zemp, Die Bedeutung der Bindung für die kindliche Resilienz, www.szh.ch/bausteine.net/f/51475/Zemp_ 20180438.pdf?fd=3). Im Zeitraum von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr ist es umso wichtiger, dem Zuwendungsbedürfnis des Kindes gerecht zu werden.
Durch emotionale Nähe, Spenden von Trost, Geborgenheit und das Bieten von Schutz entwickelt das Kleinkind das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen in die jeweilige Situation. Dieses Grundvertrauen ist essentiell für das spätere Erlernen von praktischen Fertigkeiten und sozialem Verhalten gegenüber Gleichaltrigen.
Die NICHD-Studie in den USA (NICHD = Eunice Kennedy Shriver National Institute of Child Health and Human Development) und der National Longitudinal Survey of Children and Youth – NLSCY-Studie – in Kanada untersuchten, wie sich vermehrte elterliche Berufstätigkeit und außerfamiliäre Betreuung von Kleinkindern auf die elterliche Gesundheit, das Erziehungsverhalten und die familiäre Situation auswirken (www23.statcan.gc.ca/imdb/p2SV.pl?Function= getSurvey&Id=4632). Beide Studien führten zu identischen Ergebnissen.
Kleinkinder, die bis zu neun Stunden täglich in Kinderkrippen betreut werden, weisen eine Zunahme von Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit, Aggressivität, eine Verschlechterung sozialer und motorischer Kompetenzen sowie eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes auf. Eltern dieser Kinder zeigten eine Zunahme feindseliger und inkonsistenter Erziehung, eine schlechtere elterliche psychische Gesundheit und eine geringe Beziehungszufriedenheit (www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de/hanns-seidel-stiftung-bildung-braucht-bindung-boehm.pdf). Für Kleinkinder bis zu drei Jahren und deren Eltern bedeutet eine frühe außerfamiliäre Kinderbetreuung Stress. Die wesentlichen Erkenntnisse der NICHD-Studie sind:
- Die Dauer früher Betreuung ist linear mit einer Zunahme aggressiven und impulsiven Verhaltens der Kleinkinder verbunden.
- Die Effekte elterlicher Erziehung sind wesentlich stärker als außerfamiliäre Betreuungen (www.psy.miami.edu/faculty/dmessinger/c_c/rsrcs/rdgs/childcare/ NICHD_EffectSizes_AmerPsy.2006.pdf, p. 114).
Danach sollten die Rahmenbedingungen für Eltern so gesetzt werden, dass diese Zeit und Muße für eine Beschäftigung mit ihren insbesondere kleinen Kinder finden. Eine Betreuung in der Kinderkrippe sollte laut dieser Studie vier Stunden pro Tag nicht überschreiten. Nach Auffassung der Fragesteller kann eine Betreuung der Kinder in der Kinderkrippe die elterliche Betreuung nur in Maßen ergänzen und nicht ersetzen.
Ebenso benötigen die drei- bis sechsjährigen Kinder für eine gute geistige, moralische, kulturelle und körperliche Entwicklung eine enge Bindung zu ihren Eltern. Darüber hinaus ist eine umfassende Betreuung im elterlichen Umfeld erforderlich, ergänzt durch qualitativ hochwertige Betreuung und Bildung im Kindergarten. Kognitive und analytische Fähigkeiten von Kindern entwickeln sich vor allem spielerisch in Verbindung mit geeigneten Anregungen. Dazu zählen Mal- und Schreibübungen während des Spiels, Zählspiele, Lern- und Fingerspielen, Entdeckung der Natur und körperliche Bewegung (www.bmfsfj.de/blob/114052/ 7efa11459acb72167142e29483b7375b/fruehe-bildung-weiterentwickeln- undfinanziell-sichern-zwischenbericht-2016-von-bund-und-laendern-data.pdf). Die Anregungen werden vor allem durch menschlichen Kontakt während des Spiels zwischen Kindern untereinander und Kindern und Erziehern sowie Kindern und deren Eltern gesetzt. Dieser menschliche Kontakt fördert spielerisch die Sprachentwicklung, kognitive Fähigkeiten und die soziale Kompetenz eines Kindes. Die zwischenmenschliche Interaktion ist ein Schlüsselfaktor für eine gut balancierte Kindesentwicklung. Eine ausgewogene elterliche Erziehung und Betreuung ist hier prägend.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen7
Wird die Bundesregierung den Gesetzentwurf des Gute-KiTa-Gesetzes erweitern, um eine differenzierte Betrachtung von Kinderkrippen und Kindergärten vorzunehmen?
Wie möchte die Bundesregierungen die Erkenntnisse der NICHD-Studie und der NLSCY-Studie zur Gruppentagesbetreuung für die Unter-Dreijährigen in Kinderkrippen im Gute-KiTa-Gesetz berücksichtigen?
Welche Konzepte hat die Bundesregierung entwickelt, um die elterliche Erziehung besonders zu unterstützen und zu fördern?
Inwieweit verfolgt die Bundesregierung Konzepte, die eine echte Wahlfreiheit für Eltern ermöglichen, ob sie ihre Kinder selbst- oder fremdbetreuen lassen?
Inwieweit sind neue berufliche Konzepte angedacht, um erwerbstätigen Eltern beides zu ermöglichen, eine zeitlich eingeschränkte Erwerbstätigkeit und eine umfassende elterliche Erziehung insbesondere der Unter- Dreijährigen?
Welche steuerlichen Konzepte, die über die Zahlung des Kindergeldes hinausgehen, sieht die Bundesregierung vor, um Familien mit kleinen Kindern ein zeitlich ausgewogenes Familienleben und dadurch eine umfassendere elterliche Betreuung zu ermöglichen?
Wie möchte die Bundesregierung die Länder unterstützen, die Qualität der Betreuung in den Kinderkrippen und Kindergärten zu erhöhen?