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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Verlust und Verdrängung von Gebirgspflanzen durch die Klimakrise

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

Datum

08.07.2020

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/2033724.06.2020

Verlust und Verdrängung von Gebirgspflanzen durch die Klimakrise

der Abgeordneten Steffi Lemke, Dr. Bettina Hoffmann, Lisa Badum, Markus Tressel, Harald Ebner, Sylvia Kotting-Uhl, Oliver Krischer, Matthias Gastel, Christian Kühn (Tübingen), Dr. Ingrid Nestle, Dr. Julia Verlinden, Gerhard Zickenheiner und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Die Naturlandschaften in den Gebirgsregionen Mitteleuropas sind von beeindruckender Schönheit und dienen als Rückzugsort für bedrohte Flora und Fauna. Vielerorts gelten sie als unberührt oder zumindest wenig belastet im Vergleich zu den Naturlandschaften in tieferen Regionen. Doch erhöht sich auch in Gebirgsregionen der Druck auf die Ökosysteme zum Beispiel durch landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Nutzung oder die Verschmutzung mit (Mikro-)Plastik (Scheurer & Bigalke, 2018 via https://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/acs.est.7b06003 sowie BUND Naturschutz in Bayern e. V. via https://www.bund-naturschutz.de/alpen/bergwald-und-landwirtschaft.html). Auch die Auswirkungen der Klimakrise bringen die Ökosysteme zunehmend aus dem natürlichen Gleichgewicht: Durch Temperaturanstieg, Austrocknung der Böden und die Zunahme von Extremwetterereignissen verändern sich die Lebensbedingungen für Flora und Fauna. In vielen Gebirgsregionen schreiten diese dramatischen Verschlechterungen überdurchschnittlich stark voran (CIPRA, 2012 via https://www.cipra.org/de/cipra/international/projekte/abgeschlossen/cc-alps/ueber-ccalps/klimawandel-alpen). Viele Gebirgspflanzen werden in Folge der Klimakrise daher in ihrem angestammten Lebensraum nicht überleben können (vgl. Deutscher Alpenverein via https://www.alpenverein.de/natur/klimaschutz/ausstellung-klimawandel-klimaschutz/einfluss-des-klimawandels-auf-flora-und-fauna_aid_28403.html). Eine vielfach nachgewiesene Reaktion der alpinen Flora auf den Temperaturanstieg sind Migrationsbewegungen in höher gelegene, kühlere Gebirgsregionen (z. B. Chen et al., 2011 via https://science.sciencemag.org/content/333/6045/1024; Pauli et al., 2012 via https://science.sciencemag.org/content/336/6079/353.full, Walther et al., 2005 via https://doi.org/10.1111/j.1654-1103.2005.tb02394.x). Die Lebensraumverlagerungen von Pflanzen aus niedrigeren in höhergelegene Regionen führt dabei oftmals zu einer Verdrängung der ursprünglich in hohen Regionen wachsenden Gebirgspflanzen, bis hin zu deren möglichem Aussterben (vgl. Österreichische Akademie der Wissenschaften, 2019 via https://www.oeaw.ac.at/detail/news/auch-pflanzen-spueren-den-klimawandel/ sowie Pauli et al., 2012). Die an kalte Temperaturen angepassten Gebirgspflanzen verlieren zudem ihren Lebensraum, da für sie keine passenden Umgebungstemperaturen mehr zur Verfügung stehen. Dieser klimakrisenbedingte Verlust an Gebirgspflanzen führt zu einer weiteren Abnahme der Biodiversität in der europäischen Natur (vgl. Pauli et al., 2012) und reiht sich damit in den letztjährigen Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) ein, der das drastische Ausmaß des globalen Artenaussterbens auch als Folge der Klimakrise beschreibt (vgl. Spiegel Online, 2019 via https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/artensterben-uno-bericht-beschreibt-dramatischen-verlust-der-artenvielfalt-a-1265482.html).

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen17

1

Welche Informationen liegen der Bundesregierung über die Temperaturentwicklung in deutschen Hochgebirgsregionen und Mittelgebirgsregionen in den vergangenen 30 Jahren vor?

2

Welche Informationen liegen der Bundesregierung über die Entwicklung der Gletschermassen der deutschen Hochgebirge in den vergangenen 30 Jahren vor, und welche Projektionen liegen der Bundesregierung über die weitere Entwicklung dieser Gletschermassen vor?

3

Zu welchem Zeitpunkt ist nach den vorliegenden Kenntnissen und Projektionen der Bundesregierung das Szenario von eisfreien Alpen zu erwarten?

4

Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung im Falle von eisfreien Alpen für die Versorgung mit Süßwasser in den angrenzenden Ökosystemen der Hochgebirge?

5

Welche Informationen liegen der Bundesregierung über den Rückgang von Gebirgspflanzen in Deutschland in Folge der Klimakrise vor?

6

Welche Verlustprozesse und Verdrängungsprozesse infolge der Klimakrise erwartet die Bundesregierung für Gebirgspflanzen in den europäischen Gebirgen?

7

Wie viele und welche Arten von Gebirgspflanzen sind nach Kenntnis der Bundesregierung durch die Wirkungen der Klimakrise auf unsere Ökosysteme gefährdet?

8

Wie viele und welche Arten von Gebirgspflanzen befinden sich aktuell auf der Roten Liste (bitte nach Kategorien der Roten Liste aufschlüsseln)? Wie haben sich diese Zahlen in den letzten 30 Jahren entwickelt?

9

Wie ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Zustand der Bergpflanzenarten nationaler Verantwortlichkeit Deutschlands (bitte nach Kategorien der nationalen Verantwortlichkeit und Arten aufschlüsseln), und welche Entwicklung fand hier statt?

Was bedeutet ihr Rückgang bzw. ihre Zunahme für den weltweiten Gesamtbestand?

10

Wie viele und welche Arten von Gebirgspflanzen sind in den letzten 30 Jahren nach Kenntnis der Bundesregierung ausgestorben?

a) Welche Regionen und welche Höhenlagen waren hierbei nach Kenntnis der Bundesregierung besonders betroffen?

b) Welchen Zusammenhang zur Klimakrise sieht die Bundesregierung hier?

11

Welche Kenntnisse liegen der Bundesregierung zur Höhenmigration von Gebirgspflanzen in Deutschland vor?

a) Welche Arten von Gebirgspflanzen wiesen nach Kenntnis der Bundesregierung eine besonders große Höhenmigrationsbewegung in den letzten 30 Jahren auf?

b) Wie hoch war die Höhenmigration der Gebirgspflanzen in den letzten 30 Jahren nach Kenntnis der Bundesregierung im Durchschnitt?

12

Wie haben sich der Bestand und das Verbreitungsgebiet (inklusive Höhenlagen) der folgenden Gebirgspflanzen nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten 30 Jahren entwickelt (bitte einzeln beantworten)

a) Bayerischer Enzian,

b) Frühlings-Enzian,

c) Edelweiß,

d) Alpenrose,

e) Kohlröschen,

f) Gletscher-Mannsschild,

g) Gletscher-Hahnenfuß?

13

Welchen Zusammenhang gibt es nach Auffassung der Bundesregierung zwischen intensiver landwirtschaftlicher Nutzung sowie Überdüngung in den Gebirgsregionen und dem Gefährdungsstatus der erfragten Gebirgspflanzen?

14

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Nitratbelastung von Grundwasser und Flüssen in den Gebirgsregionen Deutschlands?

15

Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Flächenentwicklung von naturnahem Bergwald in Deutschland?

16

Welche spezifischen Förderprogramme existieren nach Kenntnis der Bundesregierung für den Erhalt und klimastabilem Umbau von Bergwäldern und Schutzwäldern hin zu naturnahen Mischwäldern mit höheren Anteilen heimischer tiefwurzelnder Laubbaumarten in den deutschen Alpen und in deutschen Mittelgebirgen?

17

Welche Maßnahmen haben Bund und Länder nach Kenntnis der Bundesregierung zum Schutz von Gebirgspflanzen im Allgemeinen und speziell im Kontext der Klimakrise implementiert?

Berlin, den 16. Juni 2020

Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion

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