Arbeitsbedingungen im Sozial- und Erziehungsdienst
der Abgeordneten Pascal Meiser, Susanne Ferschl, Gökay Akbulut, Matthias W. Birkwald, Ates Gürpinar, Jan Korte, Sören Pellmann, Heidi Reichinnek, Dr. Petra Sitte, Jessica Tatti, Kathrin Vogler und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Im Bereich der Sozial- und Erziehungsdienste sind mehr als 1 Million Beschäftigte, mehrheitlich Frauen, in über 56 000 Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und mehr als 30 000 Einrichtungen der Kinder-, Jugend-, Sozial- und Behindertenhilfe tätig. Soziale Arbeit hält die Gesellschaft zusammen und den Laden am Laufen – durch die Betreuung des Nachwuchses und den Einsatz überall dort, wo Menschen Unterstützung brauchen. Für all das wächst der Bedarf stetig, aber leider nicht die Anerkennung und Wertschätzung.
Die Anforderungen an die Beschäftigten steigen, während der finanzielle Druck auch auf die Soziale Arbeit – nicht nur wegen der Corona-Pandemie – weiterwächst. Die personelle Unterbesetzung stellt die Beschäftigten vor große Herausforderungen und schadet den betroffenen Personengruppen. Der sogenannte Kita-Personalcheck etwa zeigt, dass an deutschen Kindertagesstätten 173 000 Fachkräfte fehlen (https://mehr-braucht-mehr.verdi.de/kita-persocheck).
Nach Auffassung der Fragestellerinnen und Fragesteller bedarf es einer Verbesserung der belastenden Arbeitsbedingungen sowie einer finanziellen Aufwertung der Arbeit, was gleichzeitig gegen den Fachkräftemangel wirken würde. Mit dieser Kleinen Anfrage sollen deshalb die aktuellen Arbeitsbedingungen ausgeleuchtet werden, dabei beziehen sich alle Fragen nach Beschäftigten in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste auf Kinderpflegerinnen und Kinderpfleger, Erzieherinnen und Erzieher, Heilerzieherinnen und Heilerzieher, Leiterinnen und Leiter, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen gemäß dem systematischen Verzeichnis der Bundesagentur für Arbeit aus dem Jahr 2010, Berufsklassifikation „Erziehung, Sozialarbeit, Heilerziehungspflege“. Falls keine Daten nach der Berufsklassifikation vorliegen, bitten die Fragestellerinnen und Fragensteller, entsprechende Daten der Wirtschaftsklassifikation für „Erziehung und Unterricht“ – gemäß der Wirtschaftsklassifikation des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2008 zu verwenden.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen24
Wie viele Beschäftigte sind nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit in Deutschland in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste tätig (bitte nach Vollzeit bzw. Teilzeit, Geschlecht, Alter, Bundesland und Arbeitgeber – freie, kirchliche, öffentliche Träger – differenzieren; die öffentlichen Arbeitgeber bitte nach Bund, Ländern und Kommunen differenzieren)?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils die Anzahl und der Anteil der befristet und unbefristet Beschäftigten in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste (bitte die jüngst verfügbaren Daten angeben sowie jeweils die vergangenen zehn Jahre darstellen; bitte nach Geschlecht, Alter, Befristung mit und ohne Sachgrund sowie Bundesland differenzieren)?
Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der befristeten Arbeitsverträge bei den Neueinstellungen in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste in den vergangenen zehn Jahren (bitte nach Geschlecht, Alter, Befristung mit und ohne Sachgrund und Bundesland differenzieren)?
Wie viele Beschäftigte in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste befinden sich nach Kenntnis der Bundesregierung in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis, wie viele haben eine sozialversicherungspflichtige Teilzeit- und wie viele eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitarbeit (bitte nach Geschlecht, Alter und Bundesland differenzieren)?
Wie hoch sind nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils die vertragliche und die tatsächliche durchschnittliche Arbeitszeit von Beschäftigten in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste sowie das jährliche Arbeitsvolumen (bitte die jüngst verfügbaren Daten angeben sowie jeweils die vergangenen zehn Jahre darstellen; bitte nach Vollzeit bzw. Teilzeit, Geschlecht, Alter und Bundesland differenzieren)?
Welche Tarifverträge finden nach Kenntnis der Bundesregierung bei freien, kirchlichen, öffentlichen Trägern in den Sozial- und Erziehungsdiensten in der Regel Anwendung?
Wie hoch ist das durchschnittliche Rentenzugangsalter von Beschäftigten in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste (bitte nach Geschlecht und Bundesland differenzieren)?
a) Wie lange verbleiben Beschäftigte nach Kenntnis der Bundesregierung durchschnittlich in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste, differenziert nach Alterskohorten (bitte ab dem 45. Lebensjahr in Fünfjahresschritten und ab dem 60. Lebensjahr in einzelnen Jahren darstellen)?
b) Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der Beschäftigten in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste, die bis zum regulären Renteneintritt im Beruf verbleiben (bitte nach Geschlecht und Bundesland differenzieren)?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über Berufswechsel von Beschäftigten in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste vor (wenn möglich im Vergleich zu anderen Berufsgruppen darstellen)?
a) Wie lange waren die Beschäftigten vor ihrem Berufswechsel in ihrem Beruf durchschnittlich tätig?
b) Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Motivation der Beschäftigten zu einem Berufswechsel vor?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund von Erkrankungen für die Berufe der Sozial- und Erziehungsdienste und speziell der Erzieherinnen und Erzieher vor, und wie hoch ist diese Zahl im Vergleich dazu in der Gesamtwirtschaft (bitte die jüngst verfügbaren Daten angeben sowie die vergangenen zehn Jahre darstellen; bitte nach Alter, Geschlecht, ICD-10-Diagnosekapiteln sowie Bundesland differenzieren)?
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über spezifische Belastungsformen, denen Beschäftigte in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste durch ihre Arbeit ausgesetzt sind? Welche Berufe und welche Tätigkeiten in den Sozial- und Erziehungsdiensten sind nach Kenntnis der Bundesregierung derzeit besonders von psychischen Belastungen und arbeitsbedingtem Stress betroffen?
Für wie viele Kinder ist eine Erzieherin bzw. ein Erzieher nach Kenntnis der Bundesregierung durchschnittlich zuständig, und welche Fachkraft-Kind-Relation empfehlen die Bildungsinstitutionen, das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, die Kultusministerkonferenz, die Bundeszentrale für politische Bildung und das Bundesinstitut für Berufsbildung (bitte für Kinder unter drei Jahren und für Kinder ab drei Jahren und älter sowie nach Bundesländern differenzieren)?
Mit welchen Qualifikationen bzw. Ausbildungsabschlüssen sind Erzieherinnen und Erzieher nach Kenntnis der Bundesregierung tätig (bitte nach Abschluss bzw. Qualifikation sowie absolut und relativ aufschlüsseln)?
Wie bewertet die Bundesregierung einen Rechtsanspruch auf Qualifizierung für alle Beschäftigten, sodass Beschäftigte ohne Ausbildung oder mit ein- oder zweijähriger Ausbildung einen Berufsabschluss zur Fachkraft erwerben können (z. B. von der Kinderpflegerin und Sozialassistentin zur Erzieherin; siehe Forderung Nummer 8: https://mehr-braucht-mehr.verdi.de/++co++6fee07f2-947a-11ec-ba15-001a4a160129)?
Wie bewertet die Bundesregierung die in der Branche vorhandenen Möglichkeiten zur Anerkennung der Berufstätigkeit und der bei anderen Trägern erworbenen Berufserfahrung?
Wie groß ist nach Einschätzung der Bundesregierung der Personalmangel in Kindertageseinrichtungen und Sozialdiensten aktuell? Wie viele Fachkräfte der Sozial- und Erziehungsdienste werden nach Einschätzung der Bundesregierung in den nächsten zehn Jahren fehlen (bitte nach Bundesland und wenn möglich nach Sozialdiensten und Erziehungsdiensten differenzieren)?
Wie viele Überstunden wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2021 in Kindertageseinrichtungen und Sozialdiensten geleistet, und wie viele waren es in den vergangenen fünf Jahren (bitte nach der Gesamtzahl, nach unbezahlten sowie bezahlten Überstunden, nach Trägerkategorie öffentlich, kirchlich, frei, nach Bundesland sowie Sozial- und Erziehungsdiensten differenzieren)?
Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil bzw. die Anzahl der bezahlten und unbezahlten Überstunden von Beschäftigten in Kindertagesstätten differenziert nach Tätigkeit (Leitung, stellvertretende Leitung, Erzieherin und Erzieher, Kinderpflegerin und Kinderpfleger, Assistenzen) in den vergangenen zehn Jahren (falls mehrere verschiedene Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP, des IAB und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin – BAuA, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz wurden nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2021 differenziert nach Trägerkategorie (öffentlich, kirchlich, frei) in Kindertageseinrichtungen und Sozialdiensten gemeldet und geahndet, und wie viele waren es jeweils in den vergangen fünf Jahren (bitte nach Art des Verstoßes und nach Bundesland aufschlüsseln sowie zwischen Sozial- und Erziehungsdiensten differenzieren)?
Wie viele Überstunden wurden nach Kenntnis der Bundesregierung jeweils in den vergangenen fünf Jahren in tarifgebundenen bzw. nichttarifgebundenen Einrichtungen geleistet (bitte nach der Gesamtzahl und nach unbezahlten bzw. bezahlten Überstunden differenzieren, und sowohl die absoluten Zahlen als auch den Anteil an allen Arbeitsstunden sowie die jährlichen Veränderungsraten darstellen und nach Geschlecht differenzieren; falls mehrere verschiedene Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie viele bezahlte und unbezahlte Überstunden hat ein einzelner abhängig Beschäftigter durchschnittlich in den vergangenen zehn Jahren geleistet (bitte jährlich und differenziert nach Bundesländern ausweisen; falls mehrere verschiedene Daten vorliegen oder bekannt sind, z. B. neben Mikrozensus auch Daten aus dem SOEP oder des IAB, dann bitte jeweils alle Datenquellen getrennt angeben)?
Wie vielen Vollzeitäquivalenten (bei einer 38,5-Stundenwoche) entsprechen die im gesamten Jahr 2021 geleisteten Überstunden, und wie hoch war die Zahl jeweils in den vergangenen zehn Jahren (bitte nach Bundesland differenzieren und die Datenreihen der Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung einerseits und Mikrozensus andererseits angeben)?
Welche Gründe gibt es nach Kenntnis der Bundesregierung in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste
a) für das Anfallen von Überstunden, und wie verteilen sich die geleisteten Überstunden auf diese Gründe?
b) für eine zunehmende Arbeitsbelastung und Arbeitsverdichtung?
Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die Anzahl und den Anteil von Beschäftigten in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste, die ergänzend zu ihrem Lohn aufstockende Leistungen nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) beziehen (bitte die jüngst verfügbaren Daten angeben und für die vergangenen zehn Jahre darstellen; bitte nach Bundesland, Geschlecht, Beruf, Vollzeit-, Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten sowie Alter differenzieren)?
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die Anzahl und den Anteil von Beschäftigten in den Berufen der Sozial- und Erziehungsdienste vor, die überlange Arbeitszeiten, Samstags- und Wochenendarbeit, Arbeitszeiten am Abend und in der Nacht oder in Schichtmodellen haben (bitte die jüngst verfügbaren Daten angeben sowie die vergangenen zehn Jahre darstellen; bitte nach Bundesland, Geschlecht, Beruf, Vollzeit-, Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten sowie Alter differenzieren)?