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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome - Aktuelle Situation in Versorgung und Forschung
(insgesamt 22 Einzelfragen)
Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ressort
Bundesministerium für Gesundheit
Datum
23.08.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1220407.08.2019
Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome - Aktuelle Situation in Versorgung und Forschung
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 19/12204
19. Wahlperiode 07.08.2019
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Maria Klein-Schmeink, Dr. Kirsten Kappert-Gonther,
Kordula Schulz-Asche, Dr. Bettina Hoffmann, Kai Gehring, Corinna Rüffer,
Katja Dörner, Dr. Anna Christmann, Erhard Grundl, Ulle Schauws,
Margit Stumpp, Beate Walter-Rosenheimer und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome – Aktuelle Situation in
Versorgung und Forschung
Die Myalgische Enzephalomyelitis (ME), auch Chronic Fatigue Syndrome (CFS)
genannt, ist eine häufige und oft schwer verlaufende chronische Erkrankung (ca.
240 000 Erkrankte in Deutschland (vgl. Scheibenbogen et. al. (2014),
„Chronisches Fatigue-Syndrom. Heutige Vorstellung zur Pathogenese, Diagnostik und
Therapie“, tägl. prax. 55). Betroffene leiden an einer schweren Fatigue
(krankhafte Erschöpfung) sowie unter variabel ausgeprägten immunologischen und
neurokognitiven Symptomen wie Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen,
Konzentrations-, Merk- und Wortfindungsstörungen, einer Überempfindlichkeit
gegenüber Sinnesreizen sowie Kreislaufbeschwerden wie Herzrasen, Blutdruckspitzen
und Schwindel. Ein Viertel aller Patienten kann das Haus nicht mehr verlassen;
viele sind bettlägerig und schätzungsweise über 60 Prozent arbeitsunfähig.
Besonders schwer Erkrankte sind auf Pflege angewiesen (vgl. Dt. Gesellschaft für
ME/CFS, „Was ist ME/CFS?“, unter: www.mecfs.de/was-ist-me-cfs).
In der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation wird ME/CFS als Krankheit des
Nervensystems klassifiziert. Die amerikanischen Centers for Disease Control and
Prevention (CDC) betonen, dass es sich um eine organische Erkrankung handelt
(„ME/CFS is a biological illness, not a psychologic disorder.“, Informationen der
Centers for Disease Control and Prevention (CDC), unter: www.cdc.gov/me-cfs/
healthcare-providers/presentation-clinical-course/etiology-pathophysiology.html).
In einigen Fachkreisen und Institutionen des Gesundheitswesens wird ME/CFS
als psychisches Syndrom verstanden, so z. B. in den Leitlinien für die
sozialmedizinische Begutachtung der Deutschen Rentenversicherung (vgl. die aktuellen
Meldungen der Dt. Gesellschaft für ME/CFS, unter www.mecfs.de/aktuelles/).
Die Versorgungslage ist nach Ansicht der Fragesteller prekär. Außer an der
Berliner Charité und der Kinderklinik München Schwabing gibt es deutschlandweit
kein spezialisiertes Versorgungsangebot (vgl. Scheibenbogen/Grabowski (2018),
„Das Chronische Fatigue Syndrom – eine unterschätzte Erkrankung“, Forum
Sanitas). Neue Erkenntnisse internationaler Studien finden nach Ansicht der
Fragesteller oft unzureichend, fehlerhaft oder verspätet Eingang in die Versorgung. So
mangelt es weiterhin auch an einer adäquaten Aus-, Fort- und Weiterbildung
medizinischen Fachpersonals sowie an einer sachgerechten, evidenzbasierten
Patienteninformation. Erhebliche Schwierigkeiten bestehen darüber hinaus bei der
sozialmedizinischen bzw. rentenrechtlichen Anerkennung von ME/CFS. Die
wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet ist strukturell vernachlässigt. Es gibt aktuell
keine staatliche oder fachgesellschaftliche Forschungsförderung speziell für
ME/CFS.
Andere Länder haben längst begonnen, die Krankheit und die Situation der
Betroffenen ernst zu nehmen. So hielten das britische Unterhaus, das schottische
sowie das dänische Parlament im letzten Jahr mehrere Debatten zum Thema ab.
Das australische Gesundheitsministerium stellte im März 2019 3 Mio. Dollar für
die Erforschung von ME/CFS zur Verfügung. Die National Institutes of Health
(NIH) richteten in den USA unlängst vier Forschungszentren für ME/CFS ein
(vgl. die aktuellen Meldungen der Dt. Gesellschaft für ME/CFS, unter www.
mecfs.de/aktuelles/).
Wir fragen die Bundesregierung:
Statistische Daten
1. a) Wie viele Personen wurden nach Kenntnis der Bundesregierung in den
letzten zehn Jahren in Deutschland aufgrund des Krankheitsbildes ME/
CFS ärztlich behandelt (bitte nach Altersgruppen, Geschlecht sowie
stationärer bzw. ambulanter Versorgung aufschlüsseln)?
b) Falls keine Daten vorliegen, warum nicht, und was plant die
Bundesregierung, um die Datenlage zu verbessern?
2. a) Wie viele Personen waren nach Kenntnis der Bundesregierung in den
letzten zehn Jahren in Deutschland so schwer an ME/CFS erkrankt, dass sie
auf eine pflegerische Versorgung angewiesen waren (bitte nach
Altersgruppen, Geschlecht sowie stationärer bzw. ambulanter Pflege
aufschlüsseln)?
b) Falls keine Daten vorliegen, warum nicht, und was plant die
Bundesregierung, um die Datenlage zu verbessern?
3. a) Wie viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer waren nach Kenntnis der
Bundesregierung in den letzten zehn Jahren in Deutschland so schwer an
ME/CFS erkrankt, dass sie vollständig oder teilweise erwerbsunfähig
waren?
b) Falls keine Daten vorliegen, warum nicht, und was plant die
Bundesregierung, um die Datenlage zu verbessern?
Medizinische Versorgung
4. Welche Probleme gibt es aus Sicht der Bundesregierung bei der
medizinischen Versorgung von Menschen mit ME/CFS in Deutschland, und was tut
sie, um eine adäquate, interdisziplinäre und wohnortnahe Betreuung dieser
Patientengruppe sowohl in der ambulanten als auch der stationären
Versorgung sicherzustellen?
5. Wie bewertet die Bundesregierung den Umstand, dass ME/CFS in vielen
Teilen der Ärzteschaft nahezu unbekannt ist bzw. verharmlost oder falsch,
d. h. als psychisch bedingt, diagnostiziert wird, und was gedenkt sie dagegen
zu unternehmen?
6. Plant die Bundesregierung, sich für eine koordinierte Betreuung von ME/
CFS-Erkrankten einzusetzen, etwa durch weitere spezialisierte
Behandlungszentren wie das kürzlich eröffnete „Fatigue-Zentrum“ an der Berliner
Charité oder mithilfe interdisziplinärer, krankheitsspezifischer
Versorgungsnetzwerke, und falls nein, warum nicht?
7. Welche sektorenübergreifenden Versorgungsmodelle zur Behandlung von
ME/CFS-Erkrankten sind der Bundesregierung bekannt, und wie setzt sich
die Bundesregierung für eine Förderung solcher Modelle, z. B. im Rahmen
der integrierten Versorgung, ein?
8. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung zum Geschlechterverhältnis
in der Patientengruppe der ME/CFS-Erkrankten, und welche Konsequenzen
für Erforschung und Behandlung zieht sie daraus, dass offenkundig
überproportional viele Frauen erkrankt sind (vgl. Faro/Sàez-Francás et al. (2016),
„Gender differences in chronic fatigue syndrome“, Reumatol. Clin. 12, doi:
10.1016/j.reuma.2015.05.007)?
Sozialsysteme und Pflege
9. Wie bewertet die Bundesregierung den Umstand, dass ME/CFS in den
Leitlinien für die sozialmedizinische Begutachtung der Deutschen
Rentenversicherung als eine psychische Störung geführt wird, und können ihrer Ansicht
nach schwer kranken Patientinnen und Patienten auf dieser Grundlage
adäquat Hilfeleistungen wie die Erwerbsminderungsrente gewährt werden?
10. Welche Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus neueren
wissenschaftlichen Erkenntnissen, wonach aktivierende Rehabilitationsmaßnahmen
kontraindiziert sind und die Gesundheit der Patientinnen und Patienten
nachhaltig verschlechtern können (vgl. OxCATTS/Oxford Brookes University,
„Evaluation of a survey exploring the experiences of adults and children with
ME/CFS who have participated in CBT and GET interventional
programmes“, 27. Februar 2019, unter: www.meaction.net/wp-content/uploads/2019/04/
NICE-Patient-Survey-Outcomes-CBT-and-GET-Oxford-Brookes-Full-Report-
03.04.19.pdf), und was gedenkt sie gegen diese weiterhin gängige Praxis zu
unternehmen?
11. Wie bewertet die Bundesregierung den Umstand, dass Angehörige ihre an
ME/CFS erkrankten Kinder, Partner oder Eltern oft selbst pflegen müssen,
weil Pflegekassen die Schwere der Krankheit nicht anerkennen, und welche
Angebote zur Unterstützung der Angehörigen existieren bundesweit?
12. Ist der Bundesregierung bekannt, dass vielen schwer körperlich
beeinträchtigten, teils erwerbsunfähigen ME/CFS-Patientinnen und -Patienten nicht der
Grad der Behinderung attestiert wird, der ihren realen Einschränkungen und
den ihnen zustehenden Nachteilsausgleichen gerecht wird, und was gedenkt
sie dagegen zu tun?
13. Wird der Umstand der oftmals fehlenden Anerkennung eines Grades der
Behinderung bei ME/CFS im Rahmen der derzeitigen Überarbeitung der
Versorgungsmedizin-Verordnung diskutiert, und sind in diesem Bereich
Änderungen in Planung?
Falls nein, warum nicht?
Forschung und Fort- und Weiterbildung
14. Welche Forschungsvorhaben fördert die Bundesregierung derzeit im Bereich
ME/CFS (bitte mit Angabe des Titels, der Förderhöhe und -laufzeit sowie
des federführenden Ressorts)?
15. Warum gibt es in Deutschland angesichts der o. g. Prävalenz aktuell keine
staatliche oder fachgesellschaftliche Forschungsförderung explizit für ME/
CFS, wenn die Bundesregierung selbst „vorrangige(n) Handlungsbedarf in
der Weiterentwicklung der Forschung“ (Antwort der Bundesregierung auf
die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE. auf Bundestagsdrucksache
17/12468, S. 4) auf diesem Gebiet sieht?
16. Plant die Bundesregierung, öffentliche Mittel für den Ausbau der
biomedizinischen und klinischen Forschung bezüglich ME/CFS bereitzustellen?
Falls ja, in welcher Höhe, und falls nein, warum nicht?
17. Unterstützt die Bundesregierung aktuell die Weiterentwicklung
evidenzbasierter Behandlungsleitlinien zu ME/CFS?
Falls ja, in welcher Weise, und falls nein, warum nicht?
18. Plant die Bundesregierung, den Wissensaustausch zum Thema ME/CFS
stärker zu fördern, z. B. durch von öffentlicher Hand organisierte bzw.
geförderte Fachveranstaltungen oder -kongresse, und falls nein, warum nicht?
19. Wie kann nach Ansicht der Bundesregierung sichergestellt werden, dass
die Beschäftigten in den Gesundheitsberufen, insbesondere Ärztinnen und
Ärzte, ein Problembewusstsein für die speziellen Versorgungsbedürfnisse
von ME/CFS-Erkrankten entwickeln, und plant sie, sich für eine Integration
des Krankheitsbildes in das Fort- und Weiterbildungsprogramm für
Ärztinnen und Ärzte sowie für in den Gesundheitsberufen Tätige einzusetzen?
Falls nein, warum nicht?
Maßnahmen der Bundesregierung
20. Erfährt die Erkrankung ME/CFS nach Ansicht der Bundesregierung
angesichts ihrer Prävalenz und des hohen Leidensdrucks der Betroffenen die
notwendige Anerkennung im deutschen Gesundheitswesen, und falls nein, wie
wird die Bundesregierung dazu beitragen, den Bekanntheitsgrad und die
Akzeptanz von ME/CFS bei den im Gesundheitssystem handelnden
Personen zu stärken?
21. a) Wie wirkt die Bundesregierung darauf hin, dass sich die Gremien der
Selbstverwaltung mit der aktuellen Forschungslage befassen, wonach es
sich bei ME/CFS um eine schwerwiegende organische Erkrankung
handelt?
b) Wie bewertet die Bundesregierung entsprechende staatliche
Anerkennungen von ME/CFS als schwerwiegende organische Erkrankung, z. B. in
Dänemark, den Niederlanden oder Schottland, und welche Konsequenzen
zieht sie daraus?
22. Wird die Bundesregierung einen Runden Tisch unter Beteiligung der
Gremien der Selbstverwaltung, von Interessenverbänden und
Patientenorganisationen etablieren, um in Deutschland zukünftig eine adäquate medizinische
und soziale Versorgung von ME/CFS-Erkrankten sicherzustellen, und falls
nein, warum nicht?
Berlin, den 25. Juni 2019
Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com
Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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