Zoonosen in Deutschland
der Abgeordneten Steffi Lemke, Renate Künast, Dr. Bettina Hoffmann, Sylvia Kotting-Uhl, Oliver Krischer, Dr. Ingrid Nestle, Dr. Julia Verlinden, Gerhard Zickenheiner, Harald Ebner, Friedrich Ostendorff, Markus Tressel, Matthias Gastel und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Vorbemerkung
Die SARS-CoV-2-Pandemie bringt das Thema Zoonosen, Krankheiten, die von Tier auf Mensch oder umgekehrt übertragen werden können, in eine breitere Öffentlichkeit. Über 75 Prozent der neu auftretenden Infektionskrankheiten stammen aus der Tierwelt – meist von Wildtieren. Ebola, SARS, Vogelgrippe aber auch HIV haben einen tierischen Ursprung (https://www.bfr.bund.de/de/zoonosen.html). Durch eine zunehmende Mobilität, aber auch veränderte Tierzucht und Tierhaltung sowie Klimaveränderungen gewinnen Zoonosen immer mehr an Bedeutung. Besonders kritisch werden Zoonosen, wenn der auslösende Erreger sich auch von Mensch zu Mensch übertragen lässt – wie aktuell das SARS-CoV-2-Virus. Eine schnelle Ausbreitung kann dadurch wahrscheinlicher werden.
Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gehen davon aus, dass insbesondere Wildtiere eine Vielzahl an Pathogenen in sich tragen, die auf den Menschen übergehen können – wie auch bei SARS-CoV-2 vermutet wird. In Fledermäusen und Flughunden allein werden mehr als 3000 Coronaviren-Arten vermutet (https://www.sueddeutsche.de/wissen/coronavirus-umweltzerstoerung-fledermaus-pandemie-1.4864876?reduced=true). Darüber hinaus können nicht nur Viren, sondern auch Bakterien, Parasiten, Pilze und Prionen Zoonosen auslösen.
„Durch den direkten Kontakt mit Tieren, Kadavern oder Ausscheidungen sind seit 2001 in NRW mindestens 2200 Menschen von meldepflichtigen Krankheiten betroffen gewesen“ (https://www.sueddeutsche.de/leben/tiere-tausende-tier-mensch-erkrankungen-in-nrw-in-letzten-jahren-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200602-99-269211 und https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-9494.pdf), geht aus einer Kleinen Anfrage im nordrhein-westfälischen Landtag hervor.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen22
Welche Vorkommen von Zoonosen sind der Bundesregierung seit 1990 in Deutschland bekannt (bitte nach Bundesländern, Infektionskrankheit und Jahren aufschlüsseln)?
Wie erfolgte die Übertragung dieser Zoonosen (bitte pro Zoonose nach Mensch-Mensch-Übertragung bzw. Mensch-Tier-Übertragung aufschlüsseln)
Welche, und wie viele Zoonosen führten zu ernsthaften Krankheiten oder zum Tod von Menschen?
Welche Maßnahmen wurden bisher von der Bundesregierung ergriffen, um Zoonosen zu vermeiden bzw. zu verringern (itte nach Zoonosen, die auch zwischen Menschen übertragen werden können und solchen die nur vom Tier auf den Menschen überspringen, unterscheiden)?
Hält die Bundesregierung die vorhandenen Instrumente zu Einschränkungen von Importen von potentiellen Überträgerarten in Deutschland und Europa für ausreichend (bitte erläutern)?
Wie bewertet die Bundesregierung die EU-Zoonosen- Überwachungsrichtlinie, und sieht sie Veränderungsbedarf?
a) Falls ja, in welchen Bereichen?
b) Falls nein, bitte erläutern.
Welche Maßnahmen – wie z. B. Auflagen für Importeure und Händler– sind vorgeschrieben, um eine Ausbreitung von Zoonosen durch den Handel mit Wildtieren für die Privathaltung zu verhindern?
Wie bewertet die Bundesregierung das Risiko für Zoonosen und deren Verbreitung durch zunehmende Naturzerstörung (bitte anhand von Beispielen erläutern)? Welche Zoonosen traten aus diesen Gründen mit welchen Folgen bisher auf?
Wie bewertet die Bundesregierung das Risiko für Zoonosen und deren Verbreitung durch legalen und illegalen Wildtierhandel (bitte anhand von Beispielen erläutern), wenn das Bundesministerium für Gesundheit schreibt: „Generell sind der Handel, die Haltung und der Verzehr von exotischen Wildtieren, insbesondere von Säugetieren, aus infektionsepidemiologischer Sicht problematisch“ (Bundestagsdrucksache 19/19362, Antwort zu Frage 17)?
a) Wie plant die Bundesregierung, den legalen Wildtierhandel und die Haltung der Tiere künftig zu beschränken?
b) Welche konkreten Maßnahmen hat die Bundesregierung in dieser Legislatur unternommen, um ihr Engagement zur Bekämpfung des illegalen Wildtierhandels auszuweiten (vgl. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD, 2018)?
c) Welche Zoonosen traten aus diesen Gründen mit welchen Folgen bisher auf?
d) Wie beurteilt die Bundesregierung die Angaben des Robert Koch- Institutes (RKI), demnach die Häufigkeit Reptilien-assoziierter Zoonosen bei Kleinkindern seit den 1990er-Jahren signifikant angestiegen ist (s. Abb. 3, https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Archiv/2013/Ausgaben/09_13.pdf?__blob=publicationFile)?
Wie wird sich die Bundesregierung für ein nationales Handels- und Importverbot von exotischen Wildtieren für die Privathaltung einsetzen, nachdem auch das RKI auf die Gefahr, die vom Wildtierhandel ausgeht, hinwies (https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/803/211dgL3XLqavI.pdf?sequence=1&isAllowed=y)?
Wie viele lebende Reptilien wurden nach Kenntnis der Bundesregierung für den hiesigen Heimtiermarkt 2019 importiert?
Wie viele lebende Säuger und Amphibien wurden nach Kenntnis der Bundesregierung für den hiesigen Heimtiermarkt 2019 importiert?
Wie positioniert sich die Bundesregierung zur Einführung einer Positivliste, oder wie will sie den Handel mit Wildfängen insbesondere von neuen Unterarten, die (noch) nicht bei CITES (Übereinkommen über den internationalen Handel mit gefährdeten Arten freilebender Tiere und Pflanzen) gelistet sind, regeln?
Wie bewertet die Bundesregierung die Glaubwürdigkeit von als Nachzuchten deklarierten Wildtierimporten, und wie werden diese kontrolliert?
Wann plant die Bundesregierung, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, Vorschläge für konkrete Maßnahmen bis hin zu Verboten in den Bereichen Wildtier- und Exotenhaltung, Tierbörsen, Internet und Versandhandel von lebenden Heimtieren vorzulegen?
Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um den immer mehr an Bedeutung gewinnenden Handel mit Wildtieren im Internet zu regulieren?
Wie plant die Bundesregierung, die Nachfrage nach v. a. exotischen Säugetieren zu senken, wie in der Pressekonferenz der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit Svenja Schulze am 2. April 2020 angekündigt?
Wie positioniert sich die Bundesregierung zur Einführung strengerer Handelsmaßnahmen, um den kommerziellen Handel mit in Gefangenschaft gezüchteten gefährdeten Arten wie Tigern zu beenden?
Wie viele durch CITES geschützte Wildtiere wurden nach Kenntnis der Bundesregierung von Januar 2020 bis Juni 2020 nach Deutschland importiert? Aus welchen Ländern wurden die Tiere importiert? Wie viele davon waren jeweils Wildfänge (inklusive Tiere mit den Codes F und R), wie viele waren als Nachzuchten deklariert? Wie viele Tiere wurden im selben Zeitraum 2019 nach Deutschland importiert?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Quote erfolgreicher Verurteilungen von Züchterinnen und Züchtern oder Händlerinnen und Händlern, die wegen illegaler Aktivitäten (z. B. Fälschung von CITES- Papieren, unangemessenen Haltungsbedingungen, illegalem Handel mit Wildtieren oder Tierteilen) verhaftet wurden?
Welche Möglichkeiten bestehen neben artenschutzrechtlichen Instrumenten, den Wildtierhandel einzuschränken? Ist Deutschland tierseuchenrechtlich gut aufgestellt?
Stellt die verteilte Zuständigkeit im Auswärtigen Amt, Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung für die Minimierung des Risikos der Verbreitung zoonotischer Erreger ein Problem dar (Bundestagsdrucksache 19/19362, Antwort zu Frage 17)?