Nutri-Score, vereinfachtes Nährwertkennzeichnungssystem und seine Herausforderungen
der Abgeordneten Verena Hartmann, Peter Felser, Franziska Gminder, Stephan Protschka, Thomas Ehrhorn und der Fraktion der AfD
Vorbemerkung
Im Jahr 2020 möchte die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner den Nutri-Score, der sich bereits in Frankreich und Belgien durchgesetzt hat, in Deutschland einführen (vgl. www.bmel.de/DE/Ernaehrung/ Kennzeichnung/FreiwilligeKennzeichnung/_Texte/Naehrwertkennzeichnungs- Modelle-MRI-Bericht.html).
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erläutert, die Kennzeichnung mit dem Nutri-Score werde ausgehend von den europarechtlichen Vorgaben freiwillig sein (vgl. www.bmel.de/DE/Ernaehrung/Kennzeichnung/FreiwilligeKennzeichnung/_Texte/Naehrwertkennzeichnungs- Modelle-MRI-Bericht.html).
In der Pressemitteilung Nummer 197 vom 30. September 2019 wurde das Ergebnis der Verbraucherbefragung zur Überprüfung der Eignung von ausgewählten NährwertkennzeichnungsSystemen verkündet: Der Nutri-Score ist der Testsieger bei den Befragten, eines von vier geprüften Modellen – weitere: BLL-Modell (BLL = Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde), Keyhole, MRI-Modell (MRI = Max Rubner-Institut) – zur vereinfachten Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite von Produkten (vgl. www.bmel.de/SharedDocs/ Pressemitteilungen/2019/197-eNWK.html).
Beim Nutri-Score werden Kalorienzahl sowie ernährungsphysiologisch günstige (z. B. Gemüse, Obst, Ballaststoffe) und ungünstige Inhaltsstoffe (z. B. Zucker, gesättigte Fettsäuren, Natrium) miteinander verrechnet, sodass die Gesamtbewertung für den Nährwert eines Produkts auf einer fünfstufigen Farb- Buchstaben-Skala (von A bis E bzw. von dunkelgrün bis rot) dargestellt werden kann. Dies soll dazu beitragen, dass der Konsument auf den ersten Blick intuitiv und einfach verschiedene Lebensmittel der gleichen Kategorie miteinander vergleichen kann. Als Grundlage für die Punktvergabe beim Nutri-Score dienen die Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (Dietary Reference Values – DRV) aus Großbritannien aus dem Jahre 2004, wobei die Hersteller selbst diesen für ihre Produkte berechnen (vgl. www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Themen/Naehrwertkennzeichnung/190731_MRI-Bericht_zu_FoP-NWK-Modellen_final.pdf).
Sobald 3,75 Prozent des DRV des jeweiligen bewerteten Gehaltes erreicht werden, wird ein Punkt vergeben, wobei die Punkte-Vergabe sich linear fortsetzt (vgl. www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Themen/Naehrwertkennzeichnung/ 190731_MRI-Bericht_zu_FoP-NWK-Modellen_final.pdf).
Der Nutri-Score enthält keine Informationen zu einzelnen Nährstoffen, wie z. B. für Salz, die für Hypertoniker, also für Menschen mit hohem Blutdruck, relevant wären (vgl. www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Themen/Naehrwertkennzeichnung/MRI-Bericht-Naehrwertkennzeichnungs-Modelle.pdf). Allerdings sind Hersteller vorgefertigter Lebensmittel schon jetzt durch die EU- Lebensmittelverordnung Nr. 1169/2011 (LMIV) verpflichtet, auf der Verpackungsrückseite die Gehalte von Energie, Fett, gesättigten Fettsäuren, Kohlenhydraten, Zucker, Eiweiß und Salz anzugeben (vgl. www.mri.bund.de/de/presse/ pressemitteilungen/presse-einzelansicht/? tx_news_pi1%5Bnews%5D=292&cHash=71650cd9503afd9591c5c1b413ed45f3, www.bzfe.de/ inhalt/naehrwertkennzeichnung-1876.html).
Außerdem berücksichtigt der Nutri-Score keine Zusatzstoffe wie Aroma-, Farb-, Süß- und Konservierungsstoffe bei der Punktevergabe. Da der Nutri-Score bei seinem Bewertungsalgorithmus nicht unterscheidet, ob es sich bei dem DRV um eine Obergrenze für die tägliche Zufuhr von ungünstigen Nährstoffen oder ob es sich um einen Richtwert der täglichen Zufuhr von günstigen Nährstoffen handelt, kommt es bei manchen Nährstoffen bei der Punktevergabe zu Auffälligkeiten. So ist aus Sicht des Max Rubner-Instituts (MRI) eine strengere Punktevergabe in puncto Zucker erstrebenswert (vgl. www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Themen/Naehrwertkennzeichnung/190731_MRI-Bericht_zu_FoP-NWK-Modellen_final.pdf.). Beispielsweise empfehlen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) eine tägliche Zufuhr von maximal 50 g Zucker (vgl. www.dge.de/presse/pm/empfehlung-zur-maximalen-zuckerzufuhr-indeutschland/, www.ages.at/themen/ernaehrung/who-zucker-empfehlungen/). Die Punktevergabe erfolgt jedoch auf Basis des DRV von 90 g Zucker. Bei Ballaststoffen wäre laut MRI ein höherer Richtwert wünschenswert (vgl. www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Themen/Naehrwertkennzeichnung/190731_MRI-Bericht_zu_FoP-NWK-Modellen_final.pdf.).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen20
Genügen aus der Sicht der Bundesregierung die Informationen, die durch den Nutri-Score übermittelt werden, um sich besser bzw. gesünder zu ernähren (bitte begründen)? Welche zusätzlichen Angaben wären nach Ansicht der Bundesregierung noch sinnvoll?
Welche alternativen Kennzeichnungsmodelle zur vereinfachten Nährwertkennzeichnung außer dem Nutri-Score hat die Bundesregierung noch in Erwägung gezogen (bitte begründen)?
Wie bewertet die Bundesregierung die Ergebnisse des Max Rubner-Instituts, nachdem Nährwertkennzeichnungen „lediglich den Vergleich von Produkten derselben Produktgruppe und somit die Wahl des ernährungsphysiologisch günstigeren Produkts erleichtern“ können, jedoch nicht zwangsläufig zu einem Produktgruppenwechsel führen (vgl. www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Ernaehrung/Kennzeichnung/MRI-Bericht-Naehrwertkennzeichnungs-Modelle.pdf?__blob=publicationFile, S. 84)?
Wie gedenkt die Bundesregierung den Gehalt an Süß-, Aroma- und Farbstoffen sowie an Konservierungsstoffen in den Nutri-Score miteinzubeziehen, sodass Unternehmen nicht die Einstufung ihres Produktes durch den Einsatz von mehr Ersatzstoffen verbessern?
Inwiefern soll nach Auffassung der Bundesregierung der Aspekt der Regionalität von Lebensmitteln in Form einer Kennzeichnung auf der Vorderseite von Lebensmitteln im Zusammenhang mit der geplanten Nährwertkennzeichnung Berücksichtigung finden?
Wie schätzt die Bundesregierung das Risiko ein, dass der Nutri-Score, der bei seinem Bewertungssystem nicht zwischen den Verbrauchergruppen Kindern und Erwachsenen unterscheidet, bei Kindern zu fehlerhaften Einstufungen der Nährwertaspekte, wie beispielsweise der Kalorienzufuhr, führt (vgl. www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Ernaehrung/Kennzeichnung/MRI-Bericht-Naehrwertkennzeichnungs-Modelle.pdf?__blob=publi cationFile, S. 84)?
Welche Maßnahmen zur Anpassung des Nutri-Scores plant die Bundesregierung hinsichtlich der Kennzeichnung von Lebensmitteln, die explizit an Kinder gerichtet werden?
Wie bewertet die Bundesregierung die Kritik einiger Ernährungswissenschaftler, dass der Nutri-Score zu stark simplifiziert sei und es durch die Fokussierung auf einzelne Produkte zu einer Vernachlässigung der Gesamtheit der Ernährung komme (vgl. www.deutschlandfunkkultur.de/kritik-an-kloeckners-nutri-score-die-lebensmittelampel.1008.de.html?dram:arti cle_id=460027)?
Welche konkreten Maßnahmen plant die Bundesregierung zur Unterstützung derjenigen Unternehmen, die den Nutri-Score freiwillig einführen wollen?
Welche Unternehmen haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung bereits für den Nutri-Score ausgesprochen und möchten diesen zukünftig auf ihren Produkten verwenden?
Wie möchte die Bundesregierung die Bevölkerung über den Nutri-Score so unterrichten, dass Risiken, wie die Annahme, der Verzehr von grün-markierten Lebensmitteln sei ausreichend für eine gesunde Ernährung (z. B. Verzehr von 5 Tiefkühl-Pizzen mit grüner Markierung am Tag), ausgeschlossen werden können?
Wie stuft die Bundesregierung das Potential des Nutri-Scores für die Änderung der Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung ein, und welche Daten zur Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten in Ländern, die den Nutri-Score bereits nutzen, sind der Bundesregierung bekannt?
Steht schon fest, welche unabhängige Stelle die Richtigkeit der Angaben der mit dem Nutri-Score deklarierten Produkte überprüft?
Beabsichtigt die Bundesregierung, die Punktevergabe beim Nutri-Score an die Empfehlungen von WHO, DGE und MRI beispielsweise in puncto Zucker anzupassen (vgl. www.mri.bund.de/fileadmin/MRI/Themen/Naehrwertkennzeichnung/190731_MRI-Bericht_zu_FoP-NWK-Modellen_fi nal.pdf.)?
Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung bezüglich der Förderung von Projekten, die die Entwicklung von Apps finanzieren, die die genaue Berechnung des Nutri-Scores von diversen Produkten im Supermarkt verdeutlichen?
Welche Kenntnis hat die Bundesregierung darüber, ob bereits ein Urteil in Bezug auf die Klage von Foodwatch e. V. gegen das BMEL wegen des Zurückhaltens einer Studie vom Max Rubner-Institut vorliegt, in der der Nutri-Score positiv bewertet wurde (vgl. www.foodwatch.org/de/ aktuellenachrichten/2019/foodwatch-klagt-gegen-kloeckner-ministerium/)?
Ist der Bundesregierung die Studie „Modelling the impact of different front-of-package nutrition labels on mortality from non-communicable chronic disease“ der Universitäten Paris, Grenoble und Borbigny zum Nutri-Score bekannt? Wenn ja, wie bewertet sie das Ergebnis aus der Studie, dass der Nutri-Score zu etwa 3,4 Prozent weniger Todesfälle durch ernährungsbedingte, nicht übertragbare Krankheiten führt (vgl. Manon Egnell, Paolo Crosetto et al.: Modelling the impact of different front-of-package nutrition labels on mortality from non-communicable chronic disease, International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity volume, Juli 2019, https://doi.org/10.1186/s12966-019-0817-2)?
Wird die Bundesregierung auf europäischer Ebene sich dafür einsetzen, dass der Nutri-Score zum verpflichtenden Nährwertkennzeichnungssymbol in Europa wird?
Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung hinsichtlich der freiwilligen Einführung des Nutri-Scores auch für frische Produkte?
Welche Nährwertkennzeichnungssysteme aus anderen europäischen Ländern für verpackte Lebensmittel, die über die Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 (Lebensmittelinformationsverordnung) hinausgehen, sind der Bundesregierung bekannt, und wie bewertet die Bundesregierung diese?