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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Arbeitsintensivierung in Deutschland
Fraktion
DIE LINKE
Ressort
Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Datum
24.09.2019
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/1238414.08.2019
Arbeitsintensivierung in Deutschland
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Deutscher Bundestag Drucksache 19/12384
19. Wahlperiode 14.08.2019
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Jutta Krellmann, Susanne Ferschl, Matthias W. Birkwald,
Sylvia Gabelmann, Dr. Achim Kessler, Katja Kipping, Jan Korte, Pascal Meiser,
Cornelia Möhring, Jessica Tatti, Harald Weinberg, Pia Zimmermann,
Sabine Zimmermann (Zwickau) und der Fraktion DIE LINKE.
Arbeitsintensivierung in Deutschland
Die Anzahl der Krankentage aufgrund von psychischen und Verhaltensstörungen
hat sich zwischen 2007 und 2017 von knapp 48 auf 107 Millionen mehr als
verdoppelt, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der
Fraktion DIE LINKE. im Deutschen Bundestag hervorgeht
(Bundestagsdrucksache 19/8688).
Steigender Arbeitsdruck ist aus Sicht von Wissenschaftlern eine der zentralen
Ursachen für diese Entwicklung (Alers, E. 2019: Wird mehr und härter gearbeitet?
WSI Policy Brief). Definiert wird steigender Arbeitsdruck oder
Arbeitsintensivierung in der Regel über eine „gestiegene Arbeitsmenge“, ein „gestiegenes
Arbeitstempo“ oder „häufige Kundengespräche“ (Franke, F. 2015, Journal of
Personell Psychology 14(1), 17-27). Für Beschäftigte bedeutet das in der Regel mehr
Stress, der krank machen kann.
Die Intensivierung von Arbeit hat nach Einschätzung von Beschäftigtenvertretern
in den letzten Jahren deutlich zugenommen (WSI-Betriebsrätebefragung 2018:
bit.do/impuls1533). Aus Sicht der Fragestellenden ist dies eine alarmierende
Entwicklung und deshalb soll die Bundesregierung befragt werden, wie es um die
Intensivierung der Arbeit in Deutschland steht.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Beschäftigtengruppen sind nach Kenntnis der Bundesregierung
besonders von Arbeitsintensivierung betroffen?
a) Beschäftigte welcher Branchen sind nach Kenntnis der Bundesregierung
besonders von Arbeitsintensivierung betroffen?
b) Hat die Bundesregierung Kenntnis drüber, inwiefern bestimmte
Altersgruppen, Beschäftigte bestimmter Bundesländer oder eines bestimmten
Geschlechts im besonderen Maße von Arbeitsintensivierung betroffen
sind?
2. Inwiefern gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung und ihrer
nachgeordneten Behörden, wie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmenge
(BAuA), einen Zusammenhang zwischen der Rationalisierung in Betrieben
und Arbeitsintensivierung?
3. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Beschäftigten, die der Arbeitsanforderung „Termin-/Leistungsdruck“ in den Jahren
2006, 2012 und 2018 ausgesetzt waren, im Vergleich zu allen Beschäftigten,
und zu welchem Anteil fühlen sich die Betroffenen dadurch belastet (bitte
nach Bundesländern, Branchen und Geschlecht sowie Wochenarbeitszeit:
Teilzeit bzw. Vollzeit ausweisen)?
4. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Beschäftigten, die der Arbeitsanforderung „Arbeitsdurchführung bis in Einzelheiten
vorgeschrieben“ in den Jahren 2006, 2012 und 2018 ausgesetzt waren, im
Vergleich zu allen Beschäftigten, und zu welchem Anteil fühlen sich die
Betroffenen dadurch belastet (bitte nach Bundesländern, Branchen und
Geschlecht sowie Wochenarbeitszeit: Teilzeit bzw. Vollzeit ausweisen)?
5. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Beschäftigten, die der Arbeitsanforderung „neue Aufgaben“ in den Jahren 2006,
2012 und 2018 ausgesetzt waren, im Vergleich zu allen Beschäftigten, und
zu welchem Anteil fühlen sich die Betroffenen dadurch belastet (bitte nach
Bundesländern, Branchen und Geschlecht sowie Wochenarbeitszeit: Teilzeit
bzw. Vollzeit ausweisen)?
6. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Beschäftigten, die der Arbeitsanforderung „gestört, unterbrochen“ in den Jahren
2006, 2012 und 2018 ausgesetzt waren, im Vergleich zu allen Beschäftigten,
und zu welchem Anteil fühlen sich die Betroffenen dadurch belastet (bitte
nach Bundesländern, Branchen und Geschlecht sowie Wochenarbeitszeit:
Teilzeit bzw. Vollzeit ausweisen)?
7. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Beschäftigten, die der Arbeitsanforderung „Mindestleistung, Zeit vorgeschrieben“ in
den Jahren 2006, 2012 und 2018 ausgesetzt waren, im Vergleich zu allen
Beschäftigten, und zu welchem Anteil fühlen sich die Betroffenen dadurch
belastet (bitte nach Bundesländern, Branchen und Geschlecht sowie
Wochenarbeitszeit: Teilzeit bzw. Vollzeit ausweisen)?
8. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Beschäftigten, die der Arbeitsanforderung „verschiedene Arbeiten gleichzeitig“ in
den Jahren 2006, 2012 und 2018 ausgesetzt waren, im Vergleich zu allen
Beschäftigten, und zu welchem Anteil fühlen sich die Betroffenen dadurch
belastet (bitte nach Bundesländern, Branchen und Geschlecht sowie
Wochenarbeitszeit: Teilzeit bzw. Vollzeit ausweisen)?
9. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Beschäftigten, die der Arbeitsanforderung „bis an die Grenzen der
Leistungsfähigkeit“ in den Jahren 2006, 2012 und 2018 ausgesetzt waren, im Vergleich zu
allen Beschäftigten, und zu welchem Anteil fühlen sich die Betroffenen
dadurch belastet (bitte nach Bundesländern, Branchen und Geschlecht sowie
Wochenarbeitszeit: Teilzeit bzw. Vollzeit ausweisen)?
10. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Beschäftigten, die der Arbeitsanforderung „schnell arbeiten“ in den Jahren 2006,
2012 und 2018 ausgesetzt waren, im Vergleich zu allen Beschäftigten, und
zu welchem Anteil fühlen sich die Betroffenen dadurch belastet (bitte nach
Bundesländern, Branchen und Geschlecht sowie Wochenarbeitszeit: Teilzeit
bzw. Vollzeit ausweisen)?
11. Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus den Ergebnissen der WSI-
Betriebsrätebefragung 2018 (vgl. Ehlers & Erol 2019: Policy Brief WSI,
Nr. 33, Mai 2019), die Arbeitsintensivierung als „hochrelevante
Herausforderung“ für die „gestaltenden Akteure in den Betrieben“ identifiziert?
a) Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung daraus, dass bei der WSI-
Betriebsrätebefragung 2018 81 Prozent der Befragten eine „Zunahme der zu
bewältigenden Arbeitsmenge“ feststellen, 76 Prozent eine „gesteigerte
Leistungserwartung an die Beschäftigten“ und 74 Prozent „zunehmendes
Multitasking“?
b) Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung daraus, dass bei der WSI-
Betriebsrätebefragung 2018 als Ursache für Arbeitsverdichtung in den
Betrieben 65 Prozent der Befragten eine „unzureichende
Personalbemessung“ angeben, 60 Prozent „Führungsmängel“ und 51 Prozent eine
„Auftragszunahme“?
c) Inwiefern liegen der Bundesregierung weitere Studien zur
Arbeitsintensivierung aus Sicht von Betriebsräten oder Arbeitgebern vor?
d) Sieht die Bundesregierung die Notwendigkeit, insbesondere im
Zusammenhang mit der Herausforderung der Arbeitsintensivierung die
betriebliche Mitbestimmung zu stärken, und wenn ja, was will sie dafür tun?
12. Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus den Ergebnissen der
Stressstudie der Techniker Krankenkasse (TK) (www.tk.de/resource/blob/2026630/
9154e4c71766c410dc859916aa798217/tk-stressstudie-2016-data.pdf), wonach
sich mehr als 60 Prozent Befragten gestresst fühlt?
a) Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung daraus, dass nach der
Stressstudie der TK 46 Prozent der Befragten „die Arbeit“ als Stressursache
nennen (häufigste Nennung)?
b) Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung daraus, dass nach der
Stressstudie der TK keine andere Altersstufe so stark gestresst von Beruf ist wie
die 18- bis 29-Jährigen (71 Prozent)?
c) Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung daraus, dass nach der
Stressstudie der TK 64 Prozent der befragten Berufstätigen angeben, „zu viel
Arbeit“ zu haben, 59 Prozent über „Termindruck/Hetze“ klagen und
52 Prozent über „Unterbrechungen/Störungen“?
13. Trifft es nach Kenntnis der Bundesregierung zu, dass eine hohe
Arbeitsintensivität mit Erschöpfung der Beschäftigten einhergeht und damit ein
gesundheitliches Risiko darstellt (vgl. BIBB/BAuA 2019: Zeitdruck und Co –
Wird Arbeit immer intensiver und belastender?), und welche Schlüsse zieht
die Bundesregierung daraus?
14. Welcher Zusammenhang besteht nach Kenntnis der Bundesregierung
zwischen der Arbeitsintensivierung und dem Anstieg der Krankentage auf
Grund von psychischen Störungen und Verhaltensstörungen in den letzten
zehn Jahren (Bundestagsdrucksache 19/8688)?
15. Trifft es nach Kenntnis der Bundesregierung zu, dass sich negative
Gesundheitsfolgen auf Grund von Arbeitsintensivierung erst nach einem zeitlichen
Abstand zeigen?
a) Geht die Bundesregierung in diesem Zusammenhang davon aus, dass die
Krankentage aufgrund von psychischen Belastungen weiter ansteigen
werden?
b) Was tut die Bundesregierung um zu verhindern, dass mehr Beschäftigte
auf Grund von Arbeitsintensivierung krank werden?
16. In welchen deutschen Bundesländern wird nach Kenntnis der
Bundesregierung das ILO-Benchmark (ILO = International Labour Organization) für die
Personalausstattung der staatlichen Arbeitsschutzbehörden nicht erreicht
(vgl. Bundestagsdrucksache 19/10335)?
a) Zu welchem Anteil wird nach Kenntnis der Bundesregierung in den
einzelnen Bundesländern das ILO-Benchmark erreicht bzw. verfehlt?
b) Was tut die Bundesregierung, um dazu beizutragen, dass das Benchmark
in allen Bundesländern erreicht wird?
c) Welche Reaktionen internationaler Organisationen wie der ILO bezüglich
der Nichterreichung des Benchmarks sind der Bundesregierung bekannt?
17. Welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus den Aussagen von Sascha
Stowasser, dem Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft in
Düsseldorf (Stuttgarter Zeitung, 23. April 2019, S. 2), der von einem
„Nachholbedarf“ bei den Arbeitsschutzkontrollen in Deutschland spricht und
vorschlägt die „Quantität und die Qualität der Aufsicht“ zu steigern?
a) Sieht die Bundesregierung die Notwendigkeit, die Quantität und Qualität
der Arbeitsschutzkontrollen zu steigern, und wenn ja, was tut sie dafür,
um die Bundesländer dabei zu unterstützen?
b) Was tut die Bundesregierung dafür, insbesondere kleine und mittlere
Unternehmen hinsichtlich der Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen
unter Berücksichtigung psychischer Belastungen zu unterstützen?
Berlin, den 24. Juli 2019
Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Dietmar Bartsch und Fraktion
Satz: Satzweiss.com Print, Web, Software GmbH, Mainzer Straße 116, 66121 Saarbrücken, www.satzweiss.com
Druck: Printsystem GmbH, Schafwäsche 1-3, 71296 Heimsheim, www.printsystem.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
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