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Kleine AnfrageWahlperiode 19Beantwortet

Belastung von Kindern und Jugendlichen mit allergieauslösenden Chemikalien

Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ressort

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

Datum

29.10.2020

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 19/2335514.10.2020

Belastung von Kindern und Jugendlichen mit allergieauslösenden Chemikalien

der Abgeordneten Dr. Bettina Hoffmann, Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Lisa Badum, Sylvia Kotting-Uhl, Oliver Krischer, Steffi Lemke, Dr. Ingrid Nestle, Maria Klein-Schmeink, Kordula Schulz-Asche, Dr. Julia Verlinden, Gerhard Zickenheiner und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Vorbemerkung

Rund 30 Prozent der Bevölkerung leiden unter allergischem Asthma, Heuschnupfen, Kontaktallergien, Nahrungsmittelallergien. Bei Kindern und Jugendlichen stellen allergische Erkrankungen die häufigste Erkrankung dar, so die Ergebnisse der Studie des Robert Koch-Institutes (RKI) zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/Focus/JoHM_03_2018_Allergische_Erkrankungen_KiGGS-Welle2.pdf?__blob=publicationFile).

Rund 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind von einer „Sensibilisierung“ betroffen, d. h. der Organismus hat bereits spezifische Antikörper auf bestimmte Umweltallergene entwickelt, ohne dass Symptome einer Allergie bereits aufgetreten sein müssen (RKI Survey KiGGS, Erhebungszeitraum Mai 2003 bis Mai 2006).

Für die sensibilisierten Personen besteht ein hohes Risiko, dass sie bei einem intensiven Kontakt mit allergenen Stoffen eine akute allergische Reaktion entwickeln.

Viele Umweltschadstoffe wie Duftstoffe, Konservierungsstoffe, Metalle kommen in Alltagsprodukten, Trinkwasser oder Innenraumluft vor und sind für einen großen Teil der Allergien verantwortlich (Weißbuch Allergie in Deutschland, Kapitel 2: Umwelteinflüsse und Allergene, Springer Medizin Verlag, 2018).

Das Umweltbundesamt führt Studien zur Ermittlung der Belastungssituation der Bevölkerung mit Umweltschadstoffen durch.

Die Deutsche Umweltstudie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (GerES V), die von 2014 bis 2017 durchgeführt wurde, sollte ein Bild der Belastung der Kinder und Jugendlichen in Deutschland mit einer Auswahl an Umweltschadstoffen liefern https://www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/belastung-des-menschen-ermitteln/umwelt-survey/5-umwelt-survey-von-2013-bis-2016#ziele-der-studie. Im Rahmen dieser Studie wurden u. a. Urin- und Blutproben von Kindern und Jugendlichen sowie Trinkwasser-, Hausstaub- und Innenraumluftproben untersucht.

Die ersten Ergebnisse aus GerES V zeigen, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland mit einer Vielzahl von Umweltchemikalien belastet sind (UMNID 2/2019, https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/4031/publikationen/umid-02-19-deutsche-umweltstudie-zur_gesundheit-von_kindern_0.pdf). Zu den Chemikalien, die in Urinproben von Kindern und Jugendlichen nachgewiesen wurden, gehören u. a. Metabolite des Duftstoffs Lilial (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S143846392030540X) und der Konservierungsmittel Methylisothiazolinon (MI) und Methylchlorisothiazolinon (MCI) (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1438463920300870).

Diese Substanzen zeigen allergieauslösende Wirkung bzw. stehen im Verdacht, möglicherweise die Fruchtbarkeit zu beeinträchtigen.

Auf europäischer Ebene gibt es das Forschungsprojekt zum Human-Biomonitoring (HBM4EU), das von der EU-Kommission im Rahmen des Förderprogramms „Horizon 2020“ gefördert wird und in dem sowohl die vorhandenen Daten zu Belastung der Bevölkerung mit Umweltschadstoffen zusammengeführt als auch gemeinsame Europäische Studien zu Belastung der Bevölkerung mit Umweltschadstoffen initiiert werden.

Trotz der steigenden Zahlen allergischer Reaktionen bei Erwachsenen und Kindern gibt es weder eine systematische Erfassung der Belastung der Bevölkerung Deutschlands mit potenten Allergenen noch eine Ursachendiskussion dieser Entwicklung.

Obwohl der Kinder- und Jugendsurvey GerES V bereits 2017 abgeschlossen wurde, fehlen nach wie vor ein Abschlussbericht sowie eine Auswertung der erhobenen Daten.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen20

1

Auf welche Stoffe werden nach Kenntnis der Bundesregierung die Kinder und Jugendliche im Rahmen von GerES V untersucht, und nach welchen Kriterien wurden diese Chemikalien ausgewählt?

2

Welche der in der Kosmetikverordnung (EU-Kosmetikverordnung Nummer 1223/2009) und in der Verordnung über die Sicherheit von Spielzeug (Richtlinie 2009/48/EG) regulierten allergenen Stoffe bzw. deren Abbaustoffe werden nach Kenntnis der Bundesregierung im Rahmen von GerES V untersucht?

3

Für welche weiteren Stoffe, die im Rahmen von GerES V untersucht wurden, besteht nach Kenntnis der Bundesregierung der Verdacht, dass diese Allergien auslösen können bzw. im Verdacht stehen, möglicherweise später die Fruchtbarkeit von Kindern und Jugendlichen zu beeinträchtigen?

4

Welche Belastung mit den in den Fragen 2 und 3 erfragten Stoffen wurde im Rahmen von GerES V gemessen (bitte detailliert nach Geschlecht und Alter der Kinder und Jugendlichen und nach Duftstoffsubstanz aufschlüsseln und angeben, ob es sozioökonomische Unterschiede bei der Belastung mit allergenen Duftstoffen gibt, dabei bitte entsprechende Ergebnisse nach Stoffen und Gruppe differenzieren)?

5

Welche Quellen sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Ursachen für die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit den in den Fragen 2 und 3 erfragten allergenen Stoffen (bitte nach Stoffgruppen und Produkten aufschlüsseln)?

6

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Belastung der im Rahmen von GerES V untersuchten Kinder und Jugendlichen mit allergenen Konservierungsstoffen wie Methylchlorisothiazolinon und Methylisothiazolinon bzw. deren Metabolite (bitte nach Alter und Geschlecht der Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer aufschlüsseln)?

7

Welche Quellen sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Ursachen für die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit Methylchlorisothiazolinon und Methylisothiazolinon bzw. deren Metabolite (bitte nach Stoffgruppen und Produkten aufschlüsseln und eventuell, ob bei den Studienteilnehmern sozioökonomische Unterschiede beobachtet wurden)?

8

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Belastung der im Rahmen von GerES V untersuchten Kinder und Jugendlichen mit Lilial bzw. dessen Metabolite (bitte nach Alter und Geschlecht der Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer aufschlüsseln)?

9

Welche Quellen sind nach Kenntnis der Bundesregierung die Ursachen für die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit Lilial bzw. dessen Metabolite (bitt nach Stoffgruppen und Produktene aufschlüsseln und eventuell, ob bei den Studienteilnehmern sozioökonomische Unterschiede beobachtet wurden)?

10

Wie wird nach Einschätzung der Bundesregierung das allergene Potential von Lilial, Methylchlorisothiazolinon und Methylisothiazolinon im Hinblick auf mögliche Cocktaileffekte bewertet (bitte detailliert begründen)?

11

Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu gesundheitlichen Risiken durch Mehrfachbelastung der Kinder und Jugendlichen mit allergenen und weiteren toxischen Substanzen vor (bitte detailliert nach Stoffgruppe und gesundheitlichen Risiken aufschlüsseln)?

12

Welche Maßnahmen sind nach Einschätzung der Bundesregierung notwendig, um die Belastung der Kinder und Jugendlichen mit allergieauslösenden Stoffen langfristig zu reduzieren?

13

Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung bei den im Rahmen von GerES V untersuchten Kindern und Jugendlichen auch die allergischen Erkrankungen erfasst, und wenn ja, inwieweit gibt es eine Korrelation zwischen der Belastung der Studienteilnehmerinnen und Studienteilnehmer mit den in den Fragen 2 und 3 efragten allergenen Stoffen und dem Sensibilisierungsstatus bzw. akuten allergischen Erkrankungen (bitte nach Stoffen und dem Typ der allergischen Erkrankung aufschlüsseln)?

14

Inwieweit sind nach Einschätzung der Bundesregierung aus den Ergebnissen der GerES IV und GerES V Trends in der Belastung der Kinder und Jugendlichen mit den in den Fragen 2, 3, 6 und 8 erfragten allergenen Stoffen erkennbar?

15

Wie bewertet die Bundesregierung die Wirksamkeit der 2017 eingeführten Regulierung von Methylchlorisothiazolinon und Methylisothiazolinon in Kosmetika (bitte detailliert begründen)?

16

Wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Rahmen der Trinkwassermessungen, der Hausstaubmessungen und der Messungen der Innenraumluft auch die Belastungen dieser Umweltproben mit allergenen Substanzen erfasst, wenn ja, wie stellt sich die Belastungssituation durch die allergenen Stoffe dar, und wenn nein, warum wurden diese Messungen nicht vorgenommen?

17

Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Belastung der Erwachsenen in Deutschland mit allergenen Stoffen im Sinne der Fragen 2, 3, 6 und 8 im Rahmen früherer GerES-Studien (bitte nach Stoff, Geschlecht, Alter, sozioökonomischem Status aufschlüsseln)?

18

Wie sind nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil und die Höhe der Belastung der Bevölkerung in Deutschland mit allergenen Duftstoffen und Konservierungsstoffen im Vergleich zu anderen europäischen Ländern (bitte ausführlich darlegen)?

19

In welchen Mengen pro Jahr werden nach Information der Bundesregierung die in den Fragen 2, 3, 6 und 8 erfragten Stoffe in den Verkehr gebracht, und in welchen Alltagsprodukten kommen sie zum Einsatz (bitte nach Stoffen differenziert aufschlüsseln)?

20

Zu wann plant die Bundesregierung eine umfassende Veröffentlichung der Ergebnisse von GerES V?

Berlin, den 6. Oktober 2020

Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter und Fraktion

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