Förderung des Anbaus von Leguminosen in Deutschland und Europa
der Abgeordneten Alexander Süßmair, Dr. Kirsten Tackmann, Karin Binder, Heike Hänsel, Katrin Kunert, Ingrid Remmers, Kersten Steinke, Sabine Stüber und der Fraktion DIE LINKE.
Vorbemerkung
Leguminosen spielen in der deutschen und europäischen Landwirtschaft seit Jahrzehnten eine untergeordnete Rolle, obwohl sie aus ökologischer Sicht äußerst wertvoll sind. In der ökologischen Landwirtschaft sind sie als Teil der Fruchtfolge zur natürlichen Stickstoff-Düngung des Bodens unerlässlich. Die Hälfte der in Deutschland angebauten Ackerbohnen entfallen daher auf Ökobetriebe. In der konventionellen Landwirtschaft hingegen finden Leguminosen kaum Beachtung. Wurden in den letzten Jahren in den neuen Bundesländern, ähnlich wie in Frankreich, Österreich und dem Vereinigten Königreich, auf etwa 3 Prozent bis 4 Prozent der landwirtschaftlichen Anbaufläche Körnerleguminosen angebaut, waren es in den alten Bundesländern unter 1 Prozent.
In der Europäischen Union (EU) beansprucht die Eiweißpflanzenerzeugung 3 Prozent der Ackerfläche und liefert 30 Prozent der in der EU verwendeten Eiweißpflanzen. Dieses erhebliche Ausmaß der Untererzeugung von Eiweißpflanzen geht einerseits auf internationale Handelsabkommen insbesondere mit den USA zurück (General Agreement on Tariffs and Trade – GATT – und Blair-House-Abkommen von 1992). Sie gestatteten es der EU, ihre Getreideproduktion zu schützen, erforderten im Gegenzug jedoch die zollfreie Einfuhr von Eiweißpflanzen und Ölsaaten in die EU. Dies hatte einen Wettbewerbsnachteil für die Erzeugerinnen und Erzeuger von Eiweißpflanzen innerhalb der EU zur Folge. Die Landwirtschaft und das Verarbeitungsgewerbe verloren das Interesse an der Eiweißpflanzenproduktion, was mit dem Verlust von praktischen Kenntnissen im Bereich des Ackerbaus und der Möglichkeiten höherer Wertschöpfung einherging. Von den Züchterinnen und Züchtern wurde die Entwicklung krankheitsresistenter und hochleistungsfähiger Sorten immer weiter zurückgefahren. Ebenso erging es der Forschung.
Besonders vor dem Hintergrund des Klimawandels und des wachsenden Rohstoffbedarfs weltweit sollten die Leguminosen auch in Deutschland und Europa als Teil einer neuen regionalen und auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Ernährungsstrategie stärkere Beachtung finden. Denn aufgrund ihres hohen Proteingehalts eignen sie sich bestens als Futtermittel für die Nutztierhaltung. Dies würde auch dem gestiegenen Wunsch der Verbraucherinnen und Verbraucher nach regional produzierten und nachhaltig erwirtschafteten Lebensmitteln Rechnung tragen. Stattdessen wird in der Bundesrepublik Deutschland vor allem auf Importsoja als Futtermittel gesetzt, was insbesondere vor dem Hintergrund des Klimawandels problematisch ist:
- Sie kommen für gewöhnlich aus Argentinien, Brasilien, der Volksrepublik China oder den Vereinigten Staaten, was aufgrund der extrem langen Wege zu hohen CO2-Emissionen beim Transport führt.
- Hinzu kommt, dass teilweise Regenwaldflächen abgeholzt werden, um Soja anzubauen.
- Auch vor dem Hintergrund des weltweiten Hungerproblems erscheint der Import von Futtermitteln für den europäischen Markt extrem problematisch. Statt Nahrungsmittel für den eigenen Markt, bauen diese Drittländer Produkte für die Futtertröge Europas an, was das weltweite Hungerproblem besonders in den Ländern des globalen Südens eher noch verschärft. Der hohe Importbedarf von Futtermitteln stellt einen indirekten Flächenimport von 20 Millionen Hektar dar.
- Verschärfend wirkt sich der Wasserverbrauch beim Leguminosenanbau aus, wenn sie in Regionen produziert werden, in denen Wassermangel herrscht bzw. in denen Soja teils nur mit künstlicher Bewässerung angebaut werden kann. Über Futtermittel werden dann nicht nur Flächen verbraucht, sondern auch Wasser aus zum Teil wasserarmen Regionen importiert.
- Oft handelt es sich bei den importierten Sojaprodukten auch um Pflanzen aus gentechnisch verändertem Saatgut. Verbraucherinnen und Verbraucher haben nicht die Möglichkeit, hinreichend zu überprüfen, ob die Fleisch- und Milchprodukte, die sie konsumieren, von Tieren, welche mit gentechnisch verändertem Soja gefüttert wurden, stammen.
Der gezielte Anbau von Leguminosen und anderen Eiweißpflanzen könnte einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme leisten und gleichzeitig die Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union von Sojaimporten aus Drittländern (und damit auch unsicheren Weltmarktpreisen) vermindern.
Auch klimapolitisch ist die Förderung des Leguminosenanbaus geboten. Im Zusammenhang mit dem EU-Vorhaben „GL-pro“ wurde nachgewiesen, dass eine Verringerung der CO2-Emissionen um 10 bis 15 Prozent bewirkt und weniger Ozon emittiert würde, wenn Eiweißpflanzen im Vierjahresrhythmus in die Fruchtfolge einbezogen würden.
Die größten Probleme des Leguminosenanbaus in der Bundesrepublik Deutschland liegen nach wie vor in der geringen Wirtschaftlichkeit aufgrund hoher Ertragsvariabilität. Diese ist vor allem auf vernachlässigte Forschung in den letzten Jahren zurückzuführen. Soja ist daher bisher aufgrund der konstanten Qualität für die Futtermittelindustrie wesentlich interessanter. Ein Eigenanbau der Futtermittel für die Tierproduktion lohnt sich für viele Agrarbetriebe nicht. Es bedarf folglich in den nächsten Jahren eines erhöhten Forschungsaufwands, um die Wirtschaftlichkeit und die Ertragssicherheit der Leguminosen zu gewährleisten und so die Leguminosen für die deutsche und europäische Landwirtschaft mittelfristig attraktiver zu machen.
Auch müssen wirtschaftliche Anreize und verbindliche Regelungen geschaffen werden, um auch in der konventionellen Landwirtschaft die Leguminosen als natürlichen Stickstofflieferanten als Teil einer vielfältigeren Fruchtfolge zu etablieren. Dies würde schließlich nicht nur einen Beitrag zur Lösung der obengenannten Probleme leisten, sondern zusätzlich auch die Biodiversität auf den Feldern erhöhen und somit auch beim ökologischen Umbau der Landwirtschaft helfen.
Die Legislativvorschläge der Europäischen Kommission zur Neuregelung der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sehen solcherlei Regelungen und Förderungen jedoch bisher nicht vor. Die Leguminosen werden in Europa und in Deutschland weiterhin stiefmütterlich behandelt. Statt einen Beitrag zum Klimaschutz, zum ökologischen Wandel in der Landwirtschaft und zur Ernährungssicherheit in den Ländern des globalen Südens zu leisten, wird weiterhin auf gentechnisch verändertes Soja gesetzt.
Der agrarpolitische Sprecher der Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europäischen Parlament Albert Deß forderte hingegen im Rahmen der GAP-Reform Maßnahmen, die den Anbau von Eiweißpflanzen für Agrarbetriebe attraktiv machen.
Wir fragen die Bundesregierung:
Fragen22
Welche Maßnahmen könnten – in Anlehnung an die Forderung von Albert Deß – nach Auffassung der Bundesregierung geeignet sein, den Anbau von Eiweißpflanzen für deutsche und europäische Agrarbetriebe attraktiv zu machen?
Wie groß war in den Jahren 2009 bis 2011 die Fläche angebauter Leguminosen in der Bundesrepublik Deutschland (bitte detailliert nach Arten und Bundesländern auflisten)?
Wie hoch war der Import von Sojaprodukten für die Futtermittel- und Tierproduktion in den Jahren 2009 bis 2011 (bitte detailliert nach Exportländern aufschlüsseln)?
Wie groß war nach Kenntnis der Bundesregierung die Fläche, die in Drittländern zum Anbau von für die deutsche Futtermittel- und Tierproduktion produziertem Soja belegt wurde?
In welchem Verhältnis steht diese Fläche zur gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Bundesrepublik Deutschland?
Wie viel Prozent der in Deutschland benötigten Eiweißfuttermittel werden durch innerhalb Deutschlands angebaute Eiweißpflanzen, und wie viel Prozent durch Importsoja gedeckt?
Wie viel Prozent des importierten Sojas ist gentechnisch verändert?
Sieht die Bundesregierung Handlungsbedarf bei der Förderung des Anbaus und der Erforschung von Leguminosen (bitte mit Begründung)?
a) Wie beurteilt die Bundesregierung die Tatsache, dass die Anzahl der Forschungsprogramme im Bereich Eiweißpflanzen in der EU von 50 im Jahr 1980 auf 15 im Jahr 2010 gesunken ist?
b) Wie fördert die Bundesregierung die Forschung zu Eiweißpflanzen in Deutschland?
c) Welche Forschungsprogramme zu Leguminosen werden in Deutschland von öffentlich geförderten Einrichtungen durchgeführt (bitte mit kurzer Beschreibung, was genau erforscht wird)?
d) Wie fördert die Bundesregierung Erprobungen polnischer Leguminosenzüchtungen unter deutschen Bedingungen?
e) Wie unterstützt die Bundesregierung Forschung und Züchtung mit dem Ziel krankheitsresistenterer Leguminosensorten?
f) Wie unterstützt die Bundesregierung Forschung, Züchtung zur Platterbse (Lathyrus sativus) und deren Anbau?
Gibt es in der Forschung zu Leguminosen eine Zusammenarbeit mit anderen EU-Ländern?
Wie sieht diese konkret aus?
Wird die Bundesregierung in Zukunft die Forschung an Leguminosen stärker als bisher fördern?
Ist es aus Sicht der Bundesregierung für die Landwirtschaft möglich, den Anbau von Leguminosen unabhängig von staatlichen Fördermaßnahmen wirtschaftlich zu betreiben (bitte begründen)?
Ist die Bundesregierung der Meinung, dass durch eine Steigerung des Anbaus von Leguminosen ein Teil der Sojaimporte substituiert werden könnte?
Nutzt die Bundesregierung die Möglichkeiten des Artikels 68 der EU-Verordnung 73/2009 zur Stützung des Anbaus von Eiweißpflanzen?
Wenn ja, wie?
Wenn nein, warum nicht?
Liegen der Bundesregierung Erkenntnisse darüber vor, ob eine Förderung des Leguminosenabaus in anderen EU-Ländern unabhängig von Maßnahmen der Europäischen Union stattfindet?
Wenn ja, in welcher Form?
Sieht die Bundesregierung Möglichkeiten, den Anbau von Leguminosen außerhalb der GAP auf nationaler Ebene zu fördern?
Wenn ja, welche?
Wird die Bundesregierung im Rahmen der Neuregelung der GAP der EU die Aufnahme von Maßnahmen zur Förderung des Anbaus von Leguminosen fordern?
Wenn ja, in welcher Form?
Wird sich die Bundesregierung im Rahmen der Neuregelung der GAP der EU für die Förderung differenzierteren Fruchtfolgeanbaus in der EU einsetzen?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Möglichkeit, auf Importe von Eiweißpflanzen in die EU Zölle zu erheben?
Könnte die Förderung des Leguminosenanbaus in der EU zur besseren Auslastung der europäischen Mischfuttermittelerzeuger und damit zur Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe und Wertschöpfungsketten beitragen?
Inwiefern unterstützt die Bundesregierung die Aufnahme von horizontalen Maßnahmen in die GAP-Reform, die Anreize für die Einrichtung von Anlagen für die Lagerung und Reinigung von Eiweißpflanzen sowie deren Verarbeitung bieten?
Haben übermäßige Einfuhren von Eiweißpflanzen in die EU den europäischen Tierhaltungssektor ökonomisch anfällig gemacht?
Wenn ja, wie kann dieser Entwicklung entgegengesteuert werden?
Hat nach Kenntnis der Bundesregierung die hohe Nachfrage nach Futtermitteln zu nichtnachhaltigen Anbauverfahren in den Herkunftsländern geführt?
Wenn ja, wie kann dieser Entwicklung entgegengesteuert werden?
Wie beurteilt die Bundesregierung die Möglichkeit, ein System zur Überwachung des Ursprungs der in die EU bzw. nach Deutschland eingeführten Eiweißpflanzen einzuführen?