Anbau der gebietsfremden Baumarten Douglasie, Große Küstentanne, Sitkafichte und Roteiche in deutschen Wäldern
der Abgeordneten Andreas Bleck, Karsten Hilse, Dr. Heiko Wildberg, Dr. Rainer Kraft, Marc Bernhard, Stephan Protschka, Franziska Gminder, Wilhelm von Gottberg, Peter Felser, Verena Hartmann und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
Auf wissenschaftlicher Ebene beschäftigen sich Forstwirtschaft und Naturschutz gleichermaßen mit dem klimatoleranten Waldumbau. Diesbezüglich werden derzeit Kernpunkte wie die Erhöhung der Resistenz und Resilienz der Wälder in ihrer jetzigen Zusammensetzung und die Anpassung der Wälder an ein zu erwartendes Klima durch Veränderung der Baumartenzusammensetzung und Erhöhung der Anpassungsfähigkeit in Wissenschaft wie zuständigen Ministerien intensiv diskutiert. Zwischen Behörden, Verbänden und Naturschutzexperten herrscht diesbezüglich Dissens.
Eine Studie des Deutschen Verbandes Forstlicher Forschungsanstalten (DVFFA) hält spezifische Baumarten für nicht invasiv. Baumarten aus Nordamerika wie Douglasie (Pseudotsuga menziesii), Große Küstentanne (Abies grandis), Sitkafichte (Picea sitchensis) und Roteiche (Quercus rubra) werden darin für einen klimatoleranten Wald vorgeschlagen (Vor, T. et al. (Hg.): Potenziale und Risiken eingeführter Baumarten – Baumartenportraits mit naturschutzfachlicher Bewertung. Universität Göttingen. Göttingen 2015). Die Forstwirtschaft erhofft sich von diesen Baumarten eine ausgeprägte Toleranzschwelle gegenüber Extremwetterereignissen, hohe genetische Diversität, breite ökologische Amplitude und gleichzeitig eine ertragswirtschaftliche Funktion. Demnach weisen aus forstwirtschaftlicher Sicht vor allem Douglasie und Roteiche diverse Vorteile gegenüber heimischen Baumarten wie Gewöhnliche Fichte (Picea abies), Waldkiefer (Pinus sylvestris) und Stieleiche (Quercus robur L.) auf (Reif, A. et al.: Waldbau und Baumartenwahl in Zeiten des Klimawandels aus Sicht des Naturschutzes. Abschlussbericht eines F+E-Vorhabens im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz FKZ 3508 84 0200. Freiburg 2010, S. 44 ff.).
Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) erkennt einige für den klimatoleranten Waldumbau genannte Baumarten hingegen als gebietsfremd bzw. invasiv an und führt diese in der Schwarzen Liste für invasive Arten (Nehring, S. et al. (Hg.): Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen für in Deutschland wild lebende gebietsfremde Gefäßpflanzen. BfN-Skripten 352. Bonn 2013, S. 7 bis 11).
Naturschutzexperten bescheinigen gebietsfremden Baumarten wie der Douglasie und Roteiche fehlende Naturnähe, hohes Invasivitätspotential und schwierige Bodenpfleglichkeit. Unvorhersehbare negative Auswirkungen auf das Waldökosystem würden diesen Baumarten zudem eine geringe Standortgerechtigkeit verleihen, wodurch ihr Anbau als kritisch gesehen wird. Weller und Meiwes (2015) bescheinigen auch der Sitkafichte außerhalb des ihr zusagenden engen Standort- und Klimabereiches eine geringe Resistenz gegenüber biotischen sowie abiotischen Gefährdungen. Darüber hinaus seien betriebswirtschaftliche Risiken für die gebietsfremden Baumarten anzunehmen, weshalb sie den Anbau gebietsfremder Baumarten auch aus forstwirtschaftlicher Sicht tendenziell eher ablehnen würden (www.nw-fva.de/fileadmin/user_upload/Verwaltung/Publikationen/2015/Weller_Meiwes_Sitkafichte_2015_forstarchiv_86__1__3-12.pdf). Einige Forstexperten befürworten stattdessen einen Mischbestand mit heimischen Arten in Kopplung einer gutforstlichen, praxisnahen Waldpflege mit qualitativem Wassermanagement und ausreichender Lichtzufuhr durch Kahlschlag zur Schädlingsreduktion (www.merkur.de/lokales/erding/wartenberg-ort377244/mischen-mischen-mischenverschiedene-baumarten-fuer-einen-zukunftsfaehigen-wald-10411072.html).
Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hält den Anbau gebietsfremder Baumarten für unergiebig, da heimische Arten ausreichende Möglichkeiten für einen klimatoleranten Waldumbau bieten würden (Reif, A. et al.: Waldbau und Baumartenwahl in Zeiten des Klimawandels aus Sicht des Naturschutzes. Abschlussbericht eines F+E-Vorhabens im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz FKZ 3508 84 0200. Freiburg 2010, S. 29, 34 und 73).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen10
Inwieweit schätzt die Bundesregierung auf Grundlage einer unsicheren zukünftigen klimatischen Entwicklung das Risiko eines „zu schnellen“ klimatoleranten Waldumbaus ein (vgl. Reif, A. et al.: Waldbau und Baumartenwahl in Zeiten des Klimawandels aus Sicht des Naturschutzes. Abschlussbericht eines F+E-Vorhabens im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz FKZ 3508 84 0200. Freiburg 2010, S. 3)?
Finden nach Kenntnis der Bundesregierung aktuelle waldumbauliche Maßnahmen mit den vier genannten gebietsfremden Baumarten in Deutschland statt?
Wenn ja, seit wann finden in welchen Bundesländern die oben genannten Maßnahmen bereits statt (bitte nach Baumart aufschlüsseln)?
Wenn ja, in welchem Ausmaß geschieht dies in den betroffenen Bundesländern (bitte mit Flächenangaben und prozentualem Anteil auflisten)?
Wenn ja, ist die Bundesregierung der Ansicht, dass ausreichende belegbare naturschutzfachliche Forschungsergebnisse bezüglich potentieller Langzeitfolgewirkungen für die biotische und abiotische Umwelt durch fremdländische Baumarten vorliegen?
Wenn ja, ist der Bundesregierung bekannt, ob und inwieweit bereits Schäden durch den Anbau dieser vier fremdländischen Baumarten für die biotische wie abiotische Umwelt entstanden sind?
Wenn ja, welche Gegenmaßnahmen sind – in Bezug auf das durch das BfN als invasiv bewertete Douglasie und Roteiche – seitens der Bundesregierung unternommen worden?
Wie schätzt die Bundesregierung die vom BfN beschriebenen Wissenslücken und den Forschungsbedarf in der naturschutzfachlichen Praxis über die Douglasie und Roteiche ein, angesichts der im gleichen Dokument befindlichen aus Sicht der Fragesteller widersprüchlichen Aussage, dass über diese Baumarten keine Wissenslücken vorhanden seien und kein Forschungsbedarf gesehen werde, obwohl im naturschutzfachlichen Einstufungsergebnis einige Fakten als unbekannt und nicht beurteilungsfähig beschrieben werden (Reif, A. et al.: Waldbau und Baumartenwahl in Zeiten des Klimawandels aus Sicht des Naturschutzes. Abschlussbericht eines F+E-Vorhabens im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz FKZ 3508 84 0200. Freiburg 2010)?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den zugelassenen Handel und die potentielle private Ausbringung der als invasiv bewerteten Douglasie und Roteiche?
Sieht die Bundesregierung aus naturschutzfachlicher Sicht weiteren Forschungsbedarf zur Schließung von genannten Wissenslücken über die aus forstwirtschaftlicher Sicht überwiegend als unbedenklich eingestuften gebietsfremden Baumarten Große Küstentanne und Sitkafichte?
Wenn nein, welche rein naturschutzfachlichen Studien beschäftigen sich mit den oben genannten Baumarten und deren Invasivitätspotential?
Wenn ja, welche Kenntnisse hat die Bundesregierung bezüglich des erlaubten Handelns mit den oben genannten Baumarten und der potentiellen privaten Ausbringung, obwohl der naturschutzfachliche Wissensstand bezüglich der Invasivitätsbewertung unzureichend ist?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Einbringung gebietsfremder und/oder invasiver Begleitarten durch die Einfuhr der vier genannten Baumarten in Deutschland für den klimatoleranten Waldumbau?
Wie bewertet die Bundesregierung den Sachverhalt, dass seit den 70er Jahren eine erhebliche Ausweitung der Douglasienbestände anhält, so dass aus Sicht der Fragesteller langfristig Douglasienanteile von über 10 Prozent in Deutschland zu erwarten sind, obwohl diese Baumart auf der Schwarzen Liste der invasiven Arten steht (Höltermann. A. et al.: Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen für in Deutschland wild lebende gebietsfremde Gefäßpflanzen (BfN). LWF Wissen 59. Bonn. 2008, S. 74)?
Wie bewertet die Bundesregierung den Sachverhalt, dass bei der gegenüber anderen heimischen Baumarten als klimatolerant geltenden Douglasie Nadelpilze und vorzeitiger Nadelabfall festgestellt wurden (Rheinzeitung: Umweltministerin Höfken: „Wir können von Waldsterben sprechen“. Pressemitteilung, 23. November 2018)?
Welche standortsheimischen, heimischen oder der potentiellen natürlichen Vegetation (pnV) angehörenden Baumarten können nach Kenntnissen der Bundesregierung bezüglich der Baumartenauswahl für einen klimatisch angepassten Waldumbau Verwendung finden?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung darüber, dass Defizite in der Umsetzung der forstwirtschaftlichen Praxis, darunter fortwährende Anpflanzungen von Koniferen-Monokulturen, mangelnde Lichtzufuhr durch zu geringe Abstände zwischen den Baumreihen und uneinheitliche Wasserversorgung der Bäume bedingt durch veränderte Bodenstrukturen, nach Aussage einiger Experten zum aktuellen Waldzustand geführt haben (u. a. www.merkur.de/lokales/erding/wartenberg-ort377244/mischen-mischen-mischenverschiedene-baumarten-fuer-einen-zukunftsfaehigen-wald-10411072.html)?