Zur Zukunft der Jungen- und Männerpolitik
der Abgeordneten Dr. Barbara Höll, Diana Golze, Steffen Bockhahn, Yvonne Ploetz, Ingrid Remmers, Jörn Wunderlich, Sabine Zimmermann und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Jungen und Männer sind mit vielen Anforderungen konfrontiert. Früher als selbstverständlich empfundene Rollenbilder sind erodiert. Die Rolle des heterosexuellen Alleinernährers steht im Angesicht einer strukturellen Massenarbeitslosigkeit und geringen Reallöhnen – nicht nur bei geringerer beruflicher Qualifizierung – nicht mehr allen Männern als Option zur Verfügung und sie ist auch von vielen Männern nicht gewünscht. Partnerschaften zwischen Frauen und Männern haben sich gewandelt und sie sind in zunehmendem Maße egalitärer geworden. Frauen fordern von Männern Gleichberechtigung ein und in zunehmendem Maße sind die Gleichheitsansprüche (die auch viele Männer für sich angenommen haben) in neuen Beziehungsformen zwischen Männern und Frauen gemündet, in der Arbeit, Familie, Haushalt, Kinder und Freizeit weniger nach einem traditionellen Rollenverständnis aufgeteilt werden. Wenngleich auch das traditionelle Bild und die Strukturen, die die traditionellen Vorstellungen befördern, nicht verschwunden sind, wie z. B. das Ehegattensplitting.
Jungen haben im Vergleich zu Mädchen niedrigere Bildungsabschlüsse und vor allem eine Leseschwäche, (www.oecd-ilibrary.org/docserver/download/fulltext/9810075e.pdf?expires=1319100378&id=id&accname=ocid177634&checksum=6593477DB769BFFF2002639CE0479B3A, S. 65) so die gängige Wahrnehmung. Solch eine eingeschränkte Perspektive könnte auch die Einstellung befördern, dass die Förderung von Jungen- und Männerpolitik an die Stelle oder auf Kosten der bisherigen Gleichstellungspolitik treten müsste.
Zudem müsste man sich genau ansehen, welche Jungen aus welchen Gründen schlechter als „die“ Mädchen in Vergleichstests abschneiden (vgl. Thomas Viola Rieske. Bildung von Geschlecht, FfM 2011, S.73). Die Kategorie Mann ist auf den zweiten Blick weit vielfältiger, zumal mehrere Formen von Männlichkeit „die“ Männer konstituieren (vgl. Robert Connell: Der gemachte Mann. Opladen 2000). Zur Vielfalt von Männlichkeit tragen auch schwule Partnerschaften, Regenbogenfamilien sowie männliche Alleinerzieher bei, auch damit hat sich der Blick auf „die“ Männer und „ihr“ Selbstverständnis verschoben (vgl. Peter Döge, Alles nur Konstruktion? in R. Volz/P. Zulehner, Männer in Bewegung. Forschungsreihe 6, BMFSFJ, Baden Baden, 2008, 325 ff.).
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen13
Welche inhaltlichen und konzeptionellen Ziele verfolgt die Bundesregierung mit der Gleichstellungspolitik im Bereich der Jungen- und Männerpolitik?
Wie definiert die Bundesregierung den Begriff „männlich“, und welche Attribute schreibt sie dem männlichen Geschlecht zu?
Welche Personen sind Mitglied des Beirats „Jungenpolitik“ (unter Nennung ihrer Qualifikation und ihres institutionellen oder organisatorischen Hintergrunds)?
Welche programmatischen Ziele verfolgt der Beirat, welche Kosten verursacht der Beirat, und aus welchen Haushaltsbereichen werden diese finanziert?
Inwiefern werden homosexuelle, bisexuelle und transgender Jungen und Männer im Bereich der Jungen- und Männerpolitik unterstützt (bitte Aufschlüsselung der durchgeführten und geplanten Projekte und ihrer finanziellen Ausstattung)?
Inwiefern soll die viermodulare ESP (Europäischer Sozialfonds in Deutschland)-Initiative „Männer in Kitas“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Einfluss auf die Herausbildung der späteren geschlechtlichen und sexuellen Identität von Jungen und Männern nehmen?
Inwiefern wird in der Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer der unterschiedliche sozioökonomische Hintergrund, die unterschiedliche sexuelle Orientierung, der Migrationshintergrund oder eine Behinderung berücksichtigt?
Welche programmatischen Ziele verfolgt der „Boys Day“, und wie schlüsseln sich die Bundeshaushaltsmittel von 1,338 Mio. Euro im Detail auf?
Welche programmatischen Ziele verfolgt das Projekt „Jungen und Männer als Täter und Opfer von Gewalt“, und wie schlüsseln sich die Bundeshaushaltsmittel von 1,7 Mio. Euro im Detail auf?
Wie heißen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer (unter Nennung ihrer Qualifikation und ihres institutionellen oder organisatorischen Hintergrunds), und wie lautet das Konzept und die Arbeitsplanung des Arbeitskreises „Geschlechtsspezifische Aspekte von Gewalt in Haushalten und Partnerschaften – im Fokus Männer“?
Welches Forschungsinteresse und welche Kosten für den Bundeshaushalt verfolgt bzw. verursacht die Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. zu „Bildungsdruck und Schulerfolg“, die vom BMFSFJ in Auftrag gegeben wurde?
Welche gleichstellungspolitischen Ziele verfolgt die Maßnahme „neue Orte für Väter und Großväter“, und wie schlüsselt sich die Maßnahme auf?
Inwiefern werden bei der Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer, die die „neue Balance im Dreieck zwischen Beruf, Familie und Partnerschaft“ (s. Antrag der Fraktionen der CDU/CSU und FDP auf Bundestagsdrucksache 17/5494, S. 3) stärken soll, die Partnerschaften von schwulen und bisexuellen Männern sowie die von Regenbogenfamilien (also lesbischen oder schwulen Gemeinschaften in denen Kinder leben) berücksichtigt?