Förderungswürdigkeit des Projekts „genderDynamiken“
der Abgeordneten Dr. Marc Jongen, Dr. Götz Frömming, Nicole Höchst, Dr. Michael Espendiller, Martin Reichardt und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
In Deutschland befindet sich der Frauenanteil im universitären Fachbereich Physik auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau (vgl. hierzu z. B. Beverly Hartline: International Gender Issues in Physics, Vortrag auf der 3. IUPAP International Conference on Women in Physics, 8. bis 10. Oktober 2008, Seoul/Südkorea).
Dieser Befund ist nicht überraschend; er korrespondiert mit einer aktuellen Studie, deren Hauptergebnisse zeigen, dass in Ländern mit geringerem Gleichstellungsniveau relativ mehr Frauen unter den MINT-Absolventen waren als in Ländern mit einem hohen Gleichstellungsniveau von Männern und Frauen. Dieses Ergebnis wird als „paradox“ qualifiziert, denn geschlechtergerechte Länder böten Mädchen und Frauen mehr Bildungs- und Aufstiegschancen und förderten das Engagement von Mädchen und Frauen in MINT-Fächern (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik).
Im Weiteren erbrachte die Studie erhebliche Unterschiede im Hinblick auf die innere Einstellung, wobei Jungen oft eine höhere „Selbstwirksamkeit“, mehr Freude und ein breiteres Interesse an der Wissenschaft zeigten als Mädchen (unter „Selbstwirksamkeit“ – ein Begriff, den der US-amerikanische Psychologen Albert Bandura prägte – versteht die kognitive Psychologie die Überzeugung einer Person, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können). Diese Unterschiede waren in Ländern mit einem höheren Maß an Gleichberechtigung – paradoxerweise – größer und korrespondierten mit der persönlichen akademischen Stärke der Studierenden (Gijsbert Stoet/David C. Geary: „The Gender-Equality Paradox in Science, Technology, Engineering, and Mathematics Education“, Psychological Science, Bd. 29, Nr. 4, April 2018, S. 581-593, Übersetzung durch die Fragesteller. Im Original, S. 591: „We also found that boys often expressed higher self-efficacy, more joy in science, and a broader interest in science than did girls. These differences were also larger in more gender-equal countries and were related to the students’ personal academic strength.“).
Die Bundesregierung fördert dennoch nach Auffassung der Fragesteller weiter fragwürdige Forschungsvorhaben wie das Verbundprojekt „genderDynamiken“ (Förderkennzeichen 01FP1235/36/37/38) der Freien Universität Berlin und der TU Berlin (= Technische Universität Berlin). Im Rahmen des Projekts „Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft. Forschungsbasierte Handlungsempfehlungen am Beispiel der Physik“ wurde dort von November 2012 bis Juni 2015 untersucht, welche „nicht geschlechtsneutralen“ und „ein- und ausschließende Mechanismen“ zu einem geringeren Frauenanteil in der Physik führen. Die Ergebnisse wurden in der Studie „Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft. Forschungsbasierte Handlungsempfehlungen am Beispiel der Physik“ (Berlin 2015) publiziert.
Die Ergebnisse und „forschungsbasierten Handlungsempfehlungen“ dieses Projekts, die auf gerade einmal 17 Seiten Platz finden, sind aus Sicht der Antragsteller fragwürdig. So wird unter anderem auf die mangelhafte „Work-Life-Balance“ von Physikern und Physikerinnen hingewiesen, die als unzureichend beschrieben wird, oder darauf, dass die Karriere- und Lebensplanung des wissenschaftlichen Mittelbaus durch die prekäre Beschäftigung in der Wissenschaft beeinträchtigt werde und dass die Betreuungsrelationen verbessert werden müssten.
Darüber hinaus wird empfohlen, Gleichstellungsbeauftragte mit mehr Kompetenzen auszustatten (S. 19), eine Frauenförderung auch zu finanzieren, wenn die Frauenquote bereits hoch ist (z. T. über 50 Prozent; S. 19 f.), „gendersensibilisierende“ Fortbildungsmaßnahmen zu fördern, damit die „Bevorzugung von Frauen“ als gerechtfertigt betrachtet werde (S. 20 f.), oder die angeblich (latent) sexistische Fachkultur zu ändern (S. 21).
Die Forderungen und Feststellungen, die in dieser Studie unter Punkt 8 („Förderung einer egalitären Wissenschaftskultur“, S. 21) erhoben werden, sind aus Sicht der Fragesteller wissenschaftlich zutiefst fragwürdig. So ist u. a. die Rede davon, dass es „neben der stillschweigenden Durchsetzung asymmetrischer Formen geschlechtlicher Arbeitsteilung“ zu „sexistischen Zuschreibungen und Abwertungen der Kompetenzen von Frauen, etwa in Teamsitzungen und Laborsituationen“ kommen kann (S. 21). Nachprüfbare Belege für diese oder andere Behauptungen wie „Lesben und Schwule in der Physik befürchten, dass Heteronormativität und Homophobie ihre wissenschaftliche Anerkennung gefährden und eine erfolgreiche Karriere behindern“ (S. 21) bleiben die Autorinnen indes schuldig.
Damit steht die Frage im Raum, ob und inwieweit die Autorinnen mit dieser Untersuchung den Förderrichtlinien dieses Projekts entsprochen haben, und ob seitens der Bundesregierung die Absicht besteht, dieses Projekt oder ähnlich ausgerichtete Projekte weiter zu fördern. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der o. g. Studie über das „Gender Equality Paradox“, deren Ergebnisse es aus Sicht der Antragsteller angezeigt sein lassen, die Förderung derartiger Gender-Projekte seitens der Bundesregierung umgehend einzustellen.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen11
Aufgrund welcher Überlegungen kam die Bundesregierung zu dem Entschluss, das Projekt „genderDynamiken“ zu fördern?
Mit welcher Fördersumme wurde das Projekt seitens der Bundesregierung gefördert?
a) An welche Förderkriterien war das Projekt gebunden?
b) Welche Instanz hat über die Vergabe der Fördergelder für dieses Projekt entschieden?
Hat die Bundesregierung Kenntnis über die Gesamtfördersumme für dieses Projekts?
a) Falls ja, wie hoch war die Gesamtfördersumme?
b) Wie hoch war die Fördersumme aus den Mitteln des Europäischen Sozialfonds der EU?
c) Falls nein, warum nicht?
Inwieweit entsprechen aus Sicht der Bundesregierung die in der Studie präsentierten Ergebnisse und „forschungsbasierten Handlungsempfehlungen“ den Förderkriterien?
a) Falls den Förderkriterien aus Sicht der Bundesregierung entsprochen wurde, an welchen Kriterien macht die Bundesregierung dies fest?
b) Falls den Förderkriterien aus Sicht der Bundesregierung nicht entsprochen wurde, welche Konsequenzen hat die Bundesregierung aus diesem Befund ggf. gezogen?
Inwieweit teilt die Bundesregierung die Ergebnisse der Studie, nach denen Frauen implizit unterstellt wird
stärker unter Leistungsdruck, hoher Arbeitsbelastung und hartem Wettbewerb zu leiden als Männer,
stärker unter der prekären Beschäftigung zu leiden als Männer,
stärker auf eine bessere Betreuungsrelation angewiesen zu sein als Männer?
Falls die Bundesregierung diese Ergebnisse nicht teilt, warum nicht?
Inwieweit teilt die Bundesregierung die Handlungsempfehlung, wonach eine Frauenförderung auch dann weiter erfolgen soll, wenn der Frauenquote bereits Genüge getan wurde?
Falls die Bundesregierung diese Forderung nicht teilt, warum nicht?
Inwieweit teilt die Bundesregierung die Handlungsempfehlung, wonach die „Bevorzugung von Frauen“ keinesfalls als nicht gerechtfertigt betrachtet werden dürfe und diese Auffassung durch „Sensibilisierungsmaßnahmen“ zu entkräften sei?
Falls nein, warum teilt die Bundesregierung diese Handlungsempfehlung nicht?
Inwieweit teilt die Bundesregierung die in der Studie erhobene Behauptung, nach der dem Fachbereich Physik eine latent sexistische Kultur (S. 21) unterstellt wird?
a) Falls ja, kann die Bundesregierung Gründe für diese Auffassung angeben?
b) Falls nein, warum teilt die Bundesregierung diese Behauptung nicht?
Welche Schlussfolgerungen hat die Bundesregierung bisher aus den „forschungsbasierten Handlungsempfehlungen“ des Projekts „gender Dynamiken“ gezogen?
a) Falls die Bundesregierung Schlussfolgerungen gezogen hat, welcher Art sind diese Schlussfolgerungen?
b) Falls die Bundesregierung bisher keine Schlussfolgerungen gezogen hat, warum ist das nicht erfolgt?
Inwieweit bestehen seitens der Bundesregierung Pläne, das Projekt „gender-Dynamiken“ fortzuführen?
a) Falls ja, wie weit sind diese Planungen vorangeschritten?
b) Falls nein, warum plant die Bundesregierung keine Fortführung dieses Projektes?
Inwieweit ist der Bundesregierung die o. g. Studie von Gijsbert Stoet und David C. Geary: „The Gender-Equality Paradox in Science, Technology, Engineering, and Mathematics Education“ (2018) bekannt?
a) Falls ja, welche Konsequenzen hat die Bundesregierung ggf. aus dieser Studie im Hinblick auf die Gleichstellungspolitik gezogen?
b) Falls die Bundesregierung aus dieser Studie bisher keine Konsequenzen gezogen hat, warum nicht?