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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Wohnungspolitische Bilanz der Bundesrepublik Deutschland seit 2006
(insgesamt 25 Einzelfragen)
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat
Datum
28.08.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1234813.08.2019
Wohnungspolitische Bilanz der Bundesrepublik Deutschland seit 2006
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 19/12348
19. Wahlperiode 13.08.2019
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Caren Lay, Dr. Gesine Lötzsch, Lorenz Gösta Beutin,
Heidrun Bluhm-Förster, Jörg Cezanne, Kerstin Kassner, Sabine Leidig,
Ralph Lenkert, Michael Leutert, Amira Mohamed Ali, Victor Perli,
Ingrid Remmers, Dr. Kirsten Tackmann, Andreas Wagner, Hubertus Zdebel
und der Fraktion DIE LINKE.
Wohnungspolitische Bilanz der Bundesrepublik Deutschland seit 2006
Die Frage nach bezahlbarem Wohnraum ist zu einer entscheidenden sozialen
Frage geworden. Zentrale Bereiche für die Wohnraumversorgung wie das Miet-
und das Baurecht, das Wohngeld, die Wohnraum- und die Städtebauförderung
sowie die Steuergesetzgebung obliegen einer bundespolitischen Regulierung.
Seit 2006 hat sich nach Ansicht der Fragesteller die Lage in der
Wohnraumversorgung in vielen Städten dramatisch verschlechtert. Mit der
Föderalismusreform I ist der Bund im Jahr 2006 aus der sozialen Wohnraumförderung
ausgestiegen. Seitdem werden Entflechtungsmittel an die Länder gezahlt, die ihrerseits
Förderprogramme für den Bau von Sozialwohnungen auflegen können. Die
Anzahl der Sozialwohnungen sinkt bundesweit stetig (Sozialer Wohnungsbau
in Deutschland – Entwicklung, Bestand, Perspektive, Bundestagsdrucksache
18/12387).
Die Mieten jedoch steigen seit einigen Jahren unaufhörlich. In den
Großstädten, in Ballungsräumen und Universitätsstädten hat sich die Mietentwicklung von
der allgemeinen Preis- und Lohnentwicklung entkoppelt. Dadurch steigt der
Anteil der Wohnkosten am Haushaltseinkommen. Heute müssen mindestens 40
Prozent der Haushalte in Deutschlands Großstädten mehr als 30 Prozent ihres
Einkommens für die Miete ausgeben (vgl. Böckler-Stiftung, Wohnverhältnisse in
Deutschland 2017).
Nicht nur die Mieten steigen, auch die Bodenrichtwerte und Grundstückspreise
in den Kommunen sind in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Hohe
Bodenpreise verhindern günstigen und bezahlbaren Wohnraum (BBSR,
Baulandpreise größter Kostentreiber beim Wohnungsbau, 2017). Die aktuelle
Bundesregierung hat nach Ansicht der Fragesteller bisher keine Maßnahmen
unternommen, um steigende Bodenpreise zu dämpfen.
Mit steigenden Mieten nimmt in den Städten auch die Räumungsneigung zu –
hohe Ertragserwartungen machen es für Investorinnen und Investoren reizvoll,
angestammte Bewohnerinnen und Bewohner bei Mietrückständen zu räumen.
Die Zahl der Wohnungslosen steigt, auch durch fehlende Wohnungen für
Geflüchtete in den Kommunen.
Mit den Liegenschaften und Wohnungen im Besitz der Bundesanstalt für
Immobilienaufgaben (BImA) ist der Bund einer der größten Immobilieneigentümer in
Deutschland. Anstatt den öffentlichen Bestand dafür zu nutzen, dämpfend auf die
Miet- und Grundstückspreisentwicklung einzuwirken, hat der Bund die meisten
seiner Liegenschaften und Wohnungen zum Höchstpreis verkauft (Handelsblatt,
Immobilien-Anstalt verkauft vor allem an privat, 9. August 2019).
Infolge der Deregulierung des Wohnungsmarktes ist es nach Ansicht der
Fragesteller zu einer Finanzialisierung in der Wohnraumversorgung gekommen, die
den Aufstieg großer börsennotierter Wohnungskonzerne wie Vonovia oder
Deutsche Wohnen erst ermöglicht hat.
Seit etwa vier Jahren gilt die Mietpreisbremse; deren Wirkung bewerten
zahlreiche Expertinnen und Experten trotz der kürzlich vorgenommenen Anpassung als
begrenzt (DIW Berlin, Evaluierung der Mietpreisbremse im Auftrag des BMJV,
2018). Die Bundesregierung hat es bisher verpasst, wirksame mietenregulierende
Maßnahmen zu treffen.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der
Sozialwohnungen in Deutschland in den Jahren seit 2006 entwickelt?
2. Wie hoch sind die seit 2006 getätigten Ausgaben des Bundes für die soziale
Wohnraumförderung?
3. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Angebotsmieten für
Wohnungen im Bundesdurchschnitt seit 2006 entwickelt (bitte in
Zweijahresschritten aufschlüsseln)?
4. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Angebotsmieten für
Wohnungen in den so genannten A-Städten seit 2006 entwickelt (bitte in
Zweijahresschritten sowie nach prozentualer und absoluter Steigerung
aufschlüsseln)?
5. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die
Wohnkostenbelastungsquote im Bundesdurchschnitt in den Jahren seit 2006 jährlich entwickelt?
Wie hoch war jeweils der Anteil der Haushalte, deren Wohnkosten 30
Prozent des Haushaltsnettoeinkommens überschritten?
6. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die durchschnittliche
Wohnkostenbelastungsquote in den so genannten A-Städten in Deutschland
seit 2006 jährlich entwickelt?
7. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die durchschnittlichen
Bodenrichtwerte und Grundstückspreise für Geschosswohnungsbau in
geschlossener Bauweise in so genannten A-Städten in Deutschland seit 2006
entwickelt (bitte in Zweijahresschritten auflisten)?
8. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der jährlichen
Zwangsräumungen in Deutschland seit 2006 entwickelt?
9. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Anzahl der
Wohnungslosen in Deutschland seit 2006 entwickelt?
Welche Datenbasis liegt dieser Kenntnis zugrunde?
10. Wie viele Wohnungen haben sich im Jahr 2006 im Besitz der öffentlichen
Hand (Bund, Länder, Kommunen) befunden, und wie hat sich dieser Bestand
bis heute entwickelt (bitte in Zweijahresschritten auflisten)?
11. Wie viele Wohnungen haben sich im Jahr 2006 im Besitz des Bundes oder
bundeseigener Unternehmen befunden, und wie hat sich diese Anzahl
jährlich bis heute entwickelt?
12. Wie viele Liegenschaften mit welcher Gesamtfläche haben sich im Jahr 2006
im Besitz des Bundes befunden, und wie hat sich diese Anzahl in
Zweijahresschritten bis heute entwickelt?
13. Wie viele Liegenschaften und mit welcher Gesamtfläche hat der Bund seit
2006 an Kommunen zum Zwecke des sozialen Wohnungsbaus vergünstigt
abgegeben?
Wie viele Sozialwohnungen wurden auf diesen Grundstücken fertiggestellt?
14. Wie viele Wohnungen wurden durch den Bund seit 2006, beispielsweise im
Rahmen der Wohnungsfürsorge, gebaut?
15. Welche Maßnahmen hat die Bundesregierung seit 2006 unternommen, um
die Mietpreisentwicklung zu regulieren und Mieterinnen und Mieter infolge
steigender Mieten vor Verdrängung zu schützen?
Wie bewertet die Bundesregierung den Erfolg dieser Maßnahmen?
16. Wie hoch waren nach Kenntnis der Bundesregierung die Gewinne, die
private börsennotierte Wohnungskonzerne im Jahr 2006 erwirtschaftet haben,
und wie hoch waren die Gewinne privater börsennotierter
Wohnungskonzerne im Jahr 2018?
17. Wie viele private Unternehmen haben nach Kenntnis der Bundesregierung
2006 mehr als 3 000 Wohneinheiten besessen, und wie viele Unternehmen
sind es aktuell (bitte unter Angabe der zehn größten privaten Unternehmen
und ihrem jeweiligen Wohnungsbestand auflisten)?
18. Wie hoch waren nach Kenntnis der Bundesregierung in den Jahren seit 2006
die Steuerausfälle bei der Grunderwerbsteuer infolge von Share Deals bei
Verkäufen von Wohnimmobilien?
19. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung der Median des
Nettovermögens der Immobilienbesitzer und wie hat sich der Median des
Nettovermögens der Mieterhaushalte jährlich seit 2006 entwickelt?
20. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung das Immobilienvermögen
nach Einkommensdezilen jährlich seit 2006 entwickelt?
21. Welche Änderungen im Mietrecht in Bezug auf die Modernisierungsumlage,
den Kündigungsschutz und Zwangsräumungen bzw. Räumungsklagen hat es
seit 2006 gegeben (bitte nach Legislaturperioden aufschlüsseln)?
22. Welche Änderungen im Bau- und Städtebaurecht in Bezug auf das soziale
Erhaltungsrecht hat es seit 2006 gegeben (bitte nach Legislaturperioden
aufschlüsseln)?
23. Welche wohnungsbaupolitischen Förderprogramme hat der Bund seit 2006
in welchem Zeitraum aufgelegt, und mit welchem jeweiligen
Gesamtfördervolumen (bitte nach sozialer Wohnraumförderung, Eigentumsbildung,
energetischer Gebäudesanierung aufschlüsseln)?
24. Wie haben sich die Gesamtkosten und die Anzahl der Berechtigten für das
Wohngeld jährlich seit 2006 entwickelt?
25. Wie haben sich die Gesamtkosten und die Anzahl der Berechtigten für
Leistungen der Kosten der Unterkunft und Heizung jährlich seit 2006 entwickelt?
Berlin, den 23. Juli 2019
Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com
Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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