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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Antibiotikaresistente Erreger als Folge von unsachgemäßem Arzneimitteleinsatz

(insgesamt 18 Einzelfragen)

Fraktion

FDP

Ressort

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Datum

20.08.2019

Aktualisiert

26.07.2022

BT19/1212302.08.2019

Antibiotikaresistente Erreger als Folge von unsachgemäßem Arzneimitteleinsatz

Kleine Anfrage

Volltext (unformatiert)

[Deutscher Bundestag Drucksache 19/12123 19. Wahlperiode 02.08.2019 Kleine Anfrage der Abgeordneten Carina Konrad, Frank Sitta, Grigorios Aggelidis, Renata Alt, Jens Beeck, Dr. Jens Brandenburg (Rhein-Neckar), Karlheinz Busen, Christian Dürr, Dr. Marcus Faber, Daniel Föst, Otto Fricke, Markus Herbrand, Katja Hessel, Dr. Christoph Hoffmann, Reinhard Houben, Ulla Ihnen, Olaf in der Beek, Gyde Jensen, Thomas L. Kemmerich, Konstantin Kuhle, Till Mansmann, Alexander Müller, Roman Müller-Böhm, Matthias Seestern-Pauly, Judith Skudelny, Bettina Stark-Watzinger, Michael Theurer, Dr. Andrew Ullmann, Gerald Ullrich, Nicole Westig und der Fraktion der FDP Antibiotikaresistente Erreger als Folge von unsachgemäßem Arzneimitteleinsatz Antibiotika helfen im Einsatz gegen bakterielle Infektionen. Ein breiter und unsachgemäßer Einsatz von antibiotischen Arzneimitteln in der Human- und Tiermedizin führt allerdings dazu, dass bakterielle Erreger zunehmend Resistenzen ausbilden. Die Gefahr, die von antibiotikaresistenten Erregern ausgeht, zeigen aktuelle Statistiken des Robert Koch-Instituts (RKI), wonach sich in Deutschland jährlich 54 500 Personen mit Krankenhauskeimen infizieren, die gegen mehrere Antibiotika resistent, also multiresistent sind. Es sterben in Folge einer Infektion mit multiresistenten Keimen etwa 2 400 Menschen jährlich (www.rki.de/Shared Docs/FAQ/Krankenhausinfektionen-und-Antibiotikaresistenz/FAQ_Liste.html). Laut Verbrauchermonitor des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) haben 89 Prozent der Befragten schon einmal von Antibiotikaresistenzen gehört, was verdeutlicht, dass das Thema zunehmend in der breiten Öffentlichkeit Präsenz erhält. Als Ursprung für Antibiotikaresistenzen lassen sich dabei jene Orte ausmachen, wo antibiotische Arzneimittel eingesetzt werden. Dies ist zum einen der humanmedizinische Bereich, also der Einsatz als Folge menschlicher Erkrankungen im Krankenhaus, zum anderen beim Medikamenteneinsatz in der Nutztierhaltung im Stall. Dabei ist die Bedrohung, die von resistenten Erregern gegenüber Antibiotika ausgeht, kein Problem, welches an Ländergrenzen halt macht, und im Zuge neuer Handelsströme und Transportwege scheint dessen Ausbreitung stetig voranzuschreiten. Eine Studie der Newcastle University zufolge breitete sich ein multiresistenter Erreger innerhalb weniger Jahre aus dem Trinkwassersystem Neu-Dehlis bis in weite Teile Europas aus, wo der mittlerweile in der Umwelt nachgewiesen werden kann (www.euractiv.com/section/health-consumers/news/ antibiotic-resistance-a-treat-crossing-boarders). Wenn bisher angewendete Antibiotika keine Wirkung mehr zeigen, dann hält die Medizin sogenannte Reserveantibiotika vor. Die Wissenschaft ist sich einig, dass diese Stoffe als oftmals letzte Reserve in jeder Antibiotikaklasse besonders gut vor Resistenzen geschützt werden muss und besonderer Überwachung bedarf. Nachgewiesen werden antibiotikaresistente Erreger nicht nur in Krankenhäusern, sondern regelmäßig auch vor allem auf Puten- oder Hähnchenfleisch, wo sie besonders gut überleben und sich vermehren können. Durch starkes Erhitzen werden die Keime zwar abgetötet, können sich vorher jedoch aufgrund mangelnder Küchenhygiene auf andere Nahrungsmittel wie beispielsweise Salat übertragen und zu erheblichen Erkrankungen des Verdauungstraktes führen. Der Bericht über die Evaluierung des Antibiotikaminimierungskonzeptes des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) macht deutlich, dass im Zeitraum des zweiten Halbjahres 2014 bis einschließlich 2017 bereits bei allen sechs Nutztierarten (Schweinen bzw. Ferkeln, Rindern bzw. Kälbern, Hühnern und Puten) eine Reduktion der gesamten Antibiotika-Gebrauchsmenge um 31,6 Prozent erreicht wurde (www. bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/2019/135-Antibiotikaminimierungs konzept.html). Der Bericht zeigt außerdem auf, dass die sogenannten Reserveantibiotika zum Einsatz in der Tierhaltung kommen. Sie werden im Umfang von unter 10 Prozent bei Rindern und Schweinen und von knapp 40 Prozent der gesamten Menge an verabreichten Antibiotika bei Masthühnern und Puten eingesetzt. Wir fragen die Bundesregierung: 1. Wie hat sich sie Zahl der antibiotikaresistenten Erreger nach Kenntnis der Bundesregierung in der Veterinärmedizin in den letzten zehn Jahren verändert (bitte nach hauptsächlichem Vorkommen bei den Tierarten Rind bzw. Kalb, Schwein und Huhn bzw. Pute angeben)? 2. Wie definiert die Bundesregierung den Begriff der sogenannten Reserveantibiotika, und welche Wirkstoffe sind nach Auffassung der Bundesregierung als Reserveantibiotika einzustufen? 3. Welche Reserveantibiotika stehen derzeit nach Kenntnis der Bundesregierung zur Verfügung? Wie veränderte sich die Zahl der Reserveantibiotika nach Kenntnis der Bundesregierung innerhalb der letzten zehn Jahre? 4. Welche Reserveantibiotika sind nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit in der Veterinärmedizin zugelassen? 5. Wie gestaltet sich nach Kenntnis der Bundesregierung das Vorkommen von resistenten Bakterien auf Lebensmitteln insgesamt? Wie hoch ist der Anteil der Erreger, die auf Fleisch, Fischprodukten und Gemüse vorkommen? 6. Wie schätzt die Bundesregierung die Übertragbarkeit von multiresistenten Keimen, die auf Lebensmitteln vorkommen, auf den Menschen ein? 7. Welchen Ursprung haben resistente Bakterien nach Kenntnis der Bundesregierung, die auf unverarbeiteten pflanzlichen Erzeugnissen nachgewiesen werden? 8. Welche Lösungsansätze werden nach Kenntnis der Bundesregierung zur Vermeidung resistenter Erreger auf pflanzlichen Produkten verfolgt? 9. Welche Möglichkeiten zur Desinfektion von rohem Fleisch existieren nach Kenntnis der Bundesregierung in Deutschland derzeit? Welche Desinfektionsmöglichkeiten, die nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit in den nord- bzw. südamerikanischen und anderen europäischen Staaten Anwendung finden, sind in Deutschland zugelassen? 10. Liegt der Bundesregierung eine Evaluierung des Einsatzes von Antibiotika in der Tierhaltung auf europäischer Ebene vor, aus der hervorgeht, welche antibiotischen Wirkstoffe derzeit bei welcher Tierart in welchem Umfang eingesetzt werden? 11. Welche Maßnahmen müssen nach Kenntnis der Bundesregierung erfolgen, um den Einsatz von Antibiotika in der Hühner- und Putenhaltung weiter zu senken? 12. Wie bewertet die Bundesregierung den möglichen Einsatz von sogenannten CE-Kulturen (CE = Competitive Exclusion; die Verabreichung von normalen Darmmikroben gesunder adulter Tiere an Küken kurz nach dem Schlupf bzw. innerhalb der ersten Lebenstage), die nachweislich zu einer Reduzierung der Kolonisation verschiedener darmpathogener Erreger (z. B. Salmonellen und Campylobacter) und somit zu Einsparungen an Antibiotika führen können (Schneitz C (2005): Competitive exclusion in poultry – 30 years of research. Food Control 16: 657-667)? 13. Ist der Einsatz sogenannter CE-Kulturen in Deutschland derzeit zugelassen? a) In welchen Ländern besteht nach Kenntnis der Bundesregierung eine Zulassung für den Einsatz von CE-Kulturen? b) Liegen nach Kenntnis der Bundesregierung bereits Anträge auf eine Zulassung bei den zuständigen Behörden vor? c) Wann ist nach Einschätzung der Bundesregierung mit einer Zulassung zu rechnen? 14. Was sind nach Kenntnis der Bundesregierung die häufigsten Ansteckungsquellen mit resistenten Erregern für Menschen? 15. Mit welchen finanziellen Mitteln unterstützt die Bundesregierung die German One Health Initiative (GOHI)? 16. Wie hoch ist die Gesamtverbrauchsmenge an Antibiotika bei Haustieren in Deutschland nach Kenntnis der Bundesregierung? Liegt der Bundesregierung eine genaue Evaluierung, ähnlich des Evaluierungsberichts des BMEL für Nutztiere, vor? 17. Welche Erkenntnisse zum Vorkommen von multiresistenten Erregern bei Haustieren liegen der Bundesregierung vor? 18. Wie schätzt die Bundesregierung die Übertragbarkeit von multiresistenten Erregern vom Haustier auf den Menschen ein? Welche Maßnahmen zur Vermeidung dieser Übertragungen werden nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit verfolgt? Berlin, den 18. Juli 2019 Christian Lindner und Fraktion Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de ISSN 0722-8333]

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