Zurück zur Übersicht
Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet
Wissenschaftspolitische Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit
b(insgesamt 20 Einzelfragen)
Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ressort
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Datum
03.08.2020
Aktualisiert
26.07.2022
BT19/2082206.07.2020
Wissenschaftspolitische Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit
Kleine Anfrage
Volltext (unformatiert)
[Kleine Anfrage
der Abgeordneten Kai Gehring, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Dr. Anna
Christmann, Margit Stumpp, Beate Walter-Rosenheimer, Katja Dörner,
Erhard Grundl, Maria Klein-Schmeink, Ulle Schauws, Charlotte
Schneidewind-Hartnagel, Kordula Schulz-Asche, Corinna Rüffer und der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Wissenschaftspolitische Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit
Die kritische Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte ist zuletzt
insbesondere durch politische Initiativen in den Nachfolgestaaten der ehemaligen
Kolonien und zivilgesellschaftliche Gruppen hierzulande in den Fokus der
Öffentlichkeit gerückt. Zahlreiche Aspekte des deutschen Kolonialismus sind
nach wie vor kaum aufgearbeitet und rassistische Weltbilder von damals wirken
bis heute fort (https://www.bpb.de/izpb/280672/wir-und-die-anderen-europaeis
che-selbstverstaendigungen).
Dabei ist insbesondere auch die Rolle der Wissenschaft kritisch aufzuarbeiten,
die oftmals eng mit dem kolonialen Projekt verbunden war: Forscherinnen und
Forscher unterstützten den Kolonialismus aktiv und arbeiteten vor Ort auf
vielfältige Weise mit den Kolonialbehörden zusammen (https://www.deutschlandfu
nk.de/rassendenken-teil-1-ueber-die-rassistischen-wurzeln-von.740.de.html?dra
m:article_id=436585). Besonders erschreckend ist dabei die gezielte Tötung
von afrikanischen Menschen und die Verschleppung ihrer Gebeine und
Körperteile für sog. „rassenanthropologische Forschung“ nach Deutschland, mit der
nicht zuletzt eine rassistische Hierarchie zwischen Menschen konstruiert
wurde. Erst in jüngster Zeit wurde mit der Restitution dieser Gebeine begonnen
(vgl. Bundestagsdrucksache 19/11949). Tausende Gebeine lagern immer noch
in wissenschaftlichen und musealen Sammlungen. Die fragestellende Fraktion
unterstützt die Forderung von Nachfahren der Kolonisierten und
zivilgesellschaftlichen Initiativen nach einer schnellstmöglichen Repatriierung sterblicher
Überreste an die Herkunftsgesellschaften.
Die Rolle deutscher Wissenschaftseinrichtungen im Kolonialismus ist bisher
kaum aufgearbeitet. Zwar stehen seit einiger Zeit Bundesmittel zur
Provenienzforschung über das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) zur Verfügung
und einzelne Forschungsvorhaben sowie die zunehmende Etablierung der
Postkolonialen Studien in Deutschland treiben die kritische Aufarbeitung voran.
Auch beginnen einzelne Disziplinen und Fachgesellschaften, sich selbstkritisch
mit ihrer eigenen Verstrickung in die kolonial-rassistische Politik
auseinanderzusetzen (vgl. „Jenaer Erklärung. Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von
Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“, https://www.uni-jena.de/190910_J
enaerErklaerung). Doch insbesondere die institutionellen Kontinuitäten einiger
Forschungseinrichtungen der „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der
Wissenschaften“ (KWG) sowie einzelner Forschungsinstitute, die selbst oder
Deutscher Bundestag Drucksache 19/20822
19. Wahlperiode 06.07.2020
deren Vorgängerinstitutionen im Kaiserreich gegründet wurden, sind aus Sicht
der Fragestellerinnen und Fragesteller bislang nicht ausreichend aufgearbeitet.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Ist die Verstrickung deutscher Wissenschaftsorganisationen in die
Kolonialpolitik des Deutschen Reiches aus Sicht der Bundesregierung
ausreichend aufgearbeitet?
Falls ja, bitte begründen,. falls nein, was unternimmt die Bundesregierung,
um dies zu ändern?
2. Welche Kenntnisse besitzt die Bundesregierung über die Beteiligung der
1911 gegründeten „Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der
Wissenschaften“ an der deutschen Kolonialpolitik bzw. über die Tätigkeiten
ihrer Mitglieder in den Kolonien, und inwiefern hält sie ein Programm zur
Aufarbeitung dieser Kolonialgeschichte durch die Max-Planck-
Gesellschaft, in die einige KWG-Institute übergingen, für notwendig?
3. Welche Kenntnisse besitzt die Bundesregierung über eine Beteiligung der
Deutschen Akademie der Naturforscher – Leopoldina an der deutschen
Kolonialpolitik bzw. über die Tätigkeiten ihrer Mitglieder in den Kolonien,
und inwiefern hält sie ein Programm zur Aufarbeitung dieser
Kolonialgeschichte für die Leopoldina für notwendig?
4. Welche Kenntnisse besitzt die Bundesregierung über eine Beteiligung
anderer, heute vom Bund geförderter Forschungsorganisationen und
Forschungseinrichtungen bzw. deren Vorgängerinstitutionen an der deutschen
Kolonialpolitik, und inwiefern hält sie ein Programm zur Aufarbeitung
dieser Kolonialgeschichte für notwendig?
5. Welche Kenntnisse besitzt die Bundesregierung über die Beteiligung heute
vom Bund geförderter Forschungsorganisationen und
Forschungseinrichtungen bzw. deren Vorgängerinstitutionen und ihrer Mitglieder an
kolonialrevisionistischen Bestrebungen zwischen 1919 und 1945, und inwiefern
hält sie ein Programm zur Aufarbeitung dieser Geschichte für notwendig?
6. Welche Kenntnisse besitzt die Bundesregierung über Forscherinnen und
Forscher, die mit Finanzierung bzw. im Auftrag des Auswärtigen Amts,
des Reichskolonialamts oder anderer staatlicher Behörden in den
deutschen Kolonien bis 1919 tätig waren (wenn möglich bitte die Anzahl der
Forscherinnen und Forscher, deren Forschungsbereiche und
Forschungsmethoden sowie die Art der Zusammenarbeit mit den Kolonialbehörden
angeben)?
7. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der Debatte um
die Namensgebung des Robert Koch-Instituts vor dem Hintergrund von
Kochs Forschungstätigkeit in Ostafrika, die u. a. Menschenversuche an
den Kolonisierten beinhaltete, im Dienste der deutschen und britischen
Kolonialverwaltung (DLF, 27. Mai 2020, „Man muss das RKI
umbenennen“, https://www.deutschlandfunkkultur.de/historiker-juergen-zimmerer-
ueber-robert-koch-man-muss-das.1008.de.html?dram:article_id=477452)?
8. Welche Kenntnisse besitzt die Bundesregierung über die
Forschungstätigkeiten Paul Ehrlichs in den Kolonien (https://www.bpb.de/izpb/280672/wi
r-und-die-anderen-europaeische-selbstverstaendigungen?p=all), und
welche Schlussfolgerungen zieht sie daraus für die Namensgebung des Paul-
Ehrlich-Instituts?
9. Welche Kenntnisse besitzt die Bundesregierung über andere Forscherinnen
und Forscher, die in Kolonien wissenschaftlich tätig waren und die heute
Namensgeberinnen und Namensgeber für Ressortforschungseinrichtungen
bzw. vom Bund geförderte Forschungseinrichtungen sind?
10. Wie viele Treffen haben seit 2013 zwischen Vertreterinnen und Vertretern
der Bundesregierung mit zivilgesellschaftlichen Initiativen und
Organisationen aus dem In- und Ausland stattgefunden, bei denen es explizit um
die wissenschaftspolitischen Aspekte der deutschen Kolonialgeschichte
und deren Aufarbeitung heute ging (bitte das Datum, das Thema des
Treffens und die beteiligten Ressorts nennen)?
11. Welche Konferenzen zur wissenschaftspolitischen Aufarbeitung der
deutschen Kolonialgeschichte wurden seit 2013 mit Bundesmitteln gefördert
(bitte das Datum, den Titel der Konferenz und die beteiligten Ressorts
nennen), und welche derartigen Konferenzen sind in Planung?
12. Inwiefern existieren nach Kenntnis der Bundesregierung Gedenkorte,
Kunstinstallationen, Schilder oder andere, öffentlich gut sichtbare
Hinweise (einschließlich Websites) an vom Bund finanzierten
Forschungseinrichtungen, die über deren jeweilige Einbindung in die deutsche
Kolonialpolitik informieren, vergleichbar mit dem „GeDenkOrt-Charité“ (https://geden
kort.charite.de/)?
In welchen Fällen hält die Bundesregierung solche öffentlich gut
sichtbaren Hinweise für angebracht?
13. Welche Ressourcen stellt die Bundesregierung bereit, um die in den
Fragen 2 bis 5 genannten Bereiche aufzuarbeiten, ggf. gemeinsam mit den
Bundesländern?
14. Inwiefern werden nach Kenntnis der Bundesregierung bei der
wissenschaftspolitischen Aufarbeitung der Kolonialgeschichte
zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure mit ihrer Expertise eingebunden?
15. Welche Forschungsvorhaben zur Aufarbeitung der deutschen
Kolonialgeschichte wurden bzw. werden über die auf Bundestagsdrucksache
19/11949 genannten Vorhaben zur Provenienzforschung hinaus seit 2013
von der Bundesregierung gefördert (bitte den Titel, das Thema, die
Laufzeit, das Budget, das federführende Ressort sowie die durchführende
Wissenschaftsinstitution angeben)?
16. Welche dieser Forschungsvorhaben werden dabei gemeinsam mit
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den damaligen Kolonien
durchgeführt, und inwiefern sind weitere solcher Wissenschaftskooperationen
geplant?
17. Mit welchen Bundesländern kooperiert die Bundesregierung jenseits der
Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum Umgang mit Sammlungsgut aus
kolonialen Kontexten, um die Rückgabe von im Kolonialismus – auch im Namen
der Forschung – unrechtmäßig erbeuteten Kulturgütern und menschlichen
Gebeinen an die Herkunftsgesellschaften zu ermöglichen, und plant die
Bundesregierung, diese Aktivitäten mit einzelnen Ländern auszubauen?
18. Inwiefern unterstützt die Bundesregierung gezielt den wissenschaftlichen
Austausch zwischen Deutschland und den ehemals kolonisierten Gebieten,
z. B. durch Stipendien und andere Mobilitätsprogramme?
19. Wann wird nach Kenntnis der Bundesregierung die Forschungsdatenbank
des DZK zur Dokumentation der vom DZK geförderten
Provenienzforschung zur Verfügung stehen (vgl. Bundestagsdrucksache 19/11949,
Antwort der Bundesregierung zu Frage 12)?
20. Welche Schlussfolgerungen zieht die Bundesregierung aus der „Jenaer
Erklärung“ führender Evolutionsbiologen, wonach es keine
wissenschaftliche Begründung für die Verwendung des „Begriffs Rasse im
Zusammenhang mit menschlichen Gruppen“ gibt (https://www.uni-jena.de/190910_J
enaerErklaerung) für die Verwendung dieses Begriffs in Gesetzestexten
oder anderen Veröffentlichungen?
Berlin, den 30. Juni 2020
Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.betrifft-gesetze.de
ISSN 0722-8333]
Ähnliche Kleine Anfragen
Zukünftiger Betrieb und Nutzung von Gasspeichern
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN06.05.2026
Umgang der Bundesregierung mit gefährdeten afghanischen Staatsangehörigen aus deutschen humanitären Aufnahmeprogrammen
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN05.05.2026
Zum derzeitigen Stand der elektronischen Patientenakte und der digitalen Infrastruktur im Gesundheitswesen
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN21.01.2026
Generalsanierung der Bahnstrecke Troisdorf-Wiesbaden
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN28.04.2026