Überstunden in Deutschland
der Abgeordneten Jessica Tatti, Susanne Ferschl, Matthias W. Birkwald, Sylvia Gabelmann, Dr. Achim Kessler, Katja Kipping, Jutta Krellmann, Pascal Meiser, Cornelia Möhring, Harald Weinberg, Pia Zimmermann, Sabine Zimmermann (Zwickau) und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Seit Jahren verharren die Überstunden in der Bundesrepublik Deutschland auf einem hohen Niveau. Rund die Hälfte aller Überstunden werden dabei Jahr für Jahr nicht vergütet. Unternehmen sparen so Milliarden an Lohnkosten (Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 19/13407). Derart viele Überstunden sind aus Sicht der Fragestellerinnen und Fragesteller problematisch, da sie das Entstehen neuer Arbeitsplätze bzw. die existenzsichernde zeitliche Ausweitung von Teilzeitstellen behindern.
Überstunden werden häufig nicht freiwillig, sondern aus betrieblichen Zwängen heraus geleistet. Viele Beschäftigte geben an, dass die Arbeit in ihrer vertraglich vereinbarten Arbeitszeit nicht zu schaffen ist (Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 19/5174). Das führt zu Arbeitsverdichtung, Stress und Erschöpfung. Auch Privat- und Familienleben leiden darunter (DGB Index Gute Arbeit 2017).
Die Corona-Pandemie hat verschiedene Branchen und Beschäftigte unterschiedlich stark getroffen. Während viele Beschäftigte in Kultureinrichtungen und der Gastronomie von Kurzarbeit betroffen sind, klagen Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte über Hunderte Überstunden, Doppelschichten, unterbesetzte Dienste und den massiven Einsatz von Hilfskräften (https://www.tagesschau.de/investigativ/br-recherche/corona-krankenhaus-107.html).
Viele Beschäftigte waren im Jahr 2020 im Homeoffice. Studien zeigen, dass im Homeoffice besonders viele Überstunden geleistet werden (Kleine Anfrage auf Bundestagsdrucksache 19/13407). Insbesondere Eltern arbeiten im Homeoffice länger als die Kolleginnen und Kollegen im Büro (Lott, Yvonne (2019): WSI Report Nr. 47).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen19
Wie viele Überstunden (gesamt, davon unbezahlt bzw. bezahlt) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2020 differenziert nach Wirtschaftszweigen geleistet, und wie viele waren es jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte nach WZ 2008 Abschnitten und Abteilungen [Ein- und Zweisteller] ausdifferenzieren; bitte sowohl die absoluten Zahlen, den Anteil an allen Arbeitsstunden als auch die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht der Beschäftigten, tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Unternehmen, Ost bzw. West, Bundesländern differenzieren; falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) oder des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele Überstunden (gesamt, davon unbezahlt bzw. bezahlt) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2020 in atypischen und in Normalarbeitsverhältnissen geleistet, und wie groß war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte sowohl die absoluten Zahlen, den Anteil an allen Arbeitsstunden als auch die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht, tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Unternehmen, Ost bzw. West, Bundesländern differenzieren; falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele Überstunden (gesamt, davon unbezahlt bzw. bezahlt) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2020 in Leiharbeit bzw. Befristungen mit und ohne Sachgrund geleistet, und wie groß war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte sowohl die absoluten Zahlen, den Anteil an allen Arbeitsstunden als auch die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht, tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Unternehmen, Ost bzw. West, Bundesländern differenzieren; falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele Überstunden (gesamt, davon unbezahlt bzw. bezahlt) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2020 in Vollzeit und Teilzeit sowie in Minijobs geleistet, und wie groß war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte sowohl die absoluten Zahlen, den Anteil an allen Arbeitsstunden als auch die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht, tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Unternehmen, Ost bzw. West, Bundesländern differenzieren; falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele Überstunden (gesamt, davon unbezahlt bzw. bezahlt) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2020 von Niedriglohnbeziehenden geleistet, und wie groß war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte sowohl die absoluten Zahlen, den Anteil an allen Arbeitsstunden als auch die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht, tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Unternehmen, Ost bzw. West, Bundesländern differenzieren; falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele Überstunden wurden von im Homeoffice Tätigen nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den Jahren 2018, 2019 und 2020 a) von Beschäftigten mit Homeoffice-Vereinbarungen und b) von Beschäftigten ohne Homeoffice-Vereinbarungen geleistet (bitte alle verfügbaren Daten angeben und, soweit möglich, nach Alter, Geschlecht, Einkommen, Qualifikation, Stellung im Beruf, Wirtschaftszweig und Bundesland differenzieren)? Welche allgemeinen Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Häufigkeit von Überstunden von Beschäftigten im Homeoffice im Vergleich zu Beschäftigten mit fester Anwesenheit im Betrieb? Welche allgemeinen Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Situation von Müttern und Vätern im Homeoffice im Vergleich zu Eltern mit fester Anwesenheit im Betrieb?
Wie viele Überstunden wurden jeweils in den Jahren 2018, 2019 und 2020 nach Kenntnis der Bundesregierung a) von Beschäftigten mit Vertrauensarbeitszeit und b) von Beschäftigten ohne Vertrauensarbeitszeit geleistet (bitte alle verfügbaren Daten angeben und, soweit möglich, nach Alter, Geschlecht, Einkommen, Qualifikation, Stellung im Beruf, Wirtschaftszweig und Bundesland differenzieren)?
Wie viele Überstunden (gesamt, davon unbezahlt bzw. bezahlt) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den Jahren 2018, 2019 und 2020 in tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Betrieben sowie von Beschäftigten, die nicht unter einen Tarifvertrag fallen, geleistet, und wie groß war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte sowohl die absoluten Zahlen, den Anteil an allen Arbeitsstunden als auch die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht, tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Unternehmen, Ost bzw. West, Bundesländern differenzieren; falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele Überstunden (gesamt, davon unbezahlt bzw. bezahlt) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2020 differenziert nach dem Anforderungsniveau der Klassifikation der Berufe (KldB 2010, 1-Steller und 2-Steller) geleistet, und wie groß war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte sowohl die absoluten Zahlen, den Anteil an allen Arbeitsstunden als auch die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht, tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Unternehmen, Ost bzw. West, Bundesländern differenzieren; falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil beziehungsweise die Anzahl der bezahlten und unbezahlten Überstunden von Beschäftigten in Deutschland nach Stellung im Beruf (Beamte, Angestellte, Arbeiter) im Jahr 2020 und den zehn Jahren zuvor (falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP, des IAB und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele bezahlte und unbezahlte Überstunden hat ein einzelner abhängig Beschäftigter durchschnittlich seit 2008 geleistet (bitte pro Jahr und Woche für die einzelnen Jahre angeben; falls mehrere verschieden Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie vielen Vollzeitäquivalenten (bei einer 38,5-Stundenwoche) entsprechen die im gesamten Jahr 2020 geleisteten Überstunden, und wie hoch war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte sowohl für die Überstunden insgesamt ausweisen sowie nach bezahlten und unbezahlten Überstunden differenzieren und die Datenreihen der Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung einerseits und Mikrozensus andererseits angeben)?
Welche Gründe für das Anfallen von Überstunden gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung, und wie verteilen sich die geleisteten Überstunden auf diese Gründe?
Hat die Bundesregierung Erkenntnisse oder Annahmen zum Einfluss der Digitalisierung auf die Entwicklung der Überstunden? Welche Studien sind der Bundesregierung hierzu bekannt, und zu welchem Ergebnis kommen sie? Wenn keine Erkenntnisse vorliegen, wie plant die Bundesregierung, dies zu ändern?
Wie viele Arbeitsstunden über die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden hinaus wurden von Beschäftigten nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2020 geleistet, und wie groß war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte sowohl die absoluten Zahlen, den Anteil an allen Arbeitsstunden als auch die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht der Beschäftigten, tarifgebundenen bzw. nicht tarifgebundenen Unternehmen, Ost bzw. West, Bundesländern differenzieren)?
Wie viele Erwerbstätige hatten nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren regelmäßig überlange Arbeitszeiten von mehr als 48 Stunden pro Woche (bitte für jedes Jahr einzeln die absoluten und relativen Zahlen bezogen auf die Gesamtzahl der Beschäftigten ausweisen; bitte differenzieren nach Beschäftigtenstatus, Voll- und Teilzeitbeschäftigung sowie nach Leiharbeit und befristeten Arbeitsverträgen mit und ohne Sachgrund; bitte auch nach Gehaltsklassen differenzieren und gesonderte Zahlen für Niedriglohnbeziehende ausweisen; bitte nach Geschlecht, Bundesländern sowie nach Wirtschaftszweigen und Berufsgruppen differenzieren)?
Wie viele überlange Arbeitszeiten (gesamt, davon unbezahlt bzw. bezahlt) wurden nach Kenntnis der Bundesregierung von Vollzeitbeschäftigten im Jahr 2020 sowie im Jahr 2019 und 2018 in den jeweiligen Berufen geleistet (bitte nach Berufsbereichen entsprechend der Klassifikation der Berufe 2010 (KldB 2010) 1- und 2-Steller differenzieren; bitte sowohl absolute Zahlen als auch Anteil an allen Arbeitsstunden bitte soweit möglich jeweils auch nach Geschlecht und Bundesland differenzieren)?
Wie viel Prozent der Beschäftigten haben nach Kenntnis der Bundesregierung regelmäßige Wochenarbeitszeiten von 35 bis 39 Stunden, wie viele mehr als 40 Stunden, wie viele mehr als 48 Stunden und wie viele mehr als 60 Stunden (bitte nach Geschlecht und Alter, sowie nach den Wirtschaftsbereichen: Öffentlicher Dienst, Industrie, Handwerk, Dienstleistungen und andere differenzieren)?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über den Einfluss von Mehrarbeit (Arbeitszeiten über die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden hinaus) auf Arbeitsproduktivität, Arbeitssicherheit sowie die Gesundheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern (bitte ausführen)?