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Kleine AnfrageWahlperiode 17Beantwortet

Gebirgstruppe Rudolf Konrad

Bisher nicht veröffentlichte Studien des Militärgeschichtlichen Instituts in Potsdam zum früheren Wehrmachtsgeneral der Gebirgstruppe Rudolf Konrad, Vereinnahmung des Generals für die Traditionspflege der Bundeswehr, General-Konrad-Bundeswehrkaserne in Bad Reichenhall und Unterrichtung dort stationierter Soldaten über den Namensgeber, Umbenennung der Kaserne, Kooperation zwischen dem Standort Bad Reichenhall und Traditionsverbänden<br /> (insgesamt 7 Einzelfragen)

Fraktion

DIE LINKE

Ressort

Bundesministerium der Verteidigung

Datum

20.05.2011

Aktualisiert

26.07.2022

Deutscher BundestagDrucksache 17/574705. 05. 2011

Gebirgstruppe Rudolf Konrad

der Abgeordneten Eva Bulling-Schröter, Ulla Jelpke und der Fraktion DIE LINKE.

Vorbemerkung

Am 13. Juni 1966 wurde die Kaserne der Bundeswehr in Bad Reichenhall nach dem General der Gebirgstruppe Rudolf Konrad benannt. In der Festschrift „25 Jahre Gebirgsjägerbataillon Bad Reichenhall“ zum Tag der Gebirgsjäger am 4. Juli 1982 heißt es dazu: „Mit der Namensgebung wurde ein Mann geehrt, der hervorragend die Tugenden in seiner Person vereinigte, die den soldatischen Führer ausmachen: Hoher Persönlichkeitswert, umfassender Geist, militärisches Können und tiefe Menschlichkeit.“

An der tiefen Menschlichkeit des Generals bestehen laut den folgenden auf „Wikipedia“ unter „Rudolf Konrad“ zu findenden Informationen Zweifel.

Am 19. Dezember 1941, während der Schlacht um Moskau, wurde Rudolf Konrad von Adolf Hitler persönlich zum Kommandierenden General des XXXIX. Gebirgskorps ernannt, das bis zu diesem Zeitpunkt von Ludwig Kübler kommandiert wurde, welcher nach dem Krieg Kriegsverbrechen überführt wurde.

Wenige Tage später, zu Weihnachten, bekundete Rudolf Konrad dem „Führer“ gegenüber seine Treue mit den Worten: „Dem Führer und seinem Werk gehört unsere ganze Hingabe. Wir wollen es hüten und siegreich tragen durch das neue Jahr zum Heile Deutschlands“ (Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, Bestand RH 24-49-47).

Am 20. April 1942, in einer Feierstunde anlässlich des Geburtstages Adolf Hitlers, lobte Rudolf Konrad vor seinem versammelten Stab: „Es war das Feldherrngenie des Führers, welches die deutschen Heere von Sieg zu Sieg eilen ließ. Sein Verdienst war es, das Eindringen der bolschewistischen Horden nach Europa im richtigen Augenblick zu erkennen und den Stoß blitzschnell zu parieren. Diesem unbeugsamen Willen in äußerster Pflichterfüllung nachzueifern, was auch kommen mag, sei unser Gelöbnis am heutigen Geburtstag des Führers“ (Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, Bestand RH 24-49-49).

Im Zweiten Weltkrieg ging er in seinem Befehlsbereich auf der Krim ab Ende Oktober 1943 hart gegen Partisanen vor und ließ dabei ganze Ortschaften südlich der Linie Karassubasar–Suja vollkommen zerstören. Willig arbeitete der Antisemit Rudolf Konrad auch mit SS und Polizeiführern zusammen. In der Anlage zu einer Weisung des Generals vom 7. März 1943 heißt es: „Die Juden sind unser Unglück. Die Juden sind das Unglück der Völker Russlands“ (Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, Bestand RH 24-49-210).

Bereits zwei Jahre vor Gründung der Bundeswehr am „Tag der Treue“ im Mai 1953, erwartete man zukunftsfroh die Wiederbewaffnung und sprach von einer „neuen Wehrmacht“. Vor den 10 000 Gebirgssoldaten in München hoffte Rudolf Konrad, „dass in der neuen Schale die gleichen Männer, die alten Soldaten stecken, die einst Kraft und Ruhm des deutschen Heeres und Stolz des deutschen Volkes waren“ (DIE ZEIT 46 vom 10. November 2005).

Dass 65 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus immer noch Kasernen der Bundeswehr nach faschistischen Überzeugungstätern benannt sind, steht in eklatantem Widerspruch zu allen Bekundungen, die Bundeswehr sei der Demokratie verpflichtet. Ebenso besorgniserregend ist, dass trotz der bekannten, hier aufgezählten Tatsachen auch die in der Kaserne Dienst tuenden Soldaten bislang keinerlei Initiativen für eine Umbenennung unternommen haben.

Wir fragen die Bundesregierung:

Fragen7

1

Liegen nun dem Bundesministerium der Verteidigung zu Rudolf Konrad aus dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam Studien vor, die bisher nicht veröffentlicht wurden, und wenn ja, welche?

2

Inwiefern eignet sich aus heutiger Sicht für die Traditionspflege der Bundeswehr gerade der faschistische Ex-General Rudolf Konrad?

3

Hält es die Bundesregierung für angemessen, die Kaserne der Bundeswehr in Bad Reichenhall weiterhin nach Rudolf Konrad zu benennen?

4

Welche Anstrengungen werden nach Kenntnis der Bundesregierung unternommen, um die in der General-Konrad-Kaserne Dienst leistenden Soldaten über die Beteiligung ihres Namensgebers an faschistischen Verbrechen sowie dessen offene Unterstützung faschistischen Gedankenguts zu unterrichten?

5

Welche Informationen werden den Soldaten in der Kaserne über ihren Namensgeber vermittelt?

6

Teilt die Bundesregierung die Ansicht der Fragesteller, es sei offenkundig ein Zeichen mangelnden demokratischen Bewusstseins, dass trotz der offenkundig faschistischen Auffassungen des Generals Rudolf Konrad aus den Reihen der in dieser Kaserne Dienst tuenden Soldaten bislang keine Initiativen zur Umbenennung gekommen sind, und wenn nein, warum nicht?

7

Inwiefern erhalten Traditionsverbände, insbesondere von Gebirgstruppen, Zugang zur Kaserne, und welche Formen der Zusammenarbeit gibt es zwischen dem Standort und den Traditionsverbänden (bitte für das Jahr 2010 ausführlich benennen)?

Berlin, den 4. Mai 2011

Dr. Gregor Gysi und Fraktion

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