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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Soziale Auswirkungen von Arbeit 4.0 auf Frauen und die Geschlechtergerechtigkeit

(insgesamt 24 Einzelfragen)

Fraktion

DIE LINKE

Ressort

Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Datum

20.02.2019

Antwortdauer

30 Tage

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/720421.01.2019

Soziale Auswirkungen von Arbeit 4.0 auf Frauen und die Geschlechtergerechtigkeit

der Abgeordneten Jessica Tatti, Susanne Ferschl, Doris Achelwilm, Simone Barrientos, Matthias W. Birkwald, Anke Domscheit-Berg, Brigitte Freihold, Sylvia Gabelmann, Nicole Gohlke, Dr. Achim Kessler, Katja Kipping, Jutta Krellmann, Pascal Meiser, Cornelia Möhring, Sören Pellmann, Dr. Petra Sitte, Harald Weinberg, Katrin Werner, Pia Zimmermann, Sabine Zimmermann (Zwickau) und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Digitalisierung und technische Neuerungen ver��ndern fortlaufend Arbeitsmarkt und Arbeitsprozesse. Durch die bestehende und zukünftige Vernetzung von Internet und mobilen Geräten kann ein Teil der Arbeit jederzeit und allerorts erledigt werden. Damit geht die Chance einher, eine geschlechtergerechtere Arbeitswelt zu gestalten, da das mobile Arbeiten mit einer verbesserten Work-Life-Balance einhergehen könnte. Das steigert die Arbeitszeitsouveränität, also die von der Arbeitnehmerin oder dem Arbeitnehmer selbst bestimmte und selbst eingeteilte Arbeitszeit.

Heute benachteiligt die flexible, also nur vom Betrieb festgelegte Einteilung der Arbeitszeit, die Beschäftigten, insbesondere Frauen. Frauen gehen diese flexiblen Arbeitsarrangements eher ein, da überwiegend sie neben der bezahlten Beschäftigung zusätzlich unbezahlter Haus- und Sorgearbeit nachgehen und häufiger unter höherer Arbeitsbelastung leiden als Männer (BAuA-Arbeitszeitbefragung: Vergleich 2015 – 2017, S. 59; Kutzner, E.: Digitalisierung von Arbeit als „Baustelle“ einer geschlechterbezogenen Arbeitsforschung. Transformationsprozesse in der Büroarbeit, in: AIS Studien, Heft 2, 2018, S. 221 – 228).

Das bürgerliche Bild der Frau als Hausfrau und Mutter hält sich bis heute: In „Frauenberufen“ wird geringer entlohnt (Gender Pay Gap), Frauen gehen über neun Stunden weniger pro Woche entlohnter Arbeit nach als Männer (Gender Time Gap) (www.was-verdient-die-frau.de/++co++df690ab0-99cb-11e5-9a23-52540023ef1a) und es gibt seltener berufliche Aufstiegschancen (www.bpb.de/politik/innenpolitik/familienpolitik/244597/teilzeit-ist-ein-karrierekiller). Es sind überwiegend Frauen, deren Karriereknick sich in niedrigeren Rentenbezügen äußert (www.boeckler.de/112012_112025.htm). Diese strukturelle Ungleichverteilung auf dem Arbeitsmarkt hat sich seit über 50 Jahren kaum verändert (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Hrsg.: Weißbuch Arbeit 4.0, 2016, S. 50 f.).

Es müssen klare Spielregeln für die digitale Arbeit auf Plattformen sowie geschlechtergerechte Arbeitsplatzbewertungen eingeführt werden, so die Forderungen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di (www.gender.verdi.de/themen/genderpolitik/++co++5f90fa9e-217a-11e8-b8f7-525400940f89), um Frauen zukünftig nicht zu den Verliererinnen der digitalisierten Arbeitswelt werden zu lassen.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen24

1

Wie bewertet die Bundesregierung die Zukunft der digitalisierten Arbeit in Hinblick auf Chancen und Verwirklichung von souveräner Arbeitszeitgestaltung und Geschlechtergerechtigkeit (bitte mit Begründung und Belegen antworten)?

2

Trägt die Digitalisierung der Arbeitswelt nach Kenntnis der Bundesregierung dazu bei, dass Frauen und Männer zunehmend gleich lang a) entgeltlich und b) unentgeltlich (Hausarbeit, Sorgearbeit) arbeiten, oder hat die Digitalisierung nach Kenntnis der Bundesregierung keinen Einfluss darauf, dass Frauen den Hauptteil der unbezahlten Arbeit tragen (müssen) (bitte mit Begründung und Belegen antworten)?

3

Trägt die Digitalisierung der Arbeitswelt nach Einschätzung der Bundesregierung dazu bei, dass eine zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen in Deutschland möglich wird, da zunehmend (migrantische) Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen die Haus- und Sorgearbeit übernehmen (z. B. häusliche Pflege durch Frauen aus Osteuropa, vgl. Aulenbacher, B. u. a.: Herrschaft, Arbeitsteilung, Ungleichheit – Das Beispiel der Sorgearbeit und des Sorgeregimes im Gegenwartskapitalismus, in: PROKLA, Heft 175, 2014, Heft 2, S. 209 – 224; Wischnewski, A.: Wer ist hier „Krisengewinner“? Auswirkungen von neoliberalem Staatsumbau und politischem Rechtsruck auf das Leben von Frauen in Deutschland, in: Rosa-Luxemburg-Stiftung, Europäische Studienreihe „Austerity, Gender Inequality and Feminism after the Crisis“, 2018, S. 20)?

4

Wie entwickelte sich nach Kenntnis der Bundesregierung zwischen 1998 und heute die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in Stunden von a) Frauen, b) Männern, c) Müttern (alternativ, falls nicht verfügbar: Frauen mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) und d) Vätern (alternativ, falls nicht verfügbar: Männer mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) (bitte jeweils gesamt angeben als auch differenziert nach Branchen, Tätigkeitsfeldern, Betriebsgrößen sowie nach Bundesländern aufschlüsseln)?

5

Wie entwickelte sich nach Kenntnis der Bundesregierung zwischen 1998 und heute die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in Stunden von a) Frauen, b) Männern, c) Müttern (alternativ, falls nicht verfügbar: Frauen mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) und d) Vätern (alternativ, falls nicht verfügbar: Männer mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) in Branchen mit hohem Digitalisierungsgrad (bitte jeweils gesamt angeben als auch differenziert nach Betriebsgrößen sowie nach Bundesländern aufschlüsseln; zur Definition des Digitalisierungsgrads vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL oder IAB-ZEW-Betriebsbefragung zur „Arbeitswelt 4.0“)?

6

Wie entwickelte sich nach Kenntnis der Bundesregierung zwischen 1998 und heute die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in Stunden von a) Frauen, b) Männern, c) Müttern (alternativ, falls nicht verfügbar: Frauen mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) und d) Vätern (alternativ, falls nicht verfügbar: Männer mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) in Branchen mit niedrigem Digitalisierungsgrad (bitte jeweils gesamt angeben als auch differenziert nach Betriebsgrößen sowie nach Bundesländern aufschlüsseln)?

7

Wie entwickelte sich nach Kenntnis der Bundesregierung zwischen 1998 und heute das durchschnittliche monatliche beziehungsweise stündliche Arbeitsbruttoeinkommen von a) Frauen, b) Männern, c) Müttern (alternativ, falls nicht verfügbar: Frauen mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) und d) Vätern (alternativ, falls nicht verfügbar: Männer mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) (bitte jeweils gesamt angeben als auch differenziert nach Branchen, Tätigkeitsfeldern, Betriebsgrößen, Vollzeit bzw. Teilzeit sowie nach Bundesländern aufschlüsseln)?

8

Wie entwickelte sich nach Kenntnis der Bundesregierung zwischen 1998 und heute das durchschnittliche monatliche beziehungsweise stündliche Arbeitsbruttoeinkommen von a) Frauen, b) Männern, c) Müttern (alternativ, falls nicht verfügbar: Frauen mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) und d) Vätern (alternativ, falls nicht verfügbar: Männer mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) in Branchen mit hohem Digitalisierungsgrad (bitte jeweils gesamt angeben als auch differenziert nach Betriebsgrößen, Vollzeit bzw. Teilzeit sowie nach Bundesländern aufschlüsseln)?

9

Wie entwickelte sich nach Kenntnis der Bundesregierung zwischen 1998 und heute das durchschnittliche monatliche beziehungsweise stündliche Arbeitsbruttoeinkommen von a) Frauen, b) Männern, c) Müttern (alternativ, falls nicht verfügbar: Frauen mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) und d) Vätern (alternativ, falls nicht verfügbar: Männer mit mindestens 0,5 Kinderfreibeträgen) in Branchen mit niedrigem Digitalisierungsgrad (bitte jeweils gesamt angeben als auch differenziert nach Betriebsgrößen, Vollzeit bzw. Teilzeit sowie nach Bundesländern aufschlüsseln)?

10

Welche Programme, Initiativen und Modellprojekte initiierte die Bundesregierung zwischen November 2013 und heute, die sich hauptsächlich oder zumindest teilweise explizit mit den Themen Geschlecht, Geschlechtergerechtigkeit und Arbeit 4.0/Digitalisierung der Arbeitswelt beschäftigen (diese bitte benennen, jeweils Laufzeit, Finanzierungsumfang, zuständiges Bundesministerium oder Bundesbehörde, Leitziele und wesentliche gewonnene Erkenntnisse – falls möglich, mit Link auf die Evaluationen bzw. Zwischenberichte – benennen)?

11

Wie viel Prozent aller im Bereich Arbeit 4.0/Arbeitswelt der Zukunft durch die Bundesregierung oder ihr untergeordneter Behörden Programme, Initiativen und Modellprojekte zwischen November 2013 und heute wurden in der Antwort zu Frage 10 aufgezählt, und wie viel Prozent der Fördersummen haben diese erhalten?

12

Plant die Bundesregierung aktuell, etwaige Programme, Initiativen oder Modellprojekte zu fördern oder zu unterstützen, die innerbetrieblich zu mehr Geschlechtergerechtigkeit, insbesondere hinsichtlich souveräner Gestaltung von Arbeitszeit und -ort oder auf mobile Arbeit zielen, wie es im Weißbuch Arbeit 4.0 (S. 157) als Gestaltungsansatz darstellt wird (bitte jeweils mit Namen, zuständigem Bundesministerium sowie geplanten Leitzielen und ggfs. Förderumfang benennen)?

13

Fördert die Bundesregierung durch Programme, Initiativen oder Modellprojekte spezifisch Frauen, um diesen einen besseren Zugang zu mobilem und souveränem Arbeiten zu ermöglichen (bitte differenzieren zwischen der Förderung eigener Beschäftigter sowie Förderungen aller Beschäftigten, bitte jeweils Programme, Initiativen oder Modellprojekte benennen mit zuständigem Bundesministerium, Förderumfang, Leitziele und ggfs. Zwischenergebnissen bzw. Ergebnissen)?

14

Hat die Bundesregierung darüber Kenntnis, wie viel Prozent aller Unternehmen ihren Mitarbeitenden Schulungen und Qualifizierungen („Anpassungs- und Aufstiegsmaßnahmen“) anbieten, um diese auf Veränderungen durch die Digitalisierung vorzubereiten (bitte, falls möglich, nach Branchen, Betriebsgrößen, Bundesländern und vor allem jeweils nach Geschlechtern differenziert darstellen)?

15

Wie viele Personen haben zwischen 1998 und heute an einer berufsqualifizierenden Maßnahme der Bundesagentur für Arbeit bzw. der Jobcenter (ab 2005) teilgenommen (bitte getrennt nach Jahren angeben), wie hoch war in den jeweiligen Jahren der Frauenanteil an allen leistungsberechtigten Personen und wie hoch war in den jeweiligen Jahren der Frauenanteil an allen geförderten berufsqualifizierenden Maßnahmen?

16

Welche Maßnahmenarten zur Förderung digitaler Kompetenzen bieten die Bundesagentur für Arbeit und die Jobcenter aktuell an (bitte Maßnahmenarten sowie die Anzahl der geförderten Personen insg. sowie getrennt nach Geschlechtern angeben)?

17

Welche Maßnahmenarten zur Förderung digitaler Kompetenzen planen die Bundesagentur für Arbeit und die Jobcenter, und welche dieser Maßnahmenarten berücksichtigen explizit die Belange von Frauen?

18

Wie viele Personen haben zwischen 1998 und heute an einer geförderten Maßnahme der Aufstiegsförderung teilgenommen (bitte getrennt nach Jahren angeben), wie hoch war in den jeweiligen Jahren der Frauenanteil an allen leistungsberechtigten Personen, und wie hoch war in den jeweiligen Jahren der Frauenanteil an allen genehmigten Aufstiegsförderungen?

19

Wie entwickelte sich nach Kenntnis der Bundesregierung zwischen 1998 und heute der Anteil weiblicher Führungskräfte a) in den einzelnen Bundesministerien, b) in allen Bundesbehörden, c) in allen Branchen, d) in Branchen mit hohem Digitalisierungsgrad sowie e) in Branchen mit niedrigem Digitalisierungsgrad (bitte Frage 19c bis 19e jeweils gesamt angeben als auch differenziert nach Betriebsgrößen, Vollzeit bzw. Teilzeit sowie nach Bundesländern aufschlüsseln)?

20

Welches Substitutionspotential gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung aktuell in a) den zehn Berufen bzw. Tätigkeitsfeldern, in denen der Männeranteil am höchsten ist, b) den zehn Berufen bzw. Tätigkeitsfeldern, in denen der Frauenanteil am höchsten ist (bitte jeweils Berufe bzw. Tätigkeitsfelder benennen, die Anteile der dort beschäftigten Frauen im Verhältnis zu den dort beschäftigten Männern, die Höhe des jeweiligen Substitutionspotentials sowie die dort aktuellen durchschnittlichen Monats- bzw. Stundenbruttoeinkommen aufzählen)?

21

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils das Frauen- bzw. Männerverhältnis in a) den zehn Berufen bzw. Tätigkeitsfeldern mit dem höchsten Substitutionspotentialen und b) den zehn Berufen bzw. Tätigkeitsfeldern mit dem niedrigsten Substitutionspotentialen (bitte jeweils Beruf bzw. Tätigkeitsfeld benennen und die jeweiligen Frauenbzw. Männerverhältnisse insgesamt sowie differenziert nach Anzahl der Beschäftigten und Anzahl der Beschäftigten in Vollzeitäquivalenten angeben; bitte jeweils zudem das durchschnittliche Stunden- und Monatsbruttoeinkommen benennen)?

22

Welche fünf Branchen werden nach Kenntnis der Bundesregierung bezüglich des zu erwartenden Umsatzes und Gewinns durch Prozesse der Digitalisierung am meisten profitieren, und wie haben sich dort jeweils zwischen 1998 und heute die Beschäftigtenzahlen sowie die dort erzielten Einkommen verändert (bitte getrennt nach Branchen und Geschlechtern in Vollzeitäquivalenten angeben)?

23

Welche zehn Berufe bzw. Tätigkeitsfelder werden nach Kenntnis der Bundesregierung bezüglich der zu erwartenden Beschäftigtenzahlen durch Prozesse der Digitalisierung am meisten profitieren, und wie haben sich dort jeweils zwischen 1998 und heute die Beschäftigtenzahlen sowie die dort erzielten Einkommen verändert (bitte getrennt nach Branchen und Geschlechtern in Vollzeitäquivalenten angeben)?

24

Wie viele Personen in der Bundesrepublik Deutschland nutzen nach Kenntnis der Bundesregierung mobiles Arbeiten auf Plattformen („Clickwork“ bzw. „Crowdwork“) als a) Haupteinkommensquelle beziehungsweise b) Nebeneinkommensquelle (bitte nach Geschlechtern differenziert darstellen)? Falls nicht verfügbar, wie plant die Bundesregierung diese Beschäftigungsformen zukünftig zu erfassen?

Berlin, den 14. Januar 2019

Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion

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