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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Bedeutung der Wanderschäferei für die Biodiversität in Deutschland
(insgesamt 26 Einzelfragen)
Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ressort
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
Datum
28.08.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1220307.08.2019
Bedeutung der Wanderschäferei für die Biodiversität in Deutschland
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 19/12203
19. Wahlperiode 07.08.2019
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Friedrich Ostendorff, Steffi Lemke, Harald Ebner, Lisa Badum,
Annalena Baerbock, Matthias Gastel, Sylvia Kotting-Uhl, Oliver Krischer,
Dr. Julia Verlinden und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Bedeutung der Wanderschäferei für die Biodiversität in Deutschland
Beweidete Wiesen und Felder, die ohne den Einsatz von Pestiziden genutzt
werden, die Pflege von seltenen Biotopen, naturnaher Hochwasserschutz durch
Beweidung von Deichen, Erosionsschutz durch Festtreten der Grasnarbe und
Offenhalten der Landschaft – Schafe, Ziegen und Rinder in der Wanderschäferei und
der extensiven Beweidung leisten einen großen und kaum ersetzbaren Beitrag für
Naturschutz, Landwirtschaft und Landschaftspflege in Deutschland (vgl.
Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, 2019 via www.landwirtschaft .de/
landwirtschaft-verstehen/wie-arbeiten-tierhalter/unterwegs-mit-dem-schaefer/;
BUND, 2018 via www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/
schafeals-landschaftspfleger/). Doch die extensive Weidetierhaltung und die Schäferei
sind in Deutschland akut gefährdet: Nur noch circa 1 000 Berufsschäfereien sind
in Deutschland bekannt, seit 2010 haben etwa 15 Prozent der Betriebe Insolvenz
angemeldet und die Zahl der in Deutschland gehaltenen Schafe ist zwischen 2005
und 2015 um 40 Prozent gesunken (vgl. ebd.). Der Grund: die
existenzbedrohende wirtschaftliche Lage der Schäferei und weiterer extensiv wirtschaftenden
Weidetierhalter in Deutschland. Anstatt ihre gesellschaftlichen Leistungen für
Ernährung, Landschaft, Natur und Umwelt honoriert zu bekommen, fallen die
Betriebe oftmals aus der Logik der klassischen Agrarförderung in Deutschland
heraus, da sie kaum eigene Flächen bewirtschaften. Zusätzlich ist der Sektor
zunehmend durch billige Fleischimporte aus Übersee bedroht. Die heimische
Selbstversorgung lag im Jahr 2018 mit 39 Prozent (www.bmel-statistik.de/fileadmin/
user_upload/monatsberichte/DFT-0200502-0000.xls) signifikant unter dem
europäischen Mittelwert von 91 Prozent (https://ec.europa.eu/agriculture/sites/agri
culture/files/dashboards/sheep-meat-dashboard_en.pdf).
Mit der Zuspitzung dieser Situation und der Aufgabe vieler Weidetierhalter wird
öffentlich vermehrt die Einführung einer Weidetierprämie aus den
Direktzahlungen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) diskutiert, die die ökologisch
wertvolle Schaf- und Ziegenhaltung mit einer Fördersumme pro Muttertier
unterstützen soll. Dafür demonstrieren Schäferinnen und Schäfer mit ihren Schafen bereits
seit vielen Jahren, mehr als 150 000 Menschen unterstützen eine Online-Petition
zur Einführung einer solchen Weidetierprämie in Deutschland und auch einzelne
Bundesländer wie Thüringen haben bereits eine provisorische Weidetierprämie
aus Landesmitteln umgesetzt. Diese Instrumente auf Länderebene sind jedoch
durch die De-Minimis-Regelung in ihrem Finanzrahmen begrenzt und deshalb
hat Anfang Juli 2019 auch der Bundesrat in der Drucksache 141/19 von der
Bundesregierung die Einführung einer bundesweiten Weidetierprämie für Schafe und
Ziegen aus den Direktzahlungen der Gemeinsamen Agrarpolitik gefordert. Im
Deutschen Bundestag wurde ein entsprechender Antrag der
Bundestagsfraktionen BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und DIE LINKE. aus dem Juni 2018 hingegen
abgelehnt (Deutscher Bundestag (hib), 2018 via www.bundestag.de/presse/hib/
2018_06/559868-559868).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der
Wanderschäferbetriebe seit dem Jahr 1990 in Deutschland entwickelt, und welche
Schlussfolgerung zieht die Bundesregierung aus diesem Trend für die
zukünftige Entwicklung des Berufsstandes?
2. Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung über die Ursachen der
rückläufigen Entwicklung des Berufstandes der Wanderschäferei seit 1990 vor,
und welche Maßnahmen hat die Bundesregierung umgesetzt, um diesen
Trend zu stoppen?
3. Teilt die Bundesregierung die Einschätzung der Fragestellenden, dass die
Rückkehr des Wolfes nach Deutschland nicht der ausschlaggebende Faktor
für die Bedrohung des genannten Berufsstandes ist, sondern die insgesamt
prekäre ökonomische Situation der Wanderschäferei?
4. Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung über die Entwicklung des
extensiv bewirtschafteten Schaf-, Ziegen- und Rinderbestandes in
Deutschland seit 1990 vor?
5. Welche Bedeutung hat nach Kenntnis der Bundesregierung der Erhalt von
mit Weidetieren genutztem Grünland für die Artenvielfalt (bitte auch
exemplarisch anhand von Arten aufführen)?
6. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Größe der Fläche und
die Flächentypen des durch extensive Weidetierhaltung erhaltenen
Dauergrünlands in Deutschlands?
7. Wie bewertet die Bundesregierung Weidetierhaltung aus Sicht des
Tierschutzes?
8. Stimmt die Bundesregierung den Fragestellenden darin zu, dass die
Wanderschäferei ein besonders positives Bild der landwirtschaftlichen Tierhaltung
transportiert und diese Wirtschaftsweise auch aus diesen Gründen zu fördern
ist?
9. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die ökologische Bedeutung
der extensiven Weidetierhaltung
a) zum Erhalt der biologischen Vielfalt allgemein,
b) für den Erhalt und Schutz von Insektenarten und der Insektenbiomasse,
c) für den Erhalt und Schutz von Vogelpopulationen und
d) zum Schutz von Wasser und Böden?
10. Welche FFH-Lebensraumtypen (Fauna-Flora-Habitat) sind nach Kenntnis
der Bundesregierung besonders abhängig von der extensiven Beweidung,
und welche Zeigerarten sind durch den Verlust der jeweiligen
Lebensraumtypen in ihrer Population besonders gefährdet?
11. Welche Kulturlandschaftstypen ohne FFH-Schutz sind nach Kenntnis der
Bundesregierung besonders abhängig von der extensiven Beweidung, und
welche Zeigerarten sind durch den Verlust der jeweiligen
Kulturlandschaftstypen in ihrer Population besonders gefährdet?
12. Welche Tier- und Pflanzenarten sowie Biotoptypen drohen nach Kenntnis
der Bundesregierung bei einer Aufgabe der Schäferei verloren zu gehen?
13. Welche Tier- und Pflanzenarten, sowie Biotoptypen könnten von einer
Ausdehnung der Schäferei profitieren?
14. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über neue Herausforderungen
für die extensive Weidetierhaltung im Zuge der Auswirkungen der
Klimakrise (insbesondere steigende Temperaturen und anhaltende
Extremwetterereignisse wie Dürren und Starkniederschläge)?
15. Wie hoch schätzt die Bundesregierung den gesamtgesellschaftlichen
ökonomischen Nutzen durch die ökologischen Leistungen der extensiven
Weidetierhaltung in Deutschland, und welche ökologischen Leistungen sind hierbei
besonders hervorzuheben?
16. In wie vielen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gibt es nach Kenntnis
der Bundesregierung Pro-Kopf-Schafprämien bzw. an die Produktion von
Schafs- und Ziegenfleisch gekoppelte Zahlungen?
Wie bewertet die Bundesregierung diese Maßnahmen?
17. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Entwicklung des
europäischen Schäfereisektors in den letzten zehn Jahren, und ist die
Bundesregierung der Auffassung, dass die Einführung von Pro-Kopf-Schafprämien in
zahlreichen Ländern einer der Gründe für eine positive Entwicklung des
Sektors war?
18. Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus den Beschlüssen des
Bundesrates (Drucksachen 141/19(B) und 243/19(B)), der von der
Bundesregierung die Einführung einer Weidetierprämie für Schafe und Ziegen
fordert, für ihre eigene Position in der Sache?
19. Wie viel Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wurden nach Kenntnis der
Bundesregierung durch Berufsschäferinnen und Berufsschäfer in den Jahren
seit 2014 bewirtschaftet, und wie hoch waren die Förderungen aus der
ersten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik für die haupterwerbliche
Schafhaltung?
20. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der durchschnittliche
Förderbetrag aus der ersten Säule der Gemeinsamen Agrarpolitik für
landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland seit dem Jahr 2014?
Wie hoch waren der jeweils höchste und niedrigste Förderbetrag seit dem
Jahr 2014?
Welcher Betrag bildete jeweils den Median seit 2014?
21. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Ertragslage der
haupterwerblichen Schafhaltung bezogen auf den Hektar?
Wie hoch schätzt die Bundesregierung die Kosten für die Einführung einer
bundesweiten Weidetierprämie von 30 Euro pro Mutterschaf ein, und wie
hoch wäre der prozentuale Anteil der Weidetierprämie an den deutschen
Fördergeldern aus der GAP?
22. Zu welchem Ergebnis ist die Bundesregierung in Bezug auf die Forderung
des Deutschen Bundestages zu prüfen, wie mit Blick auf die ökologischen
Leistungen der Wanderschäferei eine bessere Unterstützung für diesen
Berufsstand geleistet werden kann (Bundestagsdrucksache 19/2981),
gekommen?
23. Wie viele Wanderschäfereibetriebe erfüllen nach Einschätzung der
Bundesregierung die Voraussetzungen des vom Bundesministerium für
Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) geplanten Bundesprogramms Wolf (siehe
Pressemitteilung des BMEL vom 12. Juli 2019), um förderfähig zu sein?
24. Wie hoch ist nach Schätzung der Bundesregierung der
Gesamtkostenaufwand für die Versorgung eines Herdenschutzhundes (Futter, Schutzhütte,
medizinische Versorgung etc.) pro Jahr?
25. Wie hoch sind nach Einschätzung der Bundesregierung die
durchschnittlichen Investitionskosten für einen Herdenschutzhund (Anschaffung,
Ausbildungsaufwand), und wie viele Herdenschutzhunde sind nach Einschätzung
der Bundesregierung nötig, um eine Herde von 200 Schafen gegen
Wolfsangriffe ausreichend zu schützen?
26. Wie hoch sind nach Einschätzung der Bundesregierung die
durchschnittlichen jährlichen Gesamtkosten für Errichtung, Betrieb und Instandhaltung
(inkl. Arbeitsaufwand) für wolfsabweisende Zäune für eine Herde von ca.
200 Schafen?
Berlin, den 22. Juli 2019
Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com
Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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